Sommer der Selbstermächtigung

eine frau sitzt am telefon eine andere zeigt ihr etwas auf einem zettel
Screenshot Netflix
Lesezeit ca. 4 Minuten

In der Netflix-Dokumentation “Crip Camp” können die Zuschauer*innen erleben, wie aus Jugendlichen mit Behinderung politische Aktivist*innen werden. “Filmlöwin” Sophie Charlotte Rieger hat sie sich angeschaut.

Der Kampf um eine gerechte Gesellschaft ging in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts von verschiedenen politischen Bewegungen aus. Die bekannteste und mit zahlreichen Filmen medial am stärksten repräsentierte ist mit Sicherheit die antirassistische Bewegung um Martin Luther King Jr.

Prominent filmisch aufgearbeitet wurden aber auch wiederholt die Antikriegsbewegung, beispielsweise im modernen Klassiker „Forrest Gump“, die zweite Welle des Feminismus (2019 in „Die Berufung“) oder auch der Stonewall Aufstand queerer Personen in New York, der im Zuge seines Jubiläums im Jahr 2019 auch durch die Wiederaufführung des Dokumentarfilms „Before Stonewall“ stärker ins Bewusstsein der Mehrheitsgesellschaft drängte.

Aber eine wichtige Bewegung dieser Zeit blieb im Medium Film bislang weitgehend unsichtbar: die Behindertenbewegung. In seinem Dokumentarfilm „Crip Camp“ (deutscher Titel: „Sommer der Krüppelbewegung“) rückt das Regieduo James LeBrecht und Nicole Newnham die politischen Aktivist*innen des „Disability Rights Movements“ ins längst überfällige Rampenlicht und macht sie als Akteur*innen der gesellschaftlichen Umwälzungen ihrer Epoche sichtbar: von den ersten politischen Diskussionen im Ferienlager, über selbstorganisierte Wohnprojekte bis hin zu politischen Demonstrationen und Sitzblockaden.

Aus dem Ferienlager wurde eine politische Bewegung

Der Filmtitel ist hierbei ein wenig irreführend gewählt. Zwar spielt das im Jahr 1951 gegründete Sommerlager “Camp Jened” für Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit Behinderung eine Schlüsselrolle für den in „Crip Camp“ portraitierten Findungsprozess einer politisch aktiven Gruppierung, doch suggeriert der Name des Films, es würde vornehmlich um junge Menschen und ihr Ferienvergnügen gehen. Tatsächlich montieren LeBrecht und Newnham das erste Drittel ihres Films fast ausschließlich aus Aufnahmen, die 1971 im Camp von einem Filmteam sowie den Camper*innen selbst angefertigt wurden. Doch das ist nur der Anfang.

In der Dokumentation kontextualisieren Interviews der erwachsenen Camper*innen und Betreuer*innen die Archivaufnahmen und vermitteln einen Eindruck dieser ganz besonderen Utopie namens „Camp Jened“, in der die Jugendlichen eine lang ersehnte Form der Freiheit fanden.

In einer Zeit, in der Menschen mit Behinderung gesellschaftliche Teilhabe fast vollständig verwehrt war, stellte das Ferienlager eine Ausnahmeerscheinung dar. Hier war möglich, was andernorts unmöglich schien oder – besser gesagt – unmöglich gemacht wurde. Sportliche Aktivitäten, aktive Mitgestaltung des gesellschaftlichen Lebens – und natürlich ganz wichtig für die Altersgruppe: Dating. Viele der Camper*innen verbrachten daher ihre Sommerferien regelmäßig im Camp und knüpften dort lebenslange Freundschaften und es entstanden Liebesbeziehungen.

