Alles ist anders, wenn mensch keine Maske tragen kann

Das Logo von die neue Norm auf mintfarbenen Grund. Rechts davon steht: Die Neue Kolumne. Unten steht: von Veronika Gräwe.
Lesezeit ca. 4 Minuten

Im Sommer konnte in den Berliner Clubs ohne Maske getanzt werden, während ich immer wieder von Geschäften abgewiesen werde, weil ich keine Maske tragen kann – trotz Attest.

Nicht hinein dürfen, plötzlich raus sein – eine Erfahrung, die ich seit Mai 2020 regelmäßig mache, egal ob Secondhand-Laden, Supermarkt, Apotheke oder Arztpraxis. Ob ich etwas zu Essen habe, an Medikamente komme oder Zugang zu medizinischer Versorgung habe, ist plötzlich abhängig vom Wohlwollen und der Unterstützung anderer. Plötzlich benötigen vermeintliche Alltäglichkeiten mehr zeitliche, finanzielle und soziale Ressourcen. Plötzlich bin ich eine Projektionsfläche für die Aggressionen anderer Kund*innen oder Fahrgäste. Während über Datenschutz bei der elektronischen Patientenakte diskutiert wird, halte ich Mitarbeiter*innen im Einzelhandel meine Daten hin: Wie ich heiße, wann ich geboren bin, wo ich in Behandlung bin und zu Beginn der Pandemie auch noch welche Diagnose ich habe.

Meine Erfahrungen sind dabei kein krasser Einzelfall. Anna Heidrich, Mitarbeiterin der Antidiskriminierungsberatung Alter, Behinderung, Chronische Erkrankung, einem Projekt der Landesvereinigung Selbsthilfe Berlin, e.V. schätzt, dass ca. 70 Prozent der Fälle, die sie bearbeitet sogenannte „Maskenfälle“ sind. Im Einzelhandel und im Gesundheitswesen gäbe es viele Meldungen. “Wenn dann teilweise Krankenhäuser Patient*innen ablehnen, ist das schon heftig.“ Dabei weist Heidrich auf strukturelle Probleme hin: „Wir machen leider nach wie vor die Erfahrung, dass allen, die sich dagegen engagieren, so ein bisschen die Hände gebunden sind, weil es eben von der Politik keine verbindlichen Empfehlungen gibt oder überhaupt mehr Öffentlichkeit für dieses Thema.“ Menschen mit Behinderung oder chronischer Erkrankung, die keine Maske tragen können, sind auch nach fast zwei Jahren Pandemie in der öffentlichen Wahrnehmung weitestgehend unsichtbar. 

Hinweistafeln in der U-Bahn und Medienberichte kennen scheinbar nur Maskenmuffel und Coronaleugner*innen mit gefälschten Attesten. Mit dem fehlenden öffentlichen Bewusstsein geht auch ein geringes Verständnis für Menschen einher, die keine Maske tragen können, beispielsweise im öffentlichen Personennahverkehr. Bei den Verkehrsunternehmen beobachtet Heidrich: „Die machen in ihrer Öffentlichkeitsarbeit auch nicht so sehr deutlich, dass es eben auch Ausnahmen gibt und die zu respektieren sind.“ Auch die Deutsche Vereinigung für Rehabilitation fordert allgemein angesichts der „massiven  Diskriminierung  in  der  Öffentlichkeit“ dazu auf „[f]ür die notwendige Akzeptanz solcher Ausnahmeregelungen“ zu sorgen (PDF, S.44).

Was mir ebenfalls immer wieder begegnet, ist die Logik, dass Menschen, die keine Maske tragen, kein Interesse daran haben, sich oder andere vor Corona zu schützen. Mal setzt mein Gegenüber seine Maske einfach ab, als wäre ich seine Fellow-Coronaleugnerin. Mal kommt eine andere Person in der U-Bahn mir extra bis auf wenige Zentimeter nahe, um mich dafür zu beschimpfen, dass ich keine Maske trage. Besonders gut drückt sich diese Logik in dem Satz aus: „Und geimpft sind Sie auch nicht?“ Bestimmt gibt es Menschen, die sich aus gesundheitlichen Gründen weder impfen lassen noch eine Maske tragen können. Die pauschale Annahme, ich würde auf eine Impfung verzichten, gerade wenn ich keine Chance habe, mich durch eine Maske zu schützen, erschließt sich mir aber nur in einer Welt, in der Menschen ohne Maske einfach pauschal als Coronaleugner*innen abgestempelt werden.

Dabei sind die Gründe, warum Menschen keine Maske tragen können, vielfältig und nicht unbedingt sichtbar. Laut der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung Sexuellen Kindesmissbrauchs wirkt bei 36,8% der Überlebenden von sexualisierter Gewalt in der Kindheit das Tragen einer Maske als triggernd. Für manche ist das Tragen einer Maske nicht möglich, für gehörlose Menschen wird es auch schwierig, wenn ihr Gegenüber eine Maske trägt. Auch Pauschallösungen wie stattdessen ein Visier zu tragen, verkennen, dass Menschen und Beeinträchtigungen vielfältig sind und es eben nicht die eine gute Alternative für alle gibt. Interessant ist, dass Kinder unter sechs Jahren teilweise im Einzelhandel von der Maskenpflicht befreit werden, diejenigen aber, die keine Maske tragen können, nicht als Ausnahme aufgeführt werden.

