Drei Tage lang trafen sich Ende September 400 behinderte Aktivist*innen aus ganz Europa in Brüssel, so viele wie nie zuvor beim ENIL Freedom Drive. Journalistin Andrea Schöne war vor Ort und hat mit Menschen über Wohnraumkrise, Sozialabbau und die Frage gesprochen, warum Deutschland bei diesem wichtigen Vernetzungstreffen so unterrepräsentiert war.
Kurz und einfach erklärt
In Brüssel gab es ein großes Treffen.
Es heißt ENIL Freedom Drive.
Dort trafen sich behinderte Menschen aus ganz Europa.
Es waren 400 Menschen da, so viele wie noch nie.
Sie haben drei Tage lang zusammengearbeitet und über ihre Rechte gesprochen.
Zum Beispiel über persönliche Assistenz. Das bedeutet: Hilfe im Alltag, die man sich selbst aussuchen kann.
Sie haben auch über Wohnen gesprochen.
Barrierefreie Wohnungen sind in Europa selten.
Das macht es für behinderte Menschen schwer, eine Wohnung zu finden.
Am Ende gab es eine Demonstration zum Europaparlament.
Dort haben die Aktivist*innen fünf Forderungen übergeben.
Zum Beispiel: mehr barrierefreies Wohnen und bessere Jobs für behinderte Menchen.
Aus Deutschland waren nur wenige Menschen dabei.
Das liegt zum Beispiel an fehlenden Sprachkenntnissen und wenig Vernetzung.
Das soll sich in Zukunft ändern.
In den Debatten um Sozialkürzungen sowohl in Belgien als auch in Deutschland kommt das Thema Behinderung nie vor.
Florian Sanden, Europäischen Netzwerk für Selbstbestimmtes Leben
Seit Wochen gehen in ganz Europa insbesondere junge Menschen, aber auch Arbeiter*innen, Landwirt*innen und Menschen, die in prekären Verhältnissen leben, auf die Straße. Die angesprochenen Themen wie Kürzungen im Sozialsystem für die Militäretats, ein marodes Schulsystem, Wohnungsnot und die immer weiter steigenden Kosten des alltäglichen Lebens betreffen auch insbesondere behinderte Menschen. Auch in Deutschland stehen Behindertenrechte unter Beschuss. Hart erkämpfte Rechte werden wieder zurückgenommen. Dies beobachten wir zum Beispiel bei dem fehlenden Interesse an der Reform der Behindertengleichstellungsgesetzes und sämtlichen Sozialkürzungen. Allerdings fanden derartige Debatten in den Demonstrationen kaum Aufmerksamkeit. Das bemerkt auch Florian Sanden, politischer Referent der europäischen Dachorganisation der Selbstbestimmt Leben- Bewegung und Teil des Vorstandes von ISL e.V., der deutschen Organisation. „In den Debatten um Sozialkürzungen sowohl in Belgien als auch in Deutschland kommt das Thema Behinderung nie vor.“, bemerkt er kritisch. Umso wichtiger ist es auf den ENIL Freedom Drive vor einem Monat in Brüssel zu blicken. Seit 2003 treffen sich hier drei Tage lang behinderte Menschen aus Europa beim größten europäischen Vernetzungstreffen. Fast ein Monat ist der ENIL Freedom Drive her und die Medienaufmerksamkeit ist gerade für die Proteste behinderter Menschen eher gering. Die dort besprochenen Themen waren die gleichen wie bei den Sozialprotesten in ganz Europa.
Was ist der ENIL Freedom Drive?
