Zerbürokratisierung

Das Logo von Die Neue Norm auf lila Grund. Rechts davon steht: Die Neue Kolumne. Unten steht: Von Patricia Koller.
Lesezeit ca. 3 Minuten

– Glosse –

Menschen mit Behinderungen und/oder psychischen Erkrankungen haben zumeist zwangsläufig viel mit Behörden zu tun. Wenn wir mal von den freundlichen Sachbearbeiter*innen absehen, die es zumindest gerüchteweise auch geben soll, ist dies in den meisten Fällen so erfreulich wie eine Weisheitszahn-Operation – ohne wirksame Narkose.

Man möchte fast meinen, der behinderte Mensch sei der natürliche Feind des Sachbearbeiters, denn im Erfinden von Anspruchsabwehrmethoden sind diese sehr einfallsreich. Das beginnt schon mit dem Antragsverfahren, das in der Ablage P = Papierkorb endet. Der Antrag wird also einfach nicht bearbeitet und so muss der Antragssteller ihn erneut einreichen, oder es ergeht ein falscher Bescheid, gegen den Widerspruch eingelegt werden muss. Viele geben hier schon auf. Vor allem, wenn sie schwer krank oder depressiv sind, kostet so ein erneuter Anlauf schon zu viel Kraft. Bleibt der Antragssteller hartnäckig am Ball, werden weitere Barrieren aufgebaut. Sofort folgt die Anforderung einer Menge weiterer Unterlagen, die möglichst schwer zu beschaffen sind, weil sie z.B. mit vielen Rennereien verbunden sind und somit extrem zeitaufwändig. Man muss natürlich die sicher schon hundertfach nachgewiesenen Behinderungen und psychischen Erkrankungen erneut nachweisen, weil so eine Behörde schließlich sehr gründlich ist. Also nach ärztlichen Gutachten vom Hausarzt und Psychiater sowie vom MDK und den Schreiben vom Versorgungsamt auch noch eine Vorladung zum Gesundheitsamt absolvieren, obwohl alles auch in allerneuester Ausfertigung bereits x-fach vorliegt. 

Alle Jahre wieder winkt die Nachweispflicht, dass einem keine Gliedmaßen nachgewachsen sind, dass die chronische (!) Krankheit immer noch vorhanden ist, dass die aktenkundige Erwerbsunfähigkeit (!) nicht zu einer Jobsuche geführt hat usw. Wer im Alter eine Haushaltshilfe beantragt, weil er den Haushalt nicht mehr alleine schafft, muss damit rechnen, dass sich junge Sachbearbeiter darüber lustig machen, denn schließlich müssen sie ihren Haushalt ja auch alleine bewältigen. Die Bissigkeiten sind zahlreich, vielfältig und vor allem verletzend. Das sollen sie auch sein, denn schließlich geht es darum, Ansprüche abzuwehren und Kosten zu sparen und so wird gedemütigt und schikaniert. 

Eingereichte Unterlagen verschwinden – auch mit Empfangsbestätigung – schon mal grundsätzlich. Der Papierkorb ist dem gemeinen Sachbearbeiter eben näher als die Klienten, die er in den meisten Fällen maximal vom Namen her, aber eben so gut wie nie persönlich kennt. In so eine völlig unbekannte Person lässt sich viel hineinprojizieren und so finden sich, wenn das Behördenopfer denn mal Akteneinsicht beantragt und sie tatsächlich erhält, niederträchtige Randnotizen und auch völlig frei erfundene Verleumdungen in den Akten. Eine gewisse Behörde ist dazu übergegangen, die Akten vor einer Akteneinsicht so gründlich zu bereinigen, dass danach – bis auf die eigenen Anträge und Briefe, die der Antragsteller ja ohnehin kennt – nur noch geschwärzte Seiten und nummerierte Leerblätter darin übrigbleiben. Es kam auch schon vor, dass die Behörde ihren Opfern fremde Patientenblätter unterjubelte und der sogenannte „Fachdienst“ (d.h. keine Ärzte!) Erkrankungen erfand, die mit den Patienten absolut nichts zu tun hatten.

