Was ist Ableismus? Warum Ausgrenzung und Gewalt kein Einzelfall sind

Demo am Reichtagsufer, im Hintergrund der Bundestag. Die Sonne scheint, einige Menschen haben sich versammelt. Eine Person trägt ein Schild mit der Aufschrift „Selbstbestimmt Leben“
Menschen mit Behinderungen kämpfen seit vielen Jahren für ihre Rechte, aber Ableismus ist tief in der Gesellschaft verankert. Foto: Andi Weiland | Gesellschaftsbilder.de
Lesezeit ca. 15 Minuten

Morgen ist Europäischer Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung. Wie sieht es aus mit dieser Gleichstellung? Ableismus zeigt sich nicht nur in offensichtlicher Diskriminierung, sondern durchzieht den Alltag behinderter Menschen auf vielen Ebenen: in bevormundenden Strukturen, fehlender Barrierefreiheit, stereotypen Darstellungen in den Medien oder gesellschaftlichen Vorstellungen darüber, was ein „lebenswertes“ Leben ist. Besonders in stationären Einrichtungen verdichten sich diese Formen von Ableismus zu einem System aus Abhängigkeit und Kontrolle mit teils lebensgefährlichen Folgen. Karina Sturm berichtet, wie tief Ableismus immer noch in unserer Gesellschaft und im Alltagsleben verankert ist, warum Gewalt gegen behinderte Menschen kein Einzelfall ist und weshalb echte Gleichstellung nur durch Selbstbestimmung möglich ist.

Inhaltshinweis

Dieser Text beschäftigt sich mit Diskriminierung und Gewalt an Menschen mit Behinderung. Das kann belastend sein. Unter der Telefonnummer 0800 111 0 111 können Erwachsene die anonyme und kostenfreie Telefon-Seelsorge anrufen. Menschen mit Behinderung können sich beispielsweise an den Psychologischen Dienst der Lebenshilfe Berlin wenden.

Informationen in Einfacher Sprache

Viele Menschen mit Behinderungen können nicht selbst über ihr Leben entscheiden.
Sie leben oft in Einrichtungen, wo andere über ihren Alltag bestimmen.
Dort kommt es auch häufig zu Gewalt.
Diese Gewalt wird oft nicht gesehen oder ernst genommen.
Ableismus bedeutet, dass behinderte Menschen schlechter behandelt werden.
Das passiert in der Gesellschaft, in den Medien und im Alltag.
Projekte wie #AbleismusTötet zeigen: Gewalt gegen behinderte Menschen passiert oft und ist kein Einzelfall.
Deshalb müssen sich Dinge ändern.
Alle Menschen haben das Recht auf ein selbstbestimmtes und sicheres Leben.

Die Webseite AbleismusTötet gibt es auch in Leichter Sprache. Du findest sie hier.

Ein Beispiel für ein Leben in einer stationären Einrichtung

Stell dir vor, du musst jeden Tag um spätestens 22 Uhr im Bett sein, egal ob du müde bist oder nicht; egal ob es ein Wochentag oder Wochenende ist. Du musst morgens vor 8 Uhr aufstehen, unabhängig davon, ob du vielleicht ausschlafen möchtest. Du kannst mittags und abends zwischen zwei Gerichten wählen: Fleisch oder vegetarisch. Wenn du keine Lust auf das geplante Essen hast, hast du Pech – Alternativen gibt es nicht. Verpasst du die Essenszeit, fällt die Mahlzeit für dich aus. Zwischendurch einen Snack aus dem Kühlschrank nehmen? Keine Chance. Der ist abgeschlossen und du brauchst eine Pflegekraft, um ihn aufzuschließen. Du möchtest spontan einen Freund oder eine Freundin besuchen? Oder vielleicht möchtest du einfach mal rausgehen und frische Luft schnappen? Dafür gibt es kein Personal. Also bleibst du drinnen, auch wenn draußen die Sonne scheint. Selbst die kleinsten Entscheidungen sind nicht in deiner Hand. Ob du dein Zimmer individuell gestalten, ein Haustier halten oder “Alexa” anschaffen möchtest – alles muss genehmigt werden. 

Dieses Beispiel beschreibt eine Form von Ableismus, die Menschen mit Behinderungen in stationären Einrichtungen erfahren. Statt selbstbestimmt zu leben, sind sie oft gezwungen, sich einem System zu fügen, das ihre Autonomie und ihre Rechte einschränkt. 

Was ist Ableismus?

