Unsichtbarer Leistungssport Powerchair-Hockey: Warum inklusiver Sport kaum erzählt wird

Zwei Power-Hockey Spieler auf dem Feld in Aktion, im Hintergrund Zuschauer*innen.
Ein historischer Moment für Powerchair-Hockey: Anders Berenth (Dänemark) stellt mit 158 ​​Toren einen neuen Allzeitrekord auf. Foto: International Powerchair Hockey | Official Website
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Während auf dem Feld Präzision und Tempo zählen, bleibt vieles außerhalb unsichtbar. Leonie Schüler schreibt in ihrer Reportage über Sport, Inklusion und fehlende mediale Berichterstattung. Und warum sich gerade im Vereinsleben zeigt, was Sport wirklich ausmacht.

Darum geht’s

In dem Text schreibt Leonie Schüler über Powerchair-Hockey.
Das ist Hockey mit Elektrorollstühlen.
Der Sport ist schnell und anspruchsvoll.
Trotzdem kennen ihn nur wenige.

Auch andere Sportarten mit Menschen mit Behinderung sieht man selten in den Medien.

Sport ist wichtig.
Man lernt Teamarbeit, Respekt und Regeln.
Alle können dazugehören, auch ohne selbst zu spielen.

Inklusion heißt: Alle machen mit.
Von Anfang an.

Die Medien zeigen oft nur besondere Einzelfälle.
Der Alltag im Sport fehlt.

Dabei gibt es viele gute Projekte.
Aber sie bleiben oft nicht dauerhaft.

Der Text sagt:
Inklusion muss normal werden.
Und der Sport von allen muss sichtbar sein.

Warum Powerchair-Hockey weitgehend unsichtbar ist

Es ist ein kühler Dezembertag, als ich die Black Knights in der Sporthalle der Heinrich-Heine-Schule besuche. Noch liegt eine ruhige, konzentrierte Stimmung in der Halle. Spieler*innen begrüßen sich, kurze Gespräche am Spielfeldrand, routinierte Handgriffe. In der Luft hängt dieser typische Geruch von Sporthallen – eine Mischung aus Holz, Gummi und Bewegung.

Auf dem Feld beginnen einige bereits mit dem Aufwärmen. Die Elektrorollstühle beschreiben enge Kurven, der Ball wird mit dem Handstick oder T-Stick präzise geführt und in die nur zwanzig Zentimeter hohen Tore gespielt. Die Abläufe wirken selbstverständlich, hochkonzentriert und klar strukturiert.

Powerchair-Hockey folgt einem strengen Regelwerk. In der ersten Bundesliga sowie im internationalen Spielbetrieb liegt die erlaubte Maximalgeschwindigkeit bei 15 km/h. Die Geschwindigkeit kann während eines Spiels kontrolliert werden – liegt sie über der erlaubten Grenze, droht der sofortige Spielausschluss. In der zweiten Bundesliga beträgt die Höchstgeschwindigkeit zehn km/h, um neuen oder jüngeren Spieler*innen den Einstieg zu erleichtern.

Leistung, Taktik und Spielübersicht stehen im Mittelpunkt. Sobald der Ball freigegeben ist, zählt nur noch das Spiel.

Und doch bleibt dieser Sport trotz seines hohen Niveaus weitgehend unsichtbar.

Internationale Turniere werden meist über Livestreams übertragen. Eine breite mediale Wahrnehmung findet kaum statt. Dass Powerchair-Hockey bislang kein paralympischer Sport ist, verstärkt diese Unsichtbarkeit zusätzlich. Innerhalb der Szene sind sportliche Erfolge bekannt – außerhalb bleiben sie oft unbeachtet, selbst wenn sie mitten in deutschen Städten stattfinden.

Die Unsichtbarkeit in dieser Sportart ist kein Einzelfall.

Sport prägt Menschen nicht nur durch Titel oder Tore, sondern durch soziale Erfahrungen.

Fußball als Lebensschule

Sport ist für viele Menschen ein Ausgleich. Für mich ist es vor allem Fußball. Auch wenn ich selbst nicht aktiv auf dem Platz stehen kann, bin ich Mitglied in einem Fußballverein. Ich sitze im Elektrorollstuhl, stehe nicht auf dem Rasen – und bin trotzdem Teil einer Gemeinschaft.

Am Spielfeldrand, in Gesprächen, im gemeinsamen Erleben von Sieg und Niederlage.

Der frühere Nationalspieler Philipp Lahm beschreibt Fußball als Lebensschule. Als einen Ort, an dem Werte wie Gemeinschaft, Respekt, Verantwortung und Regeln vermittelt werden. Diese Perspektive ist für mich zentral, weil sie den Blick weg von Ausnahmen lenkt – und hin zum Alltag des Sports.