Dass es auch anders geht, zeigen mir Geschäfte, die mich einkaufen lassen, Ärzt*innen, die mich behandeln oder der Mitarbeiter einer Apotheke, der mich hinein bittet. Dass es auch anders geht, zeigt mir die Mitarbeiterin des Restaurants, die mir im zweiten Lockdown meine Take-Away Bestellung vor die Tür bringt und mir zuvor am Telefon versichert, bei der Essens-Übergabe auf jeden Fall eine Maske zu tragen, um mich zu schützen; oder die Mitarbeiterin in der Kneipe, die anbietet für ihre Kolleg*innen aufzuschreiben, wie ich aussehe, damit ihre Kolleg*innen mich nicht jedes Mal ansprechen, wenn ich ohne Maske zur Toilette gehe; oder die Mitarbeiterin einer Kirchengemeinde, die extra für mich unter den Masken-Hinweis hinzufügen lässt, dass Menschen mit Attest ausgenommen sind.

Was aber helfen würde, wäre eine transparente Kommunikation. Warum schreibt ein Geschäft, dass Menschen mit Behinderung, die keine Maske tragen können, ausschließt, das nicht einfach auf seine Homepage? Warum gibt es keine Übersicht über Fachärzt*innen, die bereit sind MmB, die keine Maske tragen können, zu behandeln? Was mir außerdem helfen würde, wäre, Alternativen mitzudenken: Was spricht dagegen, dass mir der Späti mein Paket zur Tür bringt? Was spricht dagegen, bei Demonstrationen Bereiche zu benennen, wo ausreichend Platz für Abstand ist? Was spricht dagegen in Arztpraxen Optionen, wie draußen vor der Tür statt im Wartezimmer warten, oder Zeiten, wo die Praxis nicht so voll ist, anzubieten. 

Was mir helfen würde wäre, wenn mehr Menschen, die das Privileg haben, eine Maske tragen zu können und nicht damit rechnen müssen, aus dem Supermarkt geworfen zu werden, anfangen, Ableismus zu hinterfragen und Verhältnismäßigkeiten zu thematisieren.

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8 Antworten

  1. Vielen vielen Dank für den Artikel! Diese Erfahrungen teile ich, da ich Autismus bedingt keine Maske tragen kann. Ich weiß seit inzwischen mehr als 1,5 Jahren nie, ob ich beispielsweise dringend notwendige medizinische Hilfe überhaupt bekomme oder, ob man mich gar nicht erst reinlässt, ob man mich vielleicht beschimpfen wird (oder schlimmeres? Soll schon passiert sein), ob man mich aus Arztpraxen und Krankenhäusern dann doch rauswirft, auch wenn man mich zunächst reinlässt. mir bestimmte Untersuchungen oder Behandlungen verweigert. In Supermärkte gehe ich sowieso nicht mehr, darüber kann ich daher wenig sagen. Ich beschränke mich zu einem großen Teil auf medizinisch notwendige Dinge und das ist problematisch genug. Von kultureller Teilhabe will ich auch gar nicht erst anfangen. In Clubs gehe ich ohnehin nicht (Pandemie hin oder her) , aber da wäre ich eine Zeit lang wohl leichter reingekommen als in Arztpraxen oder Läden des täglichen Bedarfs.

  2. Ich bin von dem Bericht sehr erschüttert. Für mich kann ich nur sagen, dass zwischen nicht können und nicht wollen klare Unterschiede bestehen. Immer wieder bin ich erschrocken, dass es uns Menschen so schwer fällt genau hin zusehen um zu differenzieren. Auch ich ertappe mich dabei, aber hoffe, dass ich weiterhin offen bleibe für Unterschiede und andere Lebensweisen. Danke für diesen Beitrag!

  3. Ja wir müssen auf angebliche Normalität sensibel achten. und ja es gibt offensichtlich Menschen, die in Wirklichkeit tatsächlich aus medizinischen bzw. psychologischen Gründen keine Maske tragen können. Aber sorry ich verstehe dass viele da “undifferenziert” reagieren, weil die Mehrheit von denen die keine Maske tragen eben KEINE guten Gründe haben… und das mit Attest etc. als Ausrede benutzen. klar Geschäfte sollten zumindest ansatzweise differenzieren und die im Text genannten Alternativen explizit anbieten.
    und natürlich entschuldigt das nicht, einem der keine Maske trägt, auf die Pelle zurücken…

    1. “Aber sorry ich verstehe dass viele da “undifferenziert” reagieren, weil die Mehrheit von denen die keine Maske tragen eben KEINE guten Gründe haben…”
      Woher wissen Sie das?

