Barrierefreiheit ist kein Zustand, sondern ein Prozess: Das ReelAbilities Film Festival zeigt, wie Inklusion im Kulturbereich konsequent weitergedacht werden kann – und warum „nicht vollständig barrierefrei“ ein Anspruch, kein Mangel ist. Karina Sturm spricht mit Gründer Isaac Zablocki über Repräsentation im Film, über die Schwierigkeit, Menschen zu erreichen und über Behinderung als Spektrum.
Darum geht’s
Das ReelAbilities Film Festival in New York zeigt Filme über Behinderung und setzt sich sehr für Barrierefreiheit vor und hinter der Kamera ein.
Von Anfang an war es so geplant, dass alle Menschen teilnehmen können.
Ohne extra danach fragen zu müssen.
Der Gründer, Isaac Zablocki, sagt: Barrierefreiheit ist nie fertig.
Man kann sie immer weiter verbessern.
Deshalb entwickelt das Festival ständig neue Angebote.
Zum Beispiel Untertitel, Audiobeschreibungen und Apps, die beim Verstehen oder Orientieren helfen.
Heute ist ReelAbilities mehr als nur ein Filmfestival.
Es ist eine Bewegung für mehr Inklusion und bessere Darstellung von Menschen mit Behinderung in Filmen und Medien.
Eine Herausforderung ist: unterschiedliche Menschen haben unterschiedliche Bedürfnisse.
Es ist nicht immer einfach, für alle die beste Lösung zu finden.
Trotzdem versucht das Team, möglichst viele Menschen einzubeziehen.
Das Festival möchte auch Vorurteile abbauen.
Viele denken, Filme über Behinderung seien traurig.
ReelAbilities zeigt, dass diese Geschichten vielfältig und spannend sind.
Das Ziel ist ein langfristiger Wandel: Filme sollen helfen, wie Menschen über Behinderung denken.
Die Gesellschaft soll offener und inklusiver werden.
Beim ReelAbilities Film Festival in New York müssen Besucher*innen nicht nach Barrierefreiheit fragen oder sie gar erbitten. Sie ist und war von Anfang an das zentrale Element. „Und es gibt immer etwas, das man verbessern kann“, sagt Gründer Isaac Zablocki. Diese Haltung – dass vollständige Barrierefreiheit nie wirklich erreicht ist – hat dazu beigetragen, dass das ursprünglich jährlich Event heute sehr viel mehr als nur eine Filmreihe ist: Es fungiert als Vorbild für Barrierefreiheit und Repräsentation von Behinderung im Film.
„Eine kleine Bewegung“
„Wir sind inzwischen zu einer Bewegung geworden“, sagt Zablocki. Was als Plattform für unterrepräsentierte Filme über Behinderung begann, ist zu einem breiteren Diskurs über Barrierefreiheit, Repräsentation und Behinderung geworden. Als Zablocki das Festival gemeinsam mit Anita Altman gründete, wusste er allerdings nichts von der bereits bestehenden Bewegung innerhalb der Behindertencommunity. „Anita kam aus der Welt der Behindertenorganisationen. Ich kam aus dem Bereich Filmfestivals. Ich hatte das Gefühl, wenn ich ein Festival starte, sollte es sich auf ein unterrepräsentiertes Thema konzentrieren“, sagt Zablocki. Damals sah er vor allem eine einfache Lücke: Es gab hochwertige Filme über Behinderung, aber sie wurden selten gezeigt, weil das Thema so stigmatisiert ist und Medien es auch heute noch eher meiden.
