Nachteilsausgleiche – Transkript

Lesezeit ca. 29 Minuten

Die Neue Norm: „Drei Journalist*innen, zwei Rollstühle und eine Sehbehinderung: Die Journalist*innen Judyta Smykowski, Jonas Karpa und Raul Krauthausen sprechen über Behinderung, Inklusion und Gesellschaft.

Folge 17: „Nachteilsausgleiche“

Judyta:
Jungs, jetzt mal Butter bei die Fische – Schwerbehindertenausweis gezückt. Und wir machen jetzt einen Vergleich der Schwerbehindertenausweise. Welche Buchstaben habt ihr zu bieten?

Jonas:
Also ich habe hier das B für Begleitperson.

Judyta:
Check.

Jonas:
Das H für hilflos.

Judyta:
Check.

Jonas:
Das G für gehbehindert und das RF für Rundfunk und du, Raúl?

Raúl:
Ich biete mehr. Ich habe noch AG für außergewöhnlich gehbehindert…

Jonas:
Uhhh…außergewöhnlich!

Raúl:
…und ein T, das ist, glaube ich, Berlin-spezifisch, damit kann ich den sogenannten Telebus, bzw. Sonderfahrten buchen.

Judyta:
Teletubby Bus.

Jonas:
Aber unbefristet haben wir alle, oder?

Judyta:
Nein!

Jonas:
Was?

Raúl:
Ach!

Judyta:
Meiner ist nur gültig bis 2025. Danach, wissen wir ja alle, bin ich nicht mehr behindert.

Jonas:
Heißt das dann, du musst nachweisen, dass du dann geheilt bist?

Judyta:
Genau. Ja, das wird sich dann zeigen.

Jonas:
Sehen wir es einfach positiv. Raúl und ich sind irgendwie schon abgeschrieben und in dich wird einfach noch ein bisschen Hoffnung gelegt, dass du dann irgendwann, ja, aus dem Rollstuhl aussteigst und losläufst.

Raúl:
Es ist schon absurd, dass Judyta das in ein paar Jahren noch einmal nachweisen muss. Ich habe meinen seit 1986.

Judyta:
Ich meinen zehn Jahre später seit 1996 und Jonas, du?

Jonas:
Ich habe meinen seit 2018.

Judyta:
Oh, noch ganz jung…

Raúl:
Und habt ihr 100 Prozent?

Jonas:
Ja, ja, ja, ja, ja!

Judtya:
Ja, also Grad der Behinderung, davon reden wir gerade.

Raúl:
Das heißt: eigentlich könnte man so eine Art Quartett daraus machen.

Judyta:
Ja, du hast gewonnen, Raúl!

Raúl:
Nach deren Kriterien, ja!

Jonas:
Ja, T für Touché.

Raúl:
Wir können ja vielleicht mal als Shownotes so ein Musterfoto von einem Schwerbehindertenausweis posten, weil der ist unfassbar hässlich. Also da kotzt das Grafiker*innen-Herz. Wie kann man etwas so gestalten und so danebenliegen, da stimmt nichts. Da stimmt der Satzbau, also, der Schriftsatz nicht, die Farben stimmen nicht, es ist unscharf, der Text liegt nicht auf der Linie, es sind einfach so random Buchstaben auf dieses Ding gedruckt. Wo man sich fragt, so, Alter, hat das sich mal jemanden angeguckt, der was davon versteht?

Jonas:
Wir könnten eine Ausschreibung machen.

Judyta:
Der Rant des Tages von Raúl Krauthausen.

Raúl:
Also jeder Personalausweis, die ja auch keine Schönheiten sind, sieht besser aus. Und dann steht da drüber bei mir ganz dick: Schwerbehindertenausweis. Auch so ein schweres deutsches Wort.

Judyta:
Wie so Schwertransport!

Jonas:
Raúl Krauthausen kann nicht überholt werden. Heck schwenkt aus.

Raúl:
In der Tat!


Herzlich willkommen zu Die Neue Norm, dem Podcast. Ja, wir Menschen mit Behinderung können natürlich Scherze über unseren Schwerbehindertenausweis machen. Aber der Prozess, den zu beantragen, ist oft sehr, sehr langwierig und teilweise von viel Diskriminierung geprägt. Diesen Schwerbehindertenausweis braucht man aber, um die sogenannten Nachteilsausgleiche zu bekommen und einfach seine Behinderung wirklich amtlich bestätigen zu lassen. Wir möchten heute über unsere Erfahrungen sprechen, wie es war, als wir den Schwerbehindertenausweis beantragt haben, aber natürlich auch über die Zeit und die Barrieren, die wir die ganze Zeit aufwenden müssen mit unserer Behinderung. Mit zugeschaltet sind Judyta Smykowski und Raúl Krauthausen.

Raúl & Judyta:
Hallo… Hallo!

Jonas:
Mein Name ist Jonas Karpa. Wie war es bei euch? Also, ich habe meinen Schwerbehindertenausweis im Jahr 2018 bekommen, bin also so gesehen ein wirklicher Frischling noch. Ihr habt eure Behinderungen ja seit der Geburt. Wie war das? War das so, dass dann quasi nach der Geburt gesagt wurde: Hier ist das Baby, hier ist die Geburtsurkunde, und hier ist ihr Schwerbehindertenausweis.

Raúl:
So als ein Starterpack in die Welt… Nein, bei mir war es in der Tat so, dass ich sehr lange als Kind einfach nur so einen Wisch hatte vom Versorgungsamt – das hieß früher so, heute heißt das wahrscheinlich Amt für Gesundheit und Soziales. Aber bei mir hieß das noch Versorgungsamt und ich habe noch sogar den Originalschrieb, so ganz vergilbt mit Schreibmaschine geschrieben von Mitte der 80er oder so. Wo mir amtlich bescheinigt wurde, dass wohl mit mir etwas nicht stimmt, ich also eine Behinderung habe. Auch so super merkwürdig geschrieben und erklärt. Den Schwerbehindertenausweis habe ich seit 1986. Ich habe ihn zwei Mal in meinem Leben verlängern müssen, bis sie dann irgendwann realisiert haben, dass er unbefristet sein sollte. Und das ist er jetzt… beziehungsweise, ich meine, ich war sechs, als ich den ersten bekam. Meine Mutter hat den beantragt.

Judyta:
Also meine Geschichte beginnt auch mit sechs Jahren – sehe ich hier gerade auf dem Ausweis – 1996, da war ich sechs. Da haben meine Eltern den beantragt, weil es da auch in die Schule ging. Und da ging es auch in dem Zusammenhang um Ausflüge und wie ich denn die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen kann. Und da gibt es ja die Regeln, dass… also meine Eltern mussten natürlich immer mitkommen bei den Ausflügen, mich begleiten. Und da gibt es ja die Regel, dass ich jemanden auf Grund der Behinderung mitnehmen kann, der mir helfen kann. Und so kam das Ganze zustande, da haben sie sich wohl darum gekümmert.

