Ian Harding: Ein Interview über seine Schauspielkarriere, Ableismus und Lupus

Eine Portrait Aufnahme von Ian Harding vor schwarzem Hintergrund in schwarz weiß. Ian ist ein weißer Mann mit braunen Haaren.
Ian ist ein leidenschaftlicher Aktivist für Menschen mit Behinderungen. Foto: Sophie Hart
Lesezeit ca. 17 Minuten

Ian Harding ist Schauspieler, mehrfacher Gewinner des Teen Choice Awards und Autor. Der 34-jährige ist als Ezra Fitz in der US-Serie Pretty Little Liars bekannt geworden. Er ist ein passionierter Aktivist für Menschen, die mit Lupus leben, einer entzündlich-rheumatische Autoimmunerkrankung, die verschiedene Organe im Körper betreffen kann. Er ist außerdem der Sohn einer chronisch kranken Mutter und ein Verbündeter von Menschen mit Behinderungen auf der ganzen Welt. Die Journalistin Karina Sturm spricht für ABILITY Magazine mit Ian über seine Schauspielkarriere, seine Arbeit für die Lupus Foundation of America, sein zukünftiges Filmprojekt, Ableismus und über korrekte Sprache.

Informationen in einfacher Sprache

  • Ian Harding ist Schauspieler. Er hat in einer beliebten Serie mitgespielt, die heißt: “Pretty Little Liars”. Er ist sehr schnell berühmt geworden. Das kann er es selbst manchmal nicht glauben.
  • Seine Mutter hat Lupus. Das ist eine Krankheit, die im Körper Schmerzen oder Müdigkeit auslösen kann. Ians Mutter konnte deshalb manchmal Dinge nicht mitmachen. Ian setzt sich jetzt dafür ein, dass Menschen mit dieser Krankheit mehr Aufmerksamkeit bekommen. Das kann er gut machen, weil er so bekannt ist.
  • Er macht außerdem bald einen Film. In diesem Film werden Menschen mit chronischen Krankheiten vorgestellt. Chronisch bedeutet, dass die Menschen die Krankheit sehr lange haben. Er möchte in dem Film ihr Leben zeigen. Ohne sie als Helden zu verkaufen. So werden kranke Menschen oder behinderte Menschen oft dargestellt. Obwohl sie gar nichts Besonderes machen. Er möchte sie ganz normal zeigen, so wie sie sind.

“Wie geht es dir mit den Schmerzen heute?” Das ist die erste Frage, die Ian mir während unseres Gesprächs stellt. “Schmerztechnisch habe ich einen wirklich harten Tag”, antworte ich. “Das tut mir leid. Darf ich fragen, warum das so ist?” sagt er. Und schon höre ich mich über meine Periode sprechen und wie sich diese auf meine chronischen Krankheiten auswirkt. Wir lachen ordentlich als Ian mir sein erstaunlich umfassendes Wissen über den weiblichen Menstruationszyklus und die damit verbundenen Herausforderungen demonstriert. Ian ist nicht wie seine Kollegen – das merke ich schnell.

Ein paar Tage später nimmt sich Ian 90 Minuten Zeit, um mit mir zu sprechen. Er sitzt entspannt auf seiner Couch, trägt einen dunkelgrauen Pyjama, das Haar ungekämmt. Auch ich trage mein Pandemieoutfit: Obenrum eine elegante Bluse, untenrum Jogginghose. Als Journalistin sollte eigentlich ich das Interview führen, doch zwischendurch merke ich, dass Ian mir diese Rolle ab und zu streitig macht. Er interessiert sich für mein Leben. Ich bin es nicht gewohnt, ausgefragt zu werden, aber Ian gibt mir sofort das Gefühl, dass er ehrlich mehr über meine Erfahrungen in Bezug auf meine chronischen Krankheiten und Behinderungen wissen will.

Ich liebe es, Leute zu interviewen, weil ich eigentlich nicht ständig über mich selbst reden möchte. Ich bin viel mehr daran interessiert zu hören, was du zu sagen hast, obwohl das vermutlich nicht der eigentliche Zweck dieses Artikels ist.