„Ableismus ist die Diskriminierung von behinderten Menschen, basierend auf negativen Vorurteilen zugunsten nicht behinderter Menschen. Er fußt auf der Annahme, dass die Fähigkeiten der Dominanzgesellschaft jenen behinderter Menschen überlegen seien, ja, dass nicht behinderte Menschen mehr wert seien und mehr zur Gesellschaft beitrügen.“ Ableismus zeigt sich nicht nur in Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen, sondern ist tief verankert in der Gesellschaft. Diese misst alle Menschen an einer fiktiven „Norm“-Person, die zu keinem Zeitpunkt je körperlich, psychisch oder geistig behindert ist. Der Begriff Ableismus leitet sich vom englischen Wort „able“ ab, was so viel wie „fähig” bedeutet. Der englische Begriff „ableism” wurde in den 1980er-Jahren von Feministinnen geprägt, aber schon in den 60er/70er-Jahren von der Behindertenrechtsbewegung eingeführt. Zum ersten Mal gedruckt wurde er 1986 in einer Pressemitteilung.

Menschen mit Lernschwierigkeiten werden oft als unfähig wahrgenommen und wie Kinder behandelt. Ihnen wird jegliche Form der Selbstbestimmung abgesprochen.

Ursachen von Ableismus

Ableismus entsteht durch verschiedene gesellschaftliche Mechanismen. Stereotypisierung spielt dabei eine zentrale Rolle. Stereotype entstehen, wenn Menschen oder Gruppen von Menschen, z. B. behinderte Menschen, in vereinfachte Kategorien, die meist negativ behaftet sind, eingeteilt werden. Beispielsweise werden Menschen mit Lernschwierigkeiten oft als unfähig wahrgenommen und wie Kinder behandelt. Ihnen wird jegliche Form der Selbstbestimmung abgesprochen und gerade Erwachsene mit Down-Syndrom werden häufig als „süß” oder „lieb” beschrieben und verniedlicht. Ihnen wird der Kopf getätschelt und sie werden nicht ernst genommen. Sichtbar körperlich behinderte Personen gelten oft als hilflos und es wird mit ihrer Begleitperson statt mit ihnen selbst gesprochen. Überhaupt wird ständig davon ausgegangen, die Begleitung sei die Pflegekraft, Betreuer*in oder Familienangehörige, aber nicht Freund*in, Partner*in usw. Ein weiterer Mechanismus für Ableismus ist die Stigmatisierung, die häufig Menschen mit psychischen Erkrankungen betrifft. Sie werden in der Öffentlichkeit als aggressiv oder gefährlich dargestellt, was dazu führt, dass viele Menschen Angst vor psychisch behinderten Menschen haben. 

Die Medien haben einen großen Einfluss darauf, wie behinderte Menschen von der Dominanzgesellschaft wahrgenommen werden. Wie Journalist*innen behinderte Menschen darstellen, kann Stereotypen entgegenwirken oder sie noch verstärken. Die zwei bekanntesten Stereotypen rund um Behinderung in den Medien sind „Inspiration Porn”, die Held*innendarstellung, und „das ewige Leid”, die Opferrolle. Inspiration Porn bezeichnet die vereinfachte Darstellung von Menschen mit Behinderungen als inspirierend, ausschließlich aufgrund ihrer Behinderung, und nicht basierend auf ihren tatsächlichen Leistungen. Die behinderte Person soll nur aufgrund ihrer Existenz motivierend und inspirierend für nicht behinderte Menschen sein. Das Gegenteil davon ist die Opferrolle, bei der die behinderte Person dargestellt wird, als würde sie wegen der Behinderung ein ganz trauriges, bemitleidenswertes Dasein fristen ohne einen Funken von Freude; als wäre Behinderung ein ganz schreckliches Schicksal. Es gibt noch viele weitere stereotype oder stigmatisierende Narrative in den Medien. 

Medizinisches Modell

Behinderung als Defizit, das man heilen muss. Die behinderte Person wird auf ihre Diagnose reduziert. Man ist behindert.

Soziales Modell

Die Behinderung ist nicht das Problem, sondern die Barrieren in der Umwelt. Man wird behindert.

Menschenrecht-liches Modell

Behinderung ist Teil von Vielfalt und Gesetze müssen Gleichberechtigung schaffen.

