Behinderung und Sprache: Wie sagt man es denn nun? – Transkript

Lesezeit ca. 17 Minuten
Die Neue Norm: „Drei Journalist*innen, zwei Rollstühle und eine Sehbehinderung: Die Journalist*innen Judyta Smykowski, Jonas Karpa und Raul Krauthausen sprechen über Behinderung, Inklusion und Gesellschaft. Folge 10: Sprache und Behinderung – Wie sagt man es denn nun?

Raul:
Sagt mal, seid ihr alle behindert, oder was?

Judyta:
Ja!

Jonas:
Aber Raul, du bist doch selber behindert.

Raul:
Haben wir jetzt irgendetwas reproduziert, was man nicht hätte reproduzieren dürfen?

Judyta:
So ist es.

Jonas:
Herzlich willkommen zur Die Neue Norm, dem Podcast. Sind wir alle behindert? Haben wir eine Behinderung? Darf man dieses Wort „Behinderung“ überhaupt sagen? Oder gibt es nicht einfach andere, trendige Wörter, die man stattdessen benutzen kann? Wir reden heute über Sprache und Behinderung, und zwar mit Judyta Smykowski und Raul Krauthausen.

Judyta & Raul:
Hallo!

Jonas:
Mein Name ist Jonas Karpa. Wir sind behindert oder sind wir Menschen mit Behinderung? Was sagen wir dazu?

Judyta:
Wir sagen beides! Also, wir sagen, wir werden behindert durch Barrieren, durch die Gesellschaft, durch Rechte, die uns nicht anerkannt werden. Und wir sind behindert, da wir auch Diagnosen haben. Oder, Raul?

Raul:
Würde ich auch sagen. Denke, da werden wir auch im Laufe der Sendung noch darauf zu sprechen kommen. Was es noch für andere Terminologien gibt, die man in bestimmten Kontexten sagen kann und welche gar nicht gehen.

Jonas:
Wie klischeehaft wird über Behinderungen gesprochen?

Judyta:
Es gibt ein paar Klischees auf jeden Fall. Es gibt die Unterstellung, dass wir immer leiden würden. Das kommt auch schon in der deutschen Sprache vor. Also, eine Behinderung haben, sagt man eher nicht, sondern man sagt eher, an einer Behinderung leiden oder an einer Krankheit leiden. Das ist ja ein ganz normaler Ausdruck, den wir immer wieder benutzen. Aber Leid ist halt so ein starkes Wort auch. Und deswegen würde ich da auch eher dazu raten, erst mal zu sagen: okay, jemand hat die Behinderung, oder jemand lebt damit. Ob er wirklich leidet – oder sie – kann man dann ja im persönlichen Gespräch abfragen. Und beim „leiden“ ist ja auch das Ding – an was leidet man? Leidet man an Schmerzen, oder leidet man zum Beispiel als Rollstuhlfahrerin eher an kaputten Aufzügen?

Raul:
Wo du grade Rollstuhlfahrer*innen sagst…Es gibt es natürlich auch die allseits beliebte Floskel „an den Rollstuhl gefesselt“ oder „an den Rollstuhl gebunden“…was ja auch metaphorisch eher etwas negativ konnotiertes ist. Ich schnalle mich zum Beispiel freiwillig an meinen Rollstuhl an. Ich kenne viele Rollstuhlfahrer*innen, die sich gar nicht anschnallen, also gar nicht gebunden sein können und der Rollstuhl auf jeden Fall für alle Freiheit bedeutet und Unabhängigkeit und Selbstbestimmung, was ja das Gegenteil von Fesselung ist.

Jonas:
Aber wenn man sieht, wie du teilweise hier durch die Gegend rast oder hier durch die Flure, finde ich das schon sehr sehr wichtig, dass du dich anschnallst.

Raul:
Definitiv!

Judyta:
Dass du gefesselt bist…finden wir gut! Und, Raul, wir sind ja heute mit unseren Rollstühlen auch hierhergekommen. Also, ohne Rollstuhl wären wir so ein bisschen aufgeschmissen.

Raul:
Dann hätten wir von zuhause aus den Podcast machen müssen.