Ian Harding

Die Tatsache, dass Ian jeden Menschen, dem er begegnet, als gleichwertig behandelt, ist nicht das Einzige, was ihn von anderen bekannten Hollywood-Schauspieler*innen unterscheidet. Seit Beginn seiner Schauspielkarriere ist Ian das Gesicht der Lupus Foundation of America und arbeitet auch mit anderen Organisationen wie Chronisch Cool e. V., einem deutschen Verein, der Betroffene von Lupus und entzündlichen Darmerkrankungen unterstützt, zusammen. Als Sohn einer an Lupus erkrankten Mutter steckt Ian mehr als nur ein wenig Zeit und Geld in wohltätige Zwecke. Er ist ein starker Verbündeter von Menschen mit Behinderungen und klärt die Öffentlichkeit über Ableismus und akkurate Sprache rund um Behinderung auf.

Von der Qualle bis zu Ezra Fitz: Über Nacht berühmt.

Karina Sturm: Du bist als Kind in die USA gekommen. Wann hast du realisiert, dass du Schauspieler werden willst?

Ian Harding: Ich habe immer irgendwie geschauspielert. Während ich aufwuchs, wollte ich jeden Monat etwas anderes sein, verschiedene Karrieren haben. Und dann habe ich mir vorgestellt, wie es wäre, in der jeweiligen Rolle zu leben. Zwischendurch war ich besessen von der Idee, ein Navy SEAL zu werden. Wenn man bedenkt, was für ein Softy ich bin, denke ich nicht, dass das geklappt hätte. Aber ich mochte die Vorstellung, einen Navy SEAL zu spielen. In der Highschool fing ich dann richtig an zu schauspielern. Hauptsächlich deswegen, weil ich nicht so sportlich war wie die anderen Jungs, die Fußball spielten. Da ich auf einer reinen Jungenschule war und die jungen Damen aus den umliegenden Schulen zu unseren Theatervorführungen kamen, war die Schauspielerei eine großartige Möglichkeit, Mädchen kennenzulernen. Irgendwann wurde das zweitrangig und ich wollte nur noch schauspielern. Daraufhin habe ich meinen Universitätsabschluss gemacht und mich irgendwie in Los Angeles wiedergefunden. Und hier sind wir nun und sprechen über meine Karriere.

Karina: Ich habe gestern erst angefangen, die Serie Pretty Little Liars anzuschauen. Kannst du mir erzählen, wie du zu dieser Rolle gekommen bist?

Ian: Ich hatte irgendwie einfach Glück. Nicht nur irgendwie, ich hatte großes Glück. Es war mein erstes Vorsprechen für eine Hauptrolle in einer Fernsehserie und mein Manager, mit dem ich bis heute zusammenarbeite, meinte: “Gerade geht’s nur darum, Übung zu bekommen. Du weißt, dass das ein Griff nach den Sternen ist und außerdem ist es dein erstes Vorsprechen für eine Pilotfolge. Geh’ einfach rein, hab’ Spaß und lerne, wie man vorspricht.” Und weil ich keinen Druck hatte, den Job zu bekommen, bin ich da relativ locker hineingegangen und habe einfach ein wenig ausprobiert. 

Zu meiner Überraschung hieß es dann: “Hey, das ist großartig.” Also habe ich noch öfter vorgesprochen, weil ich immer wieder einbestellt wurde. Ich lernte Lucy, die Hauptdarstellerin der Show, kennen und wir haben uns sofort verstanden. Und das Nächste, was man mir sagt, ist, dass ich die Rolle bekomme. Mein Manager ist bis heute sehr pragmatisch. Damals meinte er: “Viel Spaß mit der Pilotepisode. Nur weil du die Rolle hast, heißt das nicht, dass am Ende auch eine Show draus wird.” Auch das habe ich erst Jahre später gelernt, nachdem viele gedrehte Piloten nie zu einer Serie wurden. Doch dann wurde Pretty Little Liars eine tatsächliche Show mit 7 Staffeln.

Ich erinnere mich daran, dass ich in dieser Gegend in Los Angeles direkt an der Grove war, einem berühmten Einkaufszentrum. Ich war gerade auf dem Weg, mein Abendessen in einem Restaurant abzuholen, als ich plötzlich Schreie höre. Wenig später dämmerte mir, dass die jungen Mädchen wegen mir kreischten. Ich dachte: “Oh shit, jetzt ist’s real.” So fing alles an. Und zack, sieben Jahre später sind wir hier.