Das Vernetzungstreffen ist eine Möglichkeit, um das Bewusstsein für Behindertenrechte und die verschiedenen Lebenssituationen behinderter Menschen in den Ländern Europas zu schärfen und untereinander Banden zu gründen. Auch Verbündete wie Eltern behinderter Kinder, Freund*innen oder Menschen, die Dienstleistungen für behinderte Menschen anbieten, sind willkommen. Am ersten Tag fand in der Royalen Bibliothek von Brüssel bei Workshops ein Austausch von Wissen und Strategien für die behindertenpolitische Arbeit statt. Danach fanden ebenfalls in der Bibliothek bei einer Tagung mit Behindertenrechtsvertreter*innen und europäischen Politiker*innen Debatten statt, wie sich die europäische Wohnraumkrise insbesondere für behinderte Menschen auswirkt. Am letzten Tag gab es eine Demo in Brüssel zum Europaparlament mit anschließender Anhörung in einem Sitzungsaal. Dort hatte die Delegation jeden Landes die Möglichkeit Europaabgeordnete ihres Landes zu treffen und eigene politische Forderungen persönlich zu äußern.
Ähnliche politische Prozesse wie in Deutschland passieren gerade in der Behindertenpolitik in fast allen europäischen Ländern gleichzeitig. So auch in Schweden, wie Jamie Bolling, die Co-Vorsitzende von ENIL, beschreibt. „Es ist wieder schwerer, persönliche Assistenz in Schweden zu erhalten. Barrierefreiheit wird abgebaut oder der Zugang zu Leistungen erschwert. Daher sind wieder mehr und mehr Menschen in ihrem Zuhause eingesperrt. Wir dürfen jetzt nicht aufgeben, weil sich alles zurückentwickelt. Wir müssen jetzt unsere Stimmen erheben.”, mahnt Bolling. Seit einem Unfall 1991 nutzt sie einen Rollstuhl und wurde zwei Jahre später Teil der Selbstbestimmt Leben Bewegung in Europa.
Beginn und Ziel der Selbstbestimmt Leben Bewegung
Der „ENIL Freedom Drive“ ist europaweit das größte Vernetzungstreffen und politische Demonstration für behinderte Menschen und findet alle zwei Jahre in Brüssel, dem Sitz der EU-Institutionen, statt. Die Bewegung „Selbstbestimmt Leben“, auf Englisch ‚Independent Living Movement‘ entstand in den 1960er Jahren in den USA und hat ihre Ursprünge in den Sommercamps, den Crip Camps, die auch in der Dokumentation „Sommer der Krüppelbewegung“ rund um die prominente US-amerikanische Behindertenrechtsaktivist*innen Judy Heumann entstanden. Hier kamen junge behinderte Menschen zusammen und tauschten ihre Erfahrungen über Diskriminierung aus und formulierten erste politische Forderungen. Daraus entstand 1972 an der Universität Berkeley das erste Zentrum für Selbstbestimmtes Leben. Bis heute ein zentrales Ziel: Die Abschaffung von Heimunterbringungen und stattdessen das Recht auf persönliche Assistenz einzuführen. Später begannen die Debatten auch in Europa.
„Die Bewegung kam nach Europa, als verschiedene behinderte Europäer*innen an US-amerikanischen Universitäten studierten, dort die Bewegung kennenlernten und Gefallen an den Ideen fanden.“, erzählt Jamie Bolling. 1989 gründeten behinderte Menschen in Straßburg das Europäische Netzwerk ENIL – European Network of Independant Living. Seitdem wuchs das Netzwerk stetig. Den ENIL Freedom Drive gibt es seit 2003. Dieses Jahr nahmen bis zu 400 Menschen teil – so viele wie noch nie zuvor.
Menschen mit einer psychosozialen Behinderung bekommen innerhalb der Behindertenbewegung auch oft viel zu wenig Aufmerksamkeit.
