30 Millionen Menschen warten auf Barrierefreiheit – und niemanden interessiert’s

Person im E-Rollstuhl mit Schirmmütze, karriertem Hemd, Brille und Bart auf einem Gehweg, im Hintergrund Bäume und eine Laterne.
Raúl Krauthausen ist einer von 30 Millionen Menschen, die auf Barrierefreiheit warten. Foto: Anna Spindelndreier.
Lesezeit ca. 3 Minuten

Wir müssen reden. Und zwar nicht über den nächsten runden Tisch oder die zwölfte Inklusions-Broschüre, sondern darüber, warum wir in Deutschland beim Thema Barrierefreiheit immer noch so tun, als wäre es eine bittere Medizin, die sich die Wirtschaft kaum leisten kann. Ein Weckruf von Raúl Krauthausen.

Einfach erklärt

Barrierefreiheit ist wichtig.
Sie ist kein nettes Extra.

Der Aktivist Udo Sierck sagt: Wir kämpfen heute zu leise für Inklusion.
Früher haben Menschen mit Behinderung laut protestiert. 

In Deutschland haben 13 Millionen Menschen eine Behinderung.
Das sind 10 von 100 Menschen.
Aber sie leben nicht allein.
Sie haben Familie und Freunde.
Zusammen sind das 30 Millionen Menschen.
Für sie alle ist Barrierefreiheit wichtig.

Viele Menschen sagen: Barrierefreiheit kostet zu viel Geld.
Das stimmt nicht.
Dieses Argument wird oft benutzt, um nichts zu verändern.

Ein neues Gesetz sagt: Bis zum Jahr 2045 sollen alle öffentlichen Gebäude barrierefrei sein.
Das ist sehr spät.
Viele Menschen warten schon ihr ganzes Leben darauf.

Raúl Krauthausen sagt: Wer Inklusion wirklich will, findet einen Weg.
Wer sie nicht will, findet nur Ausreden.

Wenn „brav sein“ nicht mehr ausreicht

Ich hatte kürzlich ein Gespräch mit Udo Sierck, einer der Koryphäen der Behindertenbewegung, genauer gesagt der „Krüppelbewegung“ der 70er-Jahre. Sein Fazit? Wir sind heute viel zu brav geworden. Während die Aktivist*innen damals auf die Barrikaden gingen, um echte Selbstbestimmung zu fordern, benutzen wir heute oft weichgespülte Begriffe, die niemanden mehr stören. Aber Inklusion ist kein Kuscheltermin.

Wir begnügen uns damit, dass die Grünen oder Linken unsere Ideen „gut finden“. Aber wir müssen die überzeugen, die Gesetze aktiv verhindern: die Union und die FDP. Und wenn wir uns nicht zusammenraufen und lauter werden, sieht die Zukunft – gerade mit Blick auf den Rechtsruck in unserer Gesellschaft – düster aus.

Behinderte Menschen kommen nicht allein. Wir haben Familien, Partner*innen, Freund*innen und Kolleg*innen. Überall dort, wo wir gemeinsam sein wollen, sind auch unsere „Nicht-Behinderten-Kompagnons“ auf Barrierefreiheit angewiesen.

Die Macht der 30 Millionen

Oft höre ich die Zahl: 10 % der Gesellschaft haben eine Behinderung. Das sind 13 Millionen Menschen in Deutschland. Scheinbar beeindruckt das niemanden in den Chefetagen der Politik. Aber rechnen wir doch mal ehrlich: Behinderte Menschen kommen nicht allein. Wir haben Familien, Partner*innen, Freund*innen und Kolleg*innen. Überall dort, wo wir gemeinsam sein wollen, sind auch unsere „Nicht-Behinderten-Kompagnons“ auf Barrierefreiheit angewiesen.

Denn dann reden wir von 30 Millionen Menschen. Und der demografische Wandel trifft jeden von uns. Wir werden alle älter, und mit dem Alter kommen die Barrierefreiheitsanforderungen – ob man sich nun als „behindert“ oder „alt“ sieht oder nicht. Gerade die Union sollte ihre eigene Wähler*innenschaft hier mal genauer unter die Lupe nehmen.

Es heißt, Menschen mit Behinderung bräuchten Autos, deshalb könnten Städte nicht autofrei werden. Aber wir wollen auch das Klima schützen!