Auf einer schwarz-weiß Aufnahme sieht man einen Mann mit dunklen Haaren und Sonnenbrille aus der Froschperspektive. Er sitzt in einem Auto und schaut nachdenklich nach vorne.
Ein Foto von Ian Harding aus dem Familienalbum. Foto: privat

Karina: Wie hat sich das angefühlt, als du plötzlich bekannt warst und Menschen wegen dir kreischten?

Ian: Es war ziemlich überwältigend, aber ich war super dankbar. Ich war quasi berühmt. Viele andere Leute in der Show standen mehr im Rampenlicht als ich. Ich genieße vieles an der Bekanntheit, aber bin generell ein schlechter ‘Star,’ weil ich mich nicht gerne selbst in den Mittelpunkt stelle. Das scheint aber erforderlich zu sein, um als großer Film- oder Fernsehstar zu gelten. Als ich bekannt wurde, war das cool. Aber ich war nie auf dem Niveau, dass ich von Paparazzi verfolgt wurde.
Dieses eine Mal – ich war gerade im Außenbereich einer Veranstaltung – als ein Paparazzi anfing, Fotos von mir zu machen, konnte ich nicht anders als zu fragen: “Ist das gerade eine besonders ruhige Nacht oder warum machst du Bilder von mir?” Der Paparazzi erwiderte: “Nicht wirklich, aber kommt da vielleicht noch eine berühmte Person raus?” Ich verneinte. Wir fingen an zu quatschen. Zu diesem Zeitpunkt hatte er aufgehört, Fotos zu machen. Kurz darauf verabschiedete er sich freundlich. Das war der netteste Paparazzi, den ich je getroffen habe. Begegnungen mit Paparazzi habe ich nur selten. Aber sowas ist mir in meiner Karriere bisher nur dreimal passiert – zum Glück.

Karina: Gibt es eine Rolle, die du niemals spielen würdest? Zum Beispiel wenn du ganz nackt, ein schlimmer Bösewicht oder (nochmal) eine Qualle sein müsstest – das klang ein bisschen traumatisch. (Ian spricht in seinem Buch Odd Birds über die Erfahrung eine Qualle zu spielen.)

Ian: Ha, im College eine Qualle zu spielen, war herrlich. Das war Teil eines Projekts, das uns aus unserer Komfortzone herausholen sollte. Und das tat es auch. Als Schauspieler muss ich ständig irgendwie in Bewegung sein, man kann nicht einfach still stehen. Mein Lehrer sagte mir also, ich solle eine Qualle spielen und stundenlang in einem imaginären Meer treiben. Gibt es eine Rolle, die ich niemals spielen würde? Ich möchte nicht immer und immer wieder die gleichen Rollen spielen, bestimmte Muster nicht wiederholen. Aber sonst bin ich wirklich offen für alles.

Ein Foto von Ian Harding: Ein weißer Mann mit braunen Haaren trägt eine Jeansjacke und hält ein Fernglas in der Hand. Er schaut amüsiert nach links.
Ian wurde über Nacht berühmt. Foto: privat

Ian: Welche Rolle würdest du denn gerne spielen?

Karina: Ich? Ich bin mir nicht sicher, ob ich irgendeine Rolle spielen könnte. Ich bin keine gute Schauspielerin. Du weißt ja, dass ich sehr “deutsch” bin: Direkt und unverblümt. Ich kann schlecht lügen und bin mir nicht sicher, ob ich so tun könnte, als wäre ich jemand anderes.

Ian: Ich glaube, dass gerade diese Qualitäten dich wahrscheinlich zu einer fantastischen Schauspielerin machen würden, weil du im Idealfall gar nicht lügen sollst. Du erlebst tatsächlich alles, was du spielst. Das ist ziemlich schwierig, wenn du eine Szene drehst, in der deine ganze Familie tot ist und du diesen künstlichen Plastikball in deinen Armen hast und das echt aussehen lassen musst. Aber ich denke, du wärst großartig. Ich bin allerdings auch dieser Trottel, der allen sagt, dass sie Schauspieler werden sollten, weil ich die Schauspielerei so liebe.

Karina: Ich genieße es viel mehr, hinter der Kamera zu stehen. Ich möchte die Person sein, die andere Menschen ins Rampenlicht rückt. Ich mag es nicht, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen, und ich würde nicht gut mit Paparazzi oder der Presse umgehen können.