Modelle von Behinderung

Des Weiteren werden behinderte Menschen oft pathologisiert, das heißt, Behinderung wird als krankhafter Zustand wahrgenommen, der „behoben“ oder zumindest verbessert werden muss – eine Sichtweise, die zentral für das medizinische Modell von Behinderung ist. Das medizinische Modell betrachtet Behinderung als ein individuelles Defizit/Problem, das durch medizinische Behandlungen geheilt oder durch Rehabilitation verbessert werden sollte. Dieses Modell herrscht, obwohl veraltet und von Behindertenrechtsorganisationen kritisiert, vor allem in Deutschland noch vor. Im Gegensatz dazu betont das soziale Modell, dass Behinderungen nicht (alleine) durch die Beeinträchtigung entstehen, sondern durch gesellschaftliche Barrieren, die behinderte Menschen daran hindern, vollständig teilzuhaben. Das menschenrechtliche Modell entstand im Zuge der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) und überträgt Menschenrechte auf Menschen mit Behinderung. Beim menschenrechtlichen Modell liegt der Fokus auf der Anerkennung von Vielfalt und der Beseitigung von Diskriminierung, sodass alle Menschen die gleichen Rechte und Möglichkeiten haben können.

Sichtbarkeit und Ausschluss

Menschen mit Behinderungen sind in vielen Bereichen auch heute noch unsichtbar, was Diskriminierung weiter verstärkt. Viele leben in Einrichtungen am Stadtrand und sind von der breiten Gesellschaft isoliert, was für nicht behinderte Menschen den Eindruck erweckt, dass es keine behinderten Menschen in ihrem direkten Umfeld gibt. Hinzu kommt der Mangel an Barrierefreiheit, etwa in Kinos ohne Untertitel oder Audiodeskriptionen, wodurch behinderte Menschen oft vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen werden. All diese Mechanismen tragen dazu bei, dass Menschen mit Behinderungen in vielen Bereichen des Lebens benachteiligt werden.

Ableismus ist in Deutschland sowie in vielen anderen Ländern tief verankert in der Geschichte.

Ableistische Geschichte

Doch Ableismus ist nicht neu, auch wenn viele Menschen den Begriff nie zuvor gehört haben. Ableismus ist in Deutschland sowie in vielen anderen Ländern tief verankert in der Geschichte. Bereits während der NS-Zeit verfestigte sich das Gedankengut, dass nur ein gesunder, nicht behinderter Körper und Geist nützlich für die Gesellschaft seien in Form von Eugenik, was so viel bedeutet wie „Verbesserung des Erbguts”. Mit dieser „Kosten-Nutzen-Rechnung” wurden dann staatlich geförderte Programme zur Zwangssterilisation von rund 360.000 Menschen mit „genetischen Defekten” begründet – und das spätere Euthanasie-Programm und der Holocaust vorbereitet. 

Unter dem Deckmantel der „Euthanasie” (ursprünglich ein neutrales Wort für „guter Tod”) wurden ab den 1920er Jahren vor allem psychisch kranke Personen und Menschen mit sogenannten „geistigen Behinderungen” ermordet. Sie wurden von den Verantwortlichen als „Ballastexistenzen” bezeichnet. 1939 folgte die Aktion T4, während der alle behinderten Menschen systematisch getötet wurden. Zwar wurde diese 1941 offiziell gestoppt, aber weiterhin starben behinderte Menschen an den Folgen von „medizinischen Behandlungen” oder wurden Opfer von Experimenten. 

Dieses Gedankengut, das behinderte Menschen als weniger wertvoll ansieht, zieht sich noch immer durch die Gesellschaft und zeigt sich in der Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen in allen Bereichen des täglichen Lebens, wie z. B. in Debatten über Pränataldiagnostik, Entscheidungen rund um Triage, Diskussionen über sexuelle Bedürfnisse als behinderte Person oder Verweigerung von selbstbestimmtem Leben. 

Die Entscheidung für oder gegen ein Kind mit Behinderung wird dabei oft als individuelle Wahl wahrgenommen, ist jedoch stark von unserer ableistischen Gesellschaft beeinflusst. 

