Mensch mit Behinderung, behinderter Mensch oder was?

Das Logo von Die Neue Norm auf blauem Grund. Rechts davon steht: Die Neue Kolumne. Unten steht: Von Katja Lüke.
Lesezeit ca. 3 Minuten

Kennt ihr den Cartoon von Phil Hubbe, in dem ein stehender vermutlich nichtbehinderter Mann einen Mann im Rollstuhl und eine Frau mit dunkler Brille und einem Pin mit dem „Blindenzeichen“ fragt: „Behinderte oder Menschen mit Behinderung… wie nennt ihr euch denn selber?“ Die Antworten sind „Rainer“ und „ich bin die Sabine“. Ja, wenn es so einfach wäre. Natürlich bin ich Katja. Manchmal benennt das aber nicht genug und wenn wir schon beim Benennen sind, hätte ich es gern zutreffend. 
Bin ich ein Mensch mit Behinderungen? Frau mit Behinderung(en) oder eine behinderte Frau? Alles bedeutet für mich etwas anderes und jede Bezeichnung hat ihren Wert für mich. 

Meistens benutze ich in meinem beruflichen Umfeld die Bezeichnung (für mich selbst und andere) Mensch(en) mit Behinderungen, bzw. gerade beruflich spreche ich oft von Sportler*innen mit Behinderungen. In erster Linie geht es um die Menschen bzw. die Sportler*innen, die neben ihrer Leidenschaft für den Sport, ihrer Fairness, ihrem Leistungswillen eben auch das Merkmal Behinderungen haben. 
Für mich persönlich ist der Aspekt „Frau“ oft auch wichtig. Mit der Bezeichnung „Menschen“ sind wir so oft geschlechtslos, wie auch die übliche Toilettenbeschilderung in Damen, Herren und Menschen mit Behinderungen bzw. das Symbol des Menschen im Rollstuhl zeigt. So ist es mir als Frau mit Behinderung ein Bedürfnis zu zeigen, dass wir keine Neutren sind.  
Dabei nutze ich „Frau mit Behinderung“, wenn ich möchte, dass meine Behinderung als eines von vielen meiner Merkmale wahrgenommen wird. Ich bin eine Frau mit Fähigkeiten, Humor, Wissensdurst und auch (!) einer Behinderung. 

Die Bezeichnung „behinderte Frau“ nutze ich vor allem dann, wenn ich aufzeigen möchte, dass ich behindert werde. Die Gesellschaft und mangelnde Barrierefreiheit macht uns oft zu behinderten Menschen im Sinne von „Ich bin nicht behindert, ich werde behindert“. Wenn es um die Versorgung mit barrierefreien gynäkologischen Praxen geht oder der Frage vieler, ob ich wohl Kinder bekommen kann, bin ich eindeutig eine behinderte Frau. Ich werde als Frau behindert. Wenn es darum geht, an welchem Bahnhof man ein- bzw. aussteigen kann, sind wir eindeutig oft behinderte Menschen. Die Begebenheiten behindern in der Mobilität. 
Ich weiß, dass die Mehrheitsgesellschaft solche feinen Unterschiede in der Sprache wahrscheinlich nicht wahrnimmt. Um so wichtiger finde ich, dass wir „von Behinderungen Betroffenen“ sensibel mit den Ausdrücken umgehen. 
Viele Menschen möchten gar nicht mit dem Wort Behinderung bezeichnet werden, sondern bevorzugen z.B. Beeinträchtigung. Das soll natürlich jede*r für sich entscheiden. Für mich z.B. sind betrunkene Menschen beeinträchtigt. Betrunkene Menschen können sich oft nicht mehr gut artikulieren, dürfen nicht mehr am Straßenverkehr teilnehmen und einiges andere. So bin ich manchmal auch beeinträchtigt, das liegt dann aber am Alkohol und nicht an meiner Behinderung. 

Für mich stellt das Wort Behinderung keine Diskriminierung dar. Nennt mich behindert, als ein Merkmal von vielen. Es ist eine Tatsache und mit einigen Diagnosen hinterlegt. Dass es auch als Beschimpfung und negative Bezeichnung verwendet wird, ertrage ich – wenn auch nicht gern. Ich mag mich und ich bin eben auch behindert. Ich wünsche mir: Alle sollten lieber darauf hinwirken, dass das Wort „Behinderung/behindert“ nicht diskriminierend und/oder als Schimpfwort verwendet wird, als ständig andere Bezeichnungen für den gleichen Zustand zu suchen. Die Begriffe Mensch mit Beeinträchtigung, gehandicapt (siehe dazu leidmedien.de) oder besonderer Unterstützungsbedarf sind vermeintlich keine Diskriminierungen, beschreibt es aber auch nicht besser. 

Die Wahl, wie man sich selbst vorstellt oder bezeichnet – behinderte Frau, Frau mit Behinderung, Mensch mit Beeinträchtigung oder Katja – trifft jede*r für sich selbst. Schön ist nur, wenn man weiß warum und noch etwas Auswahl hat.

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Eine Antwort

  1. Vielen Dank liebe Katja, für Deine wertvollen und eloquenten Denkanstöße. Du bereicherst mich und meine Arbeit in vielfältiger Sicht. Danke dafür und schön dass es Dich gibt.

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