Dorothy Gould
Gemeinsamer Austausch von Wissen und Strategien
Die Workshops wurden von erfahrenen Mitgliedern des ENIL-Teams konzipiert und moderiert. Ziel war es, Wissen und Erfahrungen weiterzugeben. Antonia Trikalioti gründete die erste Organisation für Selbstbestimmtes Leben in Griechenland und gab einen Workshop über Deinstitutionalisierung von Behinderteneinrichtungen. Dazu überlegte sie sich ein Planspiel: Zwei Gruppen simulierten in einer politischen Debatte die Vor- und Nachteile von Behindertenheimen. „Ich habe sie aufgefordert, über alle Argumente nachzudenken und wer in der Gruppe welche Rolle einnimmt. Wer wird die Gruppenergebnisse präsentieren? Wer wird sprechen? Wer ist die bestorganisierte Person, um Notizen zu machen? Welche Rolle nehmen alle innerhalb der Debatten in der Gruppe ein?“, erklärt Trikalioti das Workshopkonzept. Damit wollte sie anregen, darüber nachzudenken, wie die gemeinsame Arbeit in einer Organisation am besten funktionieren kann und zu lernen, wie Aktivist*innen ihre Positionen beispielsweise in einem Ministerium vortragen. Dabei müssen sie sich auf Positionen einigen und lernen, wie Argumente vorgetragen werden können. Ebenso müssen sie lernen, ob jemand in ihren Gruppen vielleicht heimlich ein anderes Motiv hat, also eigentlich für den Erhalt von Behindertenheimen kämpft und die Gruppe unterwandert. Dies müssen die Teilnehmenden lernen zu entlarven. Um die Situation realistischer zu gestalten, mimte Trikalioti daher in der Gruppendebatte später die „böse Ministerin“, welche sich für Behindertenheime ausspricht. So war die Simulation realistischer und der Lerneffekt größer.
Besonders eindrücklich: Vielfältige Perspektiven bekamen gezielt Sichtbarkeit und Raum. Zu den Workshops gehörten auch stets Redebeiträge und gemeinsame Diskussionen in der Gruppe. Dorothy Gould, die Gründerin der britischen Organisation Liberation, welche Teil der internationalen Anti-Psychiatriebewegung „ Transforming Communities for Inclusion“ ist, sprach über Zwangseinweisungen von Menschen mit psychosozialen Behinderungen, also Menschen mit psychischen Behinderungen: „Wir können in Krankhäusern weggesperrt werden. Nicht einmal Menschen mit anderen Behinderungen passiert so etwas.“ Sie selbst erlebte, nachdem sie sich freiwillig in eine Psychiatrie einwiesen ließ, sehr viel Gewalt dort, was sie traumatisierte. Seit Jahren kämpft sie für die Rechte von Menschen mit psychosozialen Behinderungen. „Ich kämpfe für meine Menschenrechte und meiner Peers.“ Sie macht Beratung, Training und macht Forschung für die Rechte von Menschen mit psychosozialen Behinderungen. „Ziel ist es, die Gesetze zu ändern, um Entmündigungen und Zwangseinweisungen in Psychiatrien zu verhindern, sowie unfreiwillige Behandlungen in Psychiatrien und außerhalb dieser.“ Ebenso merkte Gould an, dass Menschen mit einer psychosozialen Behinderung innerhalb der Behindertenbewegung auch oft viel zu wenig Aufmerksamkeit bekommen.
Es geht beim barrierefreien Wohnen nicht nur um mein Zuhause, sondern um andere Häuser oder Wohnungen genauso. Behinderte Menschen möchten ja auch ihre nichtbehinderten Freund*innen oder Familienmitglieder in ihren Wohnungen und Häusern besuchen können. Das ist entscheidend für Teilhabe.