Alltagsableismus: Pränataldiagnostik

Seit 1. Juli 2022 werden die nicht-invasiven Pränataltests (NIPT) von den Krankenkassen bezahlt – eine Form von Alltagsableismus in der heutigen Zeit. NIPTs sind Bluttests, die während der Schwangerschaft durchgeführt werden können, um Chromosomenveränderungen, wie z. B. das Down-Syndrom (Trisomie 21), Trisomie 18 und 13 beim Fötus festzustellen. Behindertenrechtsaktivist*innen kritisieren weltweit, dass diese Tests zur Selektion von Menschen mit Behinderungen beitragen. Die frühe Erkennung von vor allem dem Down-Syndrom führt in vielen Ländern zu einer drastischen Abtreibungsrate – bis zu 90 % der betroffenen Föten werden abgetrieben. In Ländern wie Island und Dänemark, die NIPTs mittlerweile routinemäßig anbieten, entscheiden sich nahezu alle schwangeren Personen nach einem positiven Test für einen Schwangerschaftsabbruch. Diese Entwicklung führt zu einer Gesellschaft, in der immer weniger und irgendwann gar keine Kinder mit Down-Syndrom mehr geboren werden. Die Entscheidung für oder gegen ein Kind mit Behinderung wird dabei oft als individuelle Wahl wahrgenommen, ist jedoch stark von unserer ableistischen Gesellschaft beeinflusst. 

Alltagsableismus: Triage

Ein anderes Beispiel für Ableismus in alltäglichen Situationen, die weitreichende Konsequenzen haben können, offenbarte sich zu Beginn der Coronavirus-Pandemie in Form von „Triage”. Triage bezeichnet ein Verfahren zur Priorisierung medizinischer Behandlungen, das angewendet wird, wenn Ressourcen knapp sind. In solchen Situationen entscheidet das medizinische Personal, welche Patient*innen zuerst behandelt werden, basierend auf festgelegten Kriterien. Mit überfüllten Intensivstationen und immer rarer werdenden Beatmungsgeräten empfahlen Fachgesellschaften in Deutschland Kriterien wie die „Clinical Frailty Scale“ (CFS), die Behinderungen, Vorerkrankungen oder den Einsatz von Hilfsmitteln zur Bewertung im Triagefall einbezogen. Im Ernstfall würde das bedeuten, dass die behinderte Person benachteiligt werden würde, denn ihre Behandlung würde als weniger „erfolgsversprechend” gelten, als die der nicht behinderten Person. In Großbritannien führte das direkt zur Nichtbehandlung von mehreren behinderten Menschen. Eine Verfassungsbeschwerde der Behindertenrechtsorganisation AbilityWatch führte Ende 2022 zu einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das Diskriminierung bei Triage-Entscheidungen untersagte, gefolgt von einer offiziellen Triage-Regelung des Bundestags. Dennoch bleibt die Angst im Notfall nicht versorgt zu werden, bestehen, da diese Regelung nun erneut von 14 Ärzt*innen angefochten wurde – mit offenem Ende.

Besonders häufig wird die Sexualität von Menschen mit Lernschwierigkeiten kontrolliert oder ignoriert. Ihnen wird jegliche Form von sexueller Selbstbestimmung abgesprochen.

Alltagsableismus: „Behinderte haben keinen Sex“ 

Behinderte Menschen stehen in Beziehungen und Sexualität oft vor zusätzlichen Hürden, die meist durch gesellschaftliche Vorurteile geprägt sind. Inter-abled-Beziehungen, also Partnerschaften zwischen behinderten und nicht behinderten Menschen, sind besonders stigmatisiert. Die Dominanzgesellschaft denkt, dass behinderte Menschen nur andere Behinderte daten könnten. Als behinderte Person Partner*innen zu finden, die diese ableistischen Ansichten nicht teilen, ist besonders schwierig. So passiert es häufig, dass behinderte Menschen aus ihrem Umfeld hören: „Magst du nicht mal meine behinderte Freundin kennenlernen? Die sitzt auch im Rollstuhl.” Als ob rein der Faktor „Behinderung” ausreiche für eine erfolgreiche Beziehung. Gleichzeitig internalisieren viele behinderte Menschen selbst solche Stereotype, etwa die Annahme, sie seien eine „Last” für ihr Umfeld oder nicht begehrenswert, was sie zusätzlich hemmt, Beziehungen einzugehen. Auch in Bezug auf Sexualität werden behinderte Menschen oft entmenschlicht und nicht als sexuelle Wesen wahrgenommen. Der Zugang zu sexuellen Erfahrungen oder Intimität ist für viele eingeschränkt, sei es durch fehlende Barrierefreiheit, körperliche Beeinträchtigungen oder Tabus. Besonders häufig wird die Sexualität von Menschen mit Lernschwierigkeiten kontrolliert oder ignoriert. Ihnen wird jegliche Form von sexueller Selbstbestimmung abgesprochen. Oft wird ihnen unterstellt, sie würden eigene Wünsche nicht verstehen oder können Grenzen nicht formulieren. Solche Stereotype sind besonders gefährlich, denn die führen z. B. auch heute noch dazu, dass 10-18 Prozent der Personen mit Uterus und Behinderung, viele davon mit Lernschwierigkeiten, sterilisiert sind – doppelt so viele im Vergleich zu nicht behinderten Personen. 