Jonas:
Wenn es quasi um klischeehafte Sprache geht – bei blinden oder sehbehinderten Menschen sagt man ja auch häufig, dass sie… oder liest man häufig… dass sie in absoluter Dunkelheit leben oder bei tauben Menschen gibt es ja auch eine ähnliche Wortwahl…

Judyta:
…in kompletter Stille oder so. Und da muss man sagen, das sind auf jeden Fall die Vergleiche von nicht behinderten Menschen, die nicht betroffen sind. Die einfach sagen: okay, für mich ist blind… dunkel. Und da warne ich halt auch wieder davor oder… beziehungsweise würde mir wünschen, dass man mehr darüber spricht. So… „Wie empfindest du das als sehbehinderte Personen? Ist es wirklich dunkel? Oder, ja, erzähl einfach mal“.

Raul:
Es kann halt sein, dass für die Person zum Beispiel Farben oder Licht keine Bedeutung haben oder dadurch auch gar keine Vermissung. Eben, dass Nicht-Sehen-Können überhaupt existiert.

Jonas:
Oder wenn man jetzt sagt…Okay, an einer Behinderung leiden, das wollen wir jetzt erst mal vermeiden. Was ist denn jetzt wirklich, wenn Leute mit Behinderung wirklich an ihrer Behinderung leiden und daran zu knabbern haben?

Raul:
Dieser Raum muss definitiv zugestanden werden. Deswegen ist es ja so wichtig, mit den Betroffenen darüber zu sprechen, wie sie das nennen würden, ob sie leiden oder nicht. Aber es nicht von vornherein anzunehmen und vorauszusetzen, weil dann ist nämlich der Kampf daraus für denjenigen, der nicht leidet, immer erst mal Arbeit.

Judyta:
Ja, das ist auch dieses… dass man als eine homogene Gruppe gesehen wird. Ja, also, wenn man dann eine Bekanntschaft hat oder einen O-Ton im Journalismus von jemandem mit Behinderung, münzt man das sozusagen auf die ganze Gruppe ab. Aber wir sind genauso individuell. Wir drei sind ja auch verschieden in der Ansicht über unsere Behinderung, dass man das immer wieder auf dem Schirm haben sollte.

Raul:
Aber eine Unsicherheit im Bereich Behinderung habe ich tatsächlich. Und zwar, wenn jemand im Laufe seines Lebens behindert wird durch Unfall, Krankheit, was auch immer, hat er sie dann erworben? Das klingt sehr positiv…

Jonas:
Das benutzen wir häufig, wenn wir so darüber reden. Wir sagen ja häufig irgendwie…die Geburtsbehinderten versus die… hm, ja, was sagt man dann?

Judyta:
Ja, aber Jonas, das klingt, als hättest du für deine Behinderung bezahlt. Also, du hast sie erworben…

Raul:
…für 2 Euro 90…

Jonas:
…ja, im Kaufhaus des Lebens.

Judyta…lacht

Raul:
Aber hat man sie erworben oder gewonnen oder bekommen oder hat man sie erlitten?

Judyta:

Er…was?

Raul:

Erlitten!

Jonas:
Aber erlitten…dann bist du ja schon beim leiden.

Raul:
Ja, aber wenn es durch Krankheit oder Unfall war, ist es jetzt garantiert nicht irgendwie…Juhu! Ich habe gewonnen!

Jonas:
…bekommen…

Raul:
Bekommen, oder gekriegt. Ich habe einer Behinderung gekriegt.

Jonas:
Hat 9 Monate gedauert, aber dann war sie da… ich weiß nicht – ist schwer. Klar, also, vielleicht…

Raul:
Aber ist das nicht das geile an Sprache? Also, ich finde das total faszinierend, dass Sprache – also mich zumindest – immer wieder herausfordert über Dinge nachzudenken. Und da gibt es ja auch dann das komplette Gegenteil von der Annahme des Leids. Ist ja dann dieses übertriebene Wegignorieren des Wortes Behinderung und stattdessen Benutzen von Synonymen, die auch nicht wirklich besser sind.

Jonas:
Mein Favorit ist „besonderer Mensch“. Der wird häufig genannt, kommt auch natürlich davon her, dass sie vielleicht irgendwie besondere Hilfsmittel benötigen oder einen besonderen Umgang. Also „besonderer Mensch“ finde ich ganz ganz schlimm!

Judyta:
Oder „mit Besonderheiten“ oder „besonderen Bedürfnisse“ oder so. Und dann denke ich mir so, ja, es ist nicht ein Bedürfnis, dass ich auf Toilette gehen möchte, sondern ich habe das Recht dazu irgendwie…

Jonas:
Und du musst!