ReelAbilities begann vor 18 Jahren als kleines Filmfestival in New York. Inzwischen ist daraus eine sich ständig verändernde Bewegung geworden, die jedes Jahr Tausende Menschen erreicht – durch das Festival in New York, Partnerfestivals in ganz Nordamerika und diverse weitere Programme. Darunter z. B. der Industry Summit, eine Konferenz für Professionelle aus dem Medienbereich, die dort mehr über Barrierefreiheit, Inklusion in Medien und Berufschancen erfahren können, Reel Education, ein Programm, dass sich an Lehranstalten richtet, die ihren Student*innen das Thema Behinderung näher bringen wollen ReelAbilities at the Workplace, was mittels der Film Festival Filme in Unternehmen Diskussionen über Behinderung anregt und ReelAbilities Stream, eine barrierefreie Plattform, auf der man Festivalfilme streamen kann. „2024 wurden wir zu ReelAbilities International“, berichtet Zablocki. Als unabhängige Non-Profit-Organisation ist ReelAbilities heute eine der zentralen Stimmen, wenn es darum geht, kulturelle Sichtweisen auf Behinderung zu verändern – vor allem in Film und Medien – und Inklusion voranzubringen. ReelAbilities nutzt dafür ganzjährige Bildungsprogramme, Filmvorführungen am Arbeitsplatz und anschließenden Diskussionen.
Unser Ansatz war, dass schlichtweg alles für behinderte Menschen zugänglich sein sollte. Das bedeutet Universal Design: Man kommt auf dieselbe Art hinein, man nutzt den Raum auf dieselbe Weise. Barrierefreiheit ist immer verfügbar – nicht auf Anfrage; sie ist für alle da.
Isaac Zablocki
Barrierefreiheit jenseits von Mindeststandards
Am deutlichsten zeigt sich die Mission von ReelAbilities in ihrem Verständnis von „Barrierefreiheit“. Die meisten Menschen denken bei Barrierefreiheit auf Filmfestivals nur an Rampen oder Untertitel auf einer Leinwand – also an den Text, den man heute bei den meisten Filmen und Serien zuschalten kann. „Wir sehen die Anforderungen des Americans with Disabilities Act eher als Ausgangspunkt und versuchen, darüber hinauszugehen“, sagt Zablocki. Der Americans with Disabilities Act, oder kurz ADA, ist geltendes amerikanisches Recht und schützt Menschen mit Behinderung vor Diskriminierung in allen Lebensbereichen. Der ADA regelt z. B. auch die Barrierefreiheit von öffentlichen Orten, nicht nur in Bezug auf die physische Barrierefreiheit, sondern auch auf Kommunikation, Sinnesbeeinträchtigungen uvm. „Unser Ansatz war, dass schlichtweg alles für behinderte Menschen zugänglich sein sollte. Das bedeutet Universal Design: Man kommt auf dieselbe Art hinein, man nutzt den Raum auf dieselbe Weise. Barrierefreiheit ist immer verfügbar – nicht auf Anfrage; sie ist für alle da“, erklärt Zablocki.
Und gerade in den Anfangsjahren der Veranstaltung war das überhaupt nicht einfach. „Wenn ich an das erste Jahr denke: Wir haben alle unsere Filme mit offenen Untertiteln gezeigt und hatten Audiodeskriptionen auf Anfrage und für Filme, die explizit für die blinde Community waren. Damals war die Erstellung von Audiodeskription kommerziell noch gar nicht verfügbar. Wir mussten Menschen selbst dafür schulen, unsere eigene Audiodeskription zu erstellen. Das hat sich im Laufe der Jahre komplett verändert.“
Heute bietet ReelAbilities Optionen, die auf individuelle Bedürfnisse zugeschnitten sind. Zu den Neuerungen in diesem Jahr gehört Audiodeskription für alle Langfilme über die App All 4 Access. Das Publikum kann die Beschreibungen direkt auf die eigenen Geräte streamen, wodurch man nicht mehr auf Technik in den Veranstaltungsorten angewiesen ist, die oft kaputt, nicht verfügbar oder gar nicht vorhanden ist. Live-Gespräche nach den Vorführungen werden in Echtzeit über die KODA-App untertitelt, inklusive Übersetzung vom Englischen ins Spanische – ebenfalls auf persönliche Geräte. Alle Filme sind außerdem virtuell verfügbar, in reizarmen Streamern, die für autistische und neurodivergente Zuschauer*innen entwickelt wurden. Das Festival nutzt zudem die Plattform Hear2There, die standortbezogene Audioinformationen in Echtzeit liefert und Nutzer*innen dabei hilft, sich selbstständig in Innen- und Außenräumen zu orientieren.
