Nicht deine Inspiration

Das Logo von Die Neue Norm auf orangem Grund. Rechts davon steht: Die Neue Kolumne. Unten steht: Von Luisa L’Audace.
Lesezeit ca. 2 Minuten

Es gab eine Zeit, in der ich mich jedes Mal freute, wenn es zu dem seltenen Ereignis kam, dass Menschen mit Behinderung im Fernsehen zu sehen waren. Dann drehte ich die Lautstärke auf, legte alles weg, womit ich nebenbei beschäftigt war und wartete gespannt auf das Thema des Berichts. Jedoch dauerte es dann meistens nicht lange bis Aussagen wie „Das ist so inspirierend!“ und „Sie tut das trotz ihrer Beeinträchtigung.“ aus den Boxen meines Fernsehers schallten. Die Geschichte der gezeigten Person sei ja so „rührend“ und daran könne man mal wieder sehen, dass man alles schaffen könne, wenn man nur wollte.

Dieses Szenario wiederholt sich wieder und wieder und jedes Mal sitze ich vor dem Fernseher und hoffe auf eine gute Berichterstattung. Darauf, dass vielleicht nicht immer nur alles aus nicht-behinderter Sicht kommentiert wird. Darauf, dass keine dramatische Musik gespielt wird und nicht von “schwerem Schicksal” die Rede ist. Aber dies tritt nur allzu selten ein. Und irgendwann ist die Hoffnung einfach aufgebraucht und ich schalte weg.

Natürlich könnte man jetzt sagen: „Ist ja nur Fernsehen.“ Aber Fakt ist, dass diese Sendungen mehr Schaden anrichten, als vielen bewusst ist. Menschen sehen diese Sendungen und reproduzieren ihre Aussagen. Sie gewinnen den Eindruck, dass man das dann eben so macht, dass man eben genau so mit behinderten Menschen umgeht. Und noch mehr als das: Da behinderte Menschen hauptsächlich dann in den Medien vorkommen, wenn es auch tatsächlich um ihre Behinderung geht, vermittelt dies bei vielen Zuschauer*innen den Gedanken, dass die Diagnose einer sichtbar behinderten Person immer im Mittelpunkt steht und selbstverständlich erfragt werden darf. Als wäre es ihr Recht, zu erfahren, ob die Rollstuhlfahrerin im Supermarkt einen Unfall hatte oder ob der blinde Mann im Park schon immer blind war.

Wie oft sprechen mir absolut fremde Menschen ihre Bewunderung aus, obwohl ich sie noch nie zuvor gesehen habe. Dabei handelt es sich nicht um die Art von Bewunderung, die man gerne entgegengebracht bekommt. Keine Bewunderung auf Augenhöhe oder aufgrund eines ehrlichen Verdienstes. Dabei tun sie so, als würden sie mich ganz genau kennen. Wir Menschen mit besonderen Bedürfnissen *würg* seien ja so stark und etwas ganz Besonderes. Wir würden ja auch zeigen, dass es einen viel härter treffen könne. Und überhaupt sei es ja auch wirklich sehr mutig, sich so zu zeigen.

Dabei projizieren sie ihre eigenen, von sich selbst auserkorenen Makel und Probleme auf unsere Behinderung, ohne auch nur einen Moment zu hinterfragen, ob dieser Vergleich wirklich angebracht ist und ob eine Behinderung denn auch für uns ein Problem oder gar einen Makel darstellt.

Überhaupt seien wir ja sehr inspirierend und man könne noch so viel von uns lernen. – Und bei diesem letzten Punkt stimme ich ausnahmsweise zu.

Also, liebe nicht behinderte Menschen, hier kommt eure Lektion: Behinderte Menschen existieren nicht zu eurer Inspiration.

Frauen spielen Rollstuhlbasketball. Eine liegt am Boden im Rollstuhl und verzieht schmerzhaft das Gesicht.

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drei Menschen sitze um mikrofone herum

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