Judyta:
Ich muss! Und ich habe das Recht dazu, auf eine barrierefreie Toilette zu gehen, also das sind diese Umschiffungen, die wirklich irgendwie teilweise, ja, also natürlich von der nicht behinderten Perspektive kommt. Die es gut meint, die natürlich Berührungsangst hat vor diesem Begriff. Aber ich bin immer dafür zu sagen, bitte bleibt beim Wort Behinderung. Bitte benennt es so, wie es ist. Und mit dem Behinderungsstatus haben wir ja auch das Recht auf Nachteilsausgleich. Also, das sind einfach Fakten.

Jonas:
Ja, und bei Behinderung steckt nicht nur das medizinische Modell – also, wo wir eben gesprochen haben, durch dass wir die Behinderung haben und die eine Diagnose hat, das wir durch Krankheit, Unfall oder was auch immer die Behinderung haben – sondern eben auch das soziale Modell. Was eben bedeutet, dass wir nicht nur behindert sind in dem Sinne, sondern auch durch die Barrieren. Also, wie du gesagt hast, die eben nicht barrierefreie Toilette oder der nicht funktionierende Fahrstuhl oder die Diskriminierung, die wir durch unsere Umwelt, unsere Gesellschaft erfahren, dadurch eben auch behindert werden. Also, ich finde es manchmal ganz spannend, wenn man mal schaut, wie würde mein Leben aussehen, wenn alles das, wenn ich… ja… die Wohnung verlasse, beziehungsweise selbst auch vielleicht bei mir zu Hause in der Wohnung… wenn das alles funktionieren würde, barrierefrei. Wenn im Supermarkt alle Möglichkeiten gegeben wären, Produkte zu finden, was ja zum Beispiel eine Barriere für mich ist.

Judyta:
Ja, für mich auch, wenn es zu hoch ist natürlich in den Regalen. Aber es gibt ja das Gerücht – oder ist es nicht auch bewiesen – dass im Supermarkt unten in den Regalen alles billiger ist…

Jonas:
Ja, die Bückzone.

Judyta:
Die…was?

Jonas:
Die Bückzone.  Es gibt die Sichtzone, wo das Teure ist. Und es gibt die Greifzone für…

Judyta:
Die Sichtzone für Jonas….Das ist freilich auch…Ironie!

Jonas:
Natürlich!
Aber…nein… Raul, wie du grade gesagt hast… sie vielleicht einfach diese Vorbehalte haben zu sagen, okay, man meint, man darf nicht sagen, dass jemand an einer Behinderung leidet. Man vermeidet das eher, und dann lässt man das Ganze – redet man lieber gar nicht mehr drüber. Und wenn überhaupt, dann holt man sich halt solche relativ schön klingenden Ersatzwörter. Also, ich meine, als ich irgendwann mal hier in Berlin eine Bootstour machen wollte, habe ich mich vorher informiert, wie teuer das ist und auf der Webseite stand dann, dass es halt besondere Preise für Schwergeschädigte gibt….. War erst mal abschreckend.

Judyta:
Ja, da kommt ja auch „hörgeschädigt“ oder „sehgeschädigt“ her. Das sind ja wirklich antiquierte Begriffe, die man wirklich nicht mehr benutzen sollte.

Raul:
Es heißt ja auch Schwerbehindertenausweis.

Jonas:
Ja, aber man kann unter anderem jetzt in vielen verschiedenen Bundesländern sich eine Schutzhülle holen lassen oder abholen beim Versorgungsamt oder in dem jeweiligen Amt, dass das vergibt, wo dann „Schwer-in-Ordnung-Ausweis“ draufsteht. Die Idee kam von Hannah Kiesbye. Vor drei Jahren hatte sie die Idee, und sie hat selbst das Down-Syndrom und wollte halt nicht mehr „Schwerbehindert“ genannt werden. Und sie wurde jetzt am 1. Oktober mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet für diese Idee.
Bist du schwer in Ordnung?

