Behinderung – Superkraft oder Kryptonit? – Transkript

Lesezeit ca. 17 Minuten

Die Neue Norm: Eine Sehbehinderung, zwei Rollstühle, drei Journalist*innen

Judyta Smykowski, Jonas Karpa und Raul Krauthausen sprechen über Behinderung, Inklusion und Gesellschaft.

Folge 5: Behinderung – Superkraft oder Kryptonit?

 

Jonas:
Judyta, welche Superheldin wärst du gerne?

Judyta:
Eine Superheldin mit Behinderung? Also, die müsste noch erfunden werden.

Jonas:
Herzlich Willkommen zu Die Neue Norm dem Podcast: Ich habe mal nachgerechnet: insgesamt sind es nun zehn Wochen, die wir uns nicht gemeinsam hier im Büro gesehen haben und wir nur über das Telefon verbunden sind. Und so ist es auch heute. Judyta Smykowski und Raul Krauthausen sind bei sich zu Hause. Ich habe mich ins Büro begeben, aber wir sind trotzdem nur über die Leitung verbunden. Hallo?

Judyta: Hallo!

Raul: Hallo!

Jonas:
Also, mein Name ist Jonas Karpa, und wir möchten heute sprechen über das Thema Behinderung, was uns als Menschen mit Behinderung ausmacht. Superheld oder Kryptonit sind wir überhaupt als Mensch mit Behinderung etwas wert? Oder würden wir vielleicht auch gar nicht diesen Podcast machen, wenn wir keine Behinderung hätten? Also ist es eher etwas Positives? Darüber möchten wir heute sprechen. Ja, Raul und Judyta: Was macht uns als Mensch mit Behinderung aus? Gibt es etwas, wo ihr sagt, das ist ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal?

Judyta:

Diese Stärke, oder Resilienz, die man entwickelt oder entwickeln muss, wenn man sich mit bestimmten Dingen auseinandersetzen muss, wie Behörden, Krankenkassen, Barrieren. Das kostet alles Zeit und Kraft, die man aufwenden muss, um einfach so gleichberechtigt am Leben teilzuhaben.

Raul:
Aber ist das so ein Skill, denn man sich in den Lebenslauf schreiben würde?

Judyta:
Zum Thema Projektmanagement könnte man das als Oberdachzeile sozusagen verwenden. Also man muss sich um seinen Kram kümmern, man muss ihn zu Ende bringen. Es sind schon Eigenschaften, die man braucht, glaube ich.

Raul:
Und man kennt das Damoklesschwert der Behörden, das über einem schwebt, wenn man nicht rechtzeitig irgendwelche Anträge gestellt hat.

Judyta:
Ja, oder auch die Briefe, wo zehn Sätze stehen, und das eigentlich ein Satz ist: „Nein, Sie bekommen das nicht. Sie müssen noch mal beweisen, warum Sie etwas wollen.“

Raul:
Ich finde ja manchmal, dass dieses positive in der Behinderung aufzeigen für mich manchmal so was Konstruiertes enthält, dass man dann auf Teufel komm raus versucht, irgendwie das Positive darin zu finden und dadurch vielleicht auch gar nicht wahrhaben will, das eine Behinderung zu haben oder behindert zu sein, auch verdammt Scheiße sein kann.

