Neuer ist nicht immer besser – Gedanken zum Film “Weil wir Champions sind”

Text auf rotem Grund: die neue Kolumne von Ash
Lesezeit ca. 5 Minuten

Letzten Mittwoch lief der Film „Weil wir Champions sind“ zum ersten Mal im Fernsehen. Er ist eine Neuauflage des spanischen Films „Wir sind Champions“ (original: Campeones), der 2018 Premiere hatte. Da ich mich gefragt habe, wieso ein gerade einmal vier Jahre alter Film, den es bereits in deutscher Synchronisation mit Untertiteln gibt, neu verfilmt wurde, habe ich mir beide Versionen angesehen. Auf die deutsche Neufassung hätte ich im Nachhinein doch lieber verzichtet.

Die Story ist so alt, wie sie ableistisch ist: Der nicht-behinderte Protagonist hat Beziehungsprobleme, verliert nach öffentlichen Handgreiflichkeiten seinen Job als Basketball-Bundesligatrainer, fährt zwei Mal betrunken gegen ein Polizeiauto und wird daraufhin dazu verurteilt, 90 Tage lang Menschen mit Lernschwierigkeiten zu trainieren.

Nach einiger anfänglicher Abwehr ergibt er sich seinem „Schicksal“ und stellt schließlich fest, dass es im Leben um mehr geht, als nur ums Gewinnen.

Ableistische Narrative

Die ableistischen Narrative, die sich dahinter verbergen, sind ausgelutscht und überholt: Denn Zeit mit behinderten (oder anderweitig marginalisierten) Menschen zu verbringen, ist weder eine Strafe, noch existieren behinderte Menschen nur, damit Menschen ohne Behinderung ihre Lebensfreude wiederfinden. Das durch diese Darstellung reproduzierte Motiv nennt sich „Inspiration Exploitation“, auf Deutsch Inspirations-Ausbeutung, und beschreibt die Betrachtung von behinderten Menschen als reines Inspirations- und Motivations-Objekt für Menschen ohne Behinderung.

Allerdings war das Original-Drehbuch den Verantwortlichen bei Constantin Film anscheinend noch nicht ableistisch genug. So hat der einzige behinderte Mensch, dessen Grad der Behinderung zur Sprache kommt, im spanischen Original einen Grad der Behinderung von 39, im deutschen Film aber einen von 80. Das allein könnte natürlich unterschiedlichen Berechnungssystemen geschuldet sein, doch leider blieb es nicht bei dieser Änderung. Als ein Spieler seine neuen Schuhe falsch herum anzieht (den linken rechts und umgekehrt), korrigiert er das im Originalfilm auf Aufforderung des Trainers selbst. In der deutschen Version zieht der Trainer ihm die Schuhe richtig an. Selbst in Bezug auf die sprachlichen Fähigkeiten der Team-Mitglieder wurde in der Neufassung noch ein bisschen „nachbehindert“: Während das einzige weibliche Team-Mitglied, eine Frau mit Down-Syndrom/Trisomie 21 und der großartigen Catchphrase „MICH duzt du nicht!“, sich im Original zu behaupten und auszudrücken weiß und lediglich ein Mal ein Wort verwechselt (was unkommentiert bleibt), legt die Neufassung ihr mehrfach falsche Wörter in den Mund, die von den anderen verbessert werden. Außerdem ziehen sich im deutschen Film zwei Charaktere Kopfverletzungen zu, die im Originalfilm nicht auftauchen, und ein „Gag“ baut allein darauf auf, dass es sich bei dem Team-Namen „Zwerge” nicht um eine ableistische Bezeichnung für kleinwüchsige Menschen handelt, was die Spieler*innen zunächst missverstehen. Ein weiterer basiert auf der Tatsache, dass der nicht-behinderte Sohn des Trainers den behinderten Spieler*innen „beigebracht“ hat, Fouls vorzutäuschen und sie das nicht passend umsetzen können. Das führt, zur vollständigen Befriedigung der ableistischen Schaulust, dazu, dass sich während eines Spiels alle gleichzeitig mit vorgetäuschten Schmerzen auf dem Boden wälzen.