Raul:
Ich hoffe doch, dass wir alle schwer in Ordnung sind. Aber, also, ich finde die Idee charmant und wirklich auch sicherlich ein guter Hinweis, was Stigmatisierung angeht. Albern finde ich es dann allerdings, wenn Behörden anfangen, Schutzhüllen auszuteilen, wo man dann noch mal attestiert bekommt, dass der Ausweis eigentlich falsch ist, wenn es Schwerbehindertenausweis heißt. Und deswegen machst du einen Aufkleber drüber. Und dann heißt es „Schwer-in-Ordnung-Ausweis“, was so ein vorauseilender, übertriebener, in meinen Augen positiv diskriminierender Gedanke ist, weil es das Denken in den Behörden ja nicht verändert. Ja, trotzdem gibt es, wie mir neulich vorlag, Schreiben von Integrationsämtern, wo dann nur noch von „dem Behinderten“ die Rede ist und noch nicht mal Vor- und Nachname erwähnt werden, so dass das eher ein Kaschieren ist als wirklich eine systemverändernde Strukturveränderung.

Jonas:
Ja, und dadurch, dass man quasi einen Ausweis umbenennt, ändert sich ja nichts an der Behinderung durch die Gesellschaft, durch die Umwelt.

Raul:
Zumal in meinen Augen das Wort Behinderung gar nicht negativ ist, sondern es ist halt dann negativ, wenn es dann so übertrieben in, sagen wir mal, entweder als Schimpfwort gebraucht wird oder eben das dann als „Schwerbehinderten-Transport“ betitelt wird…

Jonas:
… der nicht überholt werden darf…

Raul:
…oder Schwerbehindertenausweis und nicht einfach Teilhabeausweis. Hätte man es nämlich auch nennen können. Dass es dann gleich so eine Betitelung ist.

Judyta:
Es gibt ja auch die schwerstmehrfachbehinderten Menschen. Wo ich mir auch denke …also, was sollen das denn für Begriffe sein? Behinderter als behindert? Oder wie? Komplett schon abgeschrieben?

Raul:
Genau. Du hast halt mehrere Behinderungen. Was auch ehrlich gesagt genauso behindernd sein kann, wie eine Behinderung zu haben. Wie Jonas sagt, so diese Lotterie des Lebens, da heißt es dann vielleicht auch einfach auch mal, in bestimmten Situationen größere Nachteile zu haben als in anderen.

Jonas:
Was haltet ihr von dem Wort Handicap? Ich lese es relativ häufig. Also, es gibt ja ganze Organisationen, die sich so nennen. Aber, ich meine, wird häufig genommen, weil es so hip und cool und Englisch klingt.

Judyta:
Ja, aber auch meistens im kulturellen Bereich merke ich das. Und lese das. Und das ist auch wiederum der Versuch, Behinderung zu vermeiden – das Wort.

Jonas:
Ich hatte mal ein bisschen recherchiert zu dem Wort. Und mir wurde damals beigebracht, Handicap sollte man nicht sagen, weil es – cap in hand – eher an Obdachlose, an Bettler erinnert, die irgendwie einen um Geld fragen. Das stimmt aber gar nicht. Aber das macht das Wort in dem Sinne gar nicht besser, weil es kommt aus dem 17. Jahrhundert und ist so ein altes Tauschspiel, wo zwei Gegenstände miteinander verglichen werden. Und ein Schiedsrichter stellt fest, welcher Gegenstand weniger wert ist. Und da wird dann halt noch einmal ein bisschen Geld dazugelegt, um dann eine Gleichwertigkeit darzustellen. Und das zeigt einfach… ja, wie sehr… dass dieser Begriff irgendwie so… defizitorientiert ist. Oder auch wenn man… Man kennt das ja eher beim Sport, vom Golfen. Wenn gesagt wird, okay, du musst den Ball innerhalb von drei Schlägen in das Loch kriegen und machst es in vier, dann hast du das Handicap 1, also, hast du es quasi nicht geschafft. Oder, es gab auch eine Fernsehsendung „Beginner gegen Gewinner“, wo auch Kristina Vogel daran teilgenommen hat, die Bahnrad-Olympiasiegerin, die jetzt im Rollstuhl unterwegs ist… wo ein Kandidat in einer Sportart dagegen antreten muss. Und der Gewinner, der Profi, bekommt ein Handicap, womit er es dann schwerer hat. Und sie musste halt hier in Berlin im Velodrom drei Runden fahren und hatte ein Tandem – hintendrauf saß ein 150 Kilo schwerer Wrestler, den sie quasi noch mitschleppen musste. Und ja, ein Handicap, finde ich eher defizitorientiert.

Raul:
Ja, aber jetzt mal ganz ehrlich: Gibt es eine Behinderung, die kein Defizit ist?