Ian: Ich liebe die Arbeit selbst, aber ich glaube nicht, dass ich die klügste Person in Bezug auf meine Karriere bin, weil ich zwar gerne schauspiele, aber alles andere was damit verbunden ist, wie z.B. die Notwendigkeit, sich ständig auf Social Media zu präsentieren, mag ich nicht besonders. Ich werde immer noch schief angeschaut, wenn ich auf Partys sage, dass ich gerade nicht fotografiert werden will. Die meisten Leute erklären mir dann, dass ich doch beruflich vor der Kamera stehe. Das weiß ich, aber ich schaue mir auch da nie das Endprodukt an. Mir macht es Spaß vor der Kamera zu stehen, aber den finalen Film will ich nicht sehen.

Karina (lacht): Hast du damals keine einzige Folge von Pretty Little Liars angeschaut?

Ian: Ich bin bis zur zweiten oder dritten Staffel gekommen, dann konnte ich nicht weitermachen, weil ich während des Schauens immer kritischer in Bezug auf meine Leistung wurde. Irgendwann war das alles zu oberflächlich. Es fühlte sich nicht gesund an, also hörte ich damit auf.

Karina: Du bist im Grunde über Nacht berühmt geworden. Auf Instagram habe ich ein Foto gesehen, das du mit einer Einwegkamera aufgenommen hast, weil du dir damals kein Smartphone leisten konntest. Das war genau zu Beginn der Dreharbeiten zu Pretty Little Liars. Wie hat es sich angefühlt, über Nacht von einer Person, die sich kein Smartphone leisten kann, zu einem Teenie-Idol zu werden?

Ian: Ich bin bis heute nicht in der Lage, wirklich zu begreifen, wie das passiert ist. Was ich als Schauspieler erst jetzt erlebe, haben die meisten Schauspieler schon viel früher gelernt. Nämlich, dass sie vorsprechen, vorsprechen und vorsprechen, aber einfach nichts passiert. Und dann zack, passiert etwas. Und du sagst dir: “Oh ja, los geht’s.” Aber dann wird der Film nicht ausgestrahlt, oder du wirst rausgeschnitten, was recht oft passiert ist. Und nach einer Weile fängst du an, dich zu fragen: “Bin ich einfach nur schlecht?” Ich wusste nicht genau, wie ich verarbeiten sollte, plötzlich bekannt zu sein. Ich habe mich ein wenig aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Es ist seltsam, wenn die Leute dich erkennen und du fühlst dich schlecht dafür, dass dir das gar nicht so angenehm ist, obwohl du so ein großes Glück hast.
Ich glaube das ist einer der Gründe, warum ich besonders zu Beginn meiner Karriere versucht habe, etwas für die Lupus-Stiftung zu tun. Die Welt, in der ich lebte, fühlte sich für mich so seltsam an. Ich wurde dafür bezahlt, dass ich einen Tag lang arbeitete, während meine Mutter, die eine chronische Krankheit hat und Kapitänin der US Navy war, nicht annähernd so viel verdiente wie ich. Ich hatte das Gefühl, dass ich etwas Gutes mit meiner Bekanntheit anfangen musste. Manche Situationen waren einfach absurd. Ich war um ganz andere Dinge besorgt, als viele Menschen um mich herum, deren Kleid z. B. nicht für die Filmpremiere bereit oder deren BMW zerkratzt war. Ich fand’ das daneben. Ich musste etwas tun, das sich lohnte.

Vor Demonstrierenden mit Schildern laufen Ian Harding und Susanne auf dem "Walk of Lupus".
Ian und seine Kollegin Susanne beim "Walk for Lupus". Foto: Mira Long

“Ich lebte nicht wie ein Mönch, aber ich musste etwas Sinnvolles tun.” Als Ian zum Sprachrohr der Lupus Foundation wurde

Karina: Da hast du die Überleitung zu deinem Engagement direkt schon für mich gemacht. Denkst du, dass deine Weltanschauung sich verändert hat, weil du mit einer chronisch kranken Mutter aufgewachsen bist? Du hast gerade erwähnt, dass die Menschen um dich herum um Kleinigkeiten besorgt waren, während du versucht hast, mit deinem Ruhm und Einkommen etwas Nützliches zu tun.