Jonas:
Ja, das ist also wirklich ein Punkt, dort, wo es darum geht, Sachen zu beantragen und eben auch die Unterstützung zu bekommen.

Judyta:
Genau, aber woher sie diese Info hatten, dass sie das machen können, das weiß ich nicht. Also damals gab es ja auch noch nicht dieses Internet so weit verbreitet. Wir hätten das normalerweise jetzt gegoogelt. Was steht uns zu? Ja, keine Ahnung, werde ich sie mal fragen.

Raúl:
Also, ich kann mich in meiner Kindheit daran erinnern – bin ja in West-Berlin…

Jonas: lacht

Raúl:
Oh Gott, das jetzt so zu sagen… Ich bin ja in Berlin-West groß geworden. Und ich kann mich erinnern, dass ich öfter mit meiner Mutter im Sozialamt war. Und meine Mutter mir auch immer eingebläut hat, ich soll nichts sagen, weil sie das Ganze im Griff haben möchte und sie nicht möchte, dass ich etwas sage, was vielleicht das Ganze verzögert im Sinne von… ich brauche diesen Nachteilsausgleich hier oder da nicht. Also es ging halt immer darum, dass ich einen Rollstuhl beantragt habe bei der Krankenkasse und ich dann irgendwo mal gesagt habe: Aber wieso, ich rutsch doch schön auf dem Boden rum, ich brauche doch gar keinen Rollstuhl. Und es ist offensichtlich, dass ich einfach einen Rollstuhl brauche. Und meine Mutter wollte mir eigentlich sagen, wir wollen jetzt nicht die Debatte mit der Krankenkasse führen. Ja, und so gab es schon öfter was von ihr so in der Art: Sag bitte nicht so viel, wenn’s geht…von meiner Mutter. Aber wir waren öfter im Sozialamt, und da wurde uns gesagt, was geht und was nicht geht. Und ich kann mich erinnern, dass meine Mutter sehr viel darum gekämpft hat, dass ich dieses „AG“ für „außergewöhnlich gehbehindert“ bekomme. Ich weiß aber nicht warum.

Jonas:
Ja, ich finde das irgendwie gerade interessant, dass man als Kind oder als  jugendliche Person ja eigentlich auch gerade zeigen möchte was man kann und was man für Fähigkeiten hat. Und das ist, wenn es dann wirklich um die Einstufung der Behinderung geht und das Beantragen von Unterstützung, das ja irgendwie sehr kontraproduktiv ist, wenn man alle seine Fähigkeiten dann präsentiert, weil man dann halt eben vermeintlich oder vielleicht eben gar nicht so viel Hilfe bekommt, wie einem eigentlich zusteht und wie man vielleicht sonst im Alltag braucht.

Raúl:
Ja, und das nennt man in der Behindertenbewegung activity trap – oder eben die Aktivitätsfalle. Also wenn du zu aktiv bist, dann wird dir letztendlich die Unterstützung, die du trotzdem brauchst, eher gestrichen. Aber wenn du gleichzeitig aktiv werden willst, dann fragt man dich auch: Ja, aber das können Sie ja eh nicht, wofür brauchen Sie es dann? Also es ist immer ein ganz schmaler Grad, das ist schon in einigen Studien, die sowohl in Deutschland als auch in Großbritannien erschienen sind, die nahelegen, dass Menschen mit Behinderung tendenziell eher weniger Sport machen aus Angst, dass sie dann fitter werden, dass ihnen die Leistungen gekürzt werden, was super krass ist.

Judyta:
O je…Ich mache Sport einfach nicht, weil ich keine Lust habe.

Raúl:
Ja, behinderte Menschen haben auch das Recht, Sportmuffel zu sein.

Judyta:
Genau so ist es!

Jonas:
Also bei mir war das ja so, dass ich meine Behinderung 2014 erworben habe – wir haben übrigens immer noch kein richtig gutes Wort als Pendant zu „geburtsbehindert“ – also „Behinderung erworben“ ist so das, was ich so aktuell immer benutze. Wenn ihr da irgendwelche anderen guten Wortlaute habt, dann schreibt es uns gerne.
Also bei mir war das dann auch wirklich ein relativ langer Prozess, bzw. ich habe mal recherchiert und die Dauer zwischen dem Erwerb der Behinderung und dann das sich wirklich damit identifizieren, sind wirklich nicht selten drei bis vier Jahre. Und bei mir war das eben auch so, dass ich dann erst 2017 meinen Schwerbehindertenausweis beantragt habe. Und es ist ja dann auch wirklich ein langwieriger Prozess. Also du musst das beantragen, dann musst du zum Arzt. Dann wird ein Gutachten gemacht, und dann wird noch ein zweites Gutachten vielleicht gemacht. Und bis dann wirklich alles so in die Wege geleitet wurde, war dann irgendwann 2018.

Und das ist einfach ein Prozess, wo man auch mal seinen Körper mit dieser neuen Behinderung akzeptieren muss oder bzw. zu akzeptieren lernt. Natürlich spielt auch irgendwie da eine Rolle, wie man vorher schon als nicht behinderter Mensch gemerkt hat, wie Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft gesehen werden, was sie für Diskriminierungserfahrungen haben und wie sie als Gruppe wahrgenommen werden und da spielt mit rein, dass man sich Gedanken macht: Okay, will ich jetzt wirklich dieser Gruppe angehören, also, dass man dann auch mit den gängigen Klischees bedeckt wird und diese Diskriminierungserfahrung erfährt, aber man dann – oder ich dann – relativ schnell festgestellt habe: Nein, ich brauche halt Unterstützung, beziehungsweise es gibt gewisse Sachen, die ich halt nicht mehr kann, also mit dem Auto von A nach B zu fahren, und dass ich dann quasi fortan auf den öffentlichen Personennahverkehr angewiesen bin. Und dass ich halt durch den Schwerbehindertenausweis die Möglichkeit habe, mir diesen Nachteilsausgleich zu verschaffen und den zu bekommen.