Sport prägt Menschen nicht nur durch Titel oder Tore, sondern durch soziale Erfahrungen.

Genau deshalb beginnt Inklusion nicht erst bei großen Turnieren, sondern im Nachwuchs. Der ehemalige Trainer Hermann Gerland schreibt in seinem Buch Immer auf’m Platz, dass Kinder wieder für den Fußball begeistert werden müssen – durch Training, das Spaß macht und Persönlichkeitsentwicklung ermöglicht.

Dieser Gedanke lässt sich direkt auf Inklusion übertragen: Wer Vielfalt von Anfang an mitdenkt, macht sie zur Normalität.

Genau deshalb habe ich in einem Kinder- und Familienzentrum meines Vereins über Inklusion gesprochen. Der Ort versteht sich als Begegnungsstätte für Familien, Kinder und Menschen aus unterschiedlichen sozialen und kulturellen Hintergründen. Inklusion ist dort kein Sonderthema – sondern Teil des alltäglichen Miteinanders.

Schwarz positionierte Person im E-Rolli und Trikot reicht einer Person die Hand und lächelt.
Der Verein der "Black-Knights-Dreieich" ist einzige Verein, der Power-Chair-Hockey in Hessen im Wettkampfsport vertritt und anbietet. Foto: www.black-knights-dreieich.de

Menschen mit Beeinträchtigung tauchen medial häufig entweder gar nicht auf – oder als Ausnahme. Als Inspiration. Als „trotz allem“. Dieses sogenannte „Cherry Picking“ greift einzelne Geschichten heraus und löst sie aus ihrem strukturellen Kontext.

Der mediale Blick auf den Sport

Sportjournalismus erzählt gerne besondere Geschichten: Außenseiter, die plötzlich auf großer Bühne stehen. Amateurspieler, die international antreten. Überraschende Aufstiege.

Solche Geschichten folgen oft einem bekannten Muster: Kontrast, Überraschung, Heroisierung.

Das Problem entsteht dort, wo dieses Erzählen zur dominierenden Perspektive wird.

Menschen mit Beeinträchtigung tauchen medial häufig entweder gar nicht auf – oder als Ausnahme. Als Inspiration. Als „trotz allem“. Dieses sogenannte Cherry Picking greift einzelne Geschichten heraus und löst sie aus ihrem strukturellen Kontext.

Nicht das Erzählen der Geschichte einzelner Menschen ist problematisch, sondern das Muster dahinter.

Eine Wissenslücke mit Geschichte

Dass diese Wissenslücke kein neues Phänomen ist, zeigt auch die Forschung. Der Kommunikationswissenschaftler Thomas Schierl beschreibt bereits 2004 die deutliche Unterrepräsentation von Behindertensport in der Sportberichterstattung.

Auch im Studienbrief Sportjournalismus des Deutschen Journalistenkolleg (2012), den er gemeinsam mit Christoph Bertling verfasst hat, wird deutlich: Die geringe Sichtbarkeit hat weniger mit fehlender sportlicher Qualität zu tun als mit redaktionellen Routinen, Unsicherheiten in der Darstellung und der Erwartung eines geringeren Publikumsinteresses.

Als Journalistin frage ich mich: Wenn dieses Problem seit mehr als zwanzig Jahren bekannt ist – warum hat sich so wenig verändert?

Perspektiven aus der Praxis

Im Gespräch mit Linda Bull, Sportlotsin im Bereich Sport und Inklusion der Evangelischen Stiftung Alsterdorf, wird deutlich, dass es immer mehr erfolgreiche Projekte im inklusiven Sport gibt. So werden z.B. Vereine dabei unterstützt und motiviert, innovative Angebote im Breitensport zu entwickeln. Diese werden häufig getragen von engagierten Einzelpersonen.

Gleichzeitig zeigt sich ein strukturelles Problem: Viele dieser antreibenden Projekte bleiben projektbezogen. Sie laufen einige Jahre erfolgreich, bringen wichtige Erkenntnisse hervor, werden aber selten dauerhaft verankert.

Sportberichterstattung spielt dabei eine entscheidende Rolle. Sie kann inklusiven Sport sichtbar machen. Das Problem: Menschen mit Behinderung werden in Medien noch immer häufig auf ihre Beeinträchtigung reduziert.

Bull beschreibt ein Beispiel aus der Berichterstattung: Nach dem Beitrag über eine Veranstaltung von Special Olympics, der in die Rubrik „Soziales“ eingeordnet war, folgte der Satz „Und jetzt zum Sport“ – als wäre das zuvor Gezeigte kein Sport gewesen.

Dabei ist genau das der Punkt: Es ist Sport.

Inklusion beginnt bei den Rahmenbedingungen. Räume müssen zugänglich sein. Strukturen müssen Teilhabe ermöglichen.