Der Ausbau und die Fortführung von Einrichtungen für behinderte Menschen sind nicht nur ein Hindernis für ein selbstbestimmtes Leben, sondern schaffen auch den Nährboden für Gewalt. 

Alltagsableismus: kein selbstbestimmtes Leben möglich

Menschen mit Behinderungen werden in Deutschland bereits in der Kindheit durch Sonderstrukturen wie Förderschulen von der Dominanzgesellschaft separiert. Der Großteil der Schüler*innen von Förderschulen erreicht keinen in Deutschland anerkannten Schulabschluss, wodurch den behinderten Jugendlichen eine weiterführende Qualifikation in Form einer Ausbildung auf den allgemeinen Arbeitsmarkt verwehrt wird. Oft bleibt dann nur der Weg in die Werkstätten für Menschen mit Behinderung (WfbM). Über 320.000 Menschen arbeiten derzeit in WfbM, die als inklusiver und sicherer Ort für behinderte Menschen vermarktet werden, jedoch für die dort arbeitenden Menschen weder gleiche Rechte noch faire Bezahlung bieten. Arbeitende in Werkstätten erhalten durchschnittlich 211 Euro pro Monat – ein Taschengeld – während große Unternehmen von der Produktion in WfbM profitieren. Die Aufgabe der Werkstätten ist eigentlich, behinderte Menschen für die Arbeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt auszubilden, doch seit vielen Jahren liegt die Vermittlungsquote bei unter einem Prozent. 

Für viele Menschen mit Behinderungen bleibt auch ein Leben in den eigenen vier Wänden ein unerreichbarer Traum. Stattdessen sind sie häufig gezwungen, in stationären Einrichtungen zu leben, in denen ein selbstbestimmtes Leben unmöglich ist. In Deutschland wohnten 2022 192.500 Menschen in Einrichtungen für behinderte Menschen – ein Umstand, der im Widerspruch zur UN-Behindertenrechtskonvention steht. Diese verpflichtet dazu, behinderten Menschen ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen, was neben barrierefreiem Wohnraum auch flexible Unterstützungsmodelle wie z. B. Persönliche Assistenz erfordert. Außerdem gibt es seit 2022 Leitlinien zur Deinstitutionalisierung, also dem Abbau von Sonderstrukturen für behinderte Menschen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Sie bleiben nicht nur bestehen, sondern entwickeln sich teilweise weiter – etwa durch den Neubau von Förderschulen in einigen Bundesländern oder den Ausbau von Einrichtungsplätzen. Der Ausbau und die Fortführung von Einrichtungen für behinderte Menschen sind nicht nur ein Hindernis für ein selbstbestimmtes Leben, sondern schaffen auch den Nährboden für Gewalt. 

Menschen mit Behinderungen haben ein zwei- bis vierfach höheres Risiko, Gewalt zu erfahren. Besonders betroffen sind Frauen mit Behinderungen

Gewalt in stationären Wohneinrichtungen

Stationäre Einrichtungen bergen ein erhebliches Risiko für Gewalt gegen behinderte Menschen, da sie eine Vielzahl von strukturellen und sozialen Faktoren vereinen, die Übergriffe begünstigen. Abhängigkeiten und Machtgefälle können leicht ausgenutzt werden – insbesondere in einem System, das von institutionellen Zwängen geprägt ist. Fehlende Privatsphäre, sowie intime Pflegesituationen wie Körperhygiene schaffen ein vulnerables Umfeld. Zusätzlich mangelt es häufig an Aufklärung über sexuelle Gewalt oder Zugang zu externen Unterstützungsstrukturen. Bewohnerinnen haben oft kein Mitspracherecht bei Entscheidungen, die ihr Leben direkt betreffen, und berichten von fehlenden Vertrauenspersonen sowie einer generellen Isolation innerhalb des geschlossenen Systems. Gesellschaftliche Stereotypen und Ableismus verstärken diese Problematik, indem betroffene Menschen nicht ernst genommen oder ihnen nicht geglaubt wird.

Menschen mit Behinderungen haben ein zwei- bis vierfach höheres Risiko, Gewalt zu erfahren. Besonders betroffen sind Frauen mit Behinderungen, von denen zwischen 68 und 90 Prozent psychische Gewalt und 58 bis 75 Prozent körperliche Gewalt erlebt haben – jeweils doppelt so häufig wie Frauen ohne Behinderung. Zudem berichten zwei- bis dreimal so viele behinderte Frauen von sexualisierter Gewalt. Unter Frauen mit Lernschwierigkeiten erleben 40 bis 70 Prozent bereits vor der Volljährigkeit sexualisierte Gewalt. 