Natürlich ist es so, dass in dem Schwerbehindertenausweis ab einem gewissen Grad der Behinderung man das Merkzeichen B – wir hatten es eben mit der Begleitperson – hat und es natürlich die Möglichkeit gibt, dass ich zu Veranstaltungen eine Begleitperson mitnehmen darf. Das können Freunde sein, das kann meine Frau sein. Grundsätzlich ist das natürlich dafür da, dass, wenn man mit Assistenz lebt, dass man dann keine zwei Tickets kaufen muss, immer für die Assistenzperson mit. Aber, ja, ich lebe nicht mit Assistenz und gleichzeitig bei Veranstaltungen, wenn ich mit einer weiteren Person oder generell mit Freunden unterwegs bin, dann unterstützen die mich ja auch teilweise. Also, es ist dann nicht so, dass ich dann das einfach so ausnutze und sage: Okay, ich nehme das Gratis-Ticket gerne mit und wir machen uns einen schönen Tag. Sondern diese Grenzen verschwimmen ja auch irgendwie. Also, wie gesagt, meine Frau ist nicht meine Assistentin. Gleichzeitig unterstützt sie mich. Und wenn mir das vom Amt so zusteht, dann bin ich sehr dankbar, dass ich diese Möglichkeit habe.

Raúl:
Und da muss ich aber auch sagen, selbst wenn es da draußen jemanden gäbe, der in bestimmten Situationen den Schwerbehindertenausweis nutzt, obwohl es vielleicht auch ohne diesen Nachteilsausgleich gehen würde, selbst wenn, ist das kein Grund, über die Sinnhaftigkeit vom Nachteilsausgleich zu diskutieren. Diese Nachteilsausgleiche betreffen einen Bruchteil von den Nachteilen, die man als Mensch mit Behinderung tagtäglich erlebt. Deswegen ist es total wichtig, dass es sie gibt und dass wir auch weiter dafür kämpfen, dass sie auch ausgebaut werden. Weil es immer noch sehr viele Nachteile gibt, die nicht ausgeglichen werden, wie zum Beispiel meiner Meinung nach, dass blinde und gehörlose Menschen viel zu viel Rundfunkbeitrag bezahlen, dafür, dass sie gar nicht alles konsumieren können und sie in dem Verhältnis aber mehr zahlen.

Jonas
Ich habe meinen jetzt zurückgefordert, beziehungsweise zurückerstattet bekommen. Und es ist irgendwie so ein bisschen tricky. Also den Rundfunkbeitrag – als sehbehinderte Person oder als gehörlose Person muss man nur den verminderten Beitrag bezahlen. Aber es wird ja nicht mehr, oder schon seit langer Zeit ist es nicht mehr pro Person berechnet, sondern quasi pro Haushalt. Heißt also, wenn man mit mehreren Leuten zusammenwohnt und es ist jetzt eine WG oder so, dann richtet sich der Rundfunkbeitrag immer nach der Person, die ja keine Behinderung hat, also den höchsten Beitrag zahlen müsste, also den vollen Beitrag. Und es ist so, dass man erst als eine Person wahrgenommen wird, wenn man eine Behinderung hat, wenn man verheiratet ist. Heißt also: vorher, als ich mit meiner jetzigen Frau zusammengewohnt habe, haben wir den vollen Beitrag bezahlt, weil sie keine Behinderung hat und es dann nach ihr berechnet wurde. Jetzt, wo wir verheiratet sind, gilt meine Behinderung als Richtwert. Und wir können auf Grund meiner Sehbehinderung den Beitrag verringert bezahlen.

Den Rundfunkbeitrag komplett erstattet bekommen Menschen, die taubblind sind, aber auch hier, aufgrund der Tatsache, dass das Programm im Radio und im Fernsehen halt immer noch nicht barrierefrei ist, komplett zu hundert Prozent, kann ich halt viele Sachen nicht konsumieren. Also ich würde auch in dem Sinne den Rundfunkbeitrag komplett bezahlen, wenn das komplette Programm für mich zugänglich wäre. Was es aber aktuell einfach nicht ist. Diese ganze Regelung ist etwas wirr. Man muss sich da auch auf den Seiten wirklich reinfuchsen und sich damit auseinandersetzen

Raúl:
Aber noch mal zurück zum Schwerbehindertenausweis. Ich erinnere mich gerade daran, als ich den bekam, das war ja früher noch so ein Ding auf Papier, das er dann irgendwann sehr lapprig wurde, wie so die alten Führerscheine… Es gab eine Zeit in meiner Kindheit und Jugend, wo ich mich für den Ausweis geschämt habe.

Jonas:
Weil er so hässlich ist.

Raúl:
Ja, weil er auch irgendwie das Wort schwerbehindert enthielt. Ich habe mich irgendwie nie so gefühlt. Und es war ein so von außen attestiertes: Du bist wirklich anders.
Und, keine Ahnung, meine Freunde wollten den dann sehen. Sie wollten wissen, warum mein Portemonnaie so groß ist, weil der musste da ja irgendwie reinpassen…

Jonas:
War der in DIN A3?

Raúl:
Nein, aber der war halt irgendwie so groß wie so ein Pass, so ein Reisepass und…

Judyta:
Also meiner war noch größer, DIN A6 oder so.

Raúl:
Keine Ahnung, was da die Norm war, aber auf jeden Fall… außerdem sind wir ja hier Die Neue Norm. Also ich hatte jedenfalls ein Portemonnaie, da passte das rein.. Und dann gibt es noch diese Wertmarke für den öffentlichen Personennahverkehr, die ich nie in meinem Leben zeigen musste, aber jedes Jahr für 80 Euro beantragt habe.

Judyta:
Die kostet was bei dir?

Raúl:
Ja.

Judyta:
Was?

Raúl:
Bei dir nicht?

Judyta:
Nein.

Raúl:
Okay, wir sollten eine Service-Sendung machen. Wie könnten in diesem Podcast ja immer so einen Service anbieten, ich glaube, das macht man jetzt auch so.

Judyta:
Zahlst du Geld dafür?

Jonas:
Alle Informationen findet ihr natürlich auf www.dieneuenorm.de in unseren Shownotes. Wenn wir jetzt hier irgendwelche Servicesachen aufdecken, schaut gerne mal vorbei. Dort haben wir sie verlinkt.

Raúl:
Auf jeden Fall, was ich damit sagen wollte, ich habe dafür jedes Jahr 80 Euro bezahlt, und ich wurde noch nie in meinem Leben nach diesem Ding gefragt. Ich habe dann zwei Jahre nicht bezahlt und wurde auch nicht gefragt. Jetzt bezahle ich wieder. Ich werde immer noch nicht gefragt, weil, ich wollte mir auch nichts irgendwie erschleichen und auch nichts falsch machen. Na ja, auf jeden Fall habe ich mich für diesen Ausweis geschämt. Und ich habe mich gefragt, gibt es eigentlich in jedem Land solche Ausweise? Oder ist es so ein deutsches Ding, dass alles seine Ordnung haben muss?