Dr. Carmen Yau
Schwerpunkt: Wohnraumkrise
Im September stellte die europäische Kommission den Entwurf des Gesetzes für bezahlbaren Wohnraum vor. Eine Verpflichtung für Barrierefreiheit gibt es darin allerdings nicht, wodurch behinderte Menschen von der Wohnraumfrage ausgeschlossen werden. Es gibt auch keine Zahlen, wie viel barrierefreien Wohnraum es in den EU-Ländern überhaupt durchschnittlich gibt. In Deutschland sind etwa 2,5% des Wohnraums barrierefrei. Ein Umzug ist daher für behinderte Menschen realistisch sehr schwer möglich. „Es geht beim barrierefreien Wohnen nicht nur um mein Zuhause, sondern um andere Häuser oder Wohnungen genauso”, erläutert die Wissenschaftlerin Dr. Carmen Yau mit Fachgebiet in Sozialer Arbeit und Disability Studies aus Großbritannien. „Behinderte Menschen möchten ja auch ihre nichtbehinderten Freund*innen oder Familienmitglieder in ihren Wohnungen und Häusern besuchen können. Das ist entscheidend für Teilhabe.“
Weiter sprach sie über die Bezahlbarkeit und Disability Tax. „Ist es für dich möglich, die Miete zu zahlen oder hast du genügend Geld, um Anpassungen vorzunehmen?“, warf sie als Fragen in den Raum. Behinderungen können sich im Laufe des Lebens verändern und damit auch mögliche Anpassungen im Wohnraum notwendig werden. Die Disability Tax beschreibt die daraus entstandenen Kosten, die behinderte Menschen tragen müssen, um ihren Alltag bestreiten zu können. Dazu gehören zum Beispiel auch Anpassungen in der eigenen Wohnung, um diese barrierearm zu machen. Diese können sich auch stets verändern. „Du brauchst bestimmte Anpassungen vielleicht nicht jetzt sofort, aber vielleicht in fünf oder zehn Jahren, wenn du oder deine Assistenzpersonen älter werden.“ Ebenso fordert sie die flächendeckende Umsetzung des Universal Design. Bei diesem werden Gebäude so konzipiert, dass sie ohne größere Veränderungen von möglichst allen Menschen ohne Umbauten genutzt werden können.
Ich fand es überwältigend, an der Demo teilzunehmen. Dieses Gefühl von Menschen, die für das Gleiche kämpfen, aus ganz Europa angereist waren, um an dem Tag in Brüssel auf die Straßen zu gehen, war unbeschreiblich.
Nadine Rokstein
„Wir wollen Freiheit, wir wollen die Wahl.“
Am letzten Tag führte eine Demo quer durch das Europaviertel Brüssels bis zum Europaparlament. Der Weg war sehr anstrengend und an den meisten Stellen nicht barrierefrei. Für Nadine Rokstein, Trainee der Europaabgeordneten Katrin Langensiepen war es die erste Demonstration überhaupt. „Ich fand es überwältigend, an der Demo teilzunehmen. Dieses Gefühl von Menschen, die für das Gleiche kämpfen, aus ganz Europa angereist waren, um an dem Tag in Brüssel auf die Straßen zu gehen, war unbeschreiblich“, beschreibt sie ihre Eindrücke. Beim nächsten ENIL Freedom Drive möchte sie auf jeden Fall auch dabei sein. Am Europaparlament begrüßte Katrin Langensiepen, Europaabgeordnete für Deutschland von den Grünen, die Demonstrierenden und verglich den beschwerlichen Weg mit der historischen Behindertenbewegung in den USA. „Judy Heumann organisierte in den 70ern Demonstrationen und blockierte die Straßen New Yorks – ein Meilenstein der US-amerikanischen Behindertenrechtsbewegung. Heute blockieren wir die Straßen Brüssels – der europäischen Hauptstadt. Seht uns, hört uns zu und stoppt den Sozialabbau, denn unser Unterstützungssystem bedeutet Freiheit und wir sind freie Menschen und haben die gleichen Rechte!“
Für angemeldete Besucher*innen ging der Weg weiter ins Europaparlament. Die Barrierefreiheit ist hier nach wie vor ausbaufähig, es gibt beispielsweise für Rollstuhlfahrer*innen einige sehr steile Rampen. Diese sind ohne motorisierten Rollstuhl kaum selbstständig zu bewältigen. Dennoch ist es etwas Besonderes, dass so viele behinderte Menschen auf einmal Zugang in das Europaparlament bekommen. Ohne Kontakt zu Europaabgeordneten kämen NGOs wie ENIL gar nicht erst rein. „Wir buchen die Räume. Die Abgeordneten ermöglichen, dass die Menschen Einlass bekommen, Saaldiener*innen informiert sind und die Bedarfe abchecken“, erklärt Langensiepen. Sie hielt die Eröffnungsrede der Sitzung im Europaparlament des ENIL Freedom Drive 2026. Zentrale Inhalte der Debatten im Europaparlement handelten davon, die persönliche Assistenz und ein Selbstbestimmtes Leben zu stärken.