Beratungen finden dort grundsätzlich nicht statt, denn sonst könnten die Opfer ja erfahren, was ihnen vom Gesetz her ganz klar zusteht und es beantragen.

Kein Wunder also, dass gute Sozialrechtler in ganz Deutschland verzweifelt gesucht werden.

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6 Antworten

  1. Was für eine treffende Beschreibung !!!

    Den Artikel könnte ich fast inhaltlich identisch verfassen, lediglich würde ich ihn nicht als “Glosse” typisieren sondern als “Erlebnis-/Tatsachenbericht” und die MDK Mitarbeiter würden extrem negativer beschrieben werden.

    Mittlerweile habe ich ja erfahren, dass ich nicht der betrübliche Einzelfall bin, bei dem alles schief läuft und dass man in Zeitspannen von Jahren denken muss bis man zu seinem Recht kommt, aber diese Erkenntnis macht weder seelische Belastung besser noch mindert es die physischen Anforderungen.

    Um überhaupt mit diesen Ungerechtigkeiten und dieser Willkür umgehen zu können, glaube ich fest an das Prinzip der ausgleichenden Gerechtigkeit.

    Ich glaube, dass auf sehr viele Behörden-, Sach-, und sonstigen Mitarbeiter noch ein schreckliches Schicksal wartet. Und dann denke ich, im Gegensatz zu mir SIND SIE SELBST SCHULD.

    1. Genau so ist es leider. Jedem wird, wenn man doch mal aufmuckt, vermittelt, dass man der eine bedauerlich Einzelfall ist. Aber zumindest dieses “Lügenkonstrukt” ist dank unserer Vernetzung in den sozialen Medien mittlerweile nicht mehr haltbar. Denn diese ganzen “Einzelfälle” häufen sich, wenn man sie zusammenträgt, zu einem ganz schön unschönen hohen Berg auf.

  2. Kann vieles davon bestätigen!!!
    Ich war sehr oft davor aufzugeben
    Es ist alles sehr schlimm, ob ich ein Mensch zweiter Klasse sei!
    Bei einigen Ansprechpartnern ” bekommt man eine andere Telefonnummer, die dafür zuständig sind. Und das ganze geht ewig so weiter
    Agressionen sind besonders schlimm! Ebenso wie die ganzen Lügen. Oft denke ich, ich bin bei der Mafia gelandet

  3. Liebe Patricia Koller,

    deine Glosse im Newsletter von Raul Krauthausen trifft es! Ich bin aber nicht mehr bereit, das mitzumachen!

    Aktuell sind für meinen Sohn im Rollstuhl wieder Fahrdienst, Werkstatt und Assistenz zu beantragen. Ständiger Schriftverkehr wegen zweier Hilfsmittel mit dem Sozialgericht. Die Verlängerung der amtlichen Betreuung war in letzter Zeit noch das Einfachste.
    Letztes Mal hat die Verlängerung der Assistenz zu einem Rechtsstreit geführt. Oder bzw. hat das Bezirksamt (Eingliederungshilfe) kurz vorher eingelenkt. Das hat mich so viele Nerven gekostet. Ich bin in eine Depression gefallen, weil wir nie wussten, ob der Assistent den nächsten Monat noch den Arbeitsplatz bei meinem Sohn hat. Er ist Freizeitassistent bei ihm. Ich pflege meinen Sohn. Das Bezirksamt wollte einfach das Pflegegeld haben für die Finanzierung des Freizeitassistenten, aber sie sagten, ich dürfe meinen Sohn weiterhin pflegen. Ist das noch zu fassen?