Judyta:
Ja, ich habe das mal für Großbritannien recherchiert, da gibt es den in der Form tatsächlich nicht, diesen Schwerbehindertenausweis. Es gibt das Blue Batch, also das blaue Abzeichen. Das ist der Parkausweis, den wir in Deutschland auch kennen, mit dem schönen weißen Rollstuhlsymbol – auch in Blau. Und dann hat sich wirklich eine NGO, also eine private Organisation dem angenommen, und man kann dort jetzt die Disability Identity Card beantragen. Und das macht man, indem man, wie auch bei uns, die Bestätigung des Arztes/der Ärztin mit einschickt oder wenn man Veteran/in ist zum Beispiel, dann kriegt man natürlich auch eine Bescheinigung, dass man jetzt eine Behinderung hat. Und diese Dinge kann man dort einschicken. Und dann kriegt man diese Karte. Und ich finde es nur so unfassbar und unvorstellbar, dass das wirklich auch wieder eine Organisation in die Hand nehmen musste und dass es nicht von staatlicher Seite kommt, um das Leben von behinderten Menschen zu erleichtern. Und ich glaube, dass das…

Raúl:
Aber auf der anderen Seite: warum gibt es überhaupt Ausweise? Ich meine, bei vielen Behinderungen sieht man ja, dass jemand behindert ist. Da, wo man es nicht sieht, könnte man vielleicht ein ärztliches Attest oder so mitbringen. Ich habe manchmal das Gefühl, dass es so eine bürokratische Hürde, eine gewollte bürokratische Hürde ist, damit nicht jeder angeblich irgendwie da so ein Ding beantragt. Aber vielleicht es ist wieder auch so ein Misstrauen Menschen mit Behinderung gegenüber, dass sie sich permanent Leistungen erschleichen wollen. Aber – da geh ich davon aus – das ist gar nicht der Fall.

Jonas:
Aber wenn du jetzt sagst, dass das ein sehr bürokratisch Akt ist, würdest du eher sagen, man sollte diese Energie, die man in diesen ganzen bürokratischen Apparat reinsteckt, eher nehmen und zum Abbau der Barrieren und der Nachteile aufwenden? Also wir hatten es ja schon Mal in der Podcast-Folge über Mobilität, wo wir gesagt haben, wir würden den Öffentlichen Personennahverkehr nicht mitnehmen…oder, wir würden für den Öffentlichen Personennahverkehr bezahlen, wenn er denn auch wirklich barrierefrei wäre.

Raúl:
Also ich finde es halt an dem Punkt absurd, wenn ich mit der Bahn fahre und dem Schaffner oder der Schaffnerin mein Ticket zeige und sie dann meinen Schwerbehindertenausweis sehen will, weil ich eine Begleitperson dabei habe. Wo ich dann denke: Aber sorry, ich sitze im Rollstuhl. Es ist offensichtlich, dass ich große Probleme hätte, wenn ich alleine hier fahren würde. Warum muss ich dir jetzt noch mal belegen, amtlicherseits, dass ich behindert bin? Und könnte man nicht auch einfach mal chillen und sagen, ja, klar, nehmen Sie den/die halt mit.

Judyta:
Ich glaube, das ist auch so eine Markierung. Wir haben ja schon über dieses Wort gesprochen „Schwerbehindertenausweis“. Mir ging es da genauso wie Raúl als Kind. Plötzlich hatte ich so diesen Stempel drauf, und bei mir in der Kindheit war das auch ein symbolischer Akt vom Kinderwagen – mit dem ich wirklich noch rumgefahren wurde mit sechs – zum Rollstuhl. Weil ich glaube, dass das auch ein Prozess war von meinen Eltern zu sagen: Okay, sie braucht jetzt wirklich einen Rollstuhl. Es wird nicht besser. Und bis dahin war ich dann wirklich noch im Kinderwagen unterwegs.

Jonas:
Ja, bis 2025 wissen wir ja auch, ob es besser geworden ist.

Judyta:
Genau. Das auch. Und um das auch noch mal ganz klar zu sagen, kein Nachteilsausgleich dieser Welt wiegt ja irgendwie die Zeit auf, die wir investieren in diese bürokratischen Dinge und auch in das, dass diese Nachteilsausgleiche manchmal nicht funktionieren. Dass der ÖPNV, den wir kostenlos nutzen können, trotzdem nicht barrierefrei ist an vielen Stellen. Also es ja eigentlich nicht ein Nachteilsausgleich ist. Es sind ja immer noch Nachteile, die uns da im Weg stehen.

Jonas:
Ja, aber ihr habt ja auch gerade gesagt, dass dieser Begriff „Schwerbehindertenausweis“ auch wirklich schwer wiegt. Und das deckt sich auch irgendwie mit meiner Erfahrung, wo ich dann damals in der Zeit, wo ich meine Behinderung neu hatte, mich ja auch so gefragt habe, möchte ich diesen Stempel haben, als schwerbehindert zu gelten? Raúl, du hast eben ja auch gesagt, dass ist so ein Akt der deutschen Ordnung. Und da fiel mir ein, dass es vor ein paar Jahren von der Schülerin Hannah Kiesbye den Vorschlag gab, den „Schwer in Ordnung Ausweis“ auszustellen. Das war dann quasi so eine Hülle, die man sich auf dem Amt abholen konnte, wo man dann seinen Schwerbehindertenausweis reintun konnte. Und dann stand da nicht mehr das Wort „Schwerbehindertenausweis“ sondern „Schwer in Ordnung Ausweis“. Wäre das etwas, womit du, womit ihr leben könntet?

Judyta:
Nein.

Raúl:
Also, ne, ehrlich nicht. Das ist dann ja auch zu so einem Marketing-Gag verkommen, wo dann auch bei verschiedenen Bürgerämtern in einigen Städten applaudiert wurde, sie Pressemitteilungen rausgegeben und gesagt haben: Ja, du kannst jetzt umsonst so eine Hülle von uns abholen für deinen Schwerbehindertenausweis, der ihn zu einem Schwer- in- Ordnung-Ausweis macht. Aber die Stigmatisierung bleibt ja und der PR-Effekt blieb dann bei einigen Bürgerämtern. Ich glaube, was die Aktivistin damit vorschlagen wollte war ja einfach, dass das Wort schwerbehindert einfach auch eine Markierung ist. Und dass sie sich eben nicht zwangsläufig als nicht behindert fühlt, sondern dass sie oft als behindert behandelt wird und dass sie genauso schwer in Ordnung ist, wie alle anderen Menschen auch. Und dass das auch eine Berechtigung hat, dass das, sagen wir mal, so zu sehen.
Aber wünschen würde ich mir, dass man keinen Ausweis braucht und dass es irgendwie auf einem gesunden Menschenverstand basiert, dass man sagt: Okay, es gibt Menschen, die brauchen Unterstützung. Hier kann gar nicht genug Schaden  entstehen, weil sich jemand vielleicht eine Leistung erschleicht, die ihnen nicht zusteht. Lasst uns doch einfach mal alle chillen, also wirklich. Dieses übertriebene Kontrollierende, was da mit drinsteckt, das erzeugt auch Stress. Also emotionale Kosten – da kommen wir sicher auch noch mal später drauf – das finde ich alles viel zu anstrengend.