Jonas:
Erstmal nicht. Also, es ist die Frage, auf welcher Ebene…

Raul:
Ich könnte mir vorstellen, dass gehörlose Menschen, die in der Gehörlosenkultur leben, es nicht als Defizit empfinden, nichts hören zu können, weil sie ja die Gebärdensprache haben, mit der sie sich unter ihresgleichen genauso gut verständigen können. Die dann das auch als Diskriminierung empfinden, wenn sie als behindert gesehen werden. Aber ich als Rollstuhlfahrer würde jetzt nicht sagen, dass das kein Defizit ist, nicht laufen zu können.

Judyta:
Doppelte Verneinung, also…

Raul:
Ja, genau! Schäme mich… Doppelte Verneinung ist immer schwierig. Ich würde nicht sagen, dass es positiv ist, nicht laufen zu können.

Jonas:
Wobei wir da wieder bei der Unterscheidung sind: gesund und krank – vielleicht auch?

Raul:
Da muss auf jeden Fall was getan werden, damit Menschen, die nicht laufen können, vollwertig an der Gesellschaft teilhaben können. Insofern ist es, nicht laufen zu können, eher defizitär… meine Behinderung ist ja nicht, dass ich nicht fliegen kann: Verstehst du, was ich meine?

Jonas:
Ja.

Raul:
Ja, also, ich verstehe schon den Gedanken des Defizits. Das Problem ist, glaube ich, nur, dass man davon ausgeht, dass nicht laufen zu können das größte traumatische Erlebnis des Lebens ist und man eigentlich gar keine Freude mehr am Leben hat und dann eben in den Wörtern „Leid“ sich wiederfindet oder „Fesselung“… und kann das nicht und meistert tapfer trotz allem sein Schicksal… so übertrieben, dass dann gelobt wird, wenn man stinknormal einkaufen war. Aber jetzt einfach zu sagen, es ist, sagen wir mal, zu defizitorientiert – geh ich nur bedingt mit.

Jonas:
Aber kann das nicht auch daran liegen, weil diese Wörter dann von Nichtbehinderten geäußert werden, die eben vielleicht versuchen, sich hinein zu versetzen in die Situation und vielleicht auch die eigene Sorge haben, weil…ich meine, die Möglichkeit ist da, dass jeder im Laufe des Lebens irgendwann eine Behinderung erwirbt…bekommt… was auch immer und…

Raul:
…gewinnt!

Jonas:
Gewinnt! Und ja, dass einfach diese Sorge da ist und deswegen, dass er dann so betitelt wird.

Raul:
Definitiv. Ich glaube, dass es hier auch um Macht geht. Also, dass man dieses Thema dann eher wegignoriert, tabuisiert, die eigene Verwundbarkeit nicht wahrhaben will. Und dann lieber die Leute, die diese Behinderung haben, als eine Gruppe betrachtet, zu der man sich selber nicht zuordnet und so entsteht dann… entstehen Machtstrukturen. Ich meine, Sprache lebt ja, und ich finde es total faszinierend, dass, seitdem ich mich bewusst mit Sprache auseinandersetze – wüsste jetzt gar nicht, wann genau das anfing, aber ist schon ein paar Jahre her – ich immer noch in der Gegenwart merke, dass ich Floskeln bemühe, die garantiert nicht okay sind, zum Beispiel „auf dem rechten Auge blind“ oder „der blinde Fleck“.

Judyta:
Ja, oder ich letztens „betriebsblind“, habe ich zu Jonas gesagt, und ich finde das wichtig. Ich finde es schön, dass wir…dass wir drüber stolpern. Dass wir sagen: Moment mal… sollte man das nicht anders nennen?

Jonas:
Oder in der vergangenen Podcast-Folge, wo es ja um Film und Behinderung ging. Wo wir ganz am Ende darüber gesprochen haben, wer ist denn jetzt daran schuld an der Situation, dass so wenig Schauspieler*innen mit Behinderungen im Spielfilm zu sehen sind oder im Kino? Und wir darüber gesprochen haben, dass sich die ganzen Organisationen so weiter gegenseitig die Schuld in die Schuhe schieben – das kann man sagen. Ich wollte eigentlich sagen, den Schwarzen Peter zuschieben und war auch so…geht das noch, weil es ist… ja, ich kenne das als Kinderspiel, und das kann doch erst mal nicht verkehrt sein. Aber, hm, ist es rassistisch? Ich weiß es nicht.