Der Originalfilm liefert zumindest ein paar Informationen zum Charakter, den Hobbys und Interessen der Team-Mitglieder. In der Neufassung bleibt es bei einer Auflistung ihrer Arbeitsplätze als Beweis für ihren Wert in dieser Welt – denn dazu, in einem kapitalistischen System ausgebeutet zu werden, sind sie zum Glück nicht zu behindert. Die herausragende handwerkliche Leistung eines Team-Mitglieds, die auch im Original Thema ist, wird in der deutschen Version mit einem „trotz [Autismus], oder gerade deswegen“ kommentiert. Getoppt wird die ableistisch-stereotype Darstellung auch noch damit, dass nicht das Wort „Autismus“ verwendet wird, sondern die veraltete Bezeichnung „Asperger“ –  der Name des Arztes, der behinderte Kinder während des Nationalsozialismus in den sicheren eugenischen Tod schickte. 

Auch die Handlung selbst kommt nicht ohne die Verbreitung eugenischen Gedankenguts aus: Als der Trainer erklärt, dass er aufgrund seines Alters und dem seiner Partnerin lieber keine Kinder mehr möchte – schließlich sei dadurch das Risiko, dass das Kind eine Behinderung hat, deutlich erhöht – hört einer der Spieler mit. Er wird aber nicht etwa wütend – nein! Als angepasster und unterwürfiger Behinderter zeigt er Verständnis und sagt: “Mir würde es auch nicht gefallen, ein Kind wie uns zu haben. (…) Ich hätte auch lieber ein normales Kind. Was mir aber gefallen würde, ist, so einen Vater zu haben wie dich.“ Im Kontrast zum Original, in dem die sichtbar wütende Partnerin des Protagonisten ihn nach seiner behindertenfeindlichen Aussage immerhin stehen lässt, trägt er in der Neufassung keine negativen Konsequenzen dafür.

Obwohl beide Filme (dis-)ableistische Motive bedienen und (rassistisch-) behindertenfeindliche, schwulenfeindliche sowie sexarbeiter*innenfeindliche Schimpfwörter vervielfältigen, gelingt es dem Originalfilm an mehreren Stellen, Kritik an gewaltvollen Einstellungen, Zuschreibungen und Verhaltensweisen sowie (Ent-) Lernprozesse anzudeuten oder sichtbar zu machen. Der deutschen Neufassung fehlen diese Nuancen größtenteils. Stattdessen enthält sie diverse ableistisch-paternalistische Zurechtweisungen der Spieler*innen durch den Trainer, die im Original nicht vorkommen. Essenzielle Teile der Original-Handlung, in denen Szenen noch einmal mit vertauschten Rollen wiederholt werden, fehlen komplett.

Der nicht-behinderte Heilsbringer

Einer der Spieler hat in Folge einer traumatischen Erfahrung als Kind eine Wasserphobie und wäscht sich nicht. Auf den Ekel-Faktor beim Thema Behinderung könnten Filmemachende zukünftig auch endlich verzichten. Der Trainer, der sich vom Geruch gestört fühlt, „heilt“ den Spieler aus reinem Eigeninteresse, indem er eine andere emotional aufgeladene Situation ausnutzt und dem Tierliebhaber erzählt, eine Maus warte darauf, dass er sich wasche. Die Darstellung des Trainers als nicht-behinderter Heilsbringer gipfelt darin, dass er, nachdem er zuvor immer abgewehrt hatte, nun endlich zulässt, dass der behinderte Mensch ihn umarmt – im deutschen Film unter Applaus des restlichen Teams. Die Sequenz ist an sanistischer Abwegigkeit, Herabwürdigung und Infantilisierung kaum zu überbieten, was im spanischen Original allerdings dadurch entzerrt wird, dass der Trainer selbst eine Phobie hat und von dem nun „geheilten“ Spieler im späteren Verlauf mit einer ebenfalls eher plumpen Lüge in eine für den Trainer angstauslösende Situation  – den Aufenthalt in einem Fahrstuhl – gelockt wird. Durch diese Rollenumkehr wird nicht nur der Retter*innen-Attitüde nicht-behinderter Menschen etwas entgegensetzt; die Szene deutet auch an, dass Expositionstherapie weder zwingend auf diese Weise noch für alle funktioniert. Außerdem ist sie wirklich lustig.

Es gäbe noch einiges mehr zu beiden Filmen zu sagen, mein Fazit bliebe davon jedoch unberührt: „Weil wir Champions sind“ ist ein schlechter Abklatsch eines bereits in vielerlei Hinsicht problematischen Originals. Der große Lichtblick für mich waren die behinderten Schauspieler*innen. Ich hoffe, sie alle wiederzusehen – in Filmen, in denen sie sehr viel mehr verkörpern dürfen als nur „das sinnstiftende Element“.

