Sei ein Trüffelschwein!

Das Logo von Die Neue Norm auf türkiesem Grund. Rechts davon steht: Die Neue Kolumne. Unten steht: Von Katrin Bittl.
Lesezeit ca. 3 Minuten

In einer meiner künstlerischen Arbeiten habe ich neulich begonnen meinen Körper als Pflanze zu betrachten. Als ich eines Nachmittags in meinem Atelier saß und über meinen Gummibaum nachdachte, entdeckte ich spontan seine Abhängigkeit von mir. Er ist auf meine Hilfe angewiesen, wie ich von der Hilfe meiner Assistentinnen. Ohne sie würde ich gnadenlos verdorren! Der Gedanke, selbst eine Pflanze zu sein, befreite mich ganz plötzlich von meinen defizitären Gedanken mir selbst gegenüber. Als Pflanze fühlte ich mich auf einmal neutral, als Teil der Natur und meine Behinderung wurde unsichtbar. In den Vordergrund trat meine Existenzberechtigung. Aber ist das nicht blanker Ableismus? Die Behinderung einfach wegzaubern zu wollen? Immer wenn ich davon spreche, dass meine Behinderung unsichtbar würde oder ich das Wort ‚Behinderte‘ von mir abstreife, meine ich das ganz und gar nicht ableistisch. Vielmehr träume ich von der Zukunft, von einer Utopie und sehe dies als meine Aufgabe als Künstlerin.

Aber Achtung – Ableismus ist trotzdem tückisch! Denn immer öfter erwische ich mich dabei, ein waschechter Ableist zu sein. Das ist nicht nur schlecht für andere, sondern auch besonders schlecht für mich selbst. Ableismus kommt subtil daher. Sich selbst dabei zu entlarven, dauert einen Moment und man muss mit der Nase direkt hinein gedrückt werden, wie ein junger Hund, der ständig in die Wohnung pinkelt. Unangenehm! Wie kann ich von Menschen in meinem Umfeld verlangen angemessen betrachtet und behandelt zu werden, wenn ich oft selbst erst noch auf die Spur kommen muss?

Beim Thema Ableismus behandle ich mich nämlich meist ganz besonders schlecht, immer dann, wenn es um meinen Leistungsanspruch an mich selbst geht. Wenn andere Dieses oder Jenes können, dann leg’ ich noch eine Schippe drauf, um mitzuhalten. Ich mache meine Teilnahme oder Leistung in einer Sache von meinem Willen abhängig und nicht von dem, was mein Körper reell leisten kann. Meine Grenzen sind also aus meiner Sicht dehnbar und so gehe ich oft über meine Limits und riskiere fatale Schäden an meiner Psyche und an meinem Körper. Immer wieder zweifle ich an meiner Entscheidung: „Warum bin ich bloß Künstlerin geworden? Hätte ich bloß damals mein Sozialarbeitsstudium fertig gemacht, dann hätte ich wenigstens mein Köpfchen genutzt, um eine Arbeit zu finden!“. Ich ergieße alle existierenden Stereotype über Behinderung über mich selbst und lasse mich von ihnen auffressen. Denn auch aus den eigenen Reihen habe ich oft gehört, dass man jedes Fünkchen Potential nutzen sollte, um auf irgendeine geartete Weise eine Arbeit zu finden. Und sei es noch so anstrengend, sich den Wunsch vom Job zu erfüllen – egal, irgendwas wird schon gehen – so muss man eben alles geben, um dieses Ziel zu erreichen. Und weiter habe ich mir sagen lassen, die letzte Generation Behinderter hätte so hart dafür gekämpft, als „normal“ betrachtet zu werden. Damit wir endlich behandelt werden, wie jeder andere auch!

Aber wollen wir das überhaupt? Wie können wir wie nichtbehinderte Menschen behandelt werden wollen, wenn wir nicht die gleichen körperlichen Voraussetzungen erfüllen? Wenn wir über unsere Grenzen hinweg trampeln müssen, um uns einzureihen in den Leistungswahnsinn? Es geht in letzter Konsequenz ja nicht nur darum, das gleiche Leben zu führen, wie jeder andere ohne Behinderung. Nein, es geht auch darum, dass ich mir bestimmte Rechte erarbeiten muss, um uneingeschränkt meinen Lebensentwurf zu verwirklichen! Also rudere und rudere ich, um abzuliefern. Ich schaufle und schaufle, um in diesem Treibsand irgendeine Möglichkeit zu finden, Geld zu verdienen, obwohl mein Körper längst schreit: „Ey, Stopp mal! Du gräbst nicht an deiner Zukunft! Nein, du gräbst Dir selbst Dein Grab!“. Ich merke, mir geht so langsam der Saft aus. Der Ableismus steckt mir tief in den Knochen und um auf seine Fährte zu kommen, da muss man manchmal geradezu ein Trüffelschwein sein – und das kann man glücklicherweise lernen.

– Danke Tanja Kollodzieyski für die Inspiration und Dein sehr gelungenes Buch zum Thema Ableismus!

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