Jonas:
Ich finde aber auch, man wird anders behandelt. Also ich bin jetzt nicht mit meiner Sehbehinderung mit einem Langstock unterwegs. Also es ist eine unsichtbare Behinderung. Also ich gehe wirklich in der Masse unter. Und ich merke dann irgendwie schon, wenn man in irgendwelche, ja, Einrichtungen, also Theater, Kino geht, überall dorthin, wo es irgendwie so ein Kassenhäuschen gibt, wo man ein Ticket kaufen muss oder so, dass man dann schon irgendwie anders behandelt wird. Also es ist mir schon häufiger passiert, dass mir dann einfach der Schwerbehindertenausweis, den ich dann vorzeige, um halt als Nachteilsausgleich dann ein vergünstigtes Tickets zu bekommen oder ein Ticket für meine Begleitperson, dass man das Ticket dann einfach… oder dass mir der Schwerbehindertenausweis dann einfach aus der Hand gerissen wird, weil ich habe den in so einer Hülle drin, wo ich auf der Rückseite dann noch die Wertmarke für den kostenfreien Öffentlichen Personennahverkehr drin habe

Judyta:
Hast du dafür bezahlt?

Jonas:
Nein, nein.

Raúl:
Okay, ich habe verloren.

Judyta:
Raúl, du machst du irgendwas falsch.

Jonas:
Auf jeden Fall ist er auch vorne bedruckt mit dem Foto und mit dem Merkzeichen B und es steht auch drauf, wie lange der gültig ist. Und auf der Rückseite sind eben die Merkzeichen. Und schon häufiger passiert ist nun, dass der aus der Hülle rausgenommen wird und dann auf die Rückseite geguckt wird. Okay, was ist denn da für ein Merkzeichen drauf? Was ich einfach unverschämt finde, beziehungsweise, warum wird das mit mir gemacht? Oder ganz häufig, oder was heißt ganz häufig, aber es ist schon ein paarmal vorgekommen, wenn man hier in Berlin auf den Fernsehturm, auf den Alex am Alexanderplatz geht…

Judyta:
Du darfst immerhin auf dem Fernsehturm!

Jonas:
Ja, der übrigens nicht für Rollstuhlfahrer*innen geeignet ist, ja, weil die  Evakuierungsplattform…falls irgendwann mal was ist, eben nicht rollstuhlgerecht barrierefrei ist und deswegen Rollstuhlfahrer*innen dort nicht rauf dürfen. Aber grundsätzlich geht man ja auch, wenn man in Berlin wohnt, relativ selten eigentlich auf den Fernsehturm, eigentlich nur, wenn Besuch da ist – aber…

Raúl:
…viel zu teuer da oben.

Jonas:
Aber die paar Male, die ich dort war, war es eigentlich immer so, dass mir der Schwerbehindertenausweis an der Kasse abgenommen wurde und die Person ist dann damit irgendwie nach hinten gegangen, beziehungsweise in so ein Hinterzimmer. Und ich habe dann auch ein paarmal so zurückrufen, so nach dem Motto: Was machen Sie da? Und die dann so: „Ja, ja, ich muss den Ausweis eben fotokopieren für unsere Unterlagen, weil das eine Ticket, was wir dann ausgeben für ihre Begleitperson ist ja dann kostenlos, und das muss irgendwie für unsere Buchhaltung sei, damit wir das festhalten können, dass wir nicht einfach irgendein Gratis-Ticket herausgegeben haben, sondern das dann halt eben schon für einen Menschen mit Behinderung ist und dass wir das irgendwie abrechnen können“. Und ich denke, ihr könnt doch nicht einfach meinen Ausweis irgendwie kopieren, Vorder- und Rückseite meinetwegen auch noch…

Raúl:
Ohne Witz, das ist bei der Cinestar-Kinokette auch so. Da muss die Begleitperson unterschreiben, wo man denkt: Alter, was macht ihr denn dann damit? Und ich sag meinen Assistenten immer, sie sollen mit Mickey Mouse unterschreiben.

Jonas:
Das ist auch an dieser Stelle noch einmal ein Service-Post sowohl für Menschen mit einem Schwerbehindertenausweis als auch eigentlich für alle Leute, die einen Personalausweis haben, also an eigentlich alle. Das gilt auch für Hotelbesuche, dass total häufig an Hotelrezeptionen gesagt wird, dass aus Sicherheitsgründen muss beim Einchecken der Personalausweis abgegeben werden. Und dann wird er irgendwie fotokopiert für die Unterlagen, weil das dem Amt gemeldet wird, wieviele Personen gerade im Hotel sind, was vollkommener Quatsch ist und was auch nicht rechtens ist. Also niemand muss an der Hotelrezeption seinen Personalausweis abgeben. Es kommt vor, dass die halt das einmal zur Sichtkontrolle haben, dass die Person, die eincheckt, auch wirklich die ist, die es gebucht, hat. Aber sowohl wenn man ein Doppelzimmer bucht, die Begleitperson muss man nicht mit angeben mit dem Namen, als auch nicht, dass man seinen Personalausweis dort abgeben muss. Und fotokopieren geht sowieso gar nicht. Führt immer zu teilweise regen Diskussionen beim Einchecken am Hotel. Aber das ist nicht rechtens.

Raúl:
Oder einfach um den Ausweis der Person bitten. Und der selber so einen Kopierer dabei hat… abfotografieren. Ich find dann mal ganz interessant: es gibt ja Nachteilsausgleiche, wie zum Beispiel du kannst eine Begleitperson umsonst bei der Deutschen Bahn oder im ÖPNV oder so mitnehmen. Und dann denkt man, ja, dann könnt ihr ja irgendwie umsonst von A nach B fahren. Aber wenn du dann in B bist, brauchst du ja in der Regel eine Übernachtung. Und das heißt, wenn ich zum Beispiel reise, dann brauche ich immer zwei Hotelbetten oder zwei Zimmer, weil meine Assistenz ja auch irgendwo schlafen muss. Und diese Kosten trage ich alleine.

Jonas:
Liegt die Assistenz nicht einfach irgendwo im Beistellbett?

Raúl:
Nein… und ich komme irgendwie in so eine Babyklappe, oder was? Oder Babybett? Das heißt, da entstehen mir wieder Kosten.

Judyta:
Kriegst du die nicht zurück?