Worterklärungen:

ableistisch = Ausdruck von Ableismus

Ableismus = Fähig-ismus/Fähigkeit-ismus, grob: Die Idee, dass alle Menschen die gleichen idealtypischen Fähigkeiten haben (sollten) und die daraus folgende Abwertung von (vermeintlicher) „Unfähigkeit“ und Behinderung.

(able=englisch für “fähig”)

marginalisiert = sozial ausgegrenzt, unterdrückt

reproduzieren  = etwas wiederholen und dadurch dazu beitragen, dass es erhalten bleibt  (zum Beispiel menschenfeindliche Schimpfwörter)

Narrativ = Erzählung, Rahmengeschichte

Catchphase = sich mehrfach wiederholender Satz, der als „Markenzeichen“ dient

stereotyp = klischeehaft

eugenisch = Ziele/Gedanken im Zusammenhang mit Eugenik.

Eugenik = Die Idee, dass der Gen-Pool der Menschheit verbessert werden kann und sollte.

paternalistisch = (aus einer Machtposition) bevormundend

Sanismus/Saneismus, san(e)istisch = Unterform von Ableismus. Die Höherbewertung von allem, was mit sogenanntem „gesundem Menschenverstand“ in Verbindung gebracht wird.
(sane= englisch für “geistig gesund”)

Infantilisierung = Verkindlichung

Disablismus = Behindertenfeindlichkeit

(ausführlicher: Diskriminierung, Unterdrückung oder Gewalt, die aus der ableistischen Idee resultieren, dass behinderte Menschen nicht-behinderten Menschen unterlegen seien.)

Attitüde = (innere) Haltung, Einstellung

Expositionstherapie = Methode der Verhaltenstherapie, nach der Menschen sich in therapeutischer Begleitung stufenweise den Situationen aussetzen, vor denen sie Angst haben.

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4 Antworten

  1. Vielen Dank für dieses sehr informativen und kritischen Kommentar. Ich merke immer wieder wie stark ich diese ableistische Denkweise selbst verinnerlicht habe und vieles früher überhaupt nicht gemerkt habe. Erst wenn man selbst oder Angehörige in diese Situation kommen, wird man auf vieles aufmerksam.
    Im Nachhinein wird mir jetzt auch klar, warum ich vor einigen Monaten so ein ungutes Gefühl in der S-Bahn hatte, als ich zwei jungen Menschen gegenübersaß, die gerade ein soziales Jahr in einer großen diakonischen Einrichtung für Behinderte absolviert hatten.
    Ich konnte ihr Gespräch nicht überhören, beide berichteten wie “inspirierend und bereichernd” ihre Arbeit gewesen sein, dass sie jetzt endlich wüssten was sie beruflich machen wollten. Sie wirkten fast so als hätten sie eine esoterische Erfahrung gemacht.

    1. Es freut mich sehr, dass du mit meiner Analyse etwas anfangen konntest!

      “Esoterische Erfahrung” trifft es echt gut – es scheint für manche Menschen ohne Behinderung wirklich so zu sein als wären behinderte Menschen so eine Art magische Wesen, die nur ab und zu mal auftauchen, um Menschen ohne Behinderung wieder “auf den rechten Weg” zurückzuführen.

      (Ich weiß nicht, ob du den Film gesehen hast, aber im deutschen Film entscheidet der nicht-behinderte Sohn des Protagonisten nach ein bisschen Interaktion mit den behinderten Spieler*innen auch, seine nicht sehr erfolgreiche Schauspiel-Karriere aufzugeben und stattdessen eine Ausbildung zum Heilerziehungspfleger zu machen. Er war allerdings meinem Eindruck nach immerhin so dargestellt als sei er weniger ableistisch als sein Vater.)