Ian: Ich wollte Erfahrungen sammeln. Ich lebte also keineswegs wie ein Mönch. Ich habe nicht in einer Hütte gelebt, fuhr kein gebrauchtes Fahrrad und spendete auch nicht mein ganzes Geld an wohltätige Zwecke. Aber ja, ich habe eine andere Perspektive durch die Art wie ich aufwuchs, weil meine Mutter – obwohl ich nicht das volle Ausmaß ihres Kampfes gegen Lupus kannte – immer wieder sagen musste: “Es tut mir sehr leid, aber ich muss mich jetzt ausruhen“, als sie extrem erschöpft war. Sie hat es trotzdem geschafft, zwei Kinder großzuziehen.
Ich hatte immer den Gedanken im Hinterkopf, dass heute wegen dieser Sache, die niemand von außen sehen konnte, kein guter Tag für sie sein könnte.
Wir hatten einige harte Tage, an denen ich wirklich sauer war, dass meine Mutter nicht zu meinem Fußballspiel kommen konnte. Erst als ich älter wurde, erkannte ich all die Dinge, die sie trotz dieser Krankheit erreicht hatte und realisierte, wie gefährlich Lupus tatsächlich war. Damals sagte sie mir, dass der Arzt ihr zum Zeitpunkt der Diagnose riet, sie solle sicherstellen, dass ein Testament vorläge, da die durchschnittliche Lebenserwartung zu diesem Zeitpunkt etwa acht Jahre betrug. Sie war damals etwa 40 Jahre alt. Der Arzt sagte ihr, dass sie Glück hätte, wenn sie die 50 sehen würde. Wie das ist, kann man sich nur schwer vorstellen. Und dann hast du zusätzlich noch zwei kleine Kinder. Sie ist jetzt – das sollte ich eigentlich bestimmt nicht verraten – weit über 50, ein Jahrzehnt oder so. Jetzt habe ich ihr ein Kompliment gemacht und ihr gleichzeitig in den Rücken gestochen. (Lacht)
All diese Dinge haben dazu geführt, dass ich mich immer gefragt habe: “Wie kann ich mein Glück mit anderen teilen?” Ich dachte, ich könnte meinen Ruhm nutzen, um Geld für Organisationen zu generieren, an die ich glaube.

Karina: Erinnerst du dich noch an einen bestimmten Moment, in dem du bemerkt hast, dass deine Mutter ein bisschen anders ist, als andere Mütter?

Ian: Ich habe Kleinigkeiten bemerkt, als ich aufgewachsen bin. Zum Beispiel war sie immer von Kopf bis Fuß bedeckt, weil sie empfindlich gegenüber Sonnenlicht war. Und sie trug immer riesige Hüte, weil sie, wenn sie zu viel Sonnenstrahlung ausgesetzt wäre, einen Schub bekommen hätte. Wie schwerwiegend ihre Diagnose war, verstand ich erst im College. Ein Klassenkamerad bemerkte mein Lupus-Armband, das ich am Handgelenk trug und fragte: “Kennst du jemandem mit Lupus?” Ich reagierte: “Ja, meine Mama lebt mit der Krankheit. Kennst du auch jemanden, der Lupus hat?” “Ich kannte jemanden.” Vergangenheitsform. Seine Mutter hatte Lupus. Damals war mir nicht klar, dass man an Lupus sterben kann. Das war der eine Moment, in dem mir schlagartig bewusst wurde, was Lupus bedeutet.

Karina: Kannst du ein wenig über die einzigartige Rolle sprechen, die du inne hast, da du dich zwar für Lupus-Betroffene einsetzt, aber selbst kein Lupus hast?

Ian: Es ist eine seltsame Rolle, weil es eben auch Menschen gibt, die selbst mit einer chronischen Krankheit leben, aber kein Aktivist sein wollen, besonders wenn sie in der Öffentlichkeit stehen. Ich kenne mehrere Schauspieler*innen mit Lupus, von denen einige offen darüber sprechen, andere jedoch nicht. Einer der Gründe ist beispielsweise, dass es möglicherweise schwierig wird, für eine Rolle in einem Film versichert zu werden, wenn jeder von der chronischen Krankheit weiß. Andererseits wollen sie vielleicht einfach nicht als kranke Person gesehen werden. Du weißt ja, “du musst stark sein und darfst keine Schwäche zeigen.” Und das bringt Menschen, die mit chronischen Krankheiten leben, in eine schwierige Situation. 

