Inklusion in Zeiten der Klimakrise

Zwei wei0e Frauen - eine davon im Rollstuhl - sind an einem Hochbeet und schauen fröhlich in die Kamera.
Klimaschutzprojekte können auch niedrigschwellig sein: In der Behinderteneinrichtung Friedehorst in Bremen wurde zum Beispiel mit den Bewohner*innen ein Hochbeet angelegt. Foto: Friedehorst Bremen
Lesezeit ca. 8 Minuten

Wie barrierefrei und inklusiv sind Proteste gegen die Klimakrise? Was tun behinderte Menschen selbst, um das Klima zu retten? Und was sagt die Wissenschaft zum Verhältnis von Klima und Behinderung? Andrea Schöne hat sich bei einigen Akteur*innen umgehört.

Informationen in Einfacher Sprache

In diesem Text geht es um den Klimawandel. 

Unsere Autorin Andrea Schöne hat eine Wissenschaftlerin und Klima-Organisationen gefragt, wie der Klimawandel das Leben von behinderten Menschen beeinflusst.

Das Ergebnis: Behinderte Menschen werden von Naturkatastrophen mehr bedroht, weil sie in Notfällen schlechter flüchten können. 

Die großen Klima-Organisationen wollen mehr Mitglieder mit Behinderung. Sie sagen auch, dass sie sich noch mehr mit den Themen Klima und Inklusion beschäftigen müssen.

Die Lebenssituation und Bedrohung von behinderten Menschen durch den Klimawandel werden in der Wissenschaft kaum erforscht. Zu diesem Ergebnis kam die Ökologin Dr. Aleksandra Kosanic vom Team des Zukunftskollegs der Universität Konstanz im Rahmen eines Forschungsprojektes über Ökosystemleistungen. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit stand die Erforschung der Situation behinderter Menschen am Beispiel Madagaskar. Sie selbst hat Zerebralparese und setzt sich für mehr Aufmerksamkeit für die Lage von behinderten Menschen in Bezug auf den Klimawandel ein.

Menschen mit Behinderung können beispielsweise bei durch den Klimawandel bedingten Naturkatastrophen wie Wirbelstürmen oder Waldbränden aufgrund fehlender barrierefreier Warnsysteme aus ihren Häusern viel schlechter fliehen. Wenn sie nie schwimmen gelernt haben, können sie sich schwerer bei Überflutungen retten. Das Forschungsteam beschließt, selbst einen Artikel zu schreiben, um auf die Folgen für Menschen mit Behinderung durch den Klimawandel aufmerksam zu machen. Vom renommierten Wissenschaftsmagazin „Nature“ wird der Artikel abgelehnt – mit der Begründung es gäbe dafür kein Publikum. „Das ist sehr üblich und zeigt die historische Benachteiligung von Menschen mit Behinderung in der Wissenschaft“, erzählt Aleksandra Kosanic im Skype-Interview aus Liverpool, wo die Wissenschaftlerin inzwischen wohnt und an der dortigen Universität forscht. „Behinderte Menschen sind normalerweise nicht Teil der wissenschaftlichen Diskussion. Auch in den Sachstands- und Sonderberichten des Weltklimarats (IPCC) werden behinderte Menschen nur mit wenigen Worten erwähnt.“ Den Artikel über die Lage von behinderten Menschen in der Klimakrise veröffentlichten Aleksandra Kosanic und ihr Team am Ende im Wissenschaftsmagazin „Science“. 

Klimawandel als Bedrohung für behinderte Menschen

Näher zu erforschen, welche Folgen der Klimawandel für Menschen mit Behinderung hat, ist überfällig. „Menschen mit Behinderung machen 15 Prozent der Weltbevölkerung aus. Aufgrund von Diskriminierung, Marginalisierung und bestimmten sozialen und wirtschaftlichen Faktoren erfahren Menschen mit Behinderung die Effekte des Klimawandels anders und intensiver als andere.“ Dies schreibt Human Right Watch zur Lage von behinderten Menschen und nennt als Beispiel Vertreibung aufgrund der Klimaveränderungen bei Wetterereignissen wie Hurrikanen, Flutwellen, Kälte- oder Hitzewellen, welche für behinderte Menschen Gefahren darstellen, denen sie nicht ausweichen können. Sie müssen bleiben – ohne sichere Wohnverhältnisse, Arbeit, unterstützende Netzwerke oder Gesundheitsversorgung. Auch Langzeit-Effekte wie der Anstieg des Meeresspiegels bedrohen die Lebenssituation von Menschen mit Behinderung besonders stark, müssen aber noch genauer erforscht werden.  Besonders gut erforscht sind die Auswirkungen von Hurrikanen auf behinderte Menschen am Beispiel des Hurrikan Katrina 2005, da damals behinderte Menschen ganz besonders stark getroffen wurden und das Warnsystem für Menschen mit Behinderung völlig unzureichend war. Als Folge dessen haben Politiker*innen, Verantwortliche des Katastrophenschutzes und Behindertenrechtsaktivist*innen die Ereignisse und Konsequenzen von Hurrikan Katrina genau analysiert, um das Katastrophenschutzsystem zu verbessern. Aleksandra Kosanic erklärt die Auswirkungen von Naturkatastrophen für behinderte Menschen in drei Schritten:

  1. Vor der Katastrophe: Keine barrierefreien Warnsysteme oder Berichterstattung, sodass behinderte Menschen über die Situation nicht Bescheid wissen. Beispielsweise war die Gebärdensprachdolmetschung beim Hurrikan Katrina im Fernsehen nicht gut sichtbar und somit unverständlich.
  2. Während der Katastrophe: Barrierefreie Evakuierung und Unterbringung oftmals nicht gegeben. Die Notunterkünfte beim Hurrikan Katrina hatten keine barrierefreien Toiletten und Betten oder waren erst gar nicht zugänglich.
  3. Nach der Katastrophe: Erschwerter Zugang zu neuen Wohnmöglichkeiten, Essen, Wasser und Gesundheitsversorgung. Nach dem Hurrikan Katrina fehlten vielen Familien mit behinderten Kindern wichtige Dokumente über deren Behinderung, was deren Zugang zu Nachteilsausgleichen in der Bildung erschwerten, weil sie dann keine Assistenz mehr erhielten. 

Besonders wichtig findet Aleksandra Kosanic, den Zugang zu Bildung für behinderte Menschen weltweit mehr zu fördern, um sie auf Naturkatastrophen besser vorzubereiten. „Das ist insbesondere für Mädchen mit Behinderung ein großes Problem, weil sie in einigen Ländern auch zur Grundausbildung schlechteren Zugang haben als behinderte Jungen“, erklärt die Ökologin. „Sie wissen nicht was passiert und können daher auch nicht der Situation entsprechend reagieren, wenn es zu einer Naturkatastrophe kommt.“ 

Wenige Netzwerke für Klimaaktivist*innen mit Behinderung

Nicht nur in der Wissenschaft gibt es Nachholbedarf wahrzunehmen, dass Klimagerechtigkeit auch ein Thema für behinderte Menschen ist. In den großen Netzwerken der Klimabewegung wie Fridays For Future und Extinction Rebellion sind Aktivist*innen mit Behinderung deutlich in der Unterzahl, oftmals fehle es an Wissen zu Barrierefreiheit auf Seiten der Netzwerke, um Menschen mit Behinderung für eine Mitarbeit bei ihren Organisationen zu interessieren und zu erreichen. Der 18-Jährige Kim* ist Autist und engagiert sich seit zwei Jahren bei Fridays For Future und dort auch in der Arbeitsgemeinschaft ‚Diversity‘. Auf die Schulstreiks wurde er, wie alle anderen Schüler*innen, auch durch WhatsApp-Nachrichten aufmerksam, die Schüler*innen ermutigten ihn bei den Demonstrationen mitzumachen und so begann er sich immer mehr einzubringen. 

Die Niederschwelligkeit von Fridays For Future machten es Kim als Autist einfacher einzusteigen, da alle Informationen offen zugänglich und es für ihn möglich war, sich auf die Treffen vorzubereiten. Aktivist*innen mit Behinderung werden offen und überwiegend unvoreingenommen aufgenommen, bundesweite Strukturen für die Belange von Aktivist*innen mit Behinderung sind erst durch die Nachfragen von mehreren Aktivist*innen mit Behinderung im Aufbau, die sich selbst für Veränderungen einsetzten. Auf lokaler Ebene findet aber oftmals schon mehr Austausch statt. Nun arbeiten sie daran, interne Strukturen wie beispielsweise Telefonkonferenzen barrierefreier zu gestalten. Innerhalb der Bewegung stößt Kim meistens auf Offenheit: „Die meisten Menschen, die ich kennengelernt habe, sind sehr offen und sehr respektvoll. Und wenn man seine eigenen Grenzen kommuniziert, findet man trotzdem eine Möglichkeit, sich zu beteiligen.“

