Der Journalist und Diversity Manager René Schaar hat eine Petition gegen den aktuellen Entwurf des Behindertengleichstellungsgesetzes (BGG) gestartet. Im Interview mit Mareice Kaiser spricht er über Wut, fehlende politische Konsequenzen und warum der Gesetzentwurf aus seiner Sicht Barrieren nicht abbaut, sondern weiter zementiert.
Informationen in Einfacher Sprache
René Schaar hat eine Petition gestartet, weil er mit einem neuen Gesetz unzufrieden war.
Das Gesetzt heißt Behindertengleichstellungsgesetz.
Eigentlich soll es Menschen mit Behinderung die gleichen Chancen geben wie Nicht-Behinderten Menschen.
René Schaar fand den Entwurf für das Gesetz an vielen Stellen nicht gut.
Er hat selbst eine Internetseite gemacht und viele Politiker*innen angeschrieben.
Dabei wurde er noch wütender, vor allem über eine abwertende Antwort.
Er sagt: Menschen mit Behinderung sind keine „traurigen Schicksale“.
Sie leben ganz normale und gute Leben.
Er glaubt: Das Gesetz bringt nur kleine Verbesserungen.
Grundprobleme bleiben. Barrieren bleiben bestehen.
Er fordert: Barrierefreiheit soll Pflicht sein.
Nicht nur eine freiwillige Idee.
Er kritisiert auch: Wirtschaft und Rechte werden oft getrennt gesehen.
Das findet er falsch.
Er wünscht sich mehr echte Veränderung und mehr Mitsprache von Menschen mit Behinderung.
Und er will, dass Politik nicht so tut, als hätte sie schon genug getan.
Mareice Kaiser: Was war der Moment, in dem du dachtest: So, jetzt starte ich eine Petition?
René Schaar: Die aktivistische, behinderte Community in Deutschland ist nicht so groß. Wir hängen alle in den gleichen Gruppen bei Messenger-Diensten rum. Ich habe die ganze Zeit darauf gewartet, dass jemand etwas macht. Der Entwurf des Gesetzes war da und er war richtig schlecht. Und ich habe mich gefragt: Wo bleibt der Aufschrei? Die Wut und das Unverständnis war bei allen da. Aber keiner hatte die Energie, etwas zu starten. Ich wollte gerne irgendwo mitmachen, aber da kam nichts. Es kam nur: Man müsste mal… Man müsste eine Petition starten. Und dann dachte ich: Okay, now it`s my turn.
Und dann hast du losgelegt?
Ich habe damit begonnen, eine eigene Internetseite zu basteln und dort alle Infos und Kritikpunkte zu sammeln. Das war viel mehr für mich selbst, um mir erstmal einen Überblick zu verschaffen.
Wie ging es dir dabei?
Je mehr ich mich rein gearbeitet habe, desto wütender wurde ich. Mithilfe eines E-Mail-Tools von Raúl Krauthausen habe ich 119 Abgeordneten der Regierungsparteien geschrieben und Kritik geübt. Ich habe geschrieben: „Ich will doch nur mit meiner Mutter zum Arzt, mit Luis in die Kneipe oder mit Hanna in den Urlaub.“ Der Referent, der in der CDU für Teilhabe zuständig ist, hat mir geantwortet: „Es tut mir leid für die vielen traurigen Schicksale.“ Wir sind keine traurigen Schicksale! Wir haben ja alle wundervolle Leben und sind wunderbare Menschen und haben so viel, was uns ausmacht. Da ist die Behinderung nur ein Aspekt. Aber das, was bei ihm hängenbleibt, ist: Wir sind traurige Schicksale. Das hat mich so wütend gemacht.
Wie siehst du die Chancen für die Petition?
Viele aus der Community haben mittlerweile Hintergrundgespräche mit der Politik geführt. Alle Signale deuten darauf hin, dass wir nur kleine Verbesserungen erwirken können. Aber keine grundlegende Veränderung des Gesetzesentwurfs. So wie es jetzt geschrieben ist, verhindert das Gesetz echten Fortschritt. Das Gesetz baut keine Barrieren ab, sondern legalisiert sie. Wir sind kurz davor zu sagen: Lasst es einfach, Politik.

