Babys für Barrierefreiheit. Ein neues Bündnis für mehr Solidarität.

Zwei Personen sitzen in einer schmalen Gasse, die linke trägt dunkle Kleidung und hat eine Hand an einem Kinderwagen, die rechte trägt einen knalligen grünen Rock und ein pinkes Shirt und nutzt einen Rollstuhl. Beide lächeln in die Kamera.
Mona Bernhard und Max Balzer setzen sich gemeinsam für verbindliche Barrierefreiheit ein. Bei der Aktion „Babys für Barrierefreiheit“ am Sonntag, 6. September um 11 Uhr am Kröpcke in Hannover sind alle Menschen willkommen, die sich für eine inklusive Gesellschaft stark machen wollen. Foto: Simon Pantermüller
Lesezeit ca. 5 Minuten

Kinderwagen und Rollstuhl haben mehr gemeinsam, als man denkt: Beide scheitern an kaputten Aufzügen, hohen Stufen und anderen Barrieren im Alltag. Das neues Bündnis „Babys für Barrierefreiheit“ bringt Eltern und Menschen mit Behinderung zusammen. Redakteurin Carolin Schmidt hat mit den Initiator*innen Mona Bernhard und Max Balzer gesprochen.

Einfach erklärt

Max und Mona haben ein neues Projekt gestartet.
Es heißt „Babys für Barrierefreiheit”.
Barrierefreiheit bedeutet: Alle Menschen kommen überall gut hin.
Auch mit Rollstuhl oder Kinderwagen.

Max ist Vater.
Mit dem Kinderwagen hat er oft Probleme gesehen: kaputte Aufzüge, enge Türen, hohe Stufen.
Mona nutzt einen Rollstuhl.
Für sie sind solche Hindernisse jeden Tag da.
Nicht nur für kurze Zeit wie bei Eltern mit Kinderwagen.

Max und Mona wollen Eltern und Menschen mit Behinderung zusammenbringen.
Gemeinsam wollen sie sich für mehr Barrierefreiheit einsetzen.

Am 6. September 2026 treffen sich viele Menschen in Hannover, am Kröpcke.
Los geht es um 11 Uhr.
Mitmachen kann jeder: mit Kinderwagen, Rollstuhl, Rollator oder Laufrad.

Die Gruppe fordert: Auch private Orte wie Cafés, Arztpraxen oder Restaurants müssen barrierefrei sein.
Dafür soll ein Gesetz geändert werden. Das BGG (Behinderten-gleichstellungs-gesetz).

Carolin Schmidt: Ihr habt gemeinsam „Babys für Barrierefreiheit“ ins Leben gerufen – was steckt genau dahinter?

Max Balzer: Die Idee ist in meiner Elternzeit entstanden. Wenn man mit einem Kinderwagen unterwegs ist, erlebt man Barrieren plötzlich sehr unmittelbar im eigenen Alltag: Der Aufzug ist kaputt, die Tür zu schmal oder vor dem Café sind ein paar Stufen. Als Vater mit Kinderwagen war das für mich noch einmal ein Moment, in dem ich gemerkt habe, wie sehr Barrierefreiheit darüber entscheidet, wo man hinkommt und wo nicht.

Ich habe vorher schon hier und da den Inklusionsbeirat der Stadt Hildesheim unterstützt und wusste deshalb auch, wie viele Verbesserungen vor Ort auf oft sehr kleinteiliges, ehrenamtliches Engagement von Menschen mit Behinderung zurückgehen. Über den Inklusionsbeirat bin ich auch mit Mona in Kontakt gekommen. Daraus entstand die Frage: Können wir diesen kurzen Moment, in dem viele Eltern Barrieren selbst besonders deutlich wahrnehmen, nutzen, um Solidarität zu schaffen?