  2. Danke dir für den kritischen Beitrag. Ich habe das spanische Original nicht gesehen, nur den deutschen Film und den Großteil der dazugehörigen Doku. Die ganze Produktion wurde ja als die “inklusivste ganz Deutschlands” betitelt, was für mich wirklich problematisch ist. Film und Doku waren leider eine herbe Enttäuschung… Das einzig wirklich gute ist, dass der Film mit tollen Darsteller*innen besetzt war. Die ohne Behinderung waren bekannt, was ich jetzt erstmal sehr positiv für die Aufmerksamkeit des Themas finde, und die recht unerfahrenen Schauspieler*innen mit Behinderung waren echt toll – das sehe ich genauso wie der*die Autor*in. Gerade letztere haben glaube ich einen enormen Selbstbewusstseins-Schub bekommen (bestätigt sich in der Doku) – auch für andere Menschen mit Lernschwierigkeiten wird es toll sein, sich in vermeintlichen Hauptrollen zu sehen (Empowerment). Die Crew (Regisseur ist Vater einer Tochter mit Down Syndrom) hat es glaube ich echt gut gemeint – aber leider aber nicht gut gemacht.
    Was mich wirklich stört ist, dass man hier den Ball (ich komme mal mit der Sportbezeichnung, ging ja um Basketball) hat liegen lassen. Warum wird immer wieder die gleiche Geschichte vom Menschen ohne Behinderung erzählt, der durch Menschen mit Behinderung lernt, ein ‘besserer’ Mensch zu sein – einer, für den Leistung nicht mehr so erstrebenswert ist, weil gewinnen können Menschen mit Behinderung ja eh nicht? In der Doku (“Die Heldenreise” – natürlich…) wird immer wieder groß erwähnt, dass das die inklusivste Produktion Deutschlands ist. Und das macht mich dann echt traurig. Weil, wenn es in Deutschland schon reicht, dass man Menschen mit Behinderung auch eben diese spielen lässt und das dann Hauptrollen nennt (waren sie nicht, die Menschen mit Behinderung sind die Nebendarsteller*innen, werden aber so beschrieben als ob sie die eigentlichen Hauptdarsteller*innen wären, was ich echt betulich finde), dann sind wir echt noch nicht weit. Die Story selbst ist storksig, die Narration manchmal echt löchrig, aber im Fokus geht es darum, dass ein Menschen ohne Behinderung (gespielt von Wotan Wilke Möhring) als Co-Trainer seine Aggression nicht kontrollieren kann und besoffen Auto fährt, zu Sozialstunden verdonnert wird und dann das erste Mal mit Menschen mit Behinderung in Berührung kommt, das beschreibst du ja auch. DAS (also der fehlende Kontakt mit Menschen mit Behinderung in unserer Gesellschaft) ist traurig – wird aber im Film leider nicht thematisiert. Im Fokus wird seine Geschichte erzählt – und genau das hätte man in der “inklusivsten Filmproduktion Deutschlands” echt einfach mal wirklich anders machen können: Warum erzählt man nicht die Geschichte aus Sicht von Menschen mit Behinderung oder gibt dem zumindest etwas mehr Raum? Das wäre mal neu/er in der Primetime- die erzählte Story kennen wir doch schon, 100mal gesehen, die ist oll. Stattdessen werden Menschen mit Behinderung wieder als Inspirationsquelle missbraucht und auf ein Podest gestellt. In wenigen Sequenzen wird ein kurzer Abriss gemacht, darüber wie sie leben. Vielleicht 2-3 Minuten. Da hätte ich mir – genauso wie der*die Autor*in des Beitrags hier mehr gewünscht. Ansonsten erzählt man einfach eine Geschichte von einem Team aus Menschen mit Behinderung, die des Menschen ohne Behinderung verändert. Einfach nur, weil sie da sind und zum Training gehen, gefühlt. Die Heldenreise, die in der Doku angesprochen wird, ist keine – denn bei den Menschen mit Behinderung passiert nicht wirklich eine Entwicklung, die nicht vorher schon da gewesen wäre. Immer wieder wird versucht, sprachlich aufklärerisch zu sein (warum man kleinwüchsig und nicht “Zwerg” sagt und warum Sprache wichtig ist) – und an anderen Stellen werden einfach so nebenbei unreflektiert z.B. Frauen denunziert (“Nutte”, “Schlampe”), natürlich alles von Menschen mit Behinderung, damit man sich nicht angreifbar macht. Wie von dir beschrieben, war für mich auch die Szene sehr eindrücklich, in der ein Mensch mit Behinderung als es um das Thema Schwangerschaft geht, sinngemäß sagt: “Ich würde auch lieber ein normales Kind haben…” Ja, sorry, aber wie genau fühlt sich das an, wenn man sowas vor der Kamera sagen muss? Wer jetzt noch fragt, was Ableismus ist. Bitteschön, das. Davon ab spielt das Setting in einer nicht inklusiven Liga (gerade im Basketball im Übrigen wirklich unnötig, Rollstuhl-Basketball beispielsweise spielen Menschen mit und ohne Behinderung), die Busfahrten mit dem ÖPNV ist ein mega Fail – und werden im Film einfach so gelöst, dass man dann eine exklusiven Bus ranschafft (anstatt das Problem anzugehen und eine wirkliche Lösung der Teilhabe zu zeigen) und am Ende gewinnt die Mannschaft nicht mal das große Turnier, aber ist nicht schlimm, weil hej: Den Anspruch hat auch kein Menschen mit Behinderung. Die Doku danach feiert dann eine meiner Meinung nach ganz normale (vielleicht etwas länger als sonst, aber sonst jetzt nichts besonderes) Filmvorbereitung als eine einzigartige Film-WG (an der im Übrigen die Schauspieler*innen ohne Behinderung nicht teilnehmen). Abgesetzte O-Töne dürfen nur die Menschen ohne Behinderung, die an der Produktion beteiligt waren, geben und das Problem, dass die Produktion immer und immer wieder vor Herausforderungen stellt, sind die Behinderungen bzw. Menschen mit Behinderung – nicht die Menschen ohne Behinderung, die hätten eine Filmproduktion vielleicht hätten anders gehen müssen etc. Ich meine, das sind Laiendarsteller*innen – dass die nach Stunden in der Hitze auch mal keinen Bock mehr haben, ist auch klar. Aber die Ausraster liegen dann an den Menschen mit Behinderung… Den Menschen ohne Behinderung wird immer nur gedankt, dass sie das überhaupt möglich machen und sich herablassen dazu, Zeit mit Menschen mit Behinderung zu verbringen. Wirklich Held*innen. Naja, jetzt werde ich gemein. An der Produktion selbst sind bei der inklusivsten Filmproduktion Deutschlands im Übrigen scheinbar keine Menschen mit Behinderung beteiligt gewesen – und wie und ob die Schauspieler*innen bezahlt wurden, wird auch nicht thematisiert (also vielleicht noch in der letzten halben Stunde der Doku, aber ich denke eher nicht). Ach, was hätte man daraus machen können!

