“Kunst, die systemrelevante”

eine frau tanzt vor altem gemäuer.
Andi Weiland | Gesellschaftsbilder.de
Lesezeit ca. 5 Minuten

Wenn das Publikum nicht zur Kunst kommt, kommt die Kunst zum Publikum. In Zeiten von Corona werden Künstler*innen notgedrungen noch kreativer, um die Menschen auf dem Sofa zu erreichen. Auch Künstler*innen mit Behinderungen erfinden neue Formate, um im Gespräch zu bleiben.

Ein Bühnenauftritt ohne sichtbares Publikum – die Lacher, der Applaus, alles kann nur im Chat mitgelesen oder mitgedacht werden. Das Format der Stunde ist der Livestream. Kunstschaffende weltweit nutzen ihn, um die Fans in der Coronakrise zuhause zu erreichen. Für Künstler*innen mit Behinderung ergibt sich somit die Gelegenheit, unter all den Livestreams dieser Erde ebenbürtig Kunst anzubieten, die sonst oft noch als “Outsider art” in Rathäusern gezeigt oder als “Inklusions-Kunst” auf Veranstaltungen dargeboten wird.

(Gem)einsam im Stream

Oberflächlich betrachtet hat sich für Ninia La Grande mit der Kontaktsperre nicht viel verändert. Sie kennt die Arbeit im Homeoffice, schreibt Online-Texte in Leitmedien, führt Gespräche im Podcast oder moderiert eine Webserie. Doch neu ist auch für sie das Gefühl nun von zuhause aus beim Online-Poetry-Slam der Veranstalter WortLautRuhr mitzumachen. “Jeden Tag ein Liveformat zu machen, wäre mir zu stressig. Ich bin gerne mal bei Formaten Gast – und habe das kleine Kabaretttheater TAK in Hannover mit einer Livelesung unterstützt.” Dort spricht sie auf der Bühne eines leeren Theatersaals. Sie nennt es “systemrelevantes Kulturprogramm” und lässt Applaus aus der Dose abspielen.

Als Experiment sieht es auch der Münchner Schriftsteller Maximilian Dorner, der abends im Livestream auf seiner Facebook-Seite vorliest: “Wenn es gut läuft, werden wir gemeinsam etwas erleben, in Verbindung kommen. Und wenn nicht, werden wir immerhin uns selbst begegnen. Jeder für und mit sich. Auch so können wir verbunden sein, in unserer Einsamkeit.” Die Texte stammen aus seinem Buch “Einsam na und? Von der Entdeckung eines Lebensgefühls”. Zuschauer*innen schweigen oder bedanken sich für seine Offenheit.

Gerade für Künstler*innen, die aufgrund ihrer Behinderung besonders gefährdet durch das Coronavirus sind, ist der Livestream eine Chance. Während in den USA die Musikerin und Speakerin Gaelynn Lea nun von zuhause aus virtuelle Konzerte mit ihrer Violine gibt, organisiert in Deutschland Comedian Carl Josef auf Instagram einen “Quarantäne-Talk” mit seinem Kollegen Jan Overhausen. Bekannt wurde der 14-Jährige Carl Josef 2019 durch seinen Auftritt in der Online-Comedy-Sendung “NightWash” und beim Deutschen Comedy Preis. Als ob er es ahnte, plante er seine Tour “The Hype is Wheel” erst für Herbst 2021.

Treffen in der Zukunft

Für ein Treffen in der Zukunft sorgen auch Künstler wie der US-amerikanische Zeichner Stephen Wiltshire und der deutsche Comedian, Moderator und Autor Martin Fromme. Drei seiner Auftritte verlost Fromme vor allem an Menschen, die sich für Inklusion stark machen. Für ihn ist die Situation tatsächlich existenzbedrohend, da er als selbstständiger Künstler ohne Bühnen-Auftritte kaum Umsatz mache und ohne Betriebskosten kaum von der Soforthilfe profitiere. Währenddessen hat er sich mit anderen Ruhrgebietskünstler*innen zusammengeschlossen und die Show “RuhrKultur – Live” auf YouTube initiiert, für die Zuschauer*innen auf freiwilliger Basis spenden können. Erfahrung mit ungewöhnlichen Formaten hat er: “Ich hatte einmal einen Auftritt vor Wachkomapatienten. Das war eine schöne aber auch skurrile Erfahrung. Ich hoffe, dass die Menschen wenigstens innerlich gelacht haben.”

Annton Beate Schmidt trägt eine grüne Bluse und lehnt sich an eine Holztür. Sie lächelt in die Kamera.
Foto: Sally Lazic

Für andere Künstler*innen ist der Rückzug ins Private nicht neu. Die Malerin Annton Beate Schmidt genießt schon lange das ruhige Leben im ländlichen Brandenburg. Doch auch dort ist sie jetzt vorsichtiger: “Da sich zu Beginn der Coronaausbreitung herausstellte, dass ich zu einer Risikogruppe gehöre, bleibe ich zuhause, abgesehen von langen Waldspaziergängen. Das ist ein großer Luxus, weil wir auf dem Land leben.” Annton Beate Schmidt ist alles andere als medienscheu – sie war Teil der großen Werbekampagne #showus einer Kosmetikfirma –. Doch als die Nachrichten um Corona sich überschlugen, verfiel sie als Künstlerin in eine Schockstarre: “Während um mich herum Videochats und Instagramposts explodierten, hatte ich vielmehr das Bedürfnis nach Ruhe und Reflektion.” Inzwischen arbeitet sie wieder im Atelier – u.a. an Selbstporträts und anderen Frauengesichtern, die lächeln, da dies nun besonders wichtig sei.