Grundlegende politische Forderungen des ENIL Freedom Drives 2026:
Vertreter*innen der ENIL-Bewegung überreichten 5 Forderungen der europäischen Behindertenbewegung an das Europaparlament:
1) EU-Gelder dürfen nicht in Segregation fließen. Viele Gelder aus dem Langzeithaushalt der Europäischen Union fließen in aussondernde Institutionen wie Behindertenwerkstätten oder Behindertenheime. Dies verstößt gegen die UN-Behindertenrechtskonvention.
2) Macht Wohnen barrierefrei und bezahlbar. Der europäische Plan für bezahlbaren Wohnraum beinhaltet nicht barrierefreien Wohnraum. EU-Gelder dürfen nur in Selbstbestimmtes Wohnen, nicht in Behindertenheime fließen.
3) Schafft inklusive Arbeitsplätze auf dem 1. Arbeitsmarkt. Behinderte Menschen haben wegen Exklusion im Bildungswesen und Diskriminierung schlechtere Chancen auf einen guten Job. Aber auch, da Regierungen insbesondere Behindertenwerkstätten unterstützen statt beispielsweise Assistenz am Arbeitsplatz. Die EU kann regulieren, wie ihre Mitgliedsstaaten Unternehmen finanziell fördern und damit Druck auf die Mitgliedsstaaten ausüben, dass es mehr inklusive Arbeitsplätze gibt.
4) Recht auf Teilhabe und politische Mitbestimmung. Menschen mit Lernschwierigkeiten und psychosozialen Behinderungen wird oft die Geschäfts- und Rechtsfähigkeit abgesprochen. Somit beispielsweise das Recht Verträge abschließen zu können oder Entscheidungen über ihr alltägliches Leben treffen zu können. Auch wenn viele EU-Staaten die Gesetze geändert haben, werden diese von Behörden und Gerichten nach wie vor angewandt. Dies widerspricht der UN-Behindertenrechtskonvention.
5) Geschlechtergerechtigkeit auch für behinderte Menschen umsetzen. Behinderte Frauen erfahren statisch mehr sexualisierte Gewalt als nichtbehinderte Frauen. Ebenso gibt es in diversen EU-Staaten nach wie vor Zwangssterilisationen und sogar erzwungene Schwangerschaftsabbrüche. Behinderte Frauen und ihre Lebenswelten müssen mehr wahrgenommen werden.
Als Geschenk und Aufforderung zu Handeln überreichten Vertreter*innen von ENIL an Europaabegeordnete und die Präsidentin des Europaparlaments ein T-Shirt vom ENIL Freedom Drive.
In Deutschland haben wir keine geschlossene Disability-Bewegung. Das löst immer Verwunderung aus, das ist unsere Schwäche. Ich wünsche mir eine geschlossene und sichtbare Bewegung.
