Jubel, Tränen, geballte Fäuste – nach jedem Tor schwenkt die Kamera zur Tribüne. Nur: Fans mit sichtbarer Behinderung tauchen dabei kaum auf, es sei denn, es geht ausdrücklich um Inklusion. Journalist Jan Uhlenberg untersucht Studien und Kamerakonzepte die zeigen, warum das kein Zufall ist und was sich leicht ändern ließe.
Einfach erklärt
Im Fernsehen zeigt die Kamera oft Fans nach einem Tor.
Fans mit Behinderung sieht man dabei selten.
Meistens kommen sie nur vor, wenn es um Inklusion geht.
Studien zeigen: Das ist kein Einzelfall, sondern ein Muster.
Ein Grund dafür ist, wie die Kameras im Stadion aufgestellt sind.
Rollstuhlplätze liegen oft nur in bestimmten Bereichen.
Die Kameras filmen aber meistens andere Bereiche.
Dabei wäre es einfach: Fans mit Behinderung könnten einfach mitgezeigt werden – beim Jubeln, beim Ärgern, beim Warten.
Ganz normal, ohne besonderen Anlass.
Der gewöhnliche Fußballmoment bleibt außen vor.
Meine Assistentin fragte mich neulich, warum in Fußballübertragungen eigentlich so selten Fans mit Behinderung zu sehen sind.
Die Frage ist bei mir hängen geblieben. Denn nach Toren oder wichtigen Spielszenen schaltet die Regie regelmäßig auf die Tribüne. Auf jubelnde Fans, auf enttäuschte Gesichter, auf Menschen, die die Hände vors Gesicht schlagen. Mir fallen in diesen Bildern nur selten Fans mit sichtbarer Behinderung auf.
Wenn sie doch auftauchen, dann häufig dort, wo Inklusion oder Barrierefreiheit ausdrücklich Thema sind. Aus dem Fan wird dann schnell ein Beispiel. Der gewöhnliche Fußballmoment bleibt außen vor.
Was die Forschung zeigt
Dass behinderte Menschen in Sportmedien häufig sentimentalisiert, als außergewöhnlich inszeniert oder im Zusammenhang mit Wohltätigkeit dargestellt werden, zeigt die 2023 veröffentlichte Studie ‚Inspirational and Worthy of Charity: (Mis)Representations of Disability in Sport Media‘ von Katherine Holland, Steven K. Holland und Justin A. Haegele. Untersucht wurden 6.080 Tweets eines großen US-Sportmedienunternehmens. Nur 126 davon, rund 2,1 Prozent, zeigten behinderte Menschen oder thematisierten Behinderung.
Bereits die 2014 erschienene Dissertation ‚Media integration of persons with disabilities: media effects on recipients’ attitudes and behaviors‘ von Christian von Sikorski an der Deutschen Sporthochschule Köln beschreibt eine geringe mediale Sichtbarkeit von Menschen mit sichtbaren körperlichen Behinderungen. Wenn sie vorkommen, rückt ihre Behinderung häufig selbst in den Mittelpunkt der Berichterstattung.
Sekunden entscheiden, wer im Bild landet
Ein Teil der Erklärung dürfte in den Abläufen der Live-Regie liegen. Nach einem Tor oder einer strittigen Szene bleiben oft nur wenige Sekunden für den Blick auf die Tribüne. Die Kameras suchen schnell nach einer Reaktion, die sofort verständlich ist.
Bei solchen Reaktionsbildern muss die Regie innerhalb weniger Sekunden auswählen, welchen Teil der Tribüne sie zeigt. Nach welchen Kriterien diese Auswahl im Einzelnen erfolgt, lässt sich aus den veröffentlichten Medienrichtlinien nicht ablesen.
Die DFL-Regelungen definieren dieses Basissignal als die von der DFL bzw. einem von ihr beauftragten Dritten, derzeit Sportcast, erstellten Aufnahmen der Spiele. Welche Kameras dafür eingesetzt werden und wo sie stehen, ist keineswegs beliebig.