Judyta:
Ja, auf jeden Fall. Aber ich glaube, es kommt darauf an, wer das sagt. Also wenn mir eine nicht behinderte Person sagt: „Du musst ja stark sein, du hast ja gar keine andere Wahl.“ Dann sage ich: „Nein, also, das stimmt nicht.“ Aber wenn ich es von mir selber weiß und von mir selber gelernt habe, dass ich stark sein kann, weil ich es auch manchmal muss in diesen Kämpfen und in diesen Auseinandersetzungen, dann finde ich das etwas anderes. Ich finde aber auch manchmal, wenn nicht-behinderte Menschen das sagen, ist das auch eine Entschuldigung für sie, dass sie hier vielleicht nicht für die Barrierefreiheit gesorgt haben, wenn man irgendwo hinkommt und dann sagen sie mit so einem gequälten Lächeln „Ja, aber wir schaffen das ja irgendwie zusammen. Gemeinsam schaffen wir dich jetzt hier auf die Bühne…“ oder so. Das ist vielleicht auch so eine Überspielung von etwas, wo ich finde, man sollte da auf jeden Fall darauf bestehen, dass man da nicht diese Stärke zeigen muss, dass man irgendwie die Behinderung überwinden muss. Sondern wenn man, um bei dem Beispiel zu bleiben, wenn man da auf eine Bühne eingeladen wird, dann hat gefälligst die Veranstalter*innen dafür zu sorgen, dass ich da rauf komme, ohne dass ich irgendwie meine Behinderung negieren muss.

Jonas:
Ich muss da ein bisschen drüber nachdenken… an die Kolumne, die wir neulich auf dieneuenorm.de veröffentlicht haben, von Franz Josef Hanke, der darüber schreibt, wie Menschen mit Behinderungen häufig in Schubladen gepackt werden. Und man ja auch versucht, meistens von außen, so vermeintliche Schwächen durch sehr positive Eigenschaften wieder wettzumachen. Dass man zum Beispiel sagt: „Okay, ja, Menschen, die blind sind oder generell eine Sehbehinderung haben, können dafür aber dann sehr gut hören oder können quasi sehr gut tasten. Also, wenn sie irgendwie fähig sind, die Brailleschrift irgendwie zu lesen. Gehört es auch dazu, dass man dann von außen her versucht, eine vermeintlich negative Eigenschaft oder etwas, was man nicht kann, mit etwas sehr Positiven auszugleichen?

Judyta:
Ich bin keine Biologin, ich weiß es nicht, ob das so ist. Aber ich kann es mir natürlich vorstellen, dass man sich auf diese Sinne konzentriert, die man dann braucht und die man benötigt, dass das ganz natürlich kommt.

Raul:
Ich habe mich mal sehr lange mit der Frage rumgeschlagen, warum es eigentlich mir zum Beispiel nicht mehr auffällt, dass ich auf der Straße angeguckt werde. Ja also, wenn ich durch die Stadt fahre, dann sprechen mich immer Freunde von mir darauf an, dass wir ständig angeguckt werden. Und ich sehe das gar nicht mehr. Und gleichzeitig steckt aber in mir auch jemand, der unglaublich gerne -sagen wir mal- Witze macht, albern ist, vielleicht auch die Bühne sucht. Und ich frage mich, ob das zusammenhängt, ob diese Tatsache „mich gucken eh alle an“ dazu führte, dass ich dann einfach auch die Gelegenheit genutzt habe, dass sie zumindest was geboten bekommen, wenn sie mich angucken. Versteht ihr, was ich meine?

Judyta:
Ja. Ich hoffe, dass ist nicht so ein Zwang. Ich glaube, du machst das, weil, wie du sagst, das ist ein Teil deines Charakters. Du magst das einfach auch…

Raul:
Aber wäre ich so, wenn ich keine Behinderung hätte?

Judyta:
Das ist eine gute Frage. Also ich glaube, man kann diese „Was wäre wenn…“ oder „Wie wäre man ohne Behinderung…“ nicht so sehr bei uns beiden durchspielen, weil die Behinderung hat ja auch unseren Charakter geprägt oder unser Charakter prägt auch das, wie wir mit der Behinderung umgehen. Ich glaube, das kann man nicht trennen. Ich glaube, bei Jonas ist das vielleicht ein bisschen anders, weil du es ja auch davor kennst, ne. Was würdest du sagen? 