René Schaar
Rarbeitet als Diversity Manager beim Norddeutschen Rundfunk (NDR) und setzt sich in dieser Funktion für mehr Vielfalt in der Organisation ein. Seine Lieblingsfigur im Fernsehen ist Elin. Der Impuls für den ersten Charakter mit sichtbarer Behinderung in der deutschen Sesamstraße kam von ihm. Dafür wurde der NDR 2023 mit dem Senator-Neumann-Preis für Teilhabe ausgezeichnet. René Schaar lebt in Hamburg, sein Lieblings-Eis ist die Sorte Pistazie.
Foto: Privat
Also keine Gesetzesänderung?
Die Politiker*innen sollen auf jeden Fall nicht so tun, als würde sich etwas verbessern. Dann lasst uns einfach beim alten Gesetz bleiben. Dann wissen alle, woran wir sind, nämlich, dass Deutschland sich nicht für Barrierefreiheit einsetzt und Menschen mit Behinderung nicht gewollt sind. Das wäre zwar scheiße, aber wenigstens ehrlich.
Aus meiner Sicht sollte das Gesetz mit dem Offensichtlichen beginnen: „Barrierefreiheit ist Pflicht.“
Dann würde sich nichts ändern?
Wir brauchen aus meiner Sicht einen komplett neuen Aufschlag. Das würde uns um einige Jahre zurückwerfen. Aber wir wollen nicht, dass die Politiker*innen jetzt so tun, als würden sie sich für Menschen mit Behinderung einsetzen.
Wie müsste das Gesetz aussehen?
Aus meiner Sicht sollte das Gesetz mit dem Offensichtlichen beginnen: „Barrierefreiheit ist Pflicht.“ Mit einer Erklärung, wie wir sie umsetzen, mit Förderung für die Wirtschaft und Ausnahme- oder Übergangsregelungen für sehr kleine Geschäfte. Aktuell sagt der Gesetzentwurf aber: Barrierefreiheit ist „nive to have“ und individuelle Lösungen der Weg dahin. Das bedeutet: Du musst als Einzelperson überall anklopfen, bei Läden, bei Praxen, bei Unternehmen: „Hallo, mich gibt es auch. Ich hätte aus diesem Laden gerne ein Buch, könnt ihr euch jetzt mal schnell spontan Gedanken darüber machen, wie ich das bekommen kann?“
Die Trennung von Wirtschaft und Menschenrechten leuchtet mir nicht ein und entspricht nicht meiner Haltung.
In dem Entwurf wirkt es, als wäre Inklusion das Gegenteil von Wirtschaft.
Die Trennung von Wirtschaft und Menschenrechten leuchtet mir nicht ein und entspricht nicht meiner Haltung. Wenn ich ein Unternehmen leite, dann möchte ich doch den Teil der Gesellschaft, der behindert ist, chronisch krank, einen Rollstuhl oder einen Kinderwagen nutzt auch als Kund*innen haben. Das sind alleine bei Menschen mit Behinderungen 24 Prozent. Ich kann doch nicht auf ein Viertel der Leute verzichten! Und wenn wir weiter wirtschaftlich argumentieren: Wenn wir nachgelagert für Barrierefreiheit sorgen müssen, ist das doch viel teurer. Einen Fahrstuhl zu bauen oder etwas in Leichter Sprache zu formulieren, ist hinterher teurer und umständlicher, als es von Anfang an mitzudenken. Ich halte das für realitätsfremd, menschenfeindlich und auch für die Wirtschaft nicht gut. Man verhindert, dass Potenziale gehoben werden.
Gibt’s also aus Deiner Sicht gar nichts Gutes an dem Entwurf?
Es gibt sie, die „Inklusions-Buzzwords“, die erst mal gut klingen. Beispiel Gebärdensprache: Es soll ein neues Bundeskompetenzzentrum Gebärdensprache geben. Das Wort klingt toll. Doch als gleichwertige Sprache soll die Deutsche Gebärdensprache trotzdem nicht anerkannt werden. Was bringt mir also ein Kompetenzzentrum, wenn ich im Rathaus oder in einer Krise immer noch keinen echten Rechtsanspruch auf Kommunikation in meiner Sprache habe? Und das zieht sich durch den ganzen Entwurf: Es wird von „angemessenen Vorkehrungen“ gesprochen, aber gleichzeitig werden so viele Hintertüren für die Privatwirtschaft eingebaut, dass am Ende doch wieder die Stufe vor dem Laden bleibt.
