Von der Ausnahme zur Regel

Ein Kind sitzt an einem Tisch und macht mit einem roten Bleistift Hausaufgaben.
Stetiges Lernen ist wichtig. Viele gehörlose Schüler*innen haben jedoch häufig Schulwechsel hinter sich. Fotos: privat, wenn nicht anders gekennzeichnet
Lesezeit ca. 11 Minuten

Vor mehr als einem Jahrzehnt schickten mehr und mehr Eltern ihre tauben Kinder auf Regelschulen, um ihnen eine bessere Bildung zu ermöglichen. Felicitas Merker und Thomas Mitterhuber von der Deutschen Gehörlosenzeitung berichten über die Kämpfe der Dolmetschereinsätze, die sich inzwischen auf die Förderschulen verlagert haben. Außerdem stellen sie vier junge Erwachsene – bald oder bereits fertig mit der Schule – vor, die über ihre Erfahrungen der schulischen Inklusion erzählen.

Vor elf Jahren, 2009, ratifizierte Deutschland die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen. Darin wurde unter anderem festgeschrieben, dass behinderte Kinder das Recht haben, eine Regelschule zu besuchen. Dabei muss der Staat für „angemessene Vorkehrungen“ sorgen, um den Bedürfnissen einzelner Schüler gerecht zu werden. Im Falle von gehörlosen Kindern bedeutet das in der Regel den Einsatz von Gebärdensprachdolmetschern.

Bereits Jahre zuvor erkannte Karin Kestner diese Möglichkeit und fand entsprechende Gesetzesgrundlagen. Die 2019 verstorbene Verlegerin und Gebärdensprachdolmetscherin zählt zu den Vorkämpfern. An der Seite vieler Eltern setzte sie sich dafür ein, dass taube Kinder auch auf Regelschulen lernen können. Dazu zählt die damals siebenjährige Xenja Nistor. 2007 kam sie auf die Regel-Grundschule in Kerpen, mit Dolmetscherbegleitung – damals noch völliges Neuland in der deutschen Bundesrepublik. Weil das örtliche Sozialamt den Antrag auf Kostenübernahme ablehnte, rief Kestner zusammen mit dem Bundeselternverband gehörloser Kinder zu Spenden auf, um die Dolmetscher vorläufig zu finanzieren.

Erfolgreiche Klage

Doch kurz daraufhin brachte die Klage gegen das Sozialamt den gewünschten Erfolg. Seitdem besucht Xenja die Schule mit Dolmetschern. Als eine der tauben Kinder, die auf diese Art und Weise eingeschult wurden, galt sie als Erfolgsbeispiel, das Nachahmer in ganz Deutschland fand. Sehen statt Hören berichtete zwei Mal über das Mädchen. Inzwischen ist die Kerpenerin 19, nächstes Jahr wird sie das Abitur machen.

Das Recht auf Lernen in einer Regelschule musste vielerorts jedoch hart erkämpft werden, mit Widerspruchschreiben gegen behördliche Entscheidungen und auch vor Gericht. Karin Kestner hatte dabei zahlreiche Eltern unterstützt und begleitet. Zeitweise habe es bundesweit gut 100 taube Regelschüler mit Dolmetscher-Begleitung gegeben, schätzte Kestner einst. Aber selbst bei einem juristischen Erfolg wäre eine Regelbeschulung für die Eltern immer noch mit einem erheblichen Mehraufwand verbunden: Neben der Überzeugungsarbeit an der Schule müssen die Anträge an das Sozialamt jedes Jahr gestellt und Dolmetscher koordiniert werden. Zudem gilt es, die Lehrer über die Besonderheiten gehörloser Kinder und über die Dolmetscher-Situation aufzuklären.