    1. Ich stimme dir komplett zu! Gerade das mit dem Bus hat mich auch echt richtig genervt und da wurde zudem einiges, was im Original vorkam, geändert oder weggelassen. Zum Beispiel wollte der Spieler im Originalfilm eigentlich seinen Mitspieler mit dem Kaugummi bewerfen – in der Neuauflage ist es ja so dargestellt, als würde er einfach so das Kaugummi auf den Busfahrer werfen. Im Originalfilm sagt die Mutter, die mit dem Kind weggeht, außerdem, dass sie den Puder für Drogen hält, was ihre heftige Reaktion zumindest ein bisschen nachvollziehbarer macht, denn sie denkt, der erwachsene Mensch habe ihrem Kind Drogen angeboten. In der deutschen Version wirkt es, als würde sie einfach nicht wollen, dass ihr Kind mit einem behinderten Menschen spricht/interagiert.
      Außerdem fragt die Spielerin den Busfahrer im Original “Hast du eine Freundin oder hast du noch nie eine hinters Licht geführt?” und nicht, wie in der Neuauflage, ob er importiert bzw. impotent sei. Es ist fast so als wollten sie die sexistisch-rassistisch-(dis)ableistische Reaktion des Busfahrers im deutschen Film etwas “abmildern”.
      So oder so wäre es auch aus meiner Sicht Job des Trainers gewesen, den Busfahrer für sein Verhalten wenigstens zu melden.

      Die Doku habe ich mir gar nicht erst ganz angesehen, weil schon zu Beginn irgendeine Formulierung mit „besonders“ und eben das von dir angesprochene „inklusivste Produktion Deutschlands“ fiel.
 Sogar die Doku zum Film ist übrigens ein Remake. Zur Entstehung des Originals gibt es auch 1 1/2-stündige namens „Ni distintos, ni diferentes: Campeones“. Die habe ich aber auch nicht angesehen.