Es ist also ein wenig anders, wenn dieser Aktivismus von mir kommt, von jemandem, der die Erkrankung nicht hat, aber aus erster Hand weiß, wie schwerwiegend sie ist. Trotz stärkster Bemühungen konnte meine Mutter manchmal nur begrenzt an meinem Leben teilhaben. Sie war ständig für uns da und eine großartige Mutter, aber bestimmte Dinge hat sie halt verpasst, weil sie einen Lupusschub hatte. Manchmal konnten wir nicht draußen spielen, da sie ihre Hände nicht bewegen konnte. 

Die breite Öffentlichkeit ist in Bezug auf chronische Krankheiten immer unsicher, weil die Menschen sich selbst nicht in dieser Position sehen wollen. Insbesondere in der Wohltätigkeitsarbeit habe ich erlebt, dass Menschen es bevorzugen, Dinge zu unterstützen, die „einfacher“ sind. Doch wenn wir über chronische Krankheiten sprechen, gibt es diese seltsame Lücke. Die Menschen verstehen Lupus beispielsweise nicht so, wie sie Krebs verstehen. Jeder kennt Brustkrebs, weil man daran sterben kann. Ja, Lupus kann auch schwere Konsequenzen haben, aber heutzutage ist diese Krankheit vor allem ein Problem der Lebensqualität. Besonders in Amerika herrscht die falsche Auffassung: “Was dich nicht umbringt macht dich stärker. Wenn es ‘nur’ zu Schmerzen führt, finde dich damit ab.” Natürlich stimme ich dem nicht zu, aber ich denke, dass das die amerikanische Mentalität ist. Meiner Meinung nach hilft es, jemanden wie mich zu haben, der, aus Mangel an besseren Begriffen, ‘neurotypisch’ und ‘nicht behindert’ ist, und sagt: Lupus ist furchtbar und braucht mehr Aufmerksamkeit. Damit wird die Botschaft hoffentlich verbreitet. 

Ein weißer Mann mit blauen Augen und braunen Haaren trägt eine Cap und hält seine Faust in die Kamera, auf der "Love" steht.
Ian sammelt Spenden für die Lupus Foundation America. Foto: privat

Im Kampf gegen Ableismus und Stigmatisierung

Karina: Mir ist gerade aufgefallen, dass du auch einige Dinge über akkurate Sprache in Bezug auf Behinderung weißt.

Ian Harding: Ich tue gerne so, ja (lacht). Doch dann betrete ich einen Raum mit Menschen, die an chronischen Krankheiten leiden und mir wird klar, dass ich eigentlich so gar nichts weiß.

Karina: Und hier ist ein Beispiel: Das Wort ‘leiden’ ist nicht besonders beliebt. Das solltest du vermeiden.

Ian: Oh, wirklich? (Ian ändert seine Wortwahl nach diesem Punkt im Interview).

Karina: Das Wort ‘leiden’ wird von Menschen mit chronischen Krankheiten nicht wirklich akzeptiert. Es ist eher so, dass wir mit einer chronischen Krankheit leben, uns aber im Allgemeinen nicht als ständig ‘leidend’ sehen. Unsere Krankheit definiert uns nicht. Aber natürlich sind sich nicht alle chronisch Kranken einig, was dieses Wort angeht. Wir sind alle grundverschieden.

Ian: Richtig. Es ist schwierig für jemanden, der nicht mit einer chronischen Krankheit lebt, die Balance zu finden und die Wortwahl zu kennen. Ist es zum Beispiel ‘leben mit’ oder ‘kämpfen gegen’? Es ist nicht so einfach.

Karina: Das kann ich nachvollziehen. Und generell haben verschiedene Menschen auch unterschiedliche Meinungen was korrekte Sprache angeht. Offensichtlich sind manche Wörter zweifelsfrei und eindeutig eine Beleidigung, wie zum Beispiel das Wort ‘Krüppel’. Aber andere Wörter wie ‘leiden’ sind für Menschen mit chronischen Krankheiten und Behinderungen nicht ganz so anstößig.