Kathrin Langensiepen
Zeit, füreinander einzustehen
Auch behinderte Menschen in Europa müssen sich in Zeiten des fortschreitenden Rechtsrucks fragen, welche Rolle sie selbst innerhalb dieser Entwicklungen spielen wollen und müssen. Für den deutschen Behindertenrechtsaktivismus fand Langensiepen hier mahnende Worte: „In Deutschland haben wir keine geschlossene Disability-Bewegung. Das löst immer Verwunderung aus, das ist unsere Schwäche.“ Auf dem ENIL Freedom Drive waren wenige Teilnehmende aus Deutschland. Dies bestätigte Langensiepen: „Man hat es auch beim Freedom Drive gesehen. Nicht nur aufgrund der Entfernung, sondern auch inwiefern behinderte Menschen aus Deutschland, die für behinderte Menschen aktiv sind, miteinander vernetzt sind. Aber ansonsten läuft es über Partikularinteressen wie beispielsweise den Welt-Trisomie-Tag. Dann kommen natürlich Menschen von EU4Trisomie zu uns und sprechen mit allen Abgeordneten.“ Vielmehr wünscht sie sich eine geschlossene und sichtbare Bewegung, die sich auch auf ein gemeinsames Thema einigt und dieses vehement vertritt, auch wenn die eigenen Interessen nicht unmittelbar betroffen sind. Die geringe Beteiligung von behinderten Menschen aus Deutschland fällt auch Florian Sanden auf. Er ist der einzige deutschsprachige Mitarbeiter der europäischen Dachorganisation der Selbstbestimmt Leben – Bewegung, ENIL, in Brüssel. Auch im Vorstand von ENIL gibt es niemand aus dem deutschsprachigen Raum. Ebenso gibt es wenige Mitglieder der Organisation aus Deutschland. Hierzu fallen verschiedene Gründe auf. Zum einen liegt es an fehlenden Fremdsprachkenntnissen. „In anderen Ländern ist Englisch im Alltag viel präsenter als in Deutschland und dementsprechend auch die Englischkenntnisse in der breiten Bevölkerung deutlich besser.“ Die fehlenden Sprachkenntnisse haben noch eine weitere Folge, stellt Sanden fest: „Wenn die Fremdsprachenkenntnisse fehlen, macht internationales Engagement natürlich keinen Spaß. Viele erkennen aber auch nicht den Wert von internationalem Engagement für die eigene Arbeit auf nationaler Ebene.“
Im internationalen Engagement sieht Sanden große Vorteile für die Arbeit auf nationaler Ebene von der strategischen Prozessführung anderer Länder zu profitieren. „Dabei versucht man Grundsatzurteile zu bestimmten Sachfragen bewusst herbeizuführen. Fälle, die repräsentativ für ein größeres Problem stehen wie Diskriminierung am Arbeitsplatz werden genutzt, um bis zur höchsten gerichtlichen Ebene ein Grundsatzurteil zu erwirken. Das Grundsatzurteil kann dann auch auf andere Fälle angewendet werden“, erklärt Sanden. Aktuell läuft es derartiges Verfahren mit dem Kläger Jürgen Linnemann, um den Mindestlohn für Beschäftigte in Behindertenwerkstätten zu erwirken. Austausch auf internationaler Ebene ist dazu sicher hilfreich. „Wir haben da sehr viel Kompetenz, sehr viel Wissen angesammelt und geben das auch weiter. Man müsste eigentlich nur an den Veranstaltungen teilnehmen und könnte darüber auch dann sehr viel abgreifen.“, betont Sanden den Vorteil der Vernetzung.
Die deutsche Behindertencommunity muss ihre Einstellung zu internationalen Arbeit reflektieren und eine eigene Rolle finden. Es braucht zudem einen selbstkritischen Blick, welche Perspektiven in der deutschen Behindertenrechtsbewegung kaum wahrgenommen werden. Dazu gehören insbesondere Geflüchtete und Migrant*innen mit Behinderungen.