Der Pressesprecher und Netzwerker Tino Pfaff von Extinction Rebellion, der selbst keine Behinderung hat, beobachtete dagegen in seinem Netzwerk vor allem viele Berührungsängste. Auch bei Extinction Rebellion gibt es eine Arbeitsgemeinschaft ‚Diversität und Inklusion‘. Hier werden aber vor allem Belange rund um Antirassismus besprochen. Letztes Jahr organisierte eine Ortsgruppe einen Workshop über die Stereotype und Sichtweisen auf Menschen mit Behinderung. Daraus erfolgten allerdings bisher keine Veränderungen für beispielsweise mehr Barrierefreiheit, was Tino Pfaff selbst stark kritisiert: „Es wäre eigentlich auch ganz einfach, mit anderen Stellen, anderen Organisationen oder Personen in Verbindung zu treten und dann hat man Zugang zu Fachwissen und kann sich auch Informationen einholen. So ein Workshop sollte nur ein Türöffner sein und nicht die ganze Tat.“ Gründe für die fehlende Sensibilisierung der Aktivist*innen sieht Tino Pfaff in der fehlenden Betroffenheit und Berührungsängsten, die mehrfach in Rückmeldungen von verschiedenen Ortsgruppen unterschwellig angesprochen wurden. In einzelnen Ortsgruppen gibt es auch Aktivist*innen mit Behinderung. Dort bauten sich nach und nach barrierefreie Strukturen auf. Viele Kontakte zu diesen sind allerdings während der Pandemie abgerissen. Der Aktivist sieht selbstkritisch, dass Extinction Rebellion hier noch mehr Arbeit für inklusive Strukturen leisten muss und schlägt als ersten Schritt für Verbesserungen eine Umfrage mit Erfahrungen im Umgang mit Barrieren mit den Ortsgruppen vor und plant, ein Arbeitspapier mit konkreten Zielen für den Abbau von Barrieren zu erstellen, dass dann auch auf die Homepage gestellt wird. 

Mehr Einbindung von behinderten Menschen in Debatten um den Klimawandel

Die verheerenden Auswirkungen von Wirbelstürmen wir Katrina 2005 dürfen nicht der einzige Anlass für Politiker*innen sein, Maßnahmen für den Schutz von Menschen mit Behinderung gegen die Folgen des Klimawandels zu ergreifen. Deswegen arbeitet Aleksandra Kosanic mit ihrem Forschungsteam an einem ausführlichen Artikel über den aktuellen Forschungsstand über die Situation von Menschen mit Behinderung im Klimawandel. „Wir müssen mehr Forscher*innen, Studierende und Aktivist*innen mit Behinderung in den politischen Prozess über den Klimawandel einbeziehen“, wünscht sich Aleksandra Kosanic und hofft dies auch mit dem Artikel zu erreichen. 

Einen ersten Schritt dazu, Menschen mit Lernschwierigkeiten einzubinden, schaffte Gabriele Nottelmann in der Behinderteneinrichtung Friedehorst in Bremen mit einem Klimaschutzprojekt für mehr Nachhaltigkeit im Alltag. Auch sie stellte fest, dass Klimabewegungen Menschen mit Lernschwierigkeiten nicht als ihre Zielgruppe wahrnehmen. Sie erstellten Plakate und eine Broschüre in Einfacher Sprache über Nachhaltigkeit im Alltag. Die “Klimateamer”-Ausbildungen machten Menschen mit und ohne Behinderung zusammen. Wichtig war hier, dass auch Menschen Lernschwierigkeiten diese machen, weil diese am besten andere Menschen aus ihren Wohngruppen animieren könnten, ihren Alltag nachhaltiger zu gestalten. „Ich lass mir lieber etwas von einem*er Kollege*in auf Augenhöhe sagen und einen Tipp geben, statt von Gruppenleiter*innen“, bekräftigt Gabriele Nottelmann. Nach der Förderung durch das Bundesumweltministerium wollte kein Träger das Projekt weiter fördern. Die Hochbeete und Streuobstwiesen gibt es auch heute noch, um das Projekt weiterzumachen. 