Durch die vielen Gerichtsurteile sei die Finanzierung der Dolmetscher heute einfacher geworden, sagt Prof. Dr. Claudia Becker. In Berlin werde die Dolmetscher-Koordination bereits den Eltern abgenommen. „In anderen Regionen müssen aber immer noch Eltern die gesamte Dolmetsch-Organisation selbst übernehmen“, so die Professorin für Gebärdensprach- und Audiopädagogik an der Humboldt-Universität zu Berlin. Zur Regelbeschulung tauber Kinder hat sie bereits viel geforscht. „Problematisch ist aber vor allem weiterhin die Suche nach einer geeigneten Regelschule“, so Becker. Verlasse der taube Schüler die Regelschule, nehme die Schule keinen neuen mehr auf. „Die nächste Schule macht dann wieder die gleichen Anfängerfehler und erlebt die gleichen Stolpersteine. Das ist aktuell für gehörlose Schüler ein großer Nachteil.“

Ostdeutscher Trend

In den letzten Jahren zeichnet sich jedoch offenbar ein Trend ab, vor allem in Ostdeutschland zu beobachten. Wohl befeuert durch die Erfolge in den Regelschulen konnten Eltern in Chemnitz, Leipzig und zuletzt in Dresden durchsetzen, dass ihre Kinder in Förderschulen Dolmetscher zur Seite gestellt bekamen. Denn ihre Lehrkräfte verfügen trotz Hörgeschädigtenpädagogik-Studium nicht über ausreichend Gebärdensprachkompetenz.

Fragt man zudem Förderschullehrer, wird vielerorts von tauben Schülern berichtet, die spätestens nach der Grundschulzeit zur Förderschule wechseln. Zudem würden Eltern ihre gehörlosen Erstklässler immer weniger auf Regelschulen geben, zitiert Magdalena Stenzel einen nicht namentlich genannten Förderschullehrer. In ihrem Nachruf zum ersten Todestag von Kestner schreibt die Diplom-Sozialpädagogin und Vorsitzende des Vereins VisuKids e. V. weiter: „Ich ahne einen Zusammenhang. Ein Jahr ohne Karin und die Hürden sind vielerorts wieder hoch.“

Mehr taube Kinder auf Regelschulen

Andererseits: Die Zahl von tauben Kindern, die Regelschulen besuchen, sei „in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen“, sagt Prof. Becker. Allerdings schließe die Zahl auch schwerhörige und Kinder mit Auditiv-verbalen Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen (AVWS) ein. „Viele Eltern machen sich die Entscheidung nicht leicht, ob sie ihr gehörloses Kind auf eine Regelschule oder eine Förderschule geben“, weiß sie aus jüngeren Beobachtungen.

Auch wenn sich viele Förderschulen zwar mittlerweile dafür geöffnet hätten, so Becker, gebe es immer noch einige Förderschulen ohne bimodal-bilinguales Bildungskonzept. In Regelschulen sieht es noch düsterer aus: Bis auf sehr wenige Aufnahmen seien solche Konzepte dort bislang nicht umgesetzt worden. „Allein der Einsatz von Dolmetschenden ist keine bimodal-bilinguale Bildung!“, so die Professorin.

Claudia Becker hat schulterlange, braune, lockige Haare, trägt eine graue Jacke und eine rote Kette. Sie lächelt in die Kamera.
Prof. Claudia Becker fordert den verstärkten Einsatz von gebärdensprachkompetenten Sonderpädagogen. Foto: privat
Magdalena Stenzel hat kinnlange dunkle Haare und trägt ein schwarzes longshirt.
Magdalena Stenzel fordert mehr unterstützung für die Eltern. Foto: Sigmar Weber

Statt Dolmetschern erachtet sie vor allem in der Grundschule den Einsatz von gebärdensprachkompetenten Sonderpädagogen als sinnvoller, etwa in Form eines Team-Teachings. Allerdings ist dies eine Frage der Finanzierung. Zudem sei die DGS-Ausbildung bis heute in nur zwei Hörgeschädigtenpädagogik-Studiengängen fest implementiert worden – von insgesamt fünf Universitäten. „Sonderpädagogisch qualifizierte Lehrkräfte werden mittlerweile sowohl in Regel- als auch in Förderschulen gebraucht“, beschreibt Becker den akuten Fachkräftemangel.