Über diese neuen Funktionen hinaus sind alle Filme mit offenen Untertiteln und Audiodeskription versehen. Bei allen Veranstaltungen gibt es ASL und Live-Untertitelung. Website und Ticketing sind vollständig barrierefrei. ReelAbilities stellt Materialien in Braille und Großdruck zur Verfügung, bietet reizärmere Vorführungen, eine Ladestation für Mobilitätshilfen, einen barrierefreien Transport-Valet-Service sowie eine finanzielle Zugangsregelung ohne Nachfragen. Und die Liste geht noch weiter.
Viele Leute sagen, wir seien vollständig barrierefrei, aber wie kann das sein, wenn wir jedes Jahr mehr Barrierefreiheit schaffen? Es gibt immer Raum, weiter zu wachsen.
Isaac Zablocki
„Nein, wir sind nicht vollständig barrierefrei“, sagt Zablocki und lacht. Andere Festivals behaupten das oft, doch für Zablocki ist Barrierefreiheit kein Zielstrich – sie ist ständige Arbeit und Entwicklung. Kleine Details lassen sich immer verbessern und können für behinderte Menschen den entscheidenden Unterschied machen. Zablocki erinnert sich: „Es hat bis zum fünften Jahr gedauert, bis uns auffiel, dass die Seife im Damen-WC– und ich sage Damen-WC, damit ich dafür keine Verantwortung übernehmen muss“, sagt er lachend, „zu hoch angebracht war. Heute achten wir jedes Mal, wenn wir das Festival durchführen, darauf, dass die Seife erreichbar ist.“
Reibungen bei der Barrierefreiheit
Und es gibt auch einen guten Grund für die vielen verschiedenen Barrierefreiheitsoptionen. Denn Behinderung ist ein breites Spektrum und manchmal bedeutet die Barrierefreiheit einer Person den Ausschluss einer anderen. Das nennt man „access friction“ (übersetzt so viel wie “Zugangsreibung”). Ein Gleichgewicht für alle zu finden – behinderte und nichtbehinderte Menschen – ist schwierig und zeitaufwendig. Zablocki löst dies folgendermaßen „Vieles hängt einfach mit der Haltung zusammen: Lasst uns schauen, was wir tun können. Wie können wir die Person unterstützen? Wie können wir ihr den Raum zugänglicher machen?“
Standards setzen – über ReelAbilities hinaus
ReelAbilities hat neue Branchenstandards gesetzt, aber folgen auch andere, nicht auf Behinderung fokussierte Festivals, diesem Beispiel? Naja, einige versuchen es. „Wir arbeiten mit vielen Filmfestivals zusammen, sowohl persönlich als auch über unsere Programme. Alle meinen es gut, aber in der Praxis ist es schwer“, sagt Zablocki. Sundance habe seine Barrierefreiheit im Laufe der Jahre verbessert, erklärt er. Anfangs wurden dort aber nur die Filme untertitelt, nicht die Gespräche im Anschluss – obwohl diese genauso wichtig sind. Ohne Zugang zur Diskussion bleibt das Erlebnis unvollständig. In diesem Jahr bot Sundance auch Untertitel für Veranstaltungen nach den Filmen an. „Ich hoffe, dass das tatsächlich darauf zurückzuführen ist, dass wir immer wieder die Botschaft wiederholen, dass es bei Barrierefreiheit eben nicht nur um den Film geht. Es geht darum, das gesamte Erlebnis zugänglich zu machen.“