      Es gibt einige Dinge, die ich im Original wirklich gut gemacht fand. Ich weiß nicht, ob du auf Twitter oder Instagram bist und eventuell bei mir mitliest – da hatte ich noch mehr dazu geschrieben – aber für den Fall, dass es nicht so ist, kopiere ich hier nochmal rein, wo ich Potenzial gesehen habe (und für mögliche Mitlesende, die den deutschen Film nicht gesehen haben, lasse ich die Beschreibungen der Szenen im deutschen Film auch drin):



      Im Originalfilm wird der Lernprozess des Trainers in Bezug auf seine Wortwahl sichtbar gemacht, nachdem er anfangs ein (dis-) ableistisches Schimpfwort verwendet hatte.
      Er erklärt seiner Mutter in dem Rahmen auch, dass ein schwulenfeindliches Schimpfwort nicht in Ordnung ist.
      (Im deutschen Film haben sie ihn stattdessen einen “Nichts darf man mehr sagen”-Rant bringen lassen.)

      Ein Spieler hat eine Freundin – eine Sexarbeiterin, wie schnell klargestellt wird (was ich nur so mittelgut fand, weil die Art, wie es angebracht wurde, die Beziehung entwertet und impliziert hat, dass er nur Sex hat, weil er dafür bezahlt. Besonders im deutschen Film).
      Als der Trainer sagt, dass der Spieler seine Freundin mal einen Moment lang vergessen solle – er könne später mit ihr spielen, antwortet der: „Ich spiele nicht mit ihr, wir ficken zusammen!”
      Das war eine der Szenen, in denen die Darstellung ableistischer Zuschreibungen und Verhaltensweisen und die (implizite) Kritik daran ganz gelungen fand.

      Beide Filme beginnen damit, dass der Trainer von einem zukünftigen Spieler (die beiden kennen sich zu dem Zeitpunkt noch nicht) darauf hingewiesen wird, dass er falsch geparkt hat. Er reagiert abschätzig und ableistisch, sagt so was wie:
      „Du bist ja ein ganz Schlauer!” Im Originalfilm tätschelt er ihm dann noch herablassend und übergriffig die Wange.
      Später gibt es eine Szene, in der der Spieler zu ihm sagt: “Manche denken, ich bin dumm, aber die kennen mich gar nicht.”
      Im Originalfilm tätschelt er dem Trainer dabei auch die Wange, kneift kurz hinein, schaut den Trainer nochmal an und geht dann.
      Der Trainer schluckt und bleibt einen Moment lang betreten in der leeren Halle stehen.
      Das fand ich auch ganz gut dargestellt- zumindest hatte ich beim Zuschauen wirklich den Eindruck, dass ihm gerade klar wird, wie unangemessen, übergriffig und ableistisch sein Verhalten eigentlich war.

      In der deutschen Version wird die Szene zwar auch wiederholt, aber da klopfen sie einander nur auf die Schulter, das Timing ist ganz anders und danach sagt der Spieler “Nochmal danke, Trainer”, daher hat sie leider eine völlig andere Wirkung.
      (“Danke”, weil die Unterhaltung stattfindet, nachdem der Trainer dem Spieler die Schuhe richtig angezogen hat.)

      Im Original gibt es außerdem eine sehr emotionale Abschiedsszene, in der zwar auch ein nicht so cooler Austausch stattfindet (“Du warst zu uns wie zu Menschen”- “Weil ihr welche seid.”-D’ohl), aber:
      Als der Trainer sagt: “Ihr wart gut zu mir. Ist euer Verdienst, Jungs.”, antwortet ein Spieler: “Dafür, dass wir nicht richtig viel Zeit hatten, dich in die Spur zu bringen – ja, also dafür sind wir zufrieden.”
      Durch die Positionierung der Spieler*innen als charakterformende Subjekte wird inspirausbeutender Objektifizierung zumindest ein bisschen (!) was entgegengesetzt.

      Auch die Aufzug-Szene mit dem Trainer im Original finde ich, wie oben geschrieben, wirklich gut und unglaublich lustig.
      (Im Rahmen der zuvor stattgefundenen Handlung – generell hätte ich es natürlich besser gefunden, wenn beide Filme ohne irgendwelche angeblichen Spontanheilungen und sonstige sanistische Tropes ausgekommen wären.)

      Trotz diverser problematischer Aspekte hat das Original für mich an vielen Stellen einen gewissen Charme und man HÄTTE daraus bestimmt einen richtig guten Film machen können.
      Haben die Leute bei Constantin Film halt leider nicht.

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