Raúl:
Nein, ich bekomme die nicht zurück. Also vielleicht hat irgendjemand unserer Hörer*innen da einen Tipp, wie ich an das Geld kommen könnte. Aber wenn du dann in einem Hotel irgendwie mehrere Tage bist, vor allem im Urlaub – und ich finde, jeder Mensch hat ein Recht auf Urlaub – dann kann das schnell teuer werden, wenn du dann wieder eine Assistenz mitbezahlst. Doppelzimmer kosten ja auch mehr als Einzelzimmer, und ich kann ja nichts dafür, dass ich ein Doppelzimmer brauche. Das Hotel natürlich auch nicht. Aber ich will einfach nur dafür sensibilisieren, dass behindert sein auch mit Kosten verbunden ist, die nicht ausgeglichen werden durch Nachteilsausgleiche. Und dass wir das nicht, sagen wir mal, auch nicht so stehen lassen können zu sagen: Ja, ihr habt ja die Nachteilsausgleiche. Was wollt ihr denn noch alles? Wir haben viel mehr Nachteile als es Ausgleiche gibt.

Judyta:
Wie ist das mit deinen Assistenzen, musst du die auch immer neu beantragen?

Raúl:
Ja, die Assistenzen muss ich in der Tat jedes Jahr neu beantragen.

Judyta:
Das muss ja auch ein schreckliches Gefühl sein, so nach dem Motto: Morgen könnte es vorbei sein.

Raúl:
Ja, das hatten wir ja auch mal in der Sendung, dass man ständig das Gefühl hat, dass man seine Behinderung nachweisen muss. Da kommt dann der Medizinische Dienst der Krankenkassen und prüft dann minutengenau, was du noch alles kannst oder nicht mehr kannst oder nicht kannst. Und aus diesen minutengenauen Zusammenrechnungen ergibt sich dann ein Stundenkontingent, wie viel Assistenzstunden dir zustehen. Aber da rechnet man dann – keine Ahnung – Essen zubereiten so und so viele Minuten, Anreichen so und so viele Minuten, Toilettengänge so und so viele Minuten, Anziehen und so weiter. Und das rechnet sich dann hoch. Und das ist sehr demütigend, ja.

Jonas:
Aber ich finde es gerade in Situationen schwierig, wo es irgendwie um Grenzen oder um Einordnung geht. Also wir Menschen sind ja sehr individuell. Aber manchmal ist es ja nötig, irgendwelche Kategorien festzulegen. Und gerade dann, wenn es um den Vergleich dieser beiden Kategorien geht, wird es irgendwie, finde ich, teilweise sehr schwierig und kompliziert. Und in meiner Recherche bin ich eben auf den Blog von Jule Stinkesocke gekommen. Und sie hat mal in einem Beitrag aufgelistet, bei welchen unterschiedlichen Graden von Behinderung… Und der Grad von Behinderung, wo wir vom Schwerbehindertenausweis sprechen, ist ja eigentlich so der Indikator, der festlegt, zu welchen Merkzeichen man dann auch wirklich befähigt ist. Und sie hat das mal aufgelistet, welche unterschiedlichen Beeinträchtigungen in den jeweiligen Grad der Behinderung hineinfallen.

Und da wird es dann schwierig, weil man dann Behinderungen/Beeinträchtigungen miteinander vergleicht. Zum Beispiel ist ein Grad der Behinderung von 0, wenn man nachtblind ist, oder kein Farbsehen mehr hat oder bei Großwuchs. Und ein Grad der Behinderung von 40 ist, wenn man zum Beispiel kleinwüchsig ist, also bei 1,35 m ist da die Grenze gezogen. Wiederum ein Grad der Behinderung von 70 ist dann völlige Harninkontinenz, und ein Grad der Behinderung von 100 wäre zum Beispiel, wenn man einen IQ unter 60 hätte. Also hier merkt man ja irgendwie schon, dass es Beeinträchtigungen/Behinderungen sind, die miteinander verglichen werden, die auch für jeden individuell anders schlimm sind oder beziehungsweise, die auch jeden individuell treffen. Und da ist es für manche genauso schlimm, wenn sie die völlige Harninkontinenz hätten und für die anderen wäre es ebenso schlimm, wenn sie eben kein Farbsehen mehr hätten. Also hier ist es irgendwie schwierig, das dann von außen das so festgelegt und dann so einkategorisiert wird.

Raúl:
Aber was ich noch ganz spannend finde, auch noch einmal zum Thema Serviceteil nachzudenken. Was mir einen unglaublichen Nachteilsausgleich verschafften hat, war der EuroSchlüssel für die Toiletten. Also, es gibt ja so einen Schlüssel, den sogenannten Eurokey, mit dem man eine abgeschlossene Behindertentoilette in einer Gaststätte oder an Bahnhöfen oder eben auch diese City-Toiletten kostenlos nutzen kann.

Jonas:
Weißt du übrigens, wo die Firma sitzt, die das organisiert?

Raúl:
In Darmstadt.

Jonas:
Richtig.

Raúl:
Und das hat einen unglaublichen Nachteilsausgleich mir verschafft. Konnte ich aber nur beantragen mit einer Kopie meines Schwerbehindertenausweises. Wie man den beantragt, können wir auch in den Shownotes in den Links noch einmal teilen. Ich habe einen Blog-Artikel gelesen „The prazyness of it all“, so heißt der, von einem Prasanna Venkatesh, der seines Zeichens Designmanager einer Firma ist, der sich mit dem Thema Design und Accessibility und Inklusion auseinandersetzt. Und der spricht aus eigener Perspektive als Mensch mit Behinderung von vier verschiedenen Kostendimensionen, die Menschen mit Behinderung zahlen im Alltag.

Also die sogenannten cripcosts, also die Kosten, die man bezahlt, weil man behindert ist, die nicht behinderte Menschen nicht zahlen. Da gibt es dann zum Beispiel die physischen Kosten, also die Tatsache, dass ich irgendwo nicht mitmachen kann, weil es nicht barrierefrei ist. Das sind nach der Definition von dem Prasanna physische Kosten. Dann gibt es die finanziellen Kosten. Also das ist, dass Hilfsmittel zum Beispiel mehr Geld kosten. Oder – wie ich vorhin erzählt habe – dass man das Hotel dann für die Assistenz selber bezahlen muss und nicht alles gedeckt wird von dem Sozialstaat oder der Krankenkasse. Dann gibt es natürlich mentale Kosten. Also dass Dinge auch anstrengend sind, wenn man die ganze Zeit mit einem Plan B im Hintergrund mitdenken muss. Dass es sein könnte, dass ein Aufzug kaputt ist und man sich immer irgendwie automatisch, ohne darüber aktiv nachzudenken, darüber Gedanken macht: Was ist eigentlich, wenn…? Das kennt ihr ja vielleicht irgendwie auch, dass man sich immer irgendeine Routine überlegt, die so permanent als Grund-Stress-Level mitläuft, wie du jetzt aus einer bestimmten prekären Situation rauskämst, wenn – keine Ahnung – der Busfahrer dich vergessen hat, der U-Bahnfahrer dich vergessen hat oder der Aufzug kaputt sein könnte. So Beispiele, die mir jetzt so spontan einfallen.