Hier engagiert sich der 32-jährige Paul Döring, der in der Behinderteneinrichtung Friedehorst lebt, seit einem Jahr auf verschiedene Weise für den Klimaschutz. Vom Klimawandel erfuhr der Klimaschützer aus der Tagesschau. „Die schmelzenden Eisberge und die Ölverschmutzung machen mich traurig“, erzählt Paul Döring. Um die Umwelt zu schonen hat er auch Vorschläge: „Energie sparen, weniger Plastikmüll und Auto fahren wegen der Luftverschmutzung. Wir brauchen ja auch Luft zum Atmen und leben.“ Die aktuellen Entwicklungen des Klimawandels und die Diskussionen um Nordstream II behält Paul Döring über die Tagesschau im Fernsehen und die Tageszeitung Weser Kurier stets im Blick. Er spricht sich gegen das Pipeline-Projekt Nordstream II aus. Greta Thunbergs Arbeit für den Klimaschutz begeistert ihn dagegen sehr. Auch ihm fallen die immer heißer werdenden Sommer auf. In seinem Alltag achtet er daher darauf, Wasser und Strom zu sparen. Von Friedehorst wünscht er sich endlich Elektro-Autos zu nutzen, da diese umweltfreundlicher sind. 

Während der Pandemie ist es schwierig, größere Aktionen zu planen, daher konnte Paul Döring noch nicht, wie geplant, eine Klima-Teamer-Ausbildung machen. In kleinen Gruppen baut er zusammen mit anderen Mitbewohner*innen und einem Bundesfreiwilligen nun Sonnenuhren, Insektenhotels und Vogelhäuser, die von der Garten-Gruppe dann auf dem Gelände aufgestellt werden. Zusammen bewirtschaften sie auch die Hochbeete und züchten ihr eigenes Gemüse. Im Sommer möchte Paul Döring mit seiner Gruppe an die Nordsee fahren, um sich das Watt anzuschauen und Müll am Strand zu sammeln.

Mehr Aufmerksamkeit für die Belange behinderter Menschen in der Klimakrise

Auf internationaler Ebene findet langsam ein Wandel statt, die Belange von behinderten Menschen in Debatten über Klimagerechtigkeit einzubinden. Der UN-Menschenrechtsrat verabschiedete am 12. Juli 2019 eine Resolution über die Zusammenhänge von Menschenrechten und dem Klimawandel, wobei explizit auch auf die Lage und den Schutz von behinderten Menschen im Klimawandel eingegangen wird. Die Resolution forderte vom Büro des Hohen Kommissars der Vereinten Nationen für Menschenrechte eine analytische Studie über die Förderung und den Schutz von den Rechten von Menschen mit Behinderung im Kontext des Klimawandels an und in der 44. Sitzung des Menschenrechtsrats ein Panel über das gleiche Thema abzuhalten. Dazu wurde an die Mitgliedsstaaten, Nichtregierungsorganisationen, zwischenstaatliche Organisationen, akademische Institutionen und Nationale Menschenrechtsinstitutionen ein Fragebogen geschickt, um den Wissensstand dieser abzufragen. Die Studie wurde im April 2020 veröffentlicht. Hier fassen die Vereinten Nationen wichtige Punkte zusammen, in welchen Lebensbereichen und mit welchen Wechselwirkungen sich der Klimawandel auf das Leben behinderter Menschen auswirkt, stellen fest wo Behindertenrechte in Klimaverordnungen bereits juristisch verankert sind und machen Vorschläge, wie behinderte Menschen in der Klimakrise handlungsfähiger werden können. Die Befunde decken sich mit den bereits aufgeführten Forschungsergebnissen von Aleksandra Kosanic, geben nur weitere Informationen über internationale Rechtsgrundlagen. Die Forderung, dass Menschen mit Behinderungen in Klimagerechtigkeitsdebatten eingebunden werden sollen, erinnert an die jahrzehntelangen Forderungen der internationalen Behindertenrechtsbewegung und betreffen bereits das Alltagsleben:

  1.      Aktive, freie und bedeutsame Teilhabe von Menschen mit Behinderung und deren Selbstvertretung in allen politischen Entscheidungsprozessen.
  2. Nichtdiskriminierung in allen Handlungen gegen den Klimawandel.
  3. Barrierefreier Zugang zu Informationen.
  4. Wahrnehmung von Behindertenrechten in den Klimawandel-Debatten.

Im Panel im Jahr 2020 kam man zu der Erkenntnis, dass das Handeln gegen den Klimawandel immer auf Grundlage der Menschenrechte zu veranlassen und im Fall von Menschen mit Behinderung gemäß den Bestimmungen der UN-Behindertenrechtskonvention auszuführen sei. Es bleibt abzuwarten, welche Maßnahmen in folgenden Resolutionen und Programmen gegen den Klimawandel im Sinne von behinderten Menschen ergriffen werden.

*Kim ist ein Aktivistenname. Er möchte anonym bleiben.               

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