Judyta:
Und ich finde es schön, dass wir uns diese Fragen stellen.

Raul:
Ich glaube auch, dass es wichtig ist, sich einfach darüber im Klaren zu sein, dass jeder von uns Rassismen in sich trägt und auch Ableismen und Sexismen, auch Gedanken vielleicht denkt. Nur, dass man eben bereit ist, auch diese Schubladen noch mal neu zu sortieren. Und mich würde wirklich von der Hörerschaft dieses Podcasts mal interessieren, was für Alternativen es geben könnte für „schwarzen Peter zuschieben“ oder „auf dem rechten Auge blind sein“, oder „der blinde Fleck“ oder „Betriebsblindheit“. Was könnte man stattdessen sagen? Und auch mit Sprache mal zu spielen und das als Geschenk zu sehen. Eine Aufforderung an unsere Hörerinnen und Hörer: schickt uns doch mal Beispiele!

Jonas:
Aber ich finde es interessant, dass es ja auch Wörter gibt, die, sage ich mal, aus dem Englischen kommen, die man ganz selbstverständlich in der Jugendsprache benutzt hat. Also, ich meine… „crazy“ zum Beispiel, da gibt es ja ein ganzes Buch, was auch verfilmt wurde, und ist ja eigentlich auch ein Begriff, der jetzt nicht so… nicht so gut wäre, um ihn dauerhaft zu nutzen.

Raul:
Oder… lame…

Jonas:
Ja, das ist voll lame!

Judyta:
Also in Deutsch: lahm. Aber auch so etwas wie Schwachsinn oder Wahnsinn sind auch sehr veraltete Begriffe, die ja sehr, sehr häufig vorkommen.

Jonas:
Ich meine, „das ist Wahnsinn..warum schickst du mich in die Hölle?“

Raul:
„Hölle…Hölle…Hölle“.

Judyta:
Liebe Hörer*innen, das Niveau ist ein bisschen abge…

Jonas:
Nein, aber es ist die Frage, ob man… da kommt man auch leicht in eine Diskussion rein, dass man halt nichts mehr sagen darf. Und das finde ich dann eher problematisch, dass wir dann uns auf dieses Diskussionsniveau begeben, weil ja auch meistens die Diskussion dann von Leuten geführt wird, die eben nicht zu der betroffenen Gruppe gehören.

Raul:
Ich habe eine These! Also, die Leute, die sagen, wir dürfen ja jetzt nichts mehr sagen, die haben einfach nur keinen Bock, sich Alternativen zu überlegen, wie sie es noch formulieren könnten. Die sind einfach faul. Und dass sich Sprache verändert, war ja schon immer so. Es gibt den Computer, es gibt das Handy. Wir whatsappen, wie googlen, wir adden jemanden auf Facebook, wir liken etwas… Das sind alles englische Begriffe, die in der deutschen Sprache stinknormal akzeptiert werden und wurden und auch gesprochen werden. Selbst von den Leuten, die jetzt laut rumkrakeelen, dass sie ja nichts mehr sagen dürfen. Die sind einfach noch nicht bereit – meine These – einfach mal in dem Bereich ihren Kopf aufzumachen und sich neue Wörter und Alternativen zu überlegen – als die genannten Begriffe, die wir gerade diskutieren. Niemandem wird etwas weggenommen!

Jonas:
Aber der Gegenstand verschwindet ja nicht. Also, wenn ich jetzt ein Riesenfaible für Schokoschaumküsse hätte und da würde ich mich jeden Tag von ernähren. Und irgendwann würde man sagen, die gibt es nicht mehr, dann finde ich das schade. Aber ich meine, das jetzt anders zu nennen….also, es ist ja noch da.

Raul:
Es wird niemandem etwas genommen.

Judyta:
Ich finde es immer witzig, wie dann die Leute extra sagen…“Ja, das heißt eigentlich anders, der Schaumkuss, aber man darf das jetzt nicht mehr sagen, aber deswegen sage ich es jetzt noch einmal. Trotzdem!

Jonas:
Ja, dieses extra zu betonen einer Sache, finde ich auch immer… führt das ganze ad absurdum. Also ich finde, irgendwie geht mir das heute auch immer noch so, wenn ich in U-Bahn-Bahnhöfen unterwegs bin und dann Leute…“Ach so, ja, hier müssen wir ja die Maske aufziehen…“. Also das nochmal…

Raul:
Das ist eigentlich wie Chauvinismus.