Jonas:
Ja, ich glaube, da ist einfach nur, wie du ja gesagt hast, der Unterschied, dass man halt quasi beide Seiten der Medaille irgendwie kennengelernt hat und dann auch eher auch er vergleicht, was quasi jetzt nicht mehr möglich ist. Wie ist es bei euch? Wacht ihr manchmal morgens auf und stellt euch vor, wie euer Leben wäre, wenn ihr keine Behinderung hättet?

Judyta:
Nein, denn das würde ja voraussetzen, man würde es so getrennt betrachten. Und das tue ich nicht. Also, ich denke auch nicht die ganze Zeit daran, dass ich behindert bin. Versteht ihr, was ich meine? Also, man kann es nicht mehr so getrennt betrachten, finde ich. Also, man kann schon an einen Fahrstuhl kommen und sagen: „Warum ist der jetzt kaputt? Warum muss ich den nehmen? Weil ich ihn halt brauche.“ Aber dann, in dem Moment, denke ich eher darüber nach, welcher Mensch hat ihn wieder so schlecht behandelt und ist wieder dagegengetreten, dass er kaputt ist? Also, ich blame dann eher die anderen Menschen oder die Bauweise des Fahrstuhls und nicht meine Behinderung.

Jonas:
Also quasi eher, die Umwelt.

Judyta:
Genau.

Jonas:
Also, wenn man quasi sagt, du gehst eher darauf ein und sagst „Okay, ich bin behindert“ – sondern „Ich werde behindert durch Umweltfaktoren, Diskriminierung und die ganzen Alltagserfahrungen.“

Judyta:
Ja, das auf jeden Fall.

Raul:
Also ich habe mir diese Frage nie gestellt. Und das erste Mal, als ich mir diese Frage gestellt habe, dann nur deswegen, weil mich jemand diese Frage gefragt hat. Und ich fand die Frage ziemlich merkwürdig. Also, so… wach ich manchmal auf und wünschte mir, ich wäre nicht behindert? –  Nö! Habe ich noch nie und mache ich auch nicht. Auch nicht, seitdem ich diese Frage kenne, habe ich mir diese Frage noch nie gestellt. Aber ich frage mich schon manchmal: „Was wäre aus dir geworden, wenn du keine Behinderung gehabt hättest?“

Jonas:
Also zumindest kein Dachdecker!

Raul:
Vielleicht doch! Aber wenn ich…

Jonas:
Aber du hast doch ein Buch geschrieben: „Dachdecker wollte ich eh nicht werden.“ Deshalb ging ich jetzt davon aus.

Raul:
Ja, ich weiß es nicht. Also, ich wäre auf jeden Fall wahrscheinlich nicht im Bereich Inklusion/Selbstbestimmung Aktivist geworden, sondern hätte vielleicht mich eher mit Politik auseinandergesetzt oder Medien. Vielleicht wäre ich auch handwerklich unterwegs gewesen, obwohl ich schon als Kind unglaublich ungerne handwerklich tätig war. Also wahrscheinlich nicht. 

Judyta:
Mir ging es auch so. Also, mich hat auch mal eine Journalistin gefragt „Vermissen Sie nicht dies/das/jenes?“ Also wirklich! Es waren zehn Dinge! Es hatte alles mit Sport zu tun. Und natürlich kann ich jetzt sagen, ich bin keine sportliche Person. Ob das mit meiner Behinderung zu tun hat? Wer weiß… oder vielleicht eher mit meinem Charakter? Ich glaube eher das. Und ich habe die ganze Zeit gesagt: „Nein. Nein!“ Aber natürlich wollte sie die ganze Zeit darauf hinaus, dass ich irgendwann sagen „Ja, das vermisse ich!“ Aber ich finde, es hat auch etwas damit zu tun, dass man sich dann vielleicht auch selbst negiert. Also, dass man diesen Gedanken nicht zulässt, weil man sich ja so angenommen hat, wie man ist. Und diese Was-wäre-wenn-Spielchen dann eigentlich guttun und einem auch nicht gerecht werden für das, was man ist. Man mag sich ja so, wie man ist.