Als weiteren Nachteil von Förderschulen sieht Becker, dass dort taube Kinder in der Regel keinen Kontakt zu hörenden Kindern haben. Andererseits haben sie Kontakte zu ihrer Peer-Gruppe (= andere taube Kinder). Aber selbst das sei an einigen Förderschulen kaum der Fall, sagt Magdalena Stenzel und meint den Mangel an gehörlosen Kindern an so mancher Schule. „Es ist daher von Vorteil, wenn die Kinder schon im Kindergarten zusammen waren und dann gemeinsam auf die Regelschule gehen“, verweist sie auf eine Masterarbeit von Kathrin Löffelholz. Die Gebärdensprachdolmetscherin und Mutter zweier gehörloser Kinder hatte 2019 die Kommunikationsstrategien von gehörlosen und hörenden Grundschulkindern untersucht – mit dem Ergebnis, dass die Kommunikation ausgeprägter ist, je länger sich die Kinder schon kennen.

Hoher Aufwand schulischer Inklusion

„Die Entscheidung, ob Förder- oder Regelschule, wird weiterhin vom Einzelfall abhängen“, sagt Stenzel, die 2018 die Online-Petition für bilinguale Bildung initiiert hatte und heute als EUTB-Beraterin arbeitet. Entscheidend seien zum Beispiel das örtliche Schulangebot, die Ressourcen und auch das Kind selbst.

Stenzel kennt den hohen Aufwand der schulischen Inklusion: Ihr achtjähriger gehörloser Sohn geht seit zwei Jahren mit Dolmetschern zur Regelschule. Sind die Dolmetscher beantragt und koordiniert, gilt es, den Prozess weiterhin engmaschig zu begleiten und den Kontakt zu den Lehrern aufrechtzuerhalten, berichtet die Mutter. „Aber auch in Förderschulen müssen Eltern für eine gute Bildung kämpfen“, sagt sie mit Blick auf die jüngeren Geschehnisse in ostdeutschen Förderschulen.

Ein junger Mann mit kurzen blonden Haaren steht zwischen seinen Eltern. Er trägt einen dunklen Anzug, ein hellblaues Hemd und eine schwarze Fliege. Seine Mutter ein weißes Kleid. Sein Vater einen dunklen Anzug, mit hellblauem Hemd und rosa Krawatte.

Lucas Pflugfelder

Alter: 16
Wohnort: Grafrath (bei München)
Berufswunsch: Medizin (Chirurg)
Schulstationen:
- 2 Jahre Gehörlosen-Grundschule
- 2 Jahre Regel-Grundschule
- 1,5 Jahre Regel-Gymnasium
- 4,5 Jahre Gehörlosen-Realschule

Zwei Jahre seiner Grundschulzeit nimmt Lucas Pflugfelder die anderthalbstündigen Fahrten zur Gehörlosenschule in Kauf – doch mit dem Wechsel auf die Regelgrundschule in seiner Heimat soll damit Schluss sein. Nach zwei Jahren am Viscardi-Gymnasium in Fürstenfeldbruck verlässt Lucas die Regelschule und geht auf die Samuel-Heinicke-Realschule in München. „Ich habe in der Zeit viel Sport gemacht, auch Leichtathletik. In der dortigen Trainingsgruppe mit Gehörlosen fühlte ich mich sehr wohl. Ich habe gemerkt, dass mir dieser Ausgleich gefehlt hat“, beschreibt Lucas seinen Beweggrund zu wechseln. Obwohl er den Weg zur Realschule eingeschlagen hat, hat er sein Ziel, das Abitur, nicht aus den Augen verloren.

Der elterliche Aufwand ist zum größten Teil mit den Anträgen auf Kostenübernahme der Dolmetscher verbunden, aber auch die Koordination der Dolmetscher für die 5-Tage-Schulwoche muss sichergestellt werden. Im Rahmen eines Schulprojektes hat Lucas seiner Klasse die Gehörlosenkultur und ihre Sprache vorgestellt. Mit dabei war auch sein Vater, der hörend und GSD ist. Auch gab es in seiner Schule eine Art Pflichtfach in der 7. Stunde, in der er seine Mitschüler mit Beispielen aus seinem Alltag über Gehörlosigkeit sensibilisierte. „Dazu zählte auch das Spiel, in dem alle miteinander kommunizieren sollen, ohne ihre Stimme einzusetzen“, erzählt Lucas.