Sichtbarkeit im Schatten der großen Sportarten

Günter Keller, seit 1994 erster Vorsitzender des 1. ERHC Dreieich, beschreibt die Sichtbarkeit des Sports deutlich nüchterner. Seine Auszeichnung mit dem Bundesverdienstkreuz habe regional zwar kurzfristig Aufmerksamkeit erzeugt, an der grundsätzlichen Wahrnehmung des Powerchair-Hockeys habe sich jedoch wenig verändert. Die größere mediale Resonanz der vergangenen Monate entstand nicht durch Ehrungen einzelner Personen, sondern durch eine andere Entwicklung: Weil die deutsche Powerchair-Hockey-Nationalmannschaft ab 2026 keine finanzielle Unterstützung mehr erhalten soll, mussten kurzfristig rund 70.000 Euro gesammelt werden, damit der Vize-Europameister von 2024 überhaupt an der Weltmeisterschaft in Finnland teilnehmen kann.

Auch der Deutscher Olympischer Sportbund weist darauf hin, dass Inklusion im Sport zunehmend stärker in den Fokus rückt, gleichzeitig aber langfristige strukturelle Veränderungen notwendig sind. In einer Stellungnahme, vermittelt durch Referent für Inklusion im und durch Sport im Ressort Diversity, Taime Kuttig, wird betont, dass inklusive Angebote stärker verankert werden müssen – nicht nur projektbezogen, sondern als selbstverständlicher Bestandteil des Breitensports.

Inklusion als strukturelle Aufgabe

Wie solche Strukturen entstehen können, wurde auch bei einer Zukunftswerkstatt der SG Bornheim Grün‑Weiss Frankfurt diskutiert, an der ich teilgenommen habe. Dort ging es um die Frage, wie soziale Nachhaltigkeit und Inklusion langfristig im Vereinsleben verankert werden können.

Ein Gedanke aus diesen Gesprächen ist mir besonders im Kopf geblieben: Inklusion beginnt bei den Rahmenbedingungen. Räume müssen zugänglich sein. Strukturen müssen Teilhabe ermöglichen.

Genauso wichtig ist aber auch der soziale Rahmen – eine Kultur des Miteinanders, in der Vielfalt selbstverständlich ist.

Oder anders gesagt: Inklusion entsteht dort, wo Menschen miteinander ins Gespräch kommen und voneinander lernen.

Der Blick nach vorne

Powerchair-Hockey ist leistungsorientierter, taktischer Sport. Fußball ist für viele Menschen eine Lebensschule. Und Inklusion ist keine Ausnahme, sondern Teil unserer Gesellschaft.

Doch solange Sportjournalismus vor allem nach dem Außergewöhnlichen sucht, bleiben viele dieser Realitäten unsichtbar.

Vielleicht braucht es deshalb einen anderen Blick auf den Sport. Einen Blick, der nicht nur nach Held*innengeschichten sucht, sondern auch nach dem Alltag des Sports.

Nach Trainingseinheiten. Nach Vereinsleben. Nach den Menschen, die Woche für Woche auf den Plätzen und in den Hallen stehen.

Denn genau dort entscheidet sich, ob Inklusion wirklich Teil unserer Gesellschaft wird.

Im Beitrag erwähnte Quellen:

Bücher

Philipp Lahm. (2021). Das Spiel: Die Welt des Fußballs. München: C. H. Beck Verlag.

Hermann Gerland. (2022). Immer auf’m Platz: Mein Leben für den Fußball. München: Droemer Verlag.

Interviews und Hintergrundgespräche

Bull, L. (2026). Hintergrundgespräch zum Thema Inklusion im Sport.

Evangelische Stiftung Alsterdorf, Bereich Sport und Inklusion (Sportlotsin).

Keller, G. (2026). Schriftliche Antworten zur Sichtbarkeit von Powerchair-Hockey und inklusivem Sport.

Black Knights Dreieich, https://www.black-knights-dreieich.de/ 

Kuttig, T. (2026). Schriftliche Stellungnahme zur Inklusion im Breitensport im Auftrag des Deutschen Olympischen Sportbund.

Dokumente und Regelwerke

Deutscher Rollstuhlsportverband. (2021). Nationales Regelwerk Powerchair-Hockey. Duisburg.

Deutsches Journalistenkolleg Berlin. (2012). Studienbrief Sportjournalismus

Vereins- und Projektkontexte

SG Bornheim Grün-Weiß. (2026). Zukunftswerkstatt des Vereins und Gespräche im Kinder- und Familienzentrum zum Thema Inklusion.

Black Knights Dreieich. (2025). Vereinsinformationen und Eindrücke aus dem Trainingsbetrieb im Powerchair-Hockey.

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