Mona Bernhard: Für mich bedeutet „Babys für Barrierefreiheit“, Eltern und Menschen mit Behinderung zusammenzubringen und sich gemeinsam für mehr Barrierefreiheit einzusetzen. Besonders gut gefällt mir, dass wir nicht nur auf Barrieren hinweisen, sondern auch Orte sichtbar machen, die bereits barrierefrei sind. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich solche Orte finde – und finde es wichtig, auch zu zeigen: So kann es funktionieren.

Mona, du begleitest das Projekt als Rollstuhlfahrerin. Wie hat sich für dich die Zusammenarbeit mit den Eltern gestaltet und gab es Überraschungen beim Austausch über eure Erfahrungen mit Barrieren?

Mona: Wenn ich in Hannover oder Hildesheim unterwegs bin, komme ich immer wieder mit Eltern ins Gespräch – zum Beispiel im Bus, in der Bahn oder wenn wir gemeinsam vor einem Aufzug warten. Dann erzählen Eltern manchmal: „Das kenne ich noch aus der Kinderwagenzeit.” Längere Wege, Wartezeiten an Aufzügen oder Stufen sind Erfahrungen, die sich durchaus ähneln.

Der entscheidende Unterschied ist aber: Eltern erleben diese Barrieren für eine begrenzte Zeit und können sie häufig leichter umgehen. Einen Kinderwagen kann man im Zweifel zu zweit eine Stufe hochtragen. Mit einem Rollstuhl funktioniert das nicht so einfach. Auch die Kinder selbst nehmen die Barrieren im Kinderwagen wahrscheinlich noch gar nicht als solche wahr – betroffen sind zunächst vor allem die Eltern. Für mich als Rollstuhlfahrerin ist Barrierefreiheit dagegen dauerhaft eine Voraussetzung dafür, selbstständig am Alltag teilnehmen zu können.

Spannend fand ich deshalb gerade die Idee, diese beiden Gruppen einmal zusammenzudenken. Darauf wäre ich vorher ehrlich gesagt nicht unbedingt gekommen.

Das Thema beschäftigt mich inzwischen auch noch aus einer anderen Perspektive: Ich möchte in den nächsten Jahren gerne selbst Mutter werden. Dann möchte ich mein Kind auf einen barrierefreien Spielplatz begleiten können, in eine Kita oder Schule kommen und Arztpraxen erreichen können. Und natürlich gibt es auch Kinder mit Behinderungen. Barrierefreiheit sollte deshalb von Anfang an selbstverständlich mitgedacht werden.

Mona Bernhard

Mona Bernhard, geboren 1996 und in München aufgewachsen, lebt seit 2020 in Hildesheim. Im Oktober 2025 schloss sie ihren B.A. Kulturwissenschaften ab. Neben ihrem Studium und ihrer Tätigkeit als Theater- und Kulturvermittlerin engagiert sie sich seit März 2026 im Inklusionsbeirat der Stadt Hildesheim, unter anderem bei Selbsterfahrungsworkshops.

Porträt einer Person mit grüner Cap und Bart. Sie lächelt in die Kamera.

Max Balzer

Max Balzer ist Kulturwissenschaftler, Social Justice Trainer und schreibt über Krankheit, Kultur und Care – oft dort, wo Sprache fehlt. Er engagiert sich mit Sick People e.V. dafür, dass die Perspektiven chronisch kranker und behinderter Menschen zwischen Pop und Empowerment sichtbar werden.

Solidarität muss so organisiert sein, dass Menschen tatsächlich die Möglichkeit haben, sich zu beteiligen.

Warum, glaubt ihr, ist die Solidarität zwischen Eltern-Communitys und der Behindertenrechtsbewegung bisher so selten sichtbar geworden – trotz der naheliegenden gemeinsamen Interessen beim Thema Barrierefreiheit?