Dann gibt es emotionale Kosten. Also zum Beispiel das Gefühl, ausgeschlossen zu sein oder etwas zu verpassen, weil du, nicht unbedingt wegen Barrieren, sondern vielleicht auch behinderungsbedingt oder vielleicht durch internalisierten Ableismus das Gefühl hast, anderen zur Last zu fallen. Oder du vielleicht auch Angst hast, was zu verpassen, wenn du nicht hingehst, aber du fühlst dich grade nicht fit. Und das sind emotionale Kosten, die auch viele Menschen mit Behinderung zahlen und nicht behinderte Menschen vielleicht gar nicht auf dem Schirm haben. Was nicht bedeutet, und das ist auch wichtig, dass es nicht auch Situationen geben kann, in denen nicht behinderte Menschen auch mal emotionale Kosten zahlen oder mentale Kosten. Aber diese Kosten des Gefühls, ausgeschlossen zu sein, die, glaube ich, erleben nicht behinderte Menschen nicht so häufig und so intensiv wie Menschen mit Behinderung das tun. Und dann, das ist dann die fünfte Dimension, Judyta, da bist du, glaube ich, die Expertin, ist das Thema Zeit.

Judyta:
Genau. Genauso wie die crip costs, also die Kosten, gibt es auch das Phänomen crip time. Wir bedienen uns hier natürlich wieder englischer Wörter, weil einfach in den USA und Großbritannien vieles weiter erforscht ist. Also die Zeit, die auch behinderungsbedingte Mehraufwände kosten. Also das hat ja Raúl auch gerade gesagt, das Planen, dieser Plan B, auch immer dieses im Hinterkopf zu behalten. Was ist, wenn es nicht klappt? Was ist, wenn ich dann doch zu spät komme, zum Termin nicht, weil ich verschlafen habe, sondern weil es einfach nicht anders funktioniert, weil ich nicht an mein Ziel komme? Und ich habe einen Satz gelesen, der hat mich sehr berührt, von Ellen Samuels. Sie ist Wissenschaftlerin der Disability Studies, und sie hat gesagt: crip time is grieved time. Das heißt, crip time ist auch eine Zeit der Trauer, also der Trauer, dass man immer wieder sozusagen zurückgeworfen wird und immer wieder einem eingestanden werden muss, ich brauche diese Zeit – ich kann nicht mit den anderen mithalten. Die Zeitrechnung der nicht behinderten Menschen ist nicht meine Zeitrechnung. Und trotzdem müssen wir ja immer an der Oberfläche mitschwimmen mit allen anderen. Wir sind ja trotzdem Arbeitnehmer*innen, wir treffen uns mit unseren nicht-behinderten Freund*innen und da müssen wir pünktlich erscheinen und das machen wir ja auch alles gerne, aber trotzdem haben wir immer diese andere Zeitrechnung im Kopf, weil wir eben diesen Plan B brauchen. Und es uns mehr kostet, und es uns auch mehr fertig macht, weil wir eben Hilfe benötigen, weil wir langsamer sind aufgrund körperlicher Behinderungen. Ja, dieser Satz hat mich sehr berührt.

Raúl:
Ich würde auch gerne noch sagen, bei den Recherchen zu diesem Podcast, egal, ob es diese Folge ist oder auch andere Folgen, ich lerne selber auch noch ganz viel dazu darüber, wie in anderen Ländern oder andere Menschen das Thema bereits analysiert haben oder aktuell erforschen und diskutieren. Und da gab es zum Beispiel einen Blogartikel von einer Imani Barbarin, die auf einem Blog Designsponges über die Kosten des behindert Sseins gebloggt hatte. Und die erzählte zum Beispiel, dass sie ein Bewerbungsgespräch hatte und extra eine Stunde früher zu diesem Bewerbungsgespräch losgefahren ist, weil auf der Website von dem Unternehmen, in dem sie sich beworben hatte stand, dass das Gebäude barrierefrei ist. Aber sie wollte auf Nummer sichergehen, und dann ist sie also eine halbe Stunde früher dagewesen. Und in der Tat waren am Eingang drei Stufen. Und dann dachte sie: Oh, ich bin froh, dass ich heute meine Turnschuhe anhabe. Sie wollte sichergehen, dass sie noch ein paar Schritte laufen kann.
Und ist dann mit diesen Turnschuhen hochgelaufen die Stufen und kommt dann oben an, ist total fertig und erschöpft und verschwitzt, musste ihren Scooter draußen stehen lassen und sieht dann, während sie in dem Warteraum sitzt, dass alle in diesem Büro in High Heels und Kostüm oder in Anzügen rumliefen. Und sie die einzige Verschwitzte mit Turnschuhen in diesem Raum ist und sie schon in dem Moment merkte, sie wird nicht genommen. Und dann war das Bewerbungsgespräch und das handelt gar nicht von ihren skills. Der Gesprächspartner, der Personaler wahrscheinlich, er wollte ja auch gar nichts wirklich über die Person wissen, der hat einfach nur abgehakt: Okay, ich habe sie eingeladen. Und man sah ihm ins Gesicht geschrieben, dass er sie eh nicht in die engere Auswahl nehmen würde, weil sie, und das ist ihre Vermutung, nicht reinpasst in diesem Outfit. Und sie hatte aber auch gar keine Möglichkeit, in so einem Outfit da reinzukommen. Und offiziell war das Gebäude barrierefrei, weil es „nur“ drei Stufen waren, jedenfalls habe ich so den Artikel verstanden, und sie sagte, das war so eine furchtbare Erfahrung für sie als eine, die gekämpft hat, die es versucht hat, dahin gegangen ist, die die Barriere genommen hat…schon im Warteraum zu merken: sie wird nicht genommen.

Jonas:
Also das, was mir auffällt, wo wir ja auch die ganze Zeit von Nachteilsausgleichen sprechen, dass kein Nachteilsausgleich so groß ist, dass er einen Nachteil wettmachen kann. Gleichzeitig ist es aber auch so, dass es ja natürlich einige Möglichkeiten gibt, durch den Nachteilsausgleich, die man für sich nutzen kann.

Und wir haben im Vorfeld der Aufzeichnung von diesem Podcast mal gefragt, wann es mal Situationen gab, wo man diese Situationen eben ausgenutzt hat – ist vielleicht das falsche Wort – aber eben für sich genutzt hat und dort in sehr positive und und schöne Situationen gekommen ist. Also schöne Situationen, die man dann zu seinem Vorteil nutzen konnte. Und diese Frage haben wir dann mal auf unseren Social-Media-Kanälen auf Twitter, Instagram und Facebook gestellt und dort wurde dann sehr kontrovers diskutiert.