Der Zusammenhalt in seiner Klasse, seine aufgeschlossenen Lehrer und auch das Bildungsniveau – alles wichtige Rahmenbedingungen, die Lucas sehr anspornten und motivierten, sich schulisch weiterzubilden. Im Englischunterricht nahm sein Lehrer viel Rücksicht auf seine Gehörlosigkeit. Ein Klassiker: Der Lehrer schreibt etwas an die Tafel und redet mit dem Rücken zur Klasse. Lucas‘ Lehrer tat dies nicht, weil er wusste, dass Lucas nicht gleichzeitig abschreiben und seinem Dolmetscher folgen kann.

Seine Leidenschaft ist Sport und die teilte er mit seinen Freunden aus dem Regelgymnasium. Dank des Mundablesens, der Handzeichen und des verständnisvollen Umgangs mit ihm bekam Lucas auch sozialen Rückhalt in der Schule. „Ich fühlte mich nicht einsam“, sagt Lucas trotz der wenigen DGS-Kenntnisse seiner Freunde. Von Hemmungen seines schulischen Umfelds war wenig zu spüren.

Vor wenigen Wochen ist Lucas mit der Mittleren Reife aus der Samuel-Heinicke-Realschule entlassen worden und strebt nun einen zweiten Anlauf auf ein anderes Regelgymnasium in München an. Wie es nach dem Abitur für ihn weitergeht, ist noch offen. Doch Lucas träumt davon, nach einem Medizinstudium in die Chirurgie zu gehen.

Paulina hat kurze blonde Haare, trägt ein schwarzes T-Shirt und sitzt vor einer Mauer mit Graffitti

Paulina Willm

Alter: 18
Wohnort: Wipperfeld
Berufswunsch: Erzieherin
Schulstationen:
- 4 Jahre Regel-Grundschule
- 6 Jahre Regel-Gesamtschule
- 1 Jahr Regel-Berufskolleg (aktuell)

In der Gesamtschule Kürten, die von über 1.000 Schülern, davon 40 mit Förderbedarf, besucht wird, ist Paulina Willm die einzige Gehörlose. Im Rahmen der Inklusions- und Wiedereingliederungshilfe ist das Sozialamt der Kostenträger für ihre GSD. Nach der 10. Klasse im Jahr 2019 wird Paulina mit der Mittleren Reife aus der Schule entlassen und kommt nach den Sommerferien in die 12. Klasse des Bergischen Berufskollegs in Wipperfürth – Ziel: Fachabitur 2021.

Seit Paulina volljährig ist, kümmert sie sich selbstständig um die Dolmetscher-Koordination, während ihre Mutter im Hintergrund jährlich die Beantragung der GSD-Kostenübernahme beim Sozialamt managt. Heutzutage kämpft Paulina um Akzeptanz und ist, abgesehen von ihren GSD, alleine auf sich gestellt. In der alten Schule wussten ihre Lehrer, mit ihrer Gehörlosigkeit umzugehen, aber momentan fühlt Paulina sich von ihrer neuen Schule im Stich gelassen. Auch ihre Mitschüler zeigen sich immer weniger interessiert, um die Gebärdensprache zu erlernen. Die Dolmetscherbegleitung empfindet sie als Segen und Fluch zugleich – mit ihren hörenden Gleichgesinnten kann sie nicht über private Themen sprechen. Auch gelingt ihr nicht, mit ihnen auf Augenhöhe zu kommunizieren. Paulina ist diese Situation aber gewohnt.