#AbleismusTötet
ist ein journalistisches Rechercheprojekt, das Fälle von Gewalt an behinderten Menschen in stationären Wohneinrichtungen in Deutschland dokumentiert, Hilfsangebote recherchiert und Forderungen an die Politik stellt. Website: https://ableismus.de

AbilityWatch versteht sich als Teil einer modernen Behindertenbewegung in Deutschland. Als Aktionsplattform wollen sie Politik kritisch begleiten, Fragen aufwerfen und das soziale Modell von Behinderung etablieren. AbilityWatch fordert die Vertretung für Menschen mit Behinderung von Menschen mit Behinderungen. Als DPO (Disabled People’s Organisation) organisieren sie Demonstrationen, betreiben Öffentlichkeitsarbeit und werden weiterhin mit provokanten Aktionen auf die fehlende Gleichberechtigung und mangelnde Einhaltung der UN-Behindertenrechtskonvention hinweisen. Website: https://abilitywatch.de/

#AbleismusTötet: keine Einzelfälle

Am 28.04.2021 wurden im Oberlinhaus in Brandenburg vier Menschen mit Behinderungen von einer Mitarbeiterin ermordet. Eine weitere Person wurde schwer verletzt. In den Medien wurde daraufhin immer wieder von “Einzelfällen” gesprochen. Gleichzeitig wurde die Gewalt gerechtfertigt als “Erlösung” für die behinderten Menschen. Als Reaktion auf diese schädlichen Narrative hat die Behindertenrechtsorganisation AbilityWatch e. V. ein Jahr nach den Morden das journalistischen und inklusiven Rechercheprojekt #AbleismusTötet veröffentlicht, das Gewalt an Menschen mit Behinderung in deutschen stationären Einrichtungen dokumentiert. Mit #AbleismusTötet hat AbilityWatch e. V. nicht nur gezeigt, wie alltäglich Gewalt für Menschen mit Behinderungen ist, sondern gleichzeitig auch, welche Rolle dabei geschlossene Systeme wie stationäre Wohneinrichtungen spielen. Das multidisziplinäres Team von Journalist*innen und Aktivist*innen recherchierte bis August 2023 43 Gewalttaten in 40 deutschen Einrichtungen. In über 60 Prozent der Fälle wurden die Taten von Mitarbeitenden begangen. Dabei starben 25 Bewohner*innen, und vier Frauen wurden schwanger. Fast die Hälfte der dokumentierten Vorfälle war sexualisierte Gewalt, die besonders häufig Frauen mit Lernschwierigkeiten betraf.

Beispielsfall: Einrichtung Neuer Weg

Wo: Einrichtung „Neuer Weg“ in Fischbachau (Bayern)

Wann: Mehrere Jahre, mindestens seit 2010.

Was: Drei Pfleger und die Einrichtungsleitung haben Bewohner*innen in der Einrichtung über mehrere Jahre misshandelt. 

Folgen: Juristisch ermittelt wurde in 13 Fällen gemeinschaftlicher Misshandlung sowie der gemeinschaftlichen gefährlichen Körperverletzung in insgesamt 107 Fällen. Der Heimleiter wurde zu einer Bewährungsstrafe von zwei Jahren und einem Berufsverbot von drei Jahren verurteilt. Einer der Pfleger wird zu 2 Jahren auf Bewährung verurteilt und ein weiterer zu 2,5 Jahren Haft.

Besonderes: Die Gewalttaten kamen nur ans Tageslicht, weil ein Mitarbeiter zum Whistleblower wurde und von den Misshandlungen berichtete. Die Einrichtung wurde mehrfach von der Heimaufsicht geprüft, die jedoch keine Missstände feststellen konnte. Laut Medienberichten gab es Hinweise, dass die Heimaufsicht den Heimleiter vor den Kontrollen gewarnt hatte. Außerdem wurden in der Folge der Vorfälle mehrere mysteriöse Todesfälle, die Jahre zuvor in der selben Einrichtung geschehen waren und bei denen alle Ermittlungen ohne Fremdverschulden eingestellt wurden, neu aufgerollt.