    Ich kann nicht mehr, ich sehe das nicht ein. Ich habe die Petition unterschrieben, weil die Hilfsmittel immer blockiert werden. Ich unterschreibe jede Petition in dieser Richtung.
    Ich möchte jetzt aber auch handeln um an diesen “Missständen” (Verbrechen) etwas zu tun. Wir haben Pflegenotstand, und alle pflegenden Angehörigen verdienen Anerkennung und Unterstützung, und nicht das, was sie mit uns machen! Was kann ich tun um daran etwas zu ändern?

    Liebe Grüße

    Karin Derenthal, Berlin

  4. Soooo wahre Worte!
    Seit wir 2018 das erste Mal einen PG einklagen mussten, füllen sich bei uns die Ordner nicht nur mit den medizinischen Unterlagen zweier Kinder, sondern auch mit Begründungen, Stellungnahmen, Widersprüchen, Klageeinreichungen, Beschwerden, uvm. Es geht um Hilfsmittel, den GdB und seit neuestem wieder um den PG. Dazu der Zuständigkeitsstreit der verschiedenen Institutionen. Jeder zeigt mit dem Finger auf den anderen, keiner will Verantwortung übernehmen.

    Und vor wenigen Tagen waren wir tatsächlich ganz kurz davor, dass diese Zermürbungstaktik zum Ziel geführt hätte. Ganz kurz fiele Sätze wie “wenn der MD und alle anderen meinen, dass Fachärzte und Therapeuten alle falsch liegen und wir eh nur ‘Geschichten’ erzählen, dann sind sie halt gesund”. Für einen ganz kurzen Moment wollten wir tatsächlich hinschmeißen.

    Auch uns wurden die Worte vom “bedauerlichen Einzelfall, der doch wohl nicht durchs Netz der sozialen Sicherheit rutscht” gesagt. Und es ist ja nicht nur, dass den direkt Betroffenen hier die soziale Sicherheit einer inklusive Teilhabe verwehrt wird. Die Therapien, Arzttermine, Termine bei Beratungsstellen Anwälten etc kosten ja nicht nur Zeit und Nerven, sondern auch bares Geld (allein schon für die Fahrten). Wen jetzt (wie in so vielen pflegenden Familien üblich) bei mindestens einer Person die Arbeitsstunden entsprechend reduziert sind, um das alles zeitlich wenigstens halbwegs zu stemmen, dann aber umgekehrt der MD meint, da wäre ja nix und das Pflegegeld eingestellt wird bis Widerspruch und ggf. Klage durch sind…..
    … dann führt das ganz schnell eine ganze Familie an den Rand des sozialen Absturz.

    Die Entscheidung lautet dann am Ende tatsächlich Rechnungen bezahlen oder Zeit für die Therapien und die Förderung der Kinder haben. Spätestens, wenn ersteres nicht mehr geht, stecken leider selbst die mit starkem Nervenkostüm auf. Und darauf wird definitiv gesetzt. Hier werden systematischen Familien, Menschen kaputt gemacht.

    Wir haben uns fürs erste fürs weitermachen entschieden. Haben Töpfe/Rücklagen angezapft, die wir hofften nie so früh gebrauchen zu müssen. Aber die Frage ist für welchen Preis…. Denn langsam rutschen wir hier alle in den Mühlen der Bürokratie in den Burnout. Und am Ende sind nicht nur die Kinder behandlungsbedürtig, sondern auch wir Eltern.

  5. Danke für diesen sehr gut geschriebenen Erfahrungsbericht!
    Staatliche Unterstützungen für behinderte Menschen müssen in Zukunft barrierefrei zu bekommen sein.
    Es ist nicht zumutbar, dass diejenigen, die sich in vielen Angelegenheiten des täglichen Lebens ohnehin schon schwer tun, immer wieder gegen die „Mühlen der Verwaltung“ ankämpfen müssen.
    Ich frage mich, wie man dieses Thema in Zukunft in der politischen Diskussion stärker zur Sprache bringen kann? Formal sind ja häufig kommunalen Behörden zuständig.

    Martin Schmid, Frankfurt am Main
    E-Mail: [email protected]

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