Im schulischen Unterricht stößt Paulina an Grenzen, etwa wenn sie von der Tafel etwas abschreibt, dabei aber auch ihren GSD anschauen muss. Nach der Schule ist Paulina oftmals erschöpft, weil der Unterrichtsalltag sie beansprucht. Um mehr Zeit für ihre Klausuren zu haben und die Aufgabenstellungen in DGS übersetzt zu bekommen, beantragen Paulina und ihre Mutter einen Nachteilsausgleich – abgelehnt. Erst nach drei Widerspruchsverfahren in Begleitung eines Anwalts bekommt Paulina die Hilfestellungen für ihre Prüfungen. „Es war ein harter Kampf. Umso mehr habe ich mich gefreut, dass meinem Antrag endlich zugestimmt wurde“, erzählt Paulina.

Gerne möchte Paulina eine Gehörlosenschule besuchen, doch ihr werden Steine in den Weg gelegt: Die Schulleitung des Rheinisch-Westfälischen Berufskollegs Essen (RWB) lehnte ihre Anfrage auf Unterstützung durch GSD während des Unterrichts in der schwerhörigen Klasse ab. Mit der Begründung, dass Schüler in der Schule auch die Lautsprache erlernen sollen. Für Paulina, die gehörlos und auf Gebärdensprache angewiesen ist, ein Super-GAU (= ein großer Fehlschlag).

Nach dem Fachabitur möchte Paulina ein Freiwilliges Soziales Jahr machen. Anschließend geht es für sie nach Rendsburg an die IBAF-Gehörlosenschule, um dort schrittweise ihrem Traumjob als Erzieherin näher zu kommen.

Elias Zander

Alter: 16
Wohnort: Potsdam
Berufswunsch: Studium in Wirtschaftswissenschaften oder Mathematik
Schulstationen:
- 7 Jahre Gehörlosen-Schule
- 2 Jahre Regel-Privatgymnasium
- 4 Jahre Regel-Gymnasium

Aufgrund seiner Unterforderung in der Gehörlosenschule wagt Elias Zander mit zwölf Jahren einen Wechsel an eine Regelschule. Die frühere Gehörlosenschule bietet nur einen Abschluss bis zur 10. Klasse, aber Elias‘ Ziel war es immer, studieren zu gehen. Nach einer kurzen Zwischenstation an einer Privatschule landet er 2016 in der 9. Klasse mit 26 Schülern des städtischen Humboldt-Gymnasiums in Potsdam. Vor Kurzem kürt Elias sich zum ersten gehörlosen Schüler Brandenburgs mit Abitur – Note 1,5 (DGZ 07 | 2020).

Um die Beantragung auf Kostenzusage der Gebärdensprachdolmetscher (GSD) und Koordinierung der Dolmetschereinsätze kümmerte sich seine Mutter. So konnte Elias sich in Ruhe seiner schulischen Ausbildung widmen. Gemeinsam mit seinem alten Klassenlehrer von der Gehörlosenschule klärt Elias seine Mitschüler und Lehrer über den Umgang mit ihm als einzigem gehörlosen Schüler und hinsichtlich der Unterrichtsgestaltung auf. Die anfängliche Unsicherheit verschwindet.

An die ersten Erfahrungen, als er zum ersten Mal am Unterricht des Regelgymnasiums teilnahm, erinnert sich Elias: „Alles war für mich neu und ich merkte, dass der Unterricht viel von mir abverlangte. Auch musste ich lernen, gegenüber dem hörenden Umfeld und vielen Veränderungen, z. B. Lehrerwechsel, offen zu sein.“ In seiner siebenköpfigen Clique (= Freundeskreis) fand Elias sozialen Anschluss. Bei einem konnte er Interesse für die Gebärdensprache gewinnen – sein bester Schulfreund möchte nun GSD werden.

Nur der Fremdsprachenunterricht stellte ihn vor Herausforderungen: Englisch und Spanisch. Dank der Transkription der mündlichen Beiträge durch den Schriftdolmetschdienst VerbaVoice bekam Elias die Redebeiträge seiner Mitschüler mit. Die Prüfungsleistungen legte er schriftlich ab. Seine Spanischlehrerin, die auch seine Tutorin war, ist erstaunt über Elias‘ Fähigkeit, eine Fremdsprache über Schriftsprache zu erlernen. Bei Übersetzung naturwissenschaftlicher Formeln in Mathematik und Physik stießen seine Dolmetscher anfänglich an ihre Grenzen. Gemeinsam mit Elias einigten sich die Lehrer auf die Lösung: Formeln und Fachbegriffe gehören an die Tafel.

