Straßenmusik im Rollstuhl – Ein Erfahrungsbericht

Das Logo von die neue Norm auf gelbem Grund. Rechts davon steht: Die Neue Kolumne. Unten steht: Von Leon Amelung.
Lesezeit ca. 3 Minuten

Die folgenden Ereignisse fanden vor der Coronapandemie statt.

Ich lernte auf einer Musiksession in Hannover einen Mundharmonikaspieler in meinem Alter kennen. Eine Woche später fing ich mein Studium an und traf ihn zufällig in meiner ersten Vorlesung wieder. Wir trafen uns von dort an regelmäßig und traten weiter zusammen auf Sessions auf. Irgendwann beschlossen wir beide, Straßenmusik in der Innenstadt zu machen, um damit ein bisschen Geld zu verdienen.

In jeder Stadt gibt es unterschiedliche Regeln für Straßenmusiker*innen. In Hannover zum Beispiel darf man nur mit etwas Entfernung zu Cafés spielen, man muss nach einer halben Stunde seinen Standort wechseln und man darf keine Verstärker benutzen. Das war für mich in Ordnung. Ich wollte sowieso nur meine Akustikgitarre in die Stadt mitnehmen. Ein Verstärker lässt sich mit einem Rollstuhl schlecht transportieren. Ich war gespannt, wie die Leute auf uns reagieren würden – vor allem auf mich. Ich rechnete mit verwunderten Blicken und komischen Reaktionen unserer Zuhörer*innen.

Wir legten los und spielten, worauf wir gerade Lust hatten. Unsere Setlist bestand aus vielen Blues-, Rock-, und Popsongs. Manchmal spielten wir auch ein bisschen Jazz oder Flamenco. Die meisten Menschen gingen an uns vorbei, ohne uns zu beachten. Ein paar Leute warfen im Vorbeigehen ein paar Münzen in eine Metalldose, die ich mitgebracht hatte. Andere blieben stehen und hörten einen Augenblick zu. 

Genervt haben mich diejenigen, die ein Gespräch mit uns anfangen wollten. Man stellte mir wirklich komische Fragen, wie zum Beispiel: „Sind Sie gelähmt?“ und „Wovon leben Sie eigentlich?“ Ich hatte keine Lust diese Fragen zu beantworten. 

Als ich einmal allein in der Stadt Musik machte, kamen zwei Typen in meinem Alter auf mich zu. Der eine steckte mir eine Toastscheibe in die Metalldose und grölte einen Song mit. Es war der missglückte Versuch, vor seinem Kumpel witzig zu sein. 

Abgesehen von solchen Situationen hat mit das Musizieren auf der Straße Spaß gemacht. Mein Kumpel nannte das Straßenmusik machen bezahltes Üben. Ich finde diese Formulierung sehr passend. An manchen Tagen wurden wir ziemlich gut bezahlt. Der Rekord lag bei 28 Euro, die wir innerhalb von einer halben Stunde verdient hatten. Das Schwierige beim Straßenmusik machen ist, herauszufinden, für welche Songs und welches Genre man Geld bekommt. Ich habe einmal nur das Intro von Pretty Woman von Roy Orbinson angespielt. Eine Frau schloss gerade in der Nähe ihr Fahrrad an. Sie drehte sich um und gab uns zwei Euro dafür. Man muss ein Gespür für Songs entwickeln, die von den meisten Leuten gerne gehört werden und auf sich aufmerksam machen, ohne die Leute zu stören. Wir achteten immer sehr darauf, die Regeln einzuhalten. Das Letzte, was wir wollten, war eine Anzeige wegen Ruhestörung.

Irgendwann hat die Stadt beschlossen, die Regeln für Straßenmusik zu ändern. Nun konnte man sich nicht mehr frei in der Stadt bewegen, sondern den Musiker*innen wurden feste Plätze zugewiesen. Diese Plätze wurden sogar von Mitarbeiter*innen der Stadt kontrolliert. Wir entschlossen uns dazu, dass Musikmachen auf der Straße aufzugeben und nur noch auf Sessions aufzutreten. Aber es war eine interessante Erfahrung für uns und bestimmt auch für unsere Zuhörer*innen. Ich vermute, dass viele von ihnen zum ersten Mal einen Straßenmusiker im Rollstuhl gesehen haben. 

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2 Antworten

  1. Wie unterschiedlich die Leute auf Musiker mit Rollstuhl reagieren. Ich musste mich als Orchestermitglied ( Klarinette) daran gewöhnen. Viele starrten nur, als sie mich sahen. Bei einer Aufführung zu Lehrzwecken unterhielten sich vor allem die Kinder. Sie wollten mein Instrument sehen und warum die Musiker so sitzen usw.
    Herr Amelung, wir werden weiterhin Musik machen. Ich lern grad Swing und Jazz ( Anfänger). Welches Instrument spielen Sie?

  2. Ja ich kann mir vorstellen, dass da einige Menschen zuerst auf den Rollstuhl schauen. Aber die Frage : “Wovon leben Sie eigentlich” finde ich schon diskriminierend, die würden sie ja auch nicht einem Menschen stellen, der nicht im Rollstuhl sitzt. Wir haben hier in Obertshausen einen Lehrer an der Musikschule, der eine Band mit Menschen, die eine Behinderung haben, gegründet hat, die regelmäßig auftritt und auch schon bei internationalen Wettbewerben einen Preis gewonnen hat. Schade, dass Sie nun nicht mehr auftreten , ich wünsche Ihnen für Ihr weiteres Leben alles Gute.

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