Ian: Wohl wahr. Neulich hörte ich jemanden sagen: “Diese Person ist doch gar nicht verkrüppelt.” Es ist schon seltsam, wenn man einen Satz hört, von dem man sich denkt: “Moment mal, leben wir im Jahr 1950?”

Karina: Solche Aussagen habe ich auch schon ein paar Mal über mich selbst gehört.

Ian: Wow. Was sagst du zu solchen Menschen?

Karina: Das hängt von den Umständen ab und wie arg ich mich beleidigt fühle. Wenn es sich um eine ältere Person handelt und ich den Eindruck habe, dass sie wirklich dachte, sie würde das richtige Wort verwenden, würde ich die Aussage vermutlich ignorieren. Wenn ich jedoch das Gefühl habe, dass die Absicht der anderen Person eindeutig darin besteht, mich zu beleidigen oder zu verletzen, korrigiere ich sie und versuche, die Person über Ableismus und korrekte Sprache aufzuklären.

Ian: Ich hatte schon einige Male das Gefühl, etwas sagen zu müssen, insbesondere weil ich in vielerlei Hinsicht sehr privilegiert bin. Wenn ich mich mit Menschen unterhalte, von denen niemand eine chronische Krankheit hat und jemand sagt,  “also, ich denke ja nicht, dass das so schlimm ist”, fühle ich mich dazu verpflichtet, die Person zu sein, die der Community beisteht und nicht die Person, die das Problem noch weiter verschärft. Egal ob wir über Menschen mit chronischen Krankheiten oder über Frauenfeindlichkeit oder ähnliches sprechen. Wenn ich die Person korrigiere, kommt das oft an.

Karina: Ich weiß es wirklich sehr zu schätzen, dass du deinen Status nutzt, um Menschen über Ableismus aufzuklären. 

Auf einer Bühne sitzen zwei Frauen und ein Mann mit Mikrophonen und sprechen miteinander. Im Vordergrund sitzt Publikum.
Ian und Susanne auf einem Benefizkonzert. Foto: Charlotta Becker

Ian hinter der Kamera: Ein Dokumentarfilm über Menschen mit chronischen Krankheiten

Karina: Lass uns doch als nächstes über deine Zukunftspläne sprechen. Du planst einen Dokumentarfilm, der Menschen mit chronischen Krankheiten porträtiert. Kannst du mir mehr darüber erzählen?

Ian: Gern. Die Filmidee entwickelte sich aus der Zusammenarbeit mit meiner Freundin Susanne, die ich vor Jahren in Deutschland kennengelernt habe. Sie lebt mit Morbus Crohn und hat sich damit auseinandergesetzt, wie die deutsche Gesellschaft mit Menschen mit dieser Erkrankung umgeht. Morbus Crohn hat mit dem Darm und dessen Ausscheidungen zu tun, daher ist die Krankheit mit einer Menge Scham verbunden. Und Susanne hat in den letzten Jahren hart daran gearbeitet, dieses Stigma abzubauen, indem sie mit Menschen über die Krankheit sprach und ihnen zeigte, dass Morbus Crohn eben nicht seltsam, abnormal oder eklig ist. 

Daraus entstand die Idee, einen Dokumentarfilm zu drehen, der die Leben verschiedener Menschen mit chronischen Krankheiten porträtiert. Wir wollen einige Krankheiten zeigen, die häufiger auftreten – Morbus Crohn ist zum Beispiel keine seltene Krankheit – aber auch die äußerst seltenen. Diese Geschichten auf globaler Ebene zu erzählen, ist etwas, das für uns super spannend ist. Wenn man die Geschichten von Menschen mit chronischen Erkrankungen hört, dann werden sie oft mit düsterer Klaviermusik untermalt und es fühlt sich an, wie ein schlechter Hallmark Movie. Wir wollen das ändern. Wir möchten alle Nuancen davon zeigen, wie es ist mit einer chronischen Krankheit zu leben. Das Publikum liebt Filme, in denen Menschen etwas ‘überwunden’ haben. Aber Filme über Menschen mit chronischen Krankheiten müssen nicht immer inspirierend sein. Es ist völlig in Ordnung zu sagen, dass eine Person mit einer Erkrankung ein ganz normales Leben führt. Sie sind keinen Marathon gelaufen, obwohl ihnen gesagt wurde, dass sie nie mehr gehen werden können, aber sie leben ein erfülltes, gutes Leben, unabhängig von ihrer Diagnose.

drei Menschen sitze um mikrofone herum

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Karina: Weißt du was Inspiration Porn bedeutet?