Max: Kleine Kinder kosten unglaublich viel Zeit und Kraft. Ich habe das Projekt während meiner Elternzeit mit angestoßen und merke selbst, dass ehrenamtliches Engagement in dieser Lebensphase ziemlich an die Substanz gehen kann. Gerade wenn Eltern wenig schlafen, stillen oder insgesamt sehr viel Care-Arbeit leisten, sind die Ressourcen schlicht begrenzt. Dafür habe ich großes Verständnis.

Deshalb versuchen wir auch, die Beteiligung möglichst niedrigschwellig zu machen. Unsere Aktion am 6. September ist in den Entdeckertag der Region Hannover eingebunden. Viele Familien haben also ohnehin einen guten Grund, an diesem Tag in die Innenstadt zu kommen, und es gibt dort bereits viel Infrastruktur und Angebote für Kinder. Solidarität muss auch so organisiert sein, dass Menschen tatsächlich die Möglichkeit haben, sich zu beteiligen.

Am 6. September geht ihr in Hannover gemeinsam mit Menschen mit Kinderwagen, Rollstuhl, Rollator und Laufrad auf die Straße. Was sind eure Forderungen?

Max: Wir fordern eine wirksame Reform des Behindertengleichstellungsgesetzes – mit verbindlichen Verbesserungen auch bei privaten Angeboten. Denn gerade dort findet Alltag statt: im Café um die Ecke, in der Arztpraxis, im Restaurant oder an Kulturorten. Dass diese Orte privat betrieben werden, darf nicht bedeuten, dass Barrierefreiheit dort freiwillig bleibt.

Uns ist außerdem wichtig, dass notwendige bauliche Veränderungen nicht pauschal als unzumutbar abgetan werden. Barrierefreiheit muss als Voraussetzung für Teilhabe verstanden werden – nicht als Extra, wie es im neuen Entwurf des Behindertengleichstellungsgesetzes (BGG) steht.

Mit „Babys für Barrierefreiheit“ unterstützen wir deshalb auch die Petition „Kein Freifahrtschein für Barrieren“, die verbindliche Barrierefreiheit fordert.

Was ist eure Vision für „Babys für Barrierefreiheit“?

Mona: Ich kann mir gut vorstellen, dass wir auch in Zukunft noch einmal etwas gemeinsam organisieren. Es gibt auf jeden Fall genug zu tun und ich finde es schön, wenn aus dem Projekt weitere Begegnungen zwischen Eltern und Menschen mit Behinderung entstehen.

Max: Ich würde mich freuen, wenn das, was wir jetzt in kurzer Zeit ehrenamtlich angestoßen haben, noch ein Stück weiterwachsen kann. Vielleicht finden sich dafür auch Partner*innen oder Organisationen, für die die Verbindung von Eltern, Behindertenrechtsbewegung und Barrierefreiheit längerfristig interessant ist.

Für mich wäre schon viel erreicht, wenn nach der Aktion mehr Menschen denken: Barrierefreiheit ist nicht das Anliegen einer kleinen Gruppe. Sie macht unseren gemeinsamen Alltag besser. Schließlich wurden viele der Verbesserungen, die wir heute selbstverständlich nutzen, von Menschen mit Behinderung erkämpft.

Babys für Barrierefreiheit – bringt mit uns etwas ins Rollen

Die Aktion Babys für Barrierefreiheit findet am Sonntag, 6. September 2026, um 11 Uhr am Kröpcke in Hannover statt. Fröhlich, laut und mit Clownerie für alle Generationen. Willkommen sind Menschen mit Kinderwagen, Rollstuhl, Rollator oder Laufrad – und alle, die sich für eine barrierefreie Gesellschaft einsetzen.

Derzeit wird eine Reform des Behindertengleichstellungsgesetzes beraten. Mit der Aktion fordert „Babys für Barrierefreiheit“ verbindliche Barrierefreiheit auch bei privaten Angeboten und unterstützt die Petition „Kein Freifahrtschein für Barrieren“.

Mehr unter: sickpeople.de/rollidary

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