Raul:
Aber das ist ein Prozess des Sich-mögen’s. Also, ich habe in Vorbereitung auf heute – die Aufzeichnung –  mich auch noch mit vielen anderen behinderten Menschen auseinandergesetzt, durch das Lesen von Webblogs und so. Und da haben viele schon erzählt, dass es angefangen hat mit der Wut über die eigene Behinderung, das Gefühl der Ungerechtigkeit, dass man selber diese Herausforderung hat, die andere nicht haben. Bis hin zur kompletten Verleugnung der eigenen Behinderung: „Ich mache das trotzdem!“ – Bis hin zur Weigerung, die eigene Behinderung überhaupt zu sehen und dann so zu tun, als wäre man einer von den anderen. Und verausgabt sich vielleicht auch beim Versuch -keine Ahnung- im Konzert bloß nicht auf der Rolli-Tribüne sitzen zu müssen, sondern einfach ganz normal mit den anderen im Publikum zu sein. Aber dadurch das ganze Konzert verpasst. Oder dass man sagt: „Nee, ich muss nicht auf Toilette.“, weil es keine rollstuhlgerechte Toilette gibt. Aber in Wirklichkeit muss man wohl! Und dieses permanente Weigern, die eigene Behinderung zu sehen, auch schon einen Großteil meiner Jugend war. Und ich dann später erst im jungen Erwachsenenalter verstanden habe, dass ich das alles gar nicht muss. Und wenn man jetzt so auf Instagram oder sonstigen Social Networks liest über Body Positivity „Du musst du dich selbst lieben“ , Selfcare und so weiter, finde ich, wird das auch nicht dem gerecht, was ich damals gefühlt habe. Also, weil mit der eigenen Behinderung zu hadern, nicht automatisch ins Gegenteil umschlagen muss, die eigene Behinderung zu lieben. Sondern es reicht, sie zu akzeptieren. Also, eine Neutralität würde ich mir da eher wünschen. Die wäre für mich völlig ausreichend.

Jonas:
Aber ist das nicht ähnlich mit dem, was Judyta eben gesagt hat, dass man vielleicht jetzt nicht mit der eigenen Behinderung hadert, also quasi mit der Tatsache, sondern mit dem, was das für Konsequenzen hat. Also, dass man eher auf die Barrieren, auf die man stößt. Man ist eigentlich vielleicht sogar mit sich selbst im Reinen, aber erst dann fängt man an zu zweifeln oder seine eigene Behinderung nicht zu mögen, weil einem das immer und immer wieder durch Grenzen, die einem aufgezeigt werden, gezeigt wird. Tagtäglich.

Raul:
Ja, und da ist mir dann im Laufe meines Erwachsenenlebens klar geworden, dass es eigentlich auf der einen Seite anstrengend ist, ständig gegen die Erwartung anzukämpfen. Aber wenn man dann sagt: „Das ist okay, so wie ich bin“ kommt eine neue Anstrengung, nämlich die Frage: „Wer bin ich? Also, was möchte ich eigentlich wirklich?“ Und wenn ich -keine Ahnung- 15 Jahre bewusst aktiv meine Behinderung ignoriert habe oder verdrängt habe, dauert es eine Weile, bis ich dann für mich klar bekommen habe zu wissen, will ich überhaupt mich jetzt mit dem Thema Behinderung auch beruflich auseinandersetzen?