Liegt das auch an Repräsentation, also dass zu wenig Menschen mit Behinderung Politik machen?
Definitiv. Wir sind generell in allen Machtpositionen – auch in der Politik – zu alt, zu weiß, zu nicht-behindert, zu finanziell unabhängig, zu gebildet, zu cis hetero. Entscheidungen würden anders getroffen werden, wenn mehr Perspektiven abgebildet wären. Wenn die in der Gesellschaft vorhandene Vielfalt auch sichtbar wäre.

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97 Prozent der Menschen erwerben ihre Behinderung erst im Laufe des Lebens. Deshalb spreche ich auch gerne von den noch-nicht-behinderten Menschen.
Auf Social Media und in anderen Medien habe ich vor allem Statements von Menschen mit Behinderung gesehen. Wie steht es um die Solidarität?
Ich hätte mir mehr Solidarität aus der Community der Eltern gewünscht. Sie sind häufig gemeinsam mit uns betroffen. Wenn sie mit einem Kinderwagen unterwegs sind, wenn sie phasenweise alleinerziehend sind. Wir sind uns als Communities sehr nah und ich wünschte, hier käme noch mehr Unterstützung.
Wie kann Solidarität hier aussehen?
Ich wünsche mir von allen Menschen, neugierig zu sein. Dass sie, wenn sie Behinderung hören – oder per Mail angeschrieben werden – nicht an traurige Schicksale denken. Sondern dass sie Behinderung als einen Aspekt des ganz normalen Lebens sehen. Sind wir neugierig aufeinander? Letztendlich wollen wir doch alle nur ein schönes Leben haben und uns auf Augenhöhe begegnen. Da bin ich manchmal sehr enttäuscht, wenn ich auf Menschen treffe, denen das egal ist oder die sagen: „Mach du mal dein Ding. Aber es ist nicht mein Thema.“ Dabei erwerben 97 Prozent der Menschen ihre Behinderung erst im Laufe des Lebens. Deshalb spreche ich auch gerne von den noch-nicht-behinderten Menschen.
Weil viele Behinderungen erst im Laufe des Lebens entstehen, ist Ableismus eine sich verändernde Diskriminierungserfahrung. Da liegt doch eigentlich viel Potenzial für Solidarität.
Die Menschen haben viel Angst vor Tod, Krankheit, Leid. Aus den Medien kennen sie nur ein bestimmtes Bild über Behinderung: Entweder sind wir angsteinflößende Wesen, traurige Schicksale oder auf der anderen Seite die Superheld*innen, zum Beispiel bei den Paralympics, die dann „trotz“ ihrer Behinderungen Höchstleistungen bringen und bewundert werden. Eine Normalität, einen Alltag gibt es da nicht. Mangelnder Austausch und Stereotype sorgen dafür, dass wir weiterhin tabuisiert werden. Menschen möchten sich nicht mit Krankheit oder Behinderung auseinandersetzen.
Du sagst, du bist pragmatisch – was ist also dein pragmatisches Ziel?
Wir müssen verhindern, dass die Politik behauptet, sie hätte was für Menschen mit Behinderung getan. Das hat sie nicht. Wir werden wir nicht zulassen, dass sie das behaupten. Ich fürchte: Menschen und Unternehmen bekommen eine sehr gute Ausrede, weiter zu diskriminieren.
Was kann ich tun
Petition zur BGG-Reform
Mehr Informationen zu René Schaars Petition zu einer Reform des BGG: https://innn.it/bgg
Über 64.000 Menschen haben bereits unterschrieben.
Ziel: Stärkere Rechte, echte Barrierefreiheit und wirksamer Schutz vor Diskriminierung.
Schreibe deiner*m Abgeordneten
Raúl Krauthausen kritisiert ebenfalls den Gesetzentwurf der Bundesregierung zur Reform des BGG.
Er hat Briefe an die zuständigen Abgeordneten von CDU/CSU und SPD geschrieben. Die Vorlage findest du hier. Konfrontiere deine Abgeordneten ganz konkret mit deiner Lebenssituation, mit den vielfältigen Barrieren und ganz konkreten Änderungsforderungen.