Das Totschlagargument „Wer soll das bezahlen?“

Es macht mich wütend, wenn Journalist*innen mich fragen: „Wer soll das bezahlen?“ Meine Antwort: „Wann haben Sie eigentlich angefangen, den Politiker*innen alles nachzuplappern?“ Warum hinterfragen Medien nicht dieses Narrativ? Dass Barrierefreiheit Geld kostet, ist das ultimative Totschlagargument gegen alles geworden, z.B. auch beim Klimaschutz.

Dabei werden wir oft gegeneinander ausgespielt. Es heißt, Menschen mit Behinderung bräuchten Autos, deshalb könnten Städte nicht autofrei werden. Aber wir wollen auch das Klima schützen! Wir werden oft zur Umweltsünde gezwungen, weil der ÖPNV schlicht nicht barrierefrei ist. In Berlin sind wir privilegiert, aber auf dem Land sieht die Welt ganz anders aus.

Wer Inklusion will, findet einen Weg. Wer sie nicht will, findet Ausreden.

Lebenslanger Kampf bis 2045?

Wenn der aktuelle BGG-Entwurf sagt, dass 2045 das letzte öffentliche Gebäude barrierefrei sein soll, dann bin ich 65 Jahre alt. Das bedeutet, eine weitere Generation wird diesen Kampf ihr ganzes Leben lang gekämpft haben. Es ist Zeit, die Ausreden der „Ewigen-Aber-Sager“ zu entlarven. Wer Inklusion will, findet einen Weg. Wer sie nicht will, findet Ausreden.

Zwei Personen sitzen in einer schmalen Gasse, die linke trägt dunkle Kleidung und hat eine Hand an einem Kinderwagen, die rechte trägt einen knalligen grünen Rock und ein pinkes Shirt und nutzt einen Rollstuhl. Beide lächeln in die Kamera.

Babys für Barrierefreiheit. Ein neues Bündnis für mehr Solidarität.

Kinderwagen und Rollstuhl haben mehr gemeinsam, als man denkt: Beide scheitern an kaputten Aufzügen, hohen Stufen und anderen Barrieren im Alltag. Das neues Bündnis „Babys für Barrierefreiheit“ bringt Eltern und Menschen mit Behinderung zusammen. Redakteurin Carolin Schmidt hat mit den Initiator*innen Mona Bernhard und Max Balzer gesprochen.

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Mehrere Baueimer und Zementsäcke sind vor dem Bundestag aufgebaut, eine Person im Rolli spricht in ein Mikrofon.

Warum die BGG-Reform behinderten Menschen schadet

Zehn Jahre nachdem eine SPD-Ministerin ankündigte, die Privatwirtschaft nicht ewig von Barrierefreiheit auszunehmen, tut die BGG-Reform genau das: Sie erklärt bauliche Anpassungen pauschal für unzumutbar. Ein Gesetzentwurf, der Diskriminierung nicht abbaut, sondern absichert. Karina Sturm berichtet.

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Ein Kommentar

  1. Hört auf, Barrierefreiheit als kostspieligen Sonderwunsch zu behandeln!

    Die ständige Behauptung, dass 30 Millionen Menschen auf Barrierefreiheit warten, richtet politisch mehr Schaden an, als sie nützt. Sie drängt ein universelles Bau- und Designprinzip in die Ecke des Bittstellertums.

    Kein Mensch hinterfragt den Sinn von Rollkoffern, Automatiktüren oder Niederflurbussen. Sie wurden nicht aus Mitleid erfunden, sondern weil sie Abläufe für alle Menschen schneller, sicherer und bequemer machen. Genau das ist stufenlose Architektur: Sie ist schlicht die modernere, intelligentere Form des Bauens.

    Eine Treppe vor einem Amt, Bahnhof oder Geschäft ist kein architektonisches Kulturgut, sondern eine fehlerhafte Schnittstelle. Sie behindert Eltern mit Kinderwagen, Paketboten mit der Sackkarre, Reisende mit Koffer und ältere Menschen gleichermaßen. Wer Barrierefreiheit weiterhin als reine Sonderleistung verengt, liefert der Politik die perfekte Ausrede für die nächste Einsparung.

    Wir brauchen keinen Nachteilsausgleich aus Gefälligkeit. Wir brauchen einen kompromisslosen Zivilisations- und Komfortstandard, der die Lebensqualität und Attraktivität des gesamten öffentlichen Raums für 100 Prozent der Gesellschaft steigert.

    Diese Thematik ist auch Gegenstand meines Buches https://t1p .de/buch2031 #2031Buch

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