Judyta:
Ja, und das ist, glaube ich, auch der Vorsprung, den wir alle drei haben, weil wir uns auch beruflich damit auseinandersetzen. Weil wir sprechfähig sind auch dazu, weil wir diese Unterschiede erkennen. Bei mir war es genauso wie bei Raul, dass ich immer gesagt habe „Ich bin anders, ich muss mich anpassen. Ich darf jetzt nicht sagen, ich möchte jetzt aber irgendwie auch aufs Klo. Und hier ist keine Toilette, die für mich geeignet ist.“ Also stellt euch das mal vor, dass man dann solche Grundbedürfnisse negiert, einfach weil man irgendwie mit den anderen mithalten will. Und da müssen wir einfach darüber sprechen, dass wir diesen Prozess gemacht haben, dass wir mittlerweile auch darüber sprechen können und dass wir nicht diese Überkompensation machen, was ja viele machen. So dieses „Ach, ich bin ja einfach nur anders.“ Nein! Es müsste nicht heißen „Ich bin anders…“ sondern die Welt müsste viel mehr für mich machen, für meine Bedürfnisse machen, weil es viele gibt wie mich. Und da nicht immer so von sich selber auszugehen, dass man das alles kompensieren kann. Dass das alles ja kein Problem ist. Sondern man wirklich auch die Forderungen an die Umwelt zu stellen. Und das ist schwer. Das ist schwer, auch als junge Person natürlich.

Raul:
Gleichzeitig würde ich zum Beispiel nie sagen über mich, dass ich meine Behinderung 100 Prozent angenommen und akzeptiert habe. 

Judyta:
Ja, warum nicht? 

Raul:
Weil, das kann niemand über sich selber sagen, egal, ob eine Behinderung vorliegt oder nicht. Ich kann mir schon vorstellen, dass wir alle irgendwie mit uns im Zweifel sind, hadern, Dinge an uns nicht mögen, lernen zu akzeptieren oder vielleicht auch nie akzeptieren werden. Das ich Leute, die von sich aus sagen, sie sind mit sich und ihrer Behinderung voll im Reinen, mit Vorsicht genieße.

Judyta:
Ja! Jonas, wie ist es bei dir?

Jonas:
Ich wollte grad sagen, da ist es, finde ich sehr, sehr wichtig, diesen Unterschied zu machen zwischen Menschen, die von Geburt an eine Behinderung haben und Menschen, die durch einen Unfall oder durch eine Erkrankung zu Menschen mit Behinderung wurden, die eben diesen Unterschied haben. Und ich glaube schon, dass Menschen, die nicht von Geburt an behindert sind, weil sie ja quasi diesen Vergleich haben, vielleicht auch noch einmal eher damit hadern und nochmal bewusster damit hadern, was sie jetzt vielleicht nicht mehr können oder wo sie auf Barrieren stoßen. Und dass das auch ein gewisser Prozess ist, das noch mal für sich zu akzeptieren, und zwar mit allen Konsequenzen, die das hat. Also, dass man sein neues Leben mit seiner Behinderung in dem Fall akzeptiert. Und wir sprechen ja häufig auch in unserer Arbeit darüber, dass man nicht immer von außen Menschen mit Behinderung versuchen sollte zu heilen, sie an die nicht behinderte Mehrheitsgesellschaft anzupassen, sondern, so wie Judyta, so, wie du das gesagt hast, dass sich die Welt oder die Gesellschaft eher so einstellen sollte auf die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung. Ich aber trotzdem glaube ich sehr nachvollziehen kann, wenn es Menschen mit Behinderung gibt, die durch technischen Fortschritt, den wir schon haben oder durch andere Hilfsmittel versuchen, entweder das wieder rückgängig zu machen, also quasi wieder von behindert zu nicht-behindert und wieder ein nicht-behindertes Leben zu führen.

Judyta:
Ja, total. Ich maße mir nicht an, das für alle Menschen zu sagen. Also, wie gesagt, das ist ein Prozess, diese Akzeptanz und vielleicht gibt es die ja auch nie. Das ist ja bei jedem Menschen anders. Also, ich möchte damit nicht sagen, dass alle Menschen mit einer Behinderung glücklich damit sein müssen. Das ist höchst individuell, auf jeden Fall.