Ian: Ja.

Karina: Genau das, was du gerade beschrieben hast. Finde ich gut, dass du das vermeiden willst.

Ian: Wir wollen auch keinen Film produzieren, der dem Publikum das Gefühl gibt, dass sie nicht genug erreicht haben. Wir versuchen lediglich, mittels einer ausgewogenen Sichtweise, Empathie zu fördern und dem Publikum verständlich zu machen, dass Menschen mit Behinderungen ein ganz normales Leben führen und nicht die kranke Person sind, die jeden Gipfel über 12.000 Fuß der Welt bestiegen hat. Wenn ich mich als jemand, der gesund und nicht behindert ist, schon schlecht fühle, wenn ich solche stereotypischen Darstellungen sehe, dann kann ich mir gar nicht vorstellen, wie es jemandem gehen muss, der zum Beispiel mit Morbus Crohn lebt, aber kein Powerlifter-Weltmeister ist.

Karina: Was ist deine Rolle in diesem Dokumentarfilm? Wirst du hinter oder vor der Kamera stehen?

Ian: Ich denke ein bisschen von allem? Ich möchte damit aufräumen, dass Schauspieler nur Schauspieler sein können und keine Moderatoren. Beides gehe nicht, heißt es oft. Und Susanne, die eigentlich nicht vor die Kamera treten möchte, wird langsam warm mit dem Gedanken es doch zu tun (lacht). Wir haben auch ein tolles Team hinter der Kamera. Darüber bin ich froh, denn wenn es um’s Produzieren geht, fehlt mir die mentale Kapazität. Wir hoffen, dieses Filmprojekt im kommenden Jahr voranzutreiben. Offensichtlich ist es gerade nicht angebracht, während einer globalen Pandemie zu reisen, insbesondere um sich mit immungeschwächten Menschen zu treffen. Uns kommt es so vor, als hätten wir die schlechteste Zeit für ein solches Projekt gewählt. Aber wir sind zuversichtlich, dass wir mit der Produktion beginnen können, sobald es einen Impfstoff gibt, die Zahlen sinken und verschiedene Sicherheitsprotokolle ausgearbeitet sind.

Ein Foto von Ian Harding: Ein weißer Mann mit braunen Haaren und blauen Augen trägt ein schwarze T-Shirt und schaut lächelnd nach links.
In seinem Dokumentarfilm möchte Ian Harding Menschen mit chronischer Krankheit und Behinderung eine Stimme geben. Foto: privat

Karina: Danke! Ich hatte super viel Spaß. Wir sollten nochmal sprechen, sobald dein Film etwas weiter fortgeschritten in der Planung ist.

Ian: Ja, das wäre cool. Hey, vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast. Wir werden uns auf jeden Fall bald wieder unterhalten, sobald unser Film Form annimmt.

Karina: Ich freu’ mich darauf. Das klingt nach so einem großartigen Projekt!

Ian: Danke dir. Hab’ ein schönes Wochenende!

Karina: Danke! Du auch.

 

Dieser Artikel ist zuerst bei ABILITY Magazine erschienen.

 

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Eine Antwort

  1. Schönes Interview, danke! Aber mir erscheint dieses Tabu, von Leiden zu sprechen, wenn es um das Leben mit einer chronischen Erkrankung geht, sehr kontraproduktiv. Und CFS/ME-Kranke z.B. führen absolut kein normales Leben, leider. Der Körper erlaubt es nicht. Und derlei fällt komplett hintenüber, wenn man den oder die im Neoliberalismus allseits beliebte/n Krank fit und froh -Figur abgibt… Ein Raum der Zeugenschaft für Fragilität, Leiden und Versehrtheit fände ich extrem wichtig. Ganz im Sinne des „zeige deine Wunde“ von Beuys.:) … Ich verstehe schon, warum man/Frau/*/ sich nicht über die Krankheit definieren (müssen) will. Und schon gar nicht von außen so gefasst… Aber dafür dann das hey ich kann auch alles – Spiel mitzumachen, diesen Fetisch zu bedienen, finde ich doch wenig hilfreich… Ein Dilemma, dass sich natürlich nicht die Betroffenen selbst ausgesucht haben…:///

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