Der Fortschritt ist langsam. Behinderte Menschen wissen das. Wer schon einmal einen elektrischen Lift auf eine Bühne benutzt hat, weiß, wie lang sich diese sechzig Sekunden anfühlen. Trotzdem wird allein ein Lift oder eine Rampe bei manchen Veranstaltungen bereits als großer Fortschritt gefeiert. 2021, als Jim LeBrechts „Crip Camp“ für einen Oscar nominiert war, gab es auf der Oscar-Bühne zum ersten Mal überhaupt eine Rampe. „Ich sehe viele Festivals, die Ja zu Barrierefreiheit sagen. Aber wenn es ans Handeln geht, probieren sie nur eine Sache aus, vielleicht ein einzelnes Feature, und oft versandet es dann.“
Behinderung auf der Leinwand neu rahmen
Viele denken, Barrierefreiheit sei die größte Herausforderung von ReelAbilities. In Wirklichkeit ist die größte Herausforderung, Menschen überhaupt dazu zu bringen, zu kommen. „Wenn sie einmal da sind, sind sie überzeugt. Die Leute haben eine großartige Erfahrung. Aber es ist immer ein Kampf, sie überhaupt hereinzubekommen“, sagt Zablocki. „Es ist schwer zu verkaufen.“ Viele Menschen nehmen an, dass die Filme traurig sein müssen, weil es um Behinderung geht. Leider ist das ein verbreitetes Stereotyp unter nichtbehinderten Menschen. Ironischerweise ist Film eigentlich das beste Medium, um solche Stereotype aufzubrechen. „Unser Slogan ist buchstäblich ‚reframing disability‘“, erklärt Zablocki. „Wir zeigen Behinderung in einem neuen Licht. Die Geschichten werden in der Ich-Perspektive erzählt, aus einer Behindertenperspektive. Wir beziehen Behinderung auf authentische Weise ein – nicht nur vor der Kamera, sondern auch hinter den Kulissen.“ Zablocki ist überzeugt, dass diese Filme tatsächlich verändern, wie Zuschauer*innen behinderte Menschen sehen.
Filme prägen kulturelles Verständnis, besonders von Minderheiten.
Ein Programm, geformt vom Moment
Filme prägen kulturelles Verständnis, besonders von Minderheiten. Das ist im heutigen globalen und politischen Klima wichtiger denn je. Das diesjährige Programm, das tagesaktuellste in der 18-jährigen Geschichte des Festivals, umfasst einen von Bob Odenkirk gesprochenen Dokumentarfilm über die Krisen in den USA rund um mentale Gesundheit (“No One Cares About Crazy People”). Außerdem gibt es eine Untersuchung über die Ermordung behinderter Menschen im NS-Deutschland (“Disposable Humanity”). Ebenfalls Teil des Programms sind ein gehörloser ukrainischer Mann, der sich durch die russische Invasion bewegt (“VIKTOR”), und eine romantische Komödie über Autismus, psychische Gesundheit und reproduktive Autonomie (“Lone Wolves”).
Zablocki sagt, Behinderung sei oft das letzte Thema, das einbezogen oder überhaupt bedacht werde – und das erste, das gestrichen werde, besonders heutzutage. Genau deshalb tritt ReelAbilities auf die Bühne und nutzt seine Filme, um bildlich gesprochen noch lauter zu rufen, dass Barrierefreiheit, behinderte Repräsentation und Identität ins Zentrum der Gesellschaft gehören – nicht an ihren Rand. Der Einfluss des Festivals zeigt sich sowohl in seiner eigenen Arbeit als auch in den Standards, die es seit 18 Jahren mitgeprägt hat. Doch für Zablocki liegt der eigentliche Erfolg von ReelAbilities jenseits einer einzelnen Veranstaltung. „Das größte Maß ist kultureller Wandel“, sagt er. „Wenn diese Filme überall laufen, wird die Welt besser sein.“
Veröffentlichung in Kollaboration mit dem Global Disability News Network.