Stand April 2022

Mehr Information: https://ableismus.de/toetet/de/gewaltfaelle/10-00-00-01-02-01

Hohe Dunkelziffer 

Die tatsächliche Zahl der Gewalttaten gegen behinderte Menschen in stationären Einrichtungen liegt weit über den dokumentierten Fällen. Geschlossene Systeme mit Machtgefällen, Abhängigkeiten und Isolation fördern nicht nur Gewalt, sondern erschweren auch, dass diese aufgedeckt wird. Zwischen September 2021 und Juli 2022 erreichten die Redaktion von #AbleismusTötet insgesamt 23 private Zuschriften von Personen, die selbst Gewalt in stationären Einrichtungen erlebt oder beobachtet hatten. Darunter waren elf Meldungen von Mitarbeitenden solcher Einrichtungen. Viele berichteten, dass sie die Missstände intern gemeldet hatten, jedoch sofort auf Einschüchterung oder gar Drohungen stießen. Eine Person erzählte beispielsweise, dass sie vom Rechtsbeistand der Einrichtung unter Androhung weiterer Maßnahmen angewiesen wurde, keinesfalls öffentlich über die Probleme zu sprechen. Betroffenen geht es ähnlich. Sie trauen sich nicht, Übergriffe zu melden, aus Angst vor Konsequenzen oder weil sie die ihnen zustehenden Rechte nicht kennen bzw. gar nicht wissen, an wen sie sich bei erlebter Gewalt wenden können. 

Ungenügende Hilfsangebote für behinderte Menschen

Denn Menschen mit Behinderungen haben kaum Zugang zu Hilfsangeboten, insbesondere, wenn sie in stationären Einrichtungen leben. In den meisten Fällen fehlen niedrigschwellige Möglichkeiten, Gewalt zu melden oder Unterstützung zu erhalten, vor allem für Menschen mit sogenannten “geistigen Behinderungen”. Die wenigen vorhandenen Stellen, die Gewalt an behinderten Menschen thematisieren, sind oft weder barrierefrei noch auf die Bedürfnisse von Menschen mit Lernschwierigkeiten und hohem Unterstützungsbedarf ausgerichtet. Auch gibt es kaum barrierefreie Schutzräume für Menschen in stationären Einrichtungen mit Pflegebedarf. Um betroffene Menschen zu schützen, braucht es dringend eine Ausweitung und Anpassung der Hilfestrukturen – von unabhängigen Anlaufstellen bis hin zu spezialisierter Beratung und Schutzmaßnahmen, die auch für Menschen mit Behinderungen leicht zugänglich sind.

#AbleismusTötet fordert die vollständige Deinstitutionalisierung und die Schaffung alternativer, selbstbestimmter Wohnformen.

Forderungen: Selbstbestimmung statt Isolation

In der Konsequenz der Rechercheergebnisse kam #AbleismusTötet zu dem Schluss, dass ein selbstbestimmtes Leben in stationären Einrichtungen schlichtweg unmöglich ist und diese langfristig abgeschafft werden müssen. Nur so können behinderte Menschen umfangreich vor Gewalt geschützt werden. Dafür braucht es flexible Wohn- und Unterstützungsmodelle, den politischen Willen, ausreichend finanzielle Mittel und die konsequente Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention. #AbleismusTötet fordert die vollständige Deinstitutionalisierung und die Schaffung alternativer, selbstbestimmter Wohnformen.

Was kann ich tun?

Unterstütze diese Forderungen und mache auf die Lebensrealität von Menschen mit Behinderung aufmerksam. Teile die Recherchen, spreche über das Thema und helfe so mit, behinderte Menschen vor Gewalt zu schützen – denn Gewalt gegen behinderte Menschen ist kein Einzelfall.
AbilityWatch e.V. hat zu diesem Thema auch eine mobile Ausstellung konzipiert, die Ihr in eure Institution, euer Stadtteilzentrum oder euren Community-Space holen könnt. Mehr Infos finde ihr hier: https://abilitywatch.de/

Im Beitrag erwähnte Quellen:

1. Gersdorff, A., & Sturm, K. (2024). Stoppt Ableismus!: Diskriminierung erkennen und abbauen. Rowohlt Taschenbuch Verlag.