Raul:
Ich habe mir noch die Frage gestellt, wenn wir jetzt also aufgrund unserer Behinderungen z.B. diesen Podcast machen oder in Vereinen  arbeiten, die sich für das Thema Inklusion einsetzen, sind wir dann nicht, frei nach Kübra Gümüşay, intellektuelle Putzkräfte, die die ganze Zeit eigentlich nur die Scherben aufkehren, die meistens nicht-behinderte Menschen hinterlassen? Und wäre diese Trennung von Behinderung und Beruf oder Charakter oder, was aus uns noch hätte werden können, erst dann möglich, wenn wir nicht diese Aufräumarbeit machen müssten?

Judyta:
Sag mal ein Beispiel, wie du das meinst. Also, das nicht-behinderte Menschen über uns sprechen?

Raul:
Nein, zum Beispiel, dass wir setzen uns für -keine Ahnung- vorurteilsfreie Berichterstattung über Menschen mit Behinderung ein, weil es besser ist, dass wir das machen, als wenn es Nicht-Behinderte machen. Aber gleichzeitig könnten wir ja auch Journalist*innen sein zu ganz anderen Themen. Da wir aber den Bedarf gesehen haben, dass über Behinderung es auch große Probleme gibt in der Berichterstattung, wir uns diesem Thema gewidmet haben.

Judyta:
Ja, das auf jeden Fall, das ist ja dieser Teil der Arbeit den wir machen bei Die Neue Norm. Wo ich manchmal auch so ein bisschen erbost bin, wenn ich andere behinderte Menschen sehe oder höre, was sie manchmal sagen, wo ich mir denke: „Mit deiner Aussage machst du gerade sehr viel kaputt, weil wir ja leider alle in eine Gruppe gesteckt werden.“ Wir sind ja eine Minderheit, Menschen mit Behinderung, und deswegen wird vom Individuum sehr auf die ganze Gruppe geschlossen. Und deswegen, je nachdem, wen du fragst, dass ist dann gerade die Meinung auch in den Medien. Und da denke ich mir manchmal: „Ja, okay, du hast uns jetzt einen Bärendienst erwiesen.“ Aber da in dem Moment sehe ich die ja auch als eine Gruppe an und sage, der individuelle Mensch darf nicht diese Meinung haben, sonst schlägt das auf uns zurück, auf alle anderen. Man ist da so ein bisschen in dieser Repräsentation auch gefangen.

Raul:
Aber muss man dann als behinderter Mensch auch Aktivist sein? 

Jonas:
Ich finde, dass das grundsätzlich auch so ein kleiner Teufelskreis ist. Also, wir haben ja auch häufig so den Leitsatz „Nicht ohne uns – über uns!“ Heißt also, dass wir als Menschen mit Behinderung eben diese Themen Behinderung, Inklusion besetzen wollen, aber eben auch eigentlich dorthin wollen, eben nicht ausschließlich über Behinderung und Inklusion zu berichten, zu sprechen, weil man ja auch noch viele andere Interessen hat, wo man ja auch darüber sprechen kann und eben kein Berufsbehinderter in dem Sinne ist. Aber ich muss auch für mich ganz klar sagen, dass das, was du, Raul, für dich ja auch gesagt hast: Ich hatte vor meiner Behinderung jetzt nicht unbedingt die Idee oder den Plan, irgendwann in diesem Bereich, in dem ich jetzt tätig bin, groß zu werden oder einen Podcast zu machen und über Behinderung, Inklusion zu sprechen. Das war nicht der Plan. Deshalb ist auch die Frage: Behinderung oder behindert sein, kann das auch eine Chance sein, eben über Themen zu reden und die Legitimierung auch zu haben, über Behinderung und Inklusion zu sprechen?