Vorbilder im Alltag

Neben der Zuversicht braucht es jetzt auch Ablenkung durch Unterhaltung, so systemrelevant kann Kultur sein. Oder genauer, braucht es prominente Vorbilder, die in derselben Situation stecken wie man selbst und mit dem neuen Alltag klar kommen. Während Comedian Martin Fromme also zeigt, wie er sich nun die Hände wäscht, stellt Autor Maximilian Dorner in der Quarantäne eine Mutprobe auf: mal im Bett andersherum schlafen.

Auch Künstlergruppen verabreden sich zum Privatsphären-Einblick: Das Künstlerkollektiv Barner16 aus Hamburg, bekannt durch die Band Station 17, spiegelt mit seinem von zuhause aus gedrehtem Song “Bleib gesund” das kollektive Gefühl des #wirbleibenzuhause wider. In ihrem neuen Video-Format “Barner16@home” auf Instagram sprechen sie jeden Mittwoch über eine sie beschäftigende Frage, etwa was ihre momentane Alltagsaufgabe sei. Sie übersetzen Schutzmaßnahmen vor Corona in einfache Sprache und bieten praktische Listen zum Einkaufen, Essen und Homeoffice zum Herunterladen an.
Weniger praktisch, mehr experimentell präsentieren sich die Schauspieler*innen des Theater Thikwas mit neuen Ausdrucksformen wie politischen Ansprachen mit Mundschutz oder gemeinsamem Performen des Schutztanzes. Wie viele Kunstbetriebe Berlins ist das Thikwa bei der Aktion “Berlin Bühnen digital” dabei und gibt im Format Couch-Theater ihre “Thikwa Classics” vergangener 28 Jahre frei.

Risiko für Kunst und Gesundheit

Es ist nicht nur der Bekanntheitsgrad oder das Einkommen, was Künstler*innen mit Behinderung meist noch von ihren Kolleg*innen ohne Behinderungen unterscheidet (abgesehen von Prominenten wie Stevie Wonder). In der Coronakrise zeigen sich
fundamentale Unterschiede in der Möglichkeit aufzutreten: Sind die digitalen Kunstangebote ausreichend barrierefrei, um sie mit allen möglichen Behinderungen erfahren und bedienen zu können? Künstler*innen wie Kassandra Wedel, die gerade als taube Tänzerin zu Beethovens 5. Symphonie tanzte (behind the scenes), wünscht sich für Livestreams mehr Live-Untertitelung. Bisher arbeitet sie mit einer Gebärdensprachdolmetscherin via Zoom.
Weiter gedacht: Werden Künstler*innen mit Behinderungen als Teil der Risikogruppe länger als andere nicht öffentlich auftreten können? Droht ihnen gar ein Risiko, lebenserhaltende Maßnahmen nicht zu erhalten? Comedian Carl Josef diskutiert öffentlich auf Facebook seine Sorge, dass Menschen der Risikogruppe wie er keine Beatmungsgeräte erhalten: “Ich bin nicht alt, aber ich habe auch eine geringere Restlebensdauer als andere. Heißt das, dass ich ebenfalls kein Beatmungsgerät bekomme? Wie viele Jahre Restlebensdauer müssen es sein, damit man weiterleben darf?” Für den Schriftsteller Maximilian Dorner müsse Inklusion nochmals neu verhandelt werden, wie er im Bayerischen Rundfunk schreibt: “Wie gehen die Nichtinfizierten mit den Infizierten um, wie die Genesenen, die jetzt Immunen, mit den Nichtinfizierten? Und das auf Augenhöhe? Dazu kommt noch, dass rasend schnell wechselt, wer in der Rolle des Starken ist, und wer in der des Schwachen.”

Trotz wirtschaftlicher und gesundheitlicher Bedrohung, oder gerade deshalb, gehen Künstler*innen mit Behinderung weiter kreative, neue Wege. Nun bleibt es abzuwarten, wie die Gesellschaft Kunst in diesem neuen Spannungsfeld verhandelt: von nicht-behindert bis schon-behindert, von prominent-verwöhnt bis kreativ-entwöhnt, von experimentell-motiviert bis politisch-engagiert. Es täte uns gut, Künstler*innen mit und ohne Behinderungen als systemrelevant zu betrachten und, gemeinsam mit dem Staat, zu unterstützen. Das System funktioniert auch ohne Kunst, aber ob es dann noch relevant ist?

Liste an weiteren Künstler*innen mit Behinderung:

Willow Bascom, Malerin
Eyk Kauly, Schauspieler
Lucy Wilke, Sängerin, Schauspielerin, Tänzerin, Autorin und Regisseurin
Andrea Eberl, Sängerin / Texterin / Komponistin
Peter Longstaff, Maler
Amanda LaMunyon, Malerin
Dirk Sorge, Maler
Stephen Wiltshire, Zeichner
Weitere: selfadvocatenet.com/disability-artist/,
www.passionatepeople.invacare.eu.com/5-world-famous-artists-disabilities/ und
www.webdesignerdepot.com/2010/03/the-amazing-art-of-disabled-artists/

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Eine Antwort

  1. starke Worte.
    lasst uns zusammen die neuen Möglichkeiten erkennen. Lasst uns zusammen etwas bewirken, etwas verändern, etwas in Gang bringen.
    vielleicht erschaffen wir damit gemeinsam ein #neuesBewusstsein

    herzliche Grüße und… weitermachen !

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