Behinderungen: Ich passe in keine Schublade

Das schwarz-weiße Logo von Die Neue Norm. Daneben steht "Die Neue Kolumne". Unten steht: von Franz-Josef Henke.
Lesezeit ca. 2 Minuten

Ich bin 1,89 Meter groß und gute zwei Zentner schwer. Ich passe in keine Schublade.

Menschen denken sehr oft in Schubladen. Das erleichtert ihr Leben ungemein. Das Leben der Anderen erschwert es mitunter jedoch.

Alle, denen ich begegne, erkennen sofort: Dieser Mann ist blind. Dass ich nicht viel sehe, kann jeder gleich sehen.

„Blinde haben das absolute Gehör.“ Dieser irrigen Vorstellungen begegne ich oft. Allerdings ist die meistverbreitete Erblindungsursache bei jungen Männern neist auch mit einer Einschränkung des Gehörs in besonders schweren Fällen bis hin zur Taubblindheit verbunden.

 Mein Hörvermögen ist leicht eingeschränkt. Wenn von vielen Seiten unterschiedliche Geräusche auf mich einstürmen, verstehe ich fast nichts. Im Alltag merke ich diese leichte Hörbehinderung jedoch kaum.

 Meine Gehbehinderung kann man auch nicht sofort sehen. Die Schiene am linken Bein trage ich meist unter der Hose. Aber beim Treppensteigen muss ich sehr vorsichtig sein.

Am meisten bedrückt mich meine vierte Behinderung. Während der Nazi-Diktatur wurden Tausende deswegen als angeblich „lebensunwertes Leben“ ermordet. Noch heute ist Epilepsie ein Stigma, weshalb viele Betroffene sie lieber verschweigen.

All diese Behinderungen sind für mich ganz normal. Sie gehören zu mir wie die undefinierbare Farbe meiner Augen, der Klang meiner Stimme oder meine rheinische Frohnatur. Meine Lebensfreude schmälern sie allenfalls, wenn jemand mich wegen einer meiner Behinderungen in meiner Entfaltung behindert.

Menschen denken sehr oft in Schubladen. Sie sehen meinen weißen Stock und erwarten von mir das absolute Gehör. Alles, was andere Blinde können, muss ich genauso machen wie sie.

Mir passen keine Schubladen, in die man Menschen wegsteckt. Das Leben ist sehr viel vielgestaltiger als die Vorstellungen, die Menschen sich davon oft machen. Insbesondere Behörden verwalten Menschen mitunter mit Hilfe von Schubladen, anstatt die Einzelnen in ihrer individuellen Persönlichkeit zu respektieren.

Wer eine Komode kennt, glaubt alle Komoden zu kennen. Jeder Schublade ordnet er einen bestimmten Inhalt zu. Dabei ist aber vielleicht ganz hinten in der untersten Schublade ein wunderschönes Schmuckstück verborgen.

Ich wünsche den Bürokraten einen neuen Schreibtisch: Wer eine diskriminierende Schublade öffnet, verschwindet sofort selber darin. Heraus kommt nur, wer sich mit aller Kraft gegen alle Schubladen stemmt.

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