Judyta:
Ja, natürlich haben wir die Legitimierung. Und ich finde, dadurch, dass wir drei das machen, zum Beispiel diese Arbeit, gibt es vielleicht draußen irgendwo eine Wirtschaftsjournalistin, eine Architektin mit Behinderung, die das einfach machen kann, ihren Job, ohne dass sie über Behinderung sprechen muss. Wobei ich das bezweifle, weil man muss, glaube ich, immer ein bisschen darüber reden. Schon allein wenn es um Termine geht, um „Komme ich rein? Ist das barrierefrei, das Gebäude?“ Man muss schon immer ein bisschen darüber sprechen. Aber ich wünsche es mir sehr, dass es diese Personen gibt und dass wir nicht von ihnen wissen, dass sie eine Behinderung haben. Sondern, dass sie einfach ihren Job machen. Also, und deswegen machen wir den anderen Job.

Jonas:
Also was ist das, was uns als Menschen mit Behinderung ausmacht? Wir sagen ja häufig: Die Behinderung ist nur ein kleiner Teil unseres Lebens. Ganz am Anfang haben darüber gesprochen, ob man die Eigenschaften oder das Durchsetzungsvermögen, den Kampfgeist, den man teilweise als Mensch mit Behinderung haben muss, um in der Gesellschaft seine Rechte zu bekommen, man das sogar vielleicht in eine Bewerbung reinschreiben könnte oder auch sollte, dass das so eine große Eigenschaft ist. Aber ist es das, was uns ausmacht? Oder ist es nur die kleine Randnotiz?

Judyta:
Ich glaube schon, dass es ein Rucksack ist, den man mit sich trägt. Der einem manchmal schwer vorkommt, manchmal leicht. Manchmal vergisst man ihn, dass man ihn drauf hat. Aber er ist ein Teil von einem.

Raul:
Ich denke darüber nach gerade. Ich glaube, man muss uns unterscheiden zwischen Geburtsbehinderten und Menschen, die Behinderungen im Laufe des Lebens erworben haben. Sicher ist sie bei beiden ein Teil von einen, die Behinderung. Aber ich glaube bei dem Einen ist sie noch mehr in der Veranlagung drin, als bei der anderen Person. Also da, wo ich eben den Vergleich habe, kann es schon sein, dass es etwas ist, das von außen an mich herangetragen wurde. Und ich dann jetzt in der neuen Situation wie so einen Rucksack mit mir herumtrage, den ich nicht loswerde. Aber ich zum Beispiel empfindet es gar nicht als Rucksack.

Judyta:
Weil es ein Teil von dir ist. Also, es ist nicht auf dir drauf, sondern in dir.

Raul:
Genau! Wie mein Geschlecht vielleicht oder so… Beantwortet das die Frage?

Jonas:
Ja. So wie du morgens nicht aufwacht und dir wünscht, eine Frau zu sein.

Raul:
Es gibt Menschen, die das tun, aber bei mir ist es die Frage nicht gewesen. Und deswegen frage ich mich, ob man so etwas jemandem nicht auch einreden kann. Also, wenn ich das sehr oft gefragt werde, oder wenn man mich als Kind das oft gefragt hätte, ich vielleicht dann schon vielleicht auch oft mit mir selber mehr in Zweifel gekommen wäre.

Judyta:
Ja, das kann ich mir auch vorstellen. Also, bei mir waren es eher die Fragen „Warum kannst du nicht laufen? Oder warum siehst du so aus, wie du aussiehst?“ Und wenn du diese Fragen immer gestellt bekommst, dann festigt sich da ja auch ein Blick davon, dass man irgendwie anders ist. Also, ich werde auch sehr oft gefragt „Wann hast du gemerkt, dass du anders bist?“ Das habe ich nicht gemerkt. Es wurde mir gesagt.

Raul:
Ich habe es im Sportunterricht gemerkt. Aber ja, davor war mir das auch nicht klar. Aber manchmal beneide ich aber zum Beispiel Menschen mit Behinderung, die etwas ganz anderes machen, als sich mit dem Thema Behinderung beruflich zu beschäftigen. Denen es auch egal ist. Zum Beispiel Wolfgang Schäuble. Ja, also nicht, dass ich ein großer Fan seiner Arbeit bin. Aber ich finde es -sagen wir mal so-: ich würde mich für sein Recht einsetzen, aus voller Überzeugung, das zu tun, was er gerne tun möchte, jenseits von Behinderung.