Kampf um Selbstbestimmung

Die Schwarz-Weiß-Aufnahmen zeigen aber nicht nur Ferienalltag, sondern auch das Erstarken verschiedener Stimmen. Die Jugendlichen nutzen das Camp-Erlebnis, um sich in Gesprächsrunden über ihr Leben, ihre Probleme und Wünsche auszutauschen und entwickeln dabei neben politischen Überzeugungen auch ein Bewusstsein für die eigene Selbstwirksamkeit: Sie können etwas verändern. Bereits in den Videoaufnahmen aus dem Camp-Sommer 1971 ist es Judith „Judy“ Heumann, die durch ihr besonders starkes Engagement in diesen Diskussionen auffällt. Und so ist es wenig überraschend einige Jahre später auch Judy, die mit anderen Aktivist*innen, viele davon Freund*innen aus Camp Jened, das Gesundheitsministerium in San Francisco 28 Tage lang besetzen wird, um Bürger*innenrechte für Menschen mit Behinderung zu erwirken – die bis heute längste Sitzblockade eines öffentlichen Gebäudes.

Dramaturgisch orientiert sich „Crip Camp“ in der zweiten Hälfte vor allem an Heumanns aktivistischem Lebensweg und zeichnet anhand dieser beeindruckenden Frau das US-amerikanische „Disability Rights Movement“ der 1970er und 80er als politische Bewegung nach. Inhaltlich weiten die Filmemacher*innen den Blick und erzählen die Biographien mehrere Aktivist*innen, die in Interviewsequenzen immer wieder vor die Kamera treten.

Es ist immer die eigene Stimme der Protagonist*innen und niemals ein fremdes Voice Over, das die Archivbilder von Demos und politischen Versammlungen kommentiert. Auf diese Weise spiegelt hier die Form den Inhalt, nämlich den Kampf um Selbstbestimmung, zu der auch das Recht über die eigene Geschichte gehört.

Während der Anfang des Films mit seiner Hippiemusik und dem ausgelassenen jugendlichen Ferienleben vor allem auch das Herz erwärmt, entwickelt sich „Crip Camp“ sukzessive zu einem hochpolitischen Film und seine Protagonist*innen von sympathischen Jugendlichen zu beeindruckenden politischen Aktivist*innen. Dabei verändert sich auf subtile Art und Weise auch der Umgang des Films mit dem Thema Behinderung.

Im Ferienlager steht für die jungen Menschen die eigene Behinderung noch stärker im Fokus, sodass dieser Aspekt ihres Lebens auch die Aufmerksamkeit des Filmpublikums auf sich lenkt. Insbesondere nicht behinderten Zuschauer*innen ermöglicht diese Einführung ein besseres Verständnis für die alltäglichen Herausforderungen der Jugendlichen, wie zum Beispiel den Abgrenzungsprozess von den Eltern, die gleichzeitig auch lebensnotwendige Pflegehilfen darstellen. Die Protagonist*innen werden in unserer Wahrnehmung dadurch teilweise über jene Behinderungen charakterisiert, die sie von uns und unserer Lebensrealität unterscheiden.

Kampf um eine neue Norm

Im weiteren Verlauf des Films wird dieser Unterschied nun sukzessive aufgelöst, wenn es immer weniger um Menschen mit Behinderung und mehr um politische Aktivist*innen geht, die einen Moment des gesellschaftlichen Umbruchs zu nutzen wissen, um für ihre Rechte zu kämpfen. So wird nicht nur Identifikation möglich, sondern auch eine von körperlichen oder geistigen Voraussetzungen vollkommen unabhängige Bewunderung für ihren Mut und Kampfgeist, mit dem sie in der Regel desinteressierten Autoritäten gegenübertreten. Kurz gesagt: ein allgemein ermächtigendes Identifikationspotential.

 

Nicht zuletzt platziert „Crip Camp“ die Behindertenbewegung auch gleichberechtigt in den historischen Kontext verschiedener Bürger*innenrechtsbewegungen in den USA. So wie die Protagonist*innen für sich keine Sonderrolle beanspruchen, sondern um das genaue Gegenteil, nämlich einen neuen Normenbegriff, kämpfen, inszenieren auch LeBrecht und Newnham das „Disability Rights Movement“ nicht als singuläres Ereignis sondern als Teil eines größeren historischen Moments. Auf diese Weise erhalten Judith Heumann und ihre Mitstreiter*innen mit diesem Film ihren festen und verdienten Platz im politischen Bewusstsein der Zuschauer*innen. Nur eines verwirrt am Ende: Wie konnte diese beeindruckende Geschichte so lange an der nicht-behinderten Mehrheitsgesellschaft vorbeigehen?

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