Warum wir nicht schweigen sollten, wenn unser Lebenswert diskutiert wird

Das Logo von Die Neue Norm auf grauem Grund. Rechts davon steht: Die Neue Kolumne. Unten steht: Von Rebecca Maskos.
Lesezeit ca. 3 Minuten

Manche finden, Behinderung und Krankheit, das bedeutet „schlechte Lebensqualität“. Und je mehr Pflege und Unterstützung man braucht, desto mehr schwindet „die Würde“ dahin. Solche Vorstellungen begegnen uns vielfach. Behinderte Menschen, die mit Assistenz und guter medizinischer Versorgung selbstbestimmt leben, können darüber oft nur den Kopf schütteln. Ja, manche von uns können nicht allein auf die Toilette, „hängen an Schläuchen“ eines Atemgeräts, brauchen Rollstühle oder Rollatoren. Aber fehlt uns deshalb die Würde? Viele sagen dazu: Nein. „Würdelos“ wäre es vielleicht, einer fremdbestimmten Pflege in Heimen ausgeliefert zu sein, keine passenden Hilfsmittel zu bekommen, oder wenn Schmerzmittel oder andere Medikamente nicht helfen.

Solche Argumente sind in öffentlichen Debatten jedoch kaum zu hören. Stattdessen fällen oft nichtbetroffene „Expert*innen“ Pauschalurteile über die „Lebensqualität“ behinderter Menschen, und stellen uns zugleich als Belastung für die Gesellschaft dar. Zu Corona-Zeiten wird dies besonders handgreiflich. Erst kürzlich durfte wieder einmal der Bioethiker und Tierrechtler Peter Singer in der „Neuen Zürcher Zeitung“ ein Leben mit Demenz oder Querschnittslähmung rundheraus abwerten. Die Lebensqualität jener Menschen könne man nach „Abwägungen“ als geringer einschätzen. Wenn stattdessen Menschen mit besserer Lebensqualität zu Corona-Zeiten länger lebten, sei doch der „Gesamtnutzen“ für die Gesellschaft höher. Seit fast fünfzig Jahren verbreitet der mittlerweile 74 Jährige Singer solche behindertenfeindlichen Thesen – Anfang der 1990er Jahre noch unter lautstarkem Protest der Behindertenbewegung.

Auch in Handlungsanweisungen zur Corona-Triage im Fall von knappen medizinischen Ressourcen können Ärzt*innen ableistische Bewertungen nachlesen: Haben Patient*innen einen Rollator, einen Rollstuhl oder Assistenzbedarf, signalisiere das eine schlechtere langfristige „Erfolgsaussicht“ nach einem schweren Verlauf von COVID19. Eine Behandlung kann dann unter Umständen unterlassen werden.
Sicher sind die Triage-Empfehlungen nicht das gleiche wie Peter Singers Logik, die aufrechnet, wer der Gesellschaft etwas „bringt“ und wer nicht. Dennoch nahm auch hier die Öffentlichkeit von den Einwänden behinderter Menschen kaum Notiz. Offensichtlich müssen wir noch lauter werden. Momentan jedenfalls ist die Behindertenbewegung, die sich noch in den 90er Jahren vehement gegen die Thesen Peter Singers, gegen neue Formen von „Euthanasie“ und Eugenik erhoben hat, kaum zu hören. Vielleicht liegt dies auch daran, dass wir uns erstmal selbst mit schwierigen Fragen auseinandersetzen müssen. Was bedeutet Selbstbestimmung für uns? Wie soll unser Leben aussehen, auch wenn wir sehr viel Assistenz brauchen, Dauerschmerzen haben, oder wir uns am Lebensende befinden? Wie stark sind unsere selbstbestimmten Entscheidungen beeinflusst von gesellschaftlichen Erwartungen und Ableismus?

Eine eigene Position der Behindertenbewegung ist wichtig, denn bald schon werden wir vor neuen „Lebenswert-Debatten“ stehen: Das Bundesverfassungsgericht hat vor einem Jahr beschlossen, dass der Bundestag die Sterbehilfe neu regeln soll. Der Zugang dazu soll erleichtert werden. Was für viele nach mehr Freiheit und Selbstbestimmung am Lebensende klingt, bedeutet für andere die Sorge, dass ein Druck auf behinderte und chronisch kranke Menschen entstehen könnte, frühzeitig, „freiwillig“ und vermeintlich „selbstbestimmt“ aus dem Leben zu scheiden. Könnte ein Leben mit hohen Gesundheitskosten und Assistenzbedarf irgendwann unter einen besonderen Rechtfertigungsdruck geraten?

Schauen wir nach Belgien, in die Niederlande und neuerdings auch nach Kanada zeigt sich zumindest schon: Was dort einst als Sterbehilfe-Regelung für „Härtefälle“ gedacht war, weitet sich allmählich zur „normalen“ Praxis im Umgang mit schwerer chronischer Krankheit und Behinderung aus, auch jenseits des akuten Sterbeprozesses. Gleichzeitig befürwortet in Deutschland zwei Drittel der Bevölkerung die Hilfe zur Selbsttötung. Darunter sind viele, die befürchten, irgendwann selbst zur „Last für die Gesellschaft“ zu werden.

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Eine Antwort

  1. Dieser Beitrag gefällt mir sehr! Gut formuliert, das Thema auf den Punkt gebracht – so fällt es mir als nicht direkt Betroffene leicht zu begreifen, dass die Gesellschaft in eine falsche Richtung abbiegt. Ich bin 60+ und habe die öffentlichen Debatten, an die hier erinnert wird, in lebhafter Erinnerung. Heute frage ich mich, welchen Schaden wir alle nehmen, wenn die Lebensqualität eines jeden Menschen in Frage gestellt werden darf. Dank an Frau Maskos fürs aufmerksam machen!
    Irene

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