6 Fragen an #AbleismusTötet

Seit dem 28. April online: Das Projekt #AbleismusTötet des AbilityWatch e.V.. Foto: AbilityWatch
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Ein Jahr nach dem Vierfach-Mord im Potsdamer Oberlinhaus hat sich wenig an der strukturellen Gewalt gegen behinderte Menschen geändert. Das hat das Rechercheprojekt #AbleismusTötet vom Ability Watch e.V. herausgefunden. Im Interview blickt Karina Sturm, Journalistin des Projektes, auf die vergangenen Recherchen zurück.

Triggerwarnung

In diesem Artikel geht es um Ableismus und strukturelle Gewalt gegen Menschen mit Behinderung.

Informationen in Einfacher Sprache

In diesem Text geht es um Gewalt in Behindertenwohnheimen. Auf der Internetseite Ableismus tötet kann man von vielen Gewalttaten lesen. Man kann dort auch Stellen finden, die bei Gewalt helfen.

Wie kam es zum Projekt #AbleismusTötet?

Karina Sturm: AbilityWatch e. V. hatte die Idee zu einem Rechereprojekt über Gewalt in vollstationären Wohneinrichtungen schon im April 2021 als Reaktion auf die Morde im Oberlinhaus in Potsdam und die permanent verharmlosende Berichterstattung, die von “Einzelfällen” sprach. In den Monaten danach fand sich ein interdisziplinäres Team zusammen, das unter anderem durch eine umfangreiche Fallrecherche das Narrativ des Einzelfalls widerlegen wollte. Beteiligt sind neben den hauptamtlichen Journalist*innen und Autor*innen auch ehrenamtliche Jurist*innen, Sozialarbeiter*innen, Sozialpädagog*innen, Psycholog*innen, Erziehungswissenschaftler*innen, Therapeut*innen, Wirtschaftswissenschaftler*innen, Politolog*innen sowie Expert*innen zur Barrierefreiheit. Zwei Drittel unseres Kernteams sind Frauen; die Hälfte hat eine Behinderung.

Foto von Karina. Sie trägt einen schwarzen Hut und große silberne Ohrringe und schaut in die Kamera.

Karina Sturm

hat Journalismus in Edinburgh, Schottland, studiert. Mit einem Fokus auf Medizin, Wissenschaft, chronische Krankheit und Behinderung schreibt sie akademische Publikationen für Fachzeitschriften, Feature-Artikel und Reportagen für diverse deutsche und amerikanische Zeitungen und bloggt leidenschaftlich in ihrem zweisprachigen Blog. Karina liebt Hunde, Heavy Metal, den Ozean und Essen aus aller Welt.

Ihr hattet dazu aufgerufen, dass Gewalttaten in Wohnstätten euch gemeldet werden sollen. Wie seid ihr mit den Meldungen verfahren? 

Wir sind bei der Recherche strategisch vorgegangen. Zuerst haben wir alle Fälle recherchiert und dokumentiert, die es an die Öffentlichkeit geschafft haben. Also die Fälle, über die die Medien berichtet haben – egal ob klein oder groß. Zusätzlich haben wir dann diverse Behörden, die Einrichtung und, falls möglich, auch die Betroffenen kontaktiert, um alle Fälle journalistisch einwandfrei aufarbeiten zu können. 

Wir betrachteten aber auch Fälle, die es noch nicht an die Öffentlichkeit geschafft haben. Die Rückmeldungen, die wir bekommen haben, waren erschreckend und hauptsächlich von Mitarbeiter*innen in Einrichtungen, die von massiven Missständen gesprochen haben. Allerdings wollten die meisten davon die Zusicherung vollständiger Anonymität aus Angst vor Konsequenzen. Das hat unsere Arbeit deutlich erschwert, weil wir dadurch nicht der Gegenseite das Recht einräumen konnten, sich ebenfalls zum Fall zu äußern. Dadurch wurden diese nicht komplett recherchierbaren Fälle alle als Dunkelziffer mit aufgenommen. 

Von dieser Dunkelziffer wird gerne gesprochen und wir haben durch unsere Recherche einen guten Einblick in die Gründe dafür bekommen.Viele der Mitarbeiter*innen berichteten davon, dass sie auch schon in der Einrichtung auf Gewalt aufmerksam gemacht hatten und es bereits zu negativen Konsequenzen für diese Mitarbeiter*innen führte. Es überrascht mich daher nicht, dass die Dunkelziffer so hoch ist. Wir werden die komplexen Dunkelfeldfälle auch noch lange nach dem Launch von #AbleismusTötet weiter recherchieren und gehen davon aus, dass wir erst nach dem Launch eine Welle an neuen Meldungen von Gewaltfällen bekommen werden. #AbleismusTötet wird daher noch weiter wachsen. 

Alle Gewaltfälle und zusätzlich auch Hilfsangebote für von Gewalt betroffene Menschen mit Behinderungen, sowie Forderungen an die Politik, die von AbilityWatch e.V. und anderen Behindertenrechtsaktivist*innen unterzeichnet wurden, sind auf  www.ableismus.de aufgeführt.

In welcher Rolle habt ihr euch gesehen? Ging es eher um das Dokumentieren oder auch um das Vermitteln?

