„Regenbögen sind zum Klettern für alle Menschen“

Das Logo von die neue Norm auf mintfarbenen Grund. Rechts davon steht: Die Neue Kolumne. Unten steht: Von Lisa Kirsch.
Lesezeit ca. 3 Minuten

Der Kletter- und Bouldersport kann auf vielfältige Art und Weise zur gesundheitlichen Prävention eingesetzt werden.
Die Bewältigung von anfangs scheinbar unüberwindbaren Hindernissen und Höhen, erfordert Konzentration, Fokus, Kreativität, Selbsteinschätzung/-wahrnehmung und Willen und zeigt Grenzen für Körper und Seele auf. Doch am Anfang war es für mich ein langer und steiniger Weg in die Hallen. Klettern, als Fortbewegungsmedium, gehört seit jeher zum Menschsein dazu. Die Erfahrungen, die Menschen beim Klettern/Bouldern machen, sind vielfältig, hilfreich und gesundheitsfördernd. Mein Weg zu dieser Erkenntnis war schmerzhaft und mit vielen Zweifeln verbunden und ich glaube, dass es vielen Leuten so geht, denn leider ist die Boulderhalle kein Ort der Vielfalt und Inklusion. Aufgrund meiner Erkrankungen wurde ich nach jedem Besuch gefühlt immer zwei Schritte zurückgeworfen. Nicht allein, dass mein Körper und meine Gesundheit mir ständig einen Strich durch die Rechnung machten, auch die herausfordernde Situation in der Halle war wirklich sehr unangenehm für mich. 

Wenn Du in Berlin in eine Boulderhalle gehst, sind die meisten Besuchenden dort weiße, sportliche Mittelschichtsmänner mit hohem Leistungsanspruch. Diversität ist in den Hallen – selbst in Berlin – leider kaum vorhanden. Es scheint eher als wäre es ein Mikrokosmos des Patriarchats, ein Abbild der gesellschaftlichen Machtstrukturen. Ich selbst fühlte mich in der Halle unwohl und war frustriert, wenn sich weiße Männer unachtsam vor mich drängelten, mir ungefragt Routen erklärten, mir meine Kenntnisse absprachen und mich an der Wand musterten. Als Soziologin und Mitarbeiterin eines Inklusionsunternehmens sowie freiberufliche Erlebnispädagogin mit Fokus auf machtkritische und reflektierende Bildungsarbeit machte ich mir so meine Gedanken: Wo ist die Inklusion? Wo ist die Vielfalt? Wo sind die ganzen Menschen? Doch trotz allem hat mich das Bouldern in seinen Bann gezogen und mich immer wieder zurück in die Halle gebracht. Selbst mein Asthma hielt mich nicht davon ab. Allerdings forderte es von mir, zu anderen, weniger besuchten Zeiten in die Halle zu gehen und je öfter ich am Morgen dort so gut wie alleine war, umso besser fühlte ich mich mit mir in der Halle. 

Ein wichtiger Wendepunkt war das Felsheldinnen Festival, das erste offizielle Kletter- und Boulderfestival. Einmal in einem geschützten Raum zu bouldern war ein unglaublich tolles Gefühl. Ich habe mich so wie ich bin unglaublich richtig gefühlt, gesehen, gehört, geschätzt. Das Event hat mir geholfen, meinen Platz zu erkennen und mir die Kraft gegeben, dran zu bleiben und mich nicht in die Ecke bzw. aus der Halle heraus drängen zu lassen. Bald ging ich regelmäßig 1-3-mal die Woche zum Bouldern. Ich lernte auf eine Art und Weise zu bouldern, die es mir erlaubt, mich abzugrenzen und meinen Körper und meine Bewegungen im Einklang mit meiner Gesundheit zu trainieren – und das fühlt sich unglaublich gut an! Denn beim Bouldern kann man mit Konzentration und Kreativität manchmal scheinbar Unerreichbares erreichen. Doch fürs Bouldern braucht es auch Geld, daher schließt es leider eine ganze Menge an Menschen aus. 

Diese beiden Probleme, die fehlende Vielfalt und die finanziellen Hürden, möchte ich mit dem Verein rainbowclimbing, der aktuell in der Gründungsphase ist, angehen.

Zweck des Vereins ist es, Orte und Hallen mitzugestalten und damit Solidarität, Offenheit, Toleranz, Achtsamkeit und Inklusion im Boulder-Sport zu fördern. Wir setzen uns unter anderem für mehr Barrierefreiheit in Boulder- und Kletterhallen ein und wollen inklusive, erlebnispädagogische und therapeutische Angebote in den Hallen schaffen. So möchten wir allen Menschen in einem harmonischen und offenen Miteinander ermöglichen, Selbstwirksamkeit und Gesundheitsförderung zu erfahren und sich sozial und kulturell zu entfalten. Wir möchten einen diskriminierungsfreien Verein mit flachen Strukturen gründen. Der gemeinnützige Verein steht für therapeutisches, erlebnispädagogisches und inklusives Bouldern/Klettern.

Ich habe ein unglaublich großes Privileg als weiße Frau. Ich möchte nicht weiter Teil diskriminierender Räume sein. Der Verein hat es sich zum Ziel gemacht, Diskriminierung abzubauen. Dafür ist es wichtig, Privilegien zu erkennen, die Bühne zu öffnen und uns mit unseren Positionen auseinander zu setzen. Nur so können wirklich Barrieren und Diskriminierungen abgebaut werden, um Räume inklusiv zu gestalten und nicht das System zu reproduzieren. Daher würden wir uns sehr über Interessierende unabhängig von Geschlecht, Alter, kultureller und sozialer Herkunft, Religion, sexueller Orientierung und Behinderung freuen. Meldet euch gerne unter rainbowclimbing.de

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7 Antworten

  1. Eine gute Kolumne über ein inklusives Sportangebot von denen es mehr geben sollte. In Hannover bietet das Zentrum für Hochschulsport inklusives klettern an. Ich brauchte Hilfe beim Klettern, weil ich im Rollstuhl sitze und meine Beine nicht so gut bewegen kann. Dabei wurde ich von jemandem unterstützt, der Erfahrung im Klettern hatte. Das hat gut funktioniert. Viel Erfolg mit deinem Verein.

    1. Kurze Korrektur meines Kommentars: Zur Zeit wird beim Zentrum für Hochschulsport kein inklusives Klettern angeboten, weil speziell ausgebildete Übungsleitende momentan fehlen. Ich bitte um Entschuldigung.

  2. Hallo Lisa,
    Danke für diesen sehr aufschlussreichen Artikel. Ich habe früher aktiv geklettert (sowohl Sportklettern als auch Alpinklettern. Nach mehreren Unfällen und Erkrankung mit bleibenden körperlichen Einschränkungen habe ich das klettern – leider -gesteckt. Deine Kolumne hat mir richtig Lust und Mut gemacht wieder anzufangen. Leider ist die Website von rainbowclimbing noch nicht online. Ich hätte Lust mich da zu engagieren…
    Ganz herzlichen Dank für deinen Artikel!

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