Sein gewohntes Umfeld mit gehörlosen Freunden zu verlassen, um seinen Wissensdurst zu stillen, fiel Elias nicht leicht: „Das war ein Dilemma für mich, letztendlich entschied ich mich für den Besuch eines Regelgymnasiums.“ Was seine Zukunftspläne sind? „Ich möchte studieren gehen – ich interessiere mich für Mathematik, Wirtschaft und Technik.“

Xenja hat lange rot-braune Haare, trägt eine Brille und ein schwarzes T-shirt

Xenja Nistor

Alter: 19
Wohnort: Kerpen
Berufswunsch: Studium der Sprachwissenschaft und/oder Psychologie
Schulstationen:
- 4 Jahre Regel-Grundschule
- 7 Jahre Regel-Gymnasium (aktuell)

Lehrkräfte ohne vollständige Gebärdensprachkenntnisse – ein klares Gegenargument für den Besuch einer Gehörlosenschule. Denn Xenja Nistor, eine 19-jährige selbstbewusste, junge Frau mit Lockenmähne, ist auf Gebärdensprache angewiesen. „Schon im Kindergartenalter habe ich mich für den Regelkindergarten entschieden“, erzählt Xenja. Sie beherrschte damals im Gehörlosenkindergarten als Einzige die Gebärdensprache sehr gut.

Dass Xenja dem Unterricht im Regelgymnasium mithilfe der Übersetzungen durch ihre Gebärdensprachdolmetscher folgen kann, hat sie ihrer Mutter zu verdanken. Xenja erzählt: „Schon ein Jahr vor meiner Einschulung hatte meine Mutter einen Antrag für die Übernahme der Kosten für die GSD an das Sozialamt gestellt, danach folgten etliche Ablehnungen, Anwaltsbesuche und Gerichtsbesuche.“ Erst nach anderthalbjähriger Durststrecke ohne Erfolg und endlosem Kampf kam mit der Zusage des Amtes das lang ersehnte Ende – ein halbes Jahr nach der Einschulung.

An die ersten Erfahrungen der damals Sechsjährigen beim Besuch der Regelgrundschule kann sich Xenja nicht mehr erinnern. Nichtsdestotrotz sei ihre Entscheidung, eine Regelschule zu besuchen, richtig gewesen, weil sie „sich sehr schnell mit anderen Mitschülern angefreundet“ und sich in der Grundschule wohlgefühlt habe.

Im alltäglichen Unterricht kommt Xenja sehr gut zurecht, aber der Englischunterricht bereitet ihr nach wie vor Probleme. Die englischen Aussagen ihres Englischlehrers werden von ihrem GSD simultan in Deutscher Gebärdensprache mit englischem Mundbild übersetzt. Ihre Prüfungsleistungen legt sie schriftlich ab, aber „daran könnte man definitiv noch arbeiten“, so Xenja. Im Pubertätsalter fühlte sich Xenja in der Schule im Stich gelassen. Trotzdem ließ sie sich nicht verunsichern und fand immer jemanden, mit dem sie sich unterhalten konnte. Für sie war der Ausgleich mit der gehörlosen Welt sehr wichtig, weil sie als einzige Gehörlose das Regelgymnasium in Bergheim besucht. Zweifel hatte Xenja zeitweise in der 6. Klasse, als sie vor die Wahl gestellt wurde, entweder das Schuljahr am Regelgymnasium zu wiederholen oder auf die Gehörlosenschule in Dortmund zu wechseln.

Nach ihrem Abitur im Sommer 2021 möchte sie sich ein Jahr Auszeit nehmen und reisen. „Aktuell habe ich noch keine wirkliche Ahnung, was ich mal werden möchte. Aber dafür habe ich ja noch Zeit“, beschreibt Xenja ihre Zukunftspläne.

Dieser Artikel ist zuerst in der Deutschen Gehörlosenzeitung (Ausgabe 08/2020) erschienen.

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