Judyta:
Ja, aber das ist ja das, was ich gesagt habe. Ja also, wir machen den Job, damit andere das so machen können. Wir haben den Job, dass wir uns beruflich mit der Behinderung auseinandersetzen. Dass wir es auch immer wieder erklären müssen, wie das soziale Modell der Behinderung funktioniert. Dass es an Barrieren liegt, an der Umwelt, an der Gesellschaft auch. Und das sagt mein Aktivist*innen-Herz sozusagen, dass es okay ist deswegen. Aber der zweite Teil meines Herzens sagt auch: Ich würde auch gerne Kulturjournalistin sein, die nicht mehr über Behinderung sprechen müsste.

Raul:
Ja, es klingt ein bisschen so wie eine Bürde.

Judyta:
Ja, und deswegen bin ich dann aber auch wieder auf die Wolfgang Schäubles dieser Welt so ein bisschen sauer, wenn sie sozusagen in dieser privilegierten Position sind und dann nichts für die anderen tun.

Jonas:
Wobei der Sonderstatus ist, dass, dass er schon in seiner Rolle als bekannter Politiker war, bevor es dieses Attentat auf ihm gab, wo die Folge ist, dass er im Rollstuhl unterwegs ist. Und trotzdem einfach durch seine Präsenz sehr viel Bewusstsein geschaffen hat. Ich glaube zum Beispiel nicht, dass bei den Umbauarbeiten im Bundestag das überhaupt Thema gewesen wäre, ein höhenverstellbares Rednerpult zu haben, wenn er zum Beispiel nicht dagewesen wäre. Dass es unterschiedlich große Menschen gibt, klar, aber diese Option wäre vielleicht gar nicht dagewesen.

Judyta:
Ja, das kann sein. Also die reine Existenz, also, die reine so „Ach, es gibt ja doch noch eine andere Perspektive!“, das macht auch schon viel aus. Das stimmt.

Jonas:
Abschließend kann man vielleicht sagen, dass Behinderung immer sehr individuell ist und dass es nichts bringt, über die Behinderten im Allgemeinen zu sprechen, sondern man ja wirklich auf die einzelnen Persönlichkeiten gucken sollte, auch mit ihrem persönlichen Wünschen, wenn sie eher unzufrieden sind mit ihrem Leben oder ihrer Behinderung. Dass, wenn sie damit hadern, dass auch das in Ordnung ist und dass man das auch akzeptieren kann. Nur, dass halt auf die Dauer anstrengend ist, wenn Menschen mit Behinderungen versuchen, ihr Leben so anzupassen, um in der Gesellschaft eben nicht diskriminiert zu werden oder auf Barrieren zu stoßen. Und, dass man natürlich grundsätzlich dadurch, dass wir keine Vergleichswelt haben, auch nicht sagen könnten „Wie wäre es für uns als Menschen mit Behinderung, wenn wir ein Leben ohne Behinderung führen würden?“ Genauso, wie sich andere Menschen, glaube ich, auch in einer Vergleichswelt nur sehr schwer eben da reinversetzen würden oder könnten, wie es wäre mit Behinderung – außer, sie machen vielleicht ein Rollstuhl-Experiment. 

Wenn ihr weitere Interessen habt an Artikeln, die wir gelesen haben zu dem Thema, dann findet ihr die auf www.dieneuenorm.de in unseren Shownotes. Und ihr könnt uns für weitere Information zu unserer Arbeit auch gerne bei Facebook, Instagram und Twitter folgen. Das war’s für diese Ausgabe von unserem Podcast Die Neue Norm. Wir hoffen, dass ihr beim nächsten Mal auch wieder mit dabei seid.

Jonas, Judyta, Raul:
Tschüß

 

 

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