Auch organisatorische Fragen spielen laut Langensiepen eine Rolle, warum so wenige behinderte Menschen aus Deutschland beim ENIL Freedom Drive sind. „Welche deutschen Behindertenrechtsaktivist*innen wissen überhaupt, dass der Freedom Drive in Brüssel stattgefunden hat? Wer hat in Deutschland Zugang zu den Informationen über den ENIL Freedom Drive? Wer hat die Ressourcen, um nach Brüssel zu fahren? Welche behinderten Menschen fühlen sich von dem Thema Independent Living angesprochen? Welche behinderten Menschen ignorieren das Thema? Man merkt immer, dass der Behindertenrechtsaktivismus interessensgeleitet ist.“ Hotels in Brüssel sind sehr teuer und nicht viele können knapp eine Woche Zeit aufwenden, um sich ehrenamtlich zu engagieren. Ebenso sind Sprachkenntnisse eine wichtige Frage. „Aus Ressourcengründen können wir unser Angebot nicht mehrsprachig anbieten.“, erklärt Sanden. „Einige kommen zum ENIL Freedom Drive mit jemanden, der ihnen bei den Sprachkenntnissen hilft. Es gibt aber einige aus Deutschland, welche die Sprachkenntnisse haben und trotzdem nicht kommen.“
Ein weiteres Problem ist, wer überhaupt weiß, dass der ENIL Freedom Drive stattfindet. Nadine Rokstein erfuhr nur als Trainee von Langensiepen von der Demonstration. Vor Ort fertigte Videomaterial für deren Social Media Kanal an und führte Interviews. ENIL nutzt die meisten Social Media-Kanäle, um auf ihre Arbeit aufmerksam zu machen. Ebenso gibt es Länderbotschafter*innen, aber nicht aus Deutschland. „Wir finden niemanden aus Deutschland, um das zu machen. Wir sind hier auch auf unsere Mitglieder angewiesen das weiterzutragen“, bemerkt Sanden kritisch. In Zukunft wollen sie daran arbeiten, das zu ändern, verspricht Sanden.
Hierzu muss die deutsche Behindertencommunity auch ihre eigene Einstellung zu internationalen Arbeit reflektieren und eine eigene Rolle finden. Es braucht zudem einen selbstkritischen Blick, welche Perspektiven in der deutschen Behindertenrechtsbewegung kaum wahrgenommen werden. Dazu gehören insbesondere Geflüchtete und Migrant*innen mit Behinderungen.
Neue Perspektiven für die deutsche Behindertenbewegung
ENIL zeigte beim Netzwerktreffen sehr deutlich, dass mehrfach marginalisierte Perspektiven unbedingt Beachtung brachen und Menschen für sich selbst sprechen müssen. Dies zeigte sich auch bei einem Workshop über inklusive Bildung, indem die extreme Benachteiligung von Sinti*zze und Rom*nja-Kindern im Bildungssystem sichtbar gemacht wurde. Dieses Zusammenwirken und die Überlagerung verschiedener Diskriminierungs- und Privilegierungsformen nennt sich Intersektionalität. „Verschiedene Aspekte unserer Identität beeinflussen, wie wir uns verhalten und Diskriminierung erfahren“, beschreibt Nina Portolan, welche den Workshop moderierte. Derzeit arbeitet ENIL an seinem ersten Aktionsplan für Intersektionalität Richtlinien. Von den Diskussionen könnte auch die deutsche Behindertenbewegung profitieren. Sanden, der seit September auch im Vorsitz von ISL e.V., der deutschen Organisation der Selbstbestimmt Leben- Bewegung sitzt, arbeitet daran die Vernetzung zwischen Deutschland und der europäischen Ebene zu verbessern – mit ersten Erfolgen. „Vor drei Jahren hat die EU angefangen an einer Richtlinie zur Anerkennung der Rechtsfähigkeit in grenzüberschreitenden Situationen zu arbeiten. ENIL und ISL e.V. haben gemeinsam ein Positionspapier verabschiedet und an die deutsche Bundesregierung geschickt.“, erklärte Sanden. Und sie hatten Erfolg. Zieht eine Person, welche die unterstützte Entscheidungsfindung nutzt von einem EU-Land in ein anderes, wird der Status dort anerkennt.
In Zeiten des internationalen Rechtsrucks dürfen gerade mehrfach marginalisierte Perspektiven dürfenbehinderter Menschen nicht unsichtbar bleiben. In Zeiten der europäischen Sozialproteste kann der ENIL Freedom Drive ein Vorbild sein, wie behinderte Menschen sich auf europäischer Ebene organisieren können und konstruktiv politische Forderungen einbringen.