#16 Behindertenwohnheime

Durch die Lamellen einer Gardine scheint Sonnenlicht in ein leeres Zimmer.
Oft wird die Situation in Behindertenwohnheimen als eitler Sonnenschein verkauft, dabei ist die Realität meistens sehr trist. Foto: Ruan Richard | unsplash.com
Lesezeit ca. 2 Minuten

Nachdem vier Bewohner*innen in einem Pflegeheim in Potsdam getötet wurden, ist der mediale Aufschrei verklungen. Wir beleuchten in unserem Bayern 2-Podcast, wie über die Tat berichtet wurde. Außerdem stellen wir uns die Frage, welche strukturellen Probleme in solchen Einrichtungen herrschen und welche alternativen Wohnformen es gibt.

Das Transkript zur Podcastfolge “Behindertenwohnheime”

Alle Folgen des Podcasts zum Nachhören:

Am Abend des 28. April wurden in einer Wohn- und Pflegeeinrichtung für behinderte Menschen in Potsdam-Babelsberg fünf Bewohner*innen angegriffen – vier von ihnen tödlich verletzt.

Der Tat verdächtigt wird eine Pflegemitarbeiterin aus der Einrichtung, die inzwischen in einer psychiatrischen Einrichtung untergebracht wurde.

Eine Frau legt an einer Gedenkstätte Blumen nieder

Vier Menschen sind tot, der Ableismus lebt

In Potsdam sind fünf Menschen mit Behinderung Opfer einer Tötungsserie in einer sogenannten Behinderteneinrichtung geworden – vier von ihnen starben. Während die Hintergründe der Tat noch untersucht werden müssen, stellt sich Raúl Krauthausen nicht erst seit heute Fragen zu strukturellen Problemen dieser Wohnformen und wie viel Ableismus in ihnen steckt.

Weiterlesen »

Berichterstattung über die Tat und die Berichterstattung

Behinderte Menschen selbst zu Wort kommen lassen

Was wir leider beobachten mussten: in der Berichterstattung kommen kaum behinderte Menschen, die in solchen Wohnformen wie dem Oberlinhaus leben, zu Wort. Deshalb haben wir hier ein paar Quellen gesammelt: 

In einem Clubhouse-Talk berichtet Lisa, Bewohnerin einer Wohnstätte von Stalking, das sie im Oberlinhaus in Potsdam von einem anderen Mitbewohner erlebt hat. 

Raúl begab sich vor knapp fünf Jahren undercover in ein Wohn- und Pflegeheim und berichtete in seinem „Heimexperiment“ von seinen Erlebnissen.

Wir sprachen auch mit Pierre Zinke – der übrigens auch einen eigenen Podcast hat – über seine Entscheidung, in einer eigenen Wohnung zu leben.

„Mein Name ist Pierre. Ich komme aus Dresden und bin 31 Jahre alt. Ich wohne in meiner eigenen Wohnung seit einem halben Jahr. Davor habe ich drei Jahre in einer inklusiven Wohngemeinschaft gelebt und kann dementsprechend nur davon schwärmen. Die WG, in der ich gelebt habe, war selbstorganisiert. Die Gründungsmitglieder waren vier Leute und in der WG haben sechs Menschen mit und vier ohne Behinderung gelebt. Also inklusiv. Ich bin ausgezogen, weil es mir letztlich viel zu viel Trubel war. Zehn Leute machen eine Menge Betrieb und es war mir dann einfach zu laut nach drei Jahren. Davor habe ich im Elternhaus gelebt. Mich hat dann bewogen in kein klassisches Wohnheim zu ziehen, da dort nicht so viel Selbstbestimmung gelebt wird. Da das aber enorm wichtig ist, war das keine Option für eine Wohnmöglichkeit für mein Leben.“

Pierre Zinke

Alternativen zum Heim

Tobias Polsfuß von der Online-Plattform WOHN:SINN für inklusives Wohnen nennt einige Initiativen als Alternative:



Das waren starke Zeilen? Dann gerne teilen!

Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on whatsapp
Share on telegram
Share on pocket
Share on email

Eine Antwort

  1. Guten Morgen, besten Dank an Raul Krauthausen für heutige Mail, die mich hier her bringt. Das waren starke Zeilen, Worte, Bilder.