Als Journalist*innen haben wir unsere Aufgabe darin gesehen, Fälle zu recherchieren und zu dokumentieren und durch unsere journalistische Arbeit hoffentlich die Öffentlichkeit dazu zu bewegen, aktiv etwas gegen die allgegenwärtige Gewalt an Menschen mit Behinderungen zu tun. Das heißt konkret, dass wir als Journalist*innen strengen journalistischen Regeln gefolgt sind, wie möglichst neutral zu sein und alle Fälle so zu recherchieren, dass auch die Gegenseite zu Wort kommt. Natürlich ist das schwierig, wenn man selbst zu der Gruppe “Menschen mit Behinderungen” zählt, die von diesen schweren Gewaltfällen betroffen sind. Trotzdem mussten wir da ganz klar zwischen Journalismus und Aktivismus trennen, insbesondere, um die Glaubwürdigkeit unserer Recherche nicht zu schmälern. Die aktivische Seite hat der Verein AbilityWatch e. V. übernommen und als direkte Schlussfolgerung unserer Recherche einen umfangreichen Text mit Forderungen an die Politik gestellt. Letztlich besteht unser Team aus der Redaktion, die sich um die Recherche kümmert und auf den Aktivist*innen, die dieses Projekt ins Leben gerufen haben und anhand unserer Recherche Konsequenzen ziehen und Veränderung herbeiführen. Und natürlich gab es dann noch viele andere Menschen mit Expertise in anderen Bereichen, um das Team abzurunden.

Ihr listet neben den Fällen auch Hilfsangebote, an die man sich in diesen Situationen wenden kann. Wisst ihr etwas darüber, ob diese Strukturen des Schutzes gut funktionieren? Was haben euch die Betroffenen erzählt?

Da es sich bei #AbleismusTötet um so ein sensibles Thema handelt, war uns schnell klar, dass wir neben den dokumentierten Gewaltfällen auch Hilfestellen recherchieren müssen, damit die Betroffenen, die auf unserer Seite landen, hoffentlich gleichzeitig Unterstützung durch kompetente Hilfsangebote finden. Um alle Menschen mit Behinderung zu erreichen und auch weil Menschen mit Lernschwierigkeiten besonders oft von Gewalt betroffen sind, gibt es alle Texte auch in Leichter Sprache. Wir haben über 200 Stellen in ganz Deutschland mit einem umfangreichen Fragenkatalog kontaktiert, wie barrierefrei ein Angebot ist und ob es sich explizit auch für Menschen mit Behinderungen zuständig fühlt. Bei der Recherche wurde recht schnell deutlich, dass es deutschlandweit nicht ein einziges Angebot gibt, das auf Menschen mit Behinderungen in stationären Einrichtungen fokussiert ist (und nicht die Heimleitung ist). 

Es gibt einige Angebote, die generell niemanden ausschließen, und an die sich auch Menschen in Einrichtungen wenden können, aber die mit dem Thema Gewalt in Einrichtungen bislang kaum Berührungspunkte hatten. Deshalb wäre es wünschenswert, wenn es spezialisierte Stellen für von Gewalt betroffene Menschen in stationären Wohneinrichtungen gäbe. 

Ob die von uns aufgeführten Stellen gut funktionieren, bleibt abzuwarten. Da #AbleismusTötet bislang nicht öffentlich zugänglich war, haben wir zu den von uns recherchierten Stellen noch keine Rückmeldung von Betroffenen bekommen. Wir hoffen, dass sich das jetzt ändert und wir je nach Erfahrungen der Menschen, die diese Angebote nutzen, noch mehr Hilfsangebote aufnehmen können, bzw. Feedback zu bereits recherchierten Angeboten bekommen. 

Wie geht es weiter? Oder ist das Projekt als einmalige Datenbank geplant?

#AbleismusTötet wird nach dem Launch für mehrere Monate nachbearbeitet. Wir werden mit großer Wahrscheinlichkeit sehr viele neue Fälle recherchieren und aufnehmen. Und erst dann werden wir sehen, wie hoch die Dunkelziffer wirklich ist. Eventuell wird das Projekt in der Zukunft auch noch ausgeweitet auf andere Einrichtungen, wie Werkstätten oder auf andere Länder.

Was hat euch bei den Recherchen am meisten überrascht ?

Mich persönlich hat vor allem das Ausmaß mancher Fälle schockiert. Ich habe einen großen Teil der Fälle bearbeitet und dabei ist natürlich wichtig, dass ich auf jedes Detail achte und zu lesen, dass manche Pflegekräfte – die meisten der Täter*innen waren mitarbeitende Personen – über Jahre oder gar Jahrzehnte hinweg Menschen mit Behinderungen massiv misshandelt haben, hat mich ziemlich getroffen. Überrascht hat mich auch, wie gering die Strafen ausfielen, wenn es überhaupt zu einer Verurteilung kam. Ein Beispiel (ich erspare euch die genauen Details der Gewalttaten): 13 Menschen werden über mehrere Jahre hinweg von der Heimleitung und drei weiteren Mitarbeitern schwer misshandelt. Die Heimaufsicht prüft die Einrichtung mehrfach, findet aber nichts. Die Fälle wurden nur bekannt, weil ein mutiger Mitarbeiter davon berichtet hat. Das Gericht verurteilt alle vier Täter. Der Heimleiter bekommt zwei Jahre auf Bewährung und ein Berufsverbot von drei Jahren. Die restlichen Mitarbeiter bekommen irgendwas zwischen 2,5 Jahren Gefängnis und zwei Jahre auf Bewährung. 

Das Projekt “Ableismus tötet

  • ein Team aus behinderten und nichtbehinderten Journalist*innen recherchierte 9 Monate lang etwa 50 Fälle von Gewalt in Heimen
  • Die Recherche geht weiter: Unter dem Punkt “Hinweise einreichen” können weitere Fälle gemeldet werden.
  • Das Projekt listet unter dem Punkt “Hilfsangebote” Beratungsstellen auf, an die man sich bei Gewalterfahrung melden kann.

 

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