Raúl:
Und zu Recht. Und wir müssen uns auch eingestehen, dass wir die Frage zu naiv gestellt haben. Wir haben nach möglichen Vorteilen in einer Behinderung gefragt und sehen total ein, dass das eigentlich zu kurz gedacht war als Frage, weil das ist sowieso so oft ein Klischee, das uns behinderten Menschen anhaftet, dass wir uns irgendwelche Leistungen erschleichen würden und diese Debatte unter den Augen der Öffentlichkeit zu führen vor Nichtbehinderten, war vielleicht ein bisschen zu naiv gedacht und zu wenig und zu kurz nachgedacht. Weil wir eigentlich darüber reden wollten mit der Community über die Nachteilsausgleiche und wo man sie auch vermisst und wo man sie vielleicht auch schätzt, ohne dass es ein Vorteil sein muss. Und dafür würde ich mich auch gerne noch mal persönlich bei der Community entschuldigen, die das zu Recht kritisiert hat. Und ich würde mich auch bei den Leuten bedanken, die die Frage beantwortet haben. Ich hoffe, dass ich unseren Standpunkt deutlich machen konnte, ohne uns zu rechtfertigen.

Jonas:
Ja, aber das was ich auch irgendwie sehr interessant fand, dass es eben auch diese beiden Meinungen gab. Also auf der einen Seite haben wir viele Nachrichten bekommen von Leuten, wo man dann durch den Schwerbehindertenausweis das Konzert irgendwie aus der ersten Reihe erleben konnte oder nach dem Konzert irgendwie die Möglichkeit noch hatte, seinen Star zu treffen. Man sieht es ja auch irgendwie teilweise häufig in so Social-Media-Kampagnen, dass Sportmannschaften dann teilweise in Wohneinrichtungen für Menschen mit Behinderung gehen und dort dann irgendwie Trikots verteilen, Autogrammstunde machen und irgendwie das Ganze irgendwie sehr, sehr medienwirksam genutzt wird. Wo ich mich dann teilweise auch immer frage: Okay, werden dort nicht Menschen mit Behinderung auch irgendwie zu PR-Zwecken instrumentalisiert? Oder ist es dann vielleicht auch eine Win-win-Situation, wo es irgendwie der Vereinsmannschaft irgendwie sehr gut tut, weil das natürlich eine gefundene PR-Sache ist. Und gleichzeitig kommen eben Menschen mit Behinderung durch ihre Behinderung in Situationen, die Menschen ohne Behinderung so nie erleben würden.

Raúl:
Wobei die erste Reihe in einem Konzert in der Regel ja auch die teuerste Reihe ist.
Ich erinnere mich, dass ich einmal auf einem Konzert war und ich dann vorne sitzen musste – und es gab da so eine Rollstuhlfahrer-Tribüne und das waren dann auch die teuersten Preise. Zwar war die Begleitperson umsonst – wir haben uns das dann geteilt, weil wir zufällig beide Fans von den Künstlern waren – aber es ist schon auch nicht in Ordnung finde ich, dann den behinderten Menschen – weil es in der ersten Reihe ist – den teuersten Platz – Loge oder so – abzuzocken.

Judyta:
Ich war mal auf einem Konzert, wo es mal hieß „die Behinderten-Logen“.

Raúl:
Gab’s Prosecco?

Judyta:
Nein, es mutete seltsam an.
Mein Highlight in meiner Behinderten-Karriere war eigentlich, dass ich mal bei einem Konzert war von meinem Vorbild Itzhak Perlman. Das ist ein amerikanisch-jüdischer Geiger, der Kinderlähmung hat und der war seit Kindesbeinen mein Vorbild, weil er auch im Sitzen Geige gespielt hat, wie ich auch, und halt behindert ist. Und ich war bei einem Konzert in München, und nach dem Konzert habe ich wirklich versucht, hinter die Bühne zu kommen und einfach mal ein Foto mit ihm zu machen. Und ich wurde tatsächlich weitergelassen. Und die kleinen Kinder, die auch Geschenke für ihn hatten und die wahrscheinlich auch ihn als großes Vorbild hatten, wurden nicht weiter gelassen. Da habe ich mich ein bisschen schlecht gefühlt, aber hab mich natürlich auch sehr gefreut über dieses Foto, was ich heute noch habe mit Itzhak Perlman. Aber natürlich lohnt es sich dafür nicht, behindert zu sein und eine Behinderung zu haben.
Also, ich hab bei der Diskussion, die Raúl ja eben auf den sozialen Median angesprochen hat, auch gemerkt, dass wir Drei natürlich auch in gewisser Weise sehr privilegiert sind. Wir haben alle eine Behinderung, aber sind weiß, sind Akademiker*in, haben einen festen Job und kommen soweit klar und fechten nicht die größten Kämpfe aus – die haben wahrscheinlich schon unsere Eltern ausgefochten. Wir sind da schon durch, durch das Gröbste. Das habe ich noch mal gemerkt, dass man sich auch den eigenen Privilegien wieder bewusst sein muss.

Raúl:
Und ich muss sagen, ich bin dankbar für die Diskussion, die wir online geführt haben. Auch ich selber habe viel gelernt und verstanden. Und denke, wir sollten uns gemeinsam – oder können uns gemeinsam darauf konzentrieren, die weiteren Barrieren, die wir immer noch erleben, gemeinsam zu beseitigen. Und dafür sind Debatten wichtig. Wir müssen weiterhin dafür kämpfen, dass behinderte Menschen in dieser Gesellschaft ihren Platz haben und nicht nur ein Plätzchen.

Jonas:
Genau, das schärft auch einfach die Sinne und zeigt doch noch mal, das kein Nachteilsausgleich groß genug sein kann, um den eigentlichen Nachteil auszugleichen. Das war Die Neue Norm, der Podcast. Wir freuen uns über Anregungen, Lob oder Kritik. Schreibt uns gerne an [email protected] oder [email protected]. Ihr könnt uns auch gerne schreiben, wenn ihr vielleicht Grafiker*in seid und eine coole, neue, frische Idee habt für den Schwerbehindertenausweis. Raúl hat es ja ganz am Anfang gesagt, der sieht irgendwie so ein bisschen, ja, komisch aus. Irgendwas stimmt damit der Zeichensetzung und auch irgendwas mit den Farben nicht so. Also, wenn ihr eine Idee habt, schreibt uns auch deshalb gerne. Wir machen übrigens keine Sommerpause. Also ihr könnt uns auch im nächsten Monat hören. Und wir freuen uns, wenn er dann auch wieder mit dabei seid. Bis dahin…

Jonas & Judyta & Raúl:
Tschüß.

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