    Was ist meine Sorge zum Thema Wohnen? Schon bin ich ganz am Rand Berlins, fast in Brandenburg. Das ist an sich nicht besorgniserregend, im Gegenteil, ich wohne gerne grenznah- und grenzübergreifend. Aber: Noch etwas mehr Gentrifizierung und für mich wäre eben Ende in meiner Stadt, Ende meines Wohnens in Berlin. Ich war nie sonderlich fixiert auf Standorte, zog viel um im Leben, das ist es ja nicht, ich klebe nicht an der “Scholle”, aber: Ich möchte nicht mein Leben lang umziehen, weil die Umstände oder weil irgendwelche Leute, die mich nicht mögen, es wollen. So richtig aus eigenem Willen zog ich nie um, irgendwas war immer und immer mit der Hoffnung verbunden, an der nächsten Adresse würde es besser, wurde es auch, aber bleibt es so? Umziehen ist teuer, in der Zeitung finde ich nicht mal mehr Mietangebote, was vor sieben Jahren, als ich zum letzten Mal umzog, noch anders war, es war auch nicht mehr viel drin, aber es war noch etwas zu Mieten laut Zeitungsannoncen, so fand ich auch meine derzeitige Wohnung. Raul Krauthausen twitterte, dass er nicht gerne nachts von einem Behindertenfahrdienst nach Hause gebracht werden möchte, wenn er lieber noch ausgehen wolle durch die Nacht.
    Das kommt ja noch dazu, erst wohnt man und dann können die Wege zur Hürde werden, Wohnen zur Falle.
    Nach dem Ersten Weltkrieg waren viele Kriegsschiffe übrig, die laut Versailler Vertrag hätten verschrottet werden sollen, unter der Hand seien diese statt dessen zu Geld gemacht worden, auch Kriegsgefangene und Arbeitstruppen seien verschifft worden – der Handel mit Menschen, wenig besprochen in der Schule, in meinem Geschichtsbuch von 1978 ist es nicht drin. Diese Menschen durften nicht wohnen wo sie wollten, nicht hin fahren wo sie wollten – sie waren eine Ressource, an der sich Einzelne bereicherten.
    Es ist wichtig, dieses System kritisch zu hinterfragen und auch die Ähnlichkeiten mit der Gegenwart nicht reflexartig zurück zu weisen, sondern zu analysieren: Was ist heute gleich, was ist anders und was soll verändert werden.
    Wichtig finde ich auch, die Frage des Umgangs mit Religion und diesen Themen zu besprechen. Persönlich habe ich sehr gut mit Christen, Juden, Muslimen gewohnt, wohne sehr gut mit diesen. Dennoch ist zu fragen, an welchen Punkten des Wirtschaftens einer Religion den Vorrang vor anderen Religionen gegeben wird und warum. Warum z. B. wird bei der Geschichte der Sprache, auch der technischen Sprachen nicht gelehrt, dass es einen Mosse Code gab, der für internationale Handelsgeschäfte verwendet wurde, warum wird so getan, als seien Geschäftsbeziehungen immer nur mit weißem Briefpapier und Schreibschrift oder beim Geschäftsessen gepflegt worden? Die Nachrichtenverschlüsselung ist doch eines der großen Themen, auch ganz aktuell, trotzdem wird eher eine romantische Sicht vertreten, der Nachrichtenaustausch via Internet von manchen gar bekämpft als “nicht gut” für die Gesellschaft. Stecken hier religiös motivierte Ressentiments dahinter, solche, die über Jahrzehnte einfach nicht aufgearbeitet, nicht geklärt, nicht verändert wurden?

    Ich fürchte, ja. Was brachte die Weimarer Republik zum Scheitern? Ich schrieb früher unzählige Klassenarbeiten dazu, Arbeiten in der Uni – ich weiß es nicht so richtig und glaube, da fehlt es auch noch immer an Schule. Zum Glück kann ich via Social Media und Presse weiter suchen, sammeln, lernen – später wieder dank Tagesspiegel zur Zeit Kurt von Schleichers.

    Besten Dank an die Neue Norm, Raul Krauthausen für die hilfreiche Versorgung mit Nachrichten.
    Einen schönen Dienstag.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.