Randplätze im Stadion für Rollstuhlnutzende
Für Rollstuhlnutzer*innen kommt ein weiterer Punkt hinzu: die räumliche Organisation im Stadion. Rollstuhlplätze befinden sich in eigens dafür vorgesehenen Bereichen. Die Fußball-Bundesliga-Broschüre „Barrierefrei im Stadion“ verweist dabei auf die Muster-Versammlungsstättenverordnung. Sie sieht für Stadien bis 5.000 Plätze einen Anteil von mindestens einem Prozent für Rollstuhlnutzer*innen vor; für die darüber hinausgehenden Plätze sind es mindestens 0,5 Prozent. Gleichzeitig weist die Deutsche Fußball Liga (DFL) darauf hin, dass diese baulichen Vorgaben vor allem für Neubauten gelten und in bestehenden Stadien teilweise nur bei größeren Umbauten verbindlich oder überhaupt umsetzbar sind.
Auch die Lage spielt eine Rolle. Die DFL empfiehlt, Rollstuhlplätze möglichst in verschiedenen Bereichen eines Stadions anzubieten. Wie das umgesetzt wird, unterscheidet sich allerdings deutlich. Im Europa-Park Stadion in Freiburg sind die Rollstuhlplätze auf alle Tribünen verteilt. In Frankfurt befinden sie sich auf der Gegentribüne, in Dortmund auf der Ost- und Westtribüne.
Wer die Bilder bestimmt: feste Kamerakonzepte
In der Bundesliga wird das sogenannte Basissignal derzeit von Sportcast im Auftrag der DFL produziert. Die DFL-Regelungen definieren dieses Basissignal als die von der DFL bzw. einem von ihr beauftragten Dritten, derzeit Sportcast, erstellten Aufnahmen der Spiele.
Welche Kameras dafür eingesetzt werden und wo sie stehen, ist keineswegs beliebig. Die DFL-Medienrichtlinien sehen verbindliche Kamerakonzepte vor. Dort heißt es: „Diese Kamerakonzepte legen die Anzahl und die jeweiligen Positionen der für die Produktion des betreffenden Spiels vorgesehenen Basissignalkameras fest.“ Die Richtlinien enthalten darüber hinaus detaillierte Vorgaben für Kamerapositionen auf den Tribünen und im Stadioninnenraum. Eine ausdrückliche Vorgabe dazu, welche Zuschauerbereiche bei Fanreaktionen gezeigt werden sollen, enthalten sie nicht.
Ich habe die DFL zu dieser Frage um Stellungnahme gebeten. Sie bot dazu ein Hintergrundgespräch an, dessen Inhalte nicht zur Veröffentlichung bestimmt sind.
Ein Fan mit Behinderung sollte nicht erst Teil eines Beitrags über Inklusion werden müssen, um in der Übertragung vorzukommen.
Was sich ändern müsste
Welche Tribünenbereiche regelmäßig erfasst werden, beeinflusst auch, welche Fans später in der Übertragung zu sehen sind.
So wiederholt sich ein vertrautes Muster: Jubel, Frust oder Nervosität werden in der Übertragung überwiegend über Fans erzählt, bei denen keine Behinderung sichtbar ist. Menschen mit sichtbarer Behinderung erscheinen deutlich seltener in solchen Momenten.
Dabei müsste es gar nicht kompliziert sein. Sie könnten dort vorkommen, wo auch andere Fans gezeigt werden: beim Jubel, beim Frust, beim Warten auf den Abpfiff.
Es braucht dafür keinen besonderen Anlass und keinen erklärenden Kontext. Ein Fan mit Behinderung sollte nicht erst Teil eines Beitrags über Inklusion werden müssen, um in der Übertragung vorzukommen.
Dafür müssten Regien ihre Routinen überprüfen. Welche Tribünenbereiche werden bei Fanreaktionen regelmäßig angesteuert, welche kaum? Schon kleine Änderungen bei der Auswahl könnten dazu führen, dass mehr von dem zu sehen ist, was im Stadion längst Realität ist.