Jonas:
Ja, total.

Raul:
So wie ein Altherrenwitz, der völlig fehl am Platze ist.

Jonas:
Aber du hast ja gesagt, Sprache entwickelt sich und das macht ja auch Spaß darüber zu diskutieren und sich da auszutauschen. Kübra Gümüsay hat in einem Buch darüber geschrieben: „Sprache und Sein“ heißt es. Judyta, du hast mit ihr ein Interview geführt und sie ist auch der Meinung, dass es wichtig ist, sich erst einmal mit dem Thema zu beschäftigen.

Judyta:
Ja, und sie ermutigt uns auch. Sie ermutigt uns, die Grenzen der Sprache auch auszureizen, immer wieder neue Begriffe auch zu lernen und sich auch zu überlegen, was nicht diskriminierend sein kann. Also sensibel einfach mit der Sprache umzugehen. Sie betont auch die Macht der Sprache in ihrem Buch und spricht auch von „den Benannten“, von den marginalisierten Gruppen, die benennt werden und immer in eine Schublade gesteckt werden von denen, die die Macht haben. Und dass das ja auch alles über Sprache passiert. Große Empfehlung für dieses Buch!

Jonas:
Dieses Interview und noch weitere Links zu dem Thema haben wir euch in unsere Shownotes auf www.dieneuenorm.de gepackt, wenn ihr euch das noch mal anhören, anschauen möchte.
Sprache lebt und entwickelt sich immer weiter. Und es ist wirklich wichtig, in Bezug auf Behinderung, wirklich mit den Betroffenen in den Austausch zu kommen und sie einfach zu fragen nach ihrer Selbstbezeichnung und einfach auch zu verstehen, dass, wenn eine Person sagt, das ist für mich in Ordnung, diesen oder jenen Begriff zu benutzen, dass es eben nicht für alle gilt.

Raul:
Und ich denke, dass hier eine ganz große Chance liegt, auch – um mal lösungsorientiert aus dieser Sendung vielleicht rauszugehen – das im Deutschunterricht in der Schule zu thematisieren, dass Sprache sich verändert. Dass Sprache lebt, dass wir eben nicht immer noch reden wie Luther oder Goethe, sondern dass eben Sprache sich auch verändert und dass vielleicht auch andere Menschen inzwischen mehr zu sagen haben als früher. Und dass das etwas unglaublich Empowerndes sein kann für die Marginalisierten bisher, wenn sie sich in der Sprache wiederfinden und dass wir das als Geschenk sehen sollten und nicht nur im Deutschunterricht thematisiert werden könnte, sondern auch im Ethikunterricht, im Religionsunterricht, wo… ich habe die Bibel jetzt nicht komplett gelesen, aber garantiert Männer entschieden haben oder Männer Rollen haben, in denen sie entscheiden und die Frauen die Zuarbeiterinnen für diese Männer sind. Und auch da mal die Rollen vielleicht zu hinterfragen, bis hin zum Bechdel Test aus der letzten Folge im Film. Kann man super viel darüber nachdenken und im Unterricht auch mit Schülerinnen und Schülern diskutieren. Und dann verlieren wir auch die Ängste vor dem, wie man etwas sagt, dass Sprache sich verändert, dass es auch alternative Wege geben kann, um etwas auszudrücken. Und ich glaube, am Ende es etwas ist, wovon wir alle profitieren.

Jonas:
Und es zeigt ja auch noch einmal, wie wichtig dann zum Beispiel „gendern“ ist – um eben an alle mitzudenken. Und dass die Sprache präsent sein soll, das ist auch wichtig. Natürlich, dass sie in den Medien präsent ist und unser Partnerprojekt Leidmedien.de –  womit wir wieder beim „Leid“ wären, aus ganz am Anfang dieses Podcasts… setze ich mich damit auseinander, wie klischeefrei über Menschen mit Behinderung berichtet werden kann und bietet da einige Tipps, Hinweise und auch Workshops an.
Wir freuen uns auf jeden Fall über den Austausch mit euch. Schreibt uns gerne in die Kommentare bei Facebook, Twitter oder Instagram, eine Mail oder schaut auf www.dieneuenorm.de vorbei.

Wir freuen uns, wenn ihr auch beim nächsten Mal wieder mit dabei seid.

Judyta, Raul & Jonas:
Tschüss

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