      Aufklärung tut weiter not.https://blog.bastian-barucker.de/ihr-corona-spickzettel-30-fakten-die-sie-wissen-muessen/

      Was notwendig gebraucht wird ist der vertiefte Austausch ohne Abwertung.
      Brücken bauen will z.B. diese Initiative der Politologin Ulrike Guerot:
      https://www.praeventologe.de/hauptbeitraege-nicht-loeschen/1456-experten-fordern-aussoehnung-in-der-corona-debatte
      und sehr wertvoll auch diese Initiative:
      https://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/515205/Musik-in-Freiheit-Renommierte-Kuenstler-veroeffentlichen-Manifest-gegen-Corona-Einschraenkungen

      Wünsche Kraft und Zuversicht im Sinne eines gutes Lebens für alle.

  4. Danke für diesen Beitrag. Meine Tochter hat eine Behinderung und kann deshalb keinen MNS tragen. (Ich möchte die Gründe nicht weiter ausbreiten, um ihre Anonymität zu schützen.) Wir erhielten sehr früh, ca. im Mai 2020 eine Befreiung, die wir dann ungefähr zwei Monate einsetzen konnten. Danach gab es bereits so viele Maskengegner mit gefälschten Attesten, das wir unser Attest nicht mehr brauchen konnten, sie – selbst als Kind – abgewiesen wurde. Seither meidet sie im Prinzip alle Gelegenheiten, bei denen sie eine Maske tragen muss. Kein Einkaufen mit uns Eltern, keine Ausflüge in Museen oder ins Kino. Auch die Schule(n) verzogen das Gesicht, nahmen es aber schließlich widerwillig hin. Zu verdanken haben wir das Corona-Leugnern, die es nicht schaffen, Rücksicht auf Menschen zu nehmen, die sich nicht schützen können. Das macht mich wütend – und “interessanterweise” sind dies die Menschen, die heute von “gesellschaftlicher Spaltung” reden. Die, die selbst nichts für die Gesellschaft leisten.

  5. @Brigitte: Sie sagen: ” Zu verdanken haben wir das Corona-Leugnern, die es nicht schaffen, Rücksicht auf Menschen zu nehmen, die sich nicht schützen können. Das macht mich wütend – und “interessanterweise” sind dies die Menschen, die heute von “gesellschaftlicher Spaltung” reden. Die, die selbst nichts für die Gesellschaft leisten.”

    Vorsicht mit solchen pauschalen Behauptungen, die mit zur weiteren Spaltung der Gesellschaft beitragen.
    Emotionen sind o.k., gehören allerdings reflektiert , um diese nicht auf Andersdenkende zu projizieren.

    Als politisch denkender Mensch gilt es zu erkennen, dass Politik, und die sie unterstützende Medien, vom eigenen Versagen ablenken und entsprechende Sündenbücke dafür ausmachen. Wissen Sie wieviel Intensivbetten mit Beginn
    der sog. Pandemie abgebaut und wieviel Kliniken geschlossen wurden? Wer das mit zu verantworten hat ist der Angst- und Paniktreiber Karl Lauterbach, der bereits unter der Gesundheitsministerin Ulla Schmidt als Referent diesen
    Abbau mit eingeläutet hat und ihn weiter betreibt.

    Anstatt zur Beruhigung der Bevölkerung beizutragen, wird die Gesellschaft von solchen Paniktreibern tagtäglich
    in Angst und Schrecken gehalten. Wie sehr Politik im Verbund mit Big-Pharma & Co. lügen, dürfte doch auch Ihnen
    nicht verborgen geblieben sein?
    Und wenn Sie sich mit den zerstörerischen Mechanismen, einer vom Profit und Konkurrenz getriebenen Wirtschaft
    auseinander gesetzt haben, dürften Sie erkannt haben, dass es echte Solidarität im Kapitalismus nicht geben kann.

    Anstatt die Diffamierungen von PolitikerInnen und Medien zu wiederholen, bitte ich Sie sich kundig zu machen,
    was bedeutet der Vielfalt von Fachstimmen Raum zu geben, sprich eine plurale Wissenschaft zu Gehör zu bringen.

    https://tkp.at/2021/12/07/erschreckende-wissensluecken-bei-parlamentariern-ueber-corona-und-impfstoffe/

    https://tkp.at/2021/12/10/pfizer-dokumente-zeigen-schwere-risiken-von-impfstoff-nebenwirkungen-und-todesfaellen-sind-lange-bekannt/

    https://www.clemensheni.net/das-virologisch-begruendete-ende-der-impf-apartheid-bahnbrechende-studie-aus-den-usa-cdc-und-justizministerium-zeigt-geimpfte-sind-exakt-so-stark-und-so-lange-ansteckend-wie-ungeimpfte/

    https://alschner-klartext.de/2021/12/09/haltet-inne/#more-6548

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