2. Sturm, K., 2024. Pränataldiagnostik – Nur noch “Norm”-Kinder durch “Norm”-Tests? Die Neue Norm. Online unter: https://dieneuenorm.de/gesellschaft/praenataldiagnostik-nur-noch-norm-kinder-durch-norm-tests/ [Aufgerufen am 04.12.2024]

3. Sturm, K., 2024. Pränataldiagnostik – Nur noch “Norm”-Kinder durch “Norm”-Tests? Die Neue Norm. Online unter: https://dieneuenorm.de/gesellschaft/praenataldiagnostik-nur-noch-norm-kinder-durch-norm-tests/ [Aufgerufen am 04.12.2024]

4. Martin, W. M., 2020. Discrimination, Triage and Denial-of-Treatment: Lessons from COVID-19 in the UK*. In book: Tackling Torture: Victims with Disabilities in the COVID-19 Outbreak (pp.23-37). Publisher: Validity. Online unter: https://www.researchgate.net/publication/347707836_Discrimination_Triage_and_Denial-of-_Treatment_Lessons_from_COVID-19_in_the_UK [Aufgerufen am 11.03.2022]

5. Weibernetz e. V., n. d. (Zwangs-)Sterilisation. Online unter: https://www.weibernetz.de/wig/zwangs-sterilisation.html [Aufgerufen am 31.01.2023]

6. Rehadat Statistik, 2022. Bundesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen. Online unter: https://www.rehadat-statistik.de/statistiken/berufliche-teilhabe/wfbm/bagwfbm/ [Aufgerufen am 29.12.2022]

7. BAG WfbM, 2022. Statistik zu den durchschnittlichen monatlichen Arbeitsentgelten 2020. Online unter: https://www.bagwfbm.de/article/6141 [Aufgerufen am 06.01.2023]

8. SGB, 2022. SGB IX Begriff und Aufgaben der Werkstatt für behinderte Menschen. Neuntes Buch, Rehabilitation und Teilhabe von Menschen mit Behinderung. Online unter: https://www.sozialgesetzbuch-sgb.de/sgbix/219.html [Aufgerufen am 30.12.2022]

9. Pracht, A., und Welti, F., 2021. Studie zu einem transparenten, nachhaltigen und zukunftsfähigen Entgeltsystem für Menschen mit Behinderung in Werkstätten für behinderte Menschen und deren Perspektiven auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt: Erster Zwischenbericht

10. Statista, 2022. Anzahl von Menschen mit Behinderung in besonderen Wohnformen und in eigener Häuslichkeit in Deutschland in den Jahren 2010 bis 2022. Online unter: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1260826/umfrage/ambulante-und-stationaere-wohnformen-von-menschen-mit-behinderungen/#:~:text=Im%20Jahr%202022%20lebten%20in,Behinderungen%20in%20einer%20besonderen%20Wohnform. [Aufgerufen am 05.12.2024]

11. Institut für Menschenrechte, n. d. Wohnen. Online unter: https://www.institut-fuer-menschenrechte.de/themen/rechte-von-menschenmit-behinderungen/wohnen#:~:text=Die%20UN%20DBRK%20verpflichtet%20dazu,institutionellen%20zu%20gemeindenahen%20Wohnformen%20voraus [Aufgerufen am 14.02.2022]

12. Sturm, K., 2023. 2./3. Staatenprüfung der UN-BRK: Was hat sich für behinderte Menschen in Deutschland verändert? Die Neue Norm. Online unter: https://dieneuenorm.de/gesellschaft/staatenpruefung-un-behindertenrechtskonvention/ [Aufgerufen am 05.12.2024]

13. Sturm, K., 2023. 2./3. Staatenprüfung der UN-BRK: Was hat sich für behinderte Menschen in Deutschland verändert? Die Neue Norm. Online unter: https://dieneuenorm.de/gesellschaft/staatenpruefung-un-behindertenrechtskonvention/ [Aufgerufen am 05.12.2024]

14. Gersdorff, A., & Sturm, K. (2024). Stoppt Ableismus!: Diskriminierung erkennen und abbauen. Rowohlt Taschenbuch Verlag.

15. Schröttle, M., Puchert, R., Arnis, M., Hafid, A., Sarkissian, A. H., Lehmann, C., … & Thümmel, I. (2021). Gewaltschutzstrukturen für Menschen mit Behinderungen-Bestandsaufnahme und Empfehlungen.

16. Schröttle, M., Hornberg, C., Glammeier, S., Sellach, B., Kavemann, B., Puhe, H., & Zinsmeister, J. (2012). Lebenssituation und Belastungen von Frauen mit Beeinträchtigungen und Behinderungen in Deutschland-Kurzfassung.

17. United Nations, 2013. Fact Sheet: Violence against Women and Girls with Disabilities. Online unter: https://www.un.org/womenwatch/daw/csw/csw57/side_events/Fact%20sheet%20%20VAWG%20with%20disabilities%20FINAL%20.pdf [Aufgerufen am: 03.09.2022]

 

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