Ich und Wir

Das Logo von Die Neue Norm auf gelblichem Grund. Rechts davon steht: Die Neue Kolumne. Unten steht: Von Davina Ellis.
Lesezeit ca. 3 Minuten

In der 5. Klasse hing in unserem Klassenraum ein Schild mit der Aufschrift: „Die Welt ist schlecht. Alle denken nur an sich, nur ich nicht, ich denk an mich“. Damals fand ich den Spruch schräg. Heutzutage verstehe ich die Doppeldeutigkeit. Alle denken egoistisch an sich selbst, oder aber altruistisch an sich als Gruppe. Das Ich ist einerseits anders als die anderen, weil es an sich selbst denkt, andererseits genau wie alle anderen, weil es eben nur an sich denkt.

Der Spruch erklärt viel über uns Menschen. Das, was uns selbst betrifft, verstehen und nehmen wir (mehr oder weniger) bewusst wahr. Alles andere nehmen wir oft gar nicht oder nur am Rande wahr. Ich wurde erzogen (vermeintlich) ‚Schwächere‘ zu schützen und auf sie Rücksicht zu nehmen. Das Prinzip lebe ich bis heute, nur meine Perspektive hat sich geändert. Die Realität einer Behinderung, der Pflegebedürftigkeit und des Rollstuhlfahrens sind für Nicht-Betroffene unvorstellbar, was leider oft ungewollt zu Diskriminierung, in diesem Fall ‚Ableismus‘ oder ‚Behindertenfeindlichkeit‘, führt. In die Falle bin ich früher oft reingetappt und auch heute schaffe ich das auf teils spektakuläre Art und Weise. Wie soll ein anderer Mensch auch verstehen, wie sich sowas anfühlt? Es ist nicht mangelnde Empathie, oder gar ‚Hass‘, die zu alltäglicher Diskriminierung (z.B. die aufdringlichen Fragen, das Anfassen meines Rollstuhls, die nervigen ‚lustigen‘ Sprüche, und, und, und…) führen. Es sind andere Erfahrungen und schlichtes Unwissen.

Als Jugendliche bin ich an die Decke gegangen, wenn jemand mich gefragt hat, wo ich WIRKLICH herkomme. Ich habe es als rassistisch und ausgrenzend empfunden. Heute ist das anders. Warum? Weil ich gelernt habe, dass jeder Mensch die Welt anhand der eigenen Erfahrungen navigiert. Wenn Mensch dann auf etwas ‚Fremdes‘ oder Unbekanntes trifft, will Mensch meist auch wissen, was es damit auf sich hat. Durch Fragen und Kennenlernen wird das Unbekannte weniger fremd und mehr vertraut. Wie oft machen oder sagen wir Dinge, ohne groß drüber nachzudenken? Natürlich sind solche Fragen nervig und können kränken. Nur versuche ich mir immer bewusst zu machen, dass die Person mir gegenüber genauso ein Mensch, mit allen Macken und Kanten, wie ich es bin, ist. Das ist natürlich leichter gesagt als getan, gerade wenn ich eh schon schlechte Laune habe. Wenn ich einen schlechten Tag habe, reagiere ich empfindlicher auf Dinge als sonst. Bevor ich einen Menschen als rassistisch, ableistisch oder sexistisch abstemple, versuche ich die Person als Ganzes zu sehen und zu verstehen. Das führt zu spannenden Dialogen, positiven Entwicklungen und sogar überraschenden Freundschaften.

Die Frau, die, als ich sie erst kennenlernte, häufig das ‚N-Wort‘ benutzt hat, ist acht Jahre nachdem ich sie kennengelernt habe, eine unverzichtbare Freundin, eine der kostbarsten Menschen in meinem ganzen Leben. Hätte ich sie damals abgestempelt, wäre das nie geschehen. Wir hatten durch gemeinsame Freunde regelmäßig Kontakt. Als ich dann krank wurde, hat sie mich fast wahnsinnig gemacht mit ihrer Fürsorge. Zugegebenermaßen, ich war ein großes Bündel aus Angst und Wut und alles hat mich schlichtweg abgefuckt! Dann kam diese Frau, die es ja nur ‘gut meinte’ (bei diesem Ausdruck drehen sich meine Augen um 360°) ständig an und trampelte unwillkürlich auf jeder erdenklichen Grenze, die ich für mich gesetzt hatte, herum. Ich hätte ihr damals am liebsten den Hals umgedreht. Sie hat nach und nach gelernt, wo meine Grenzen sind und hat gelernt, diese zu respektieren. Ich habe auch das Gleiche bei ihr getan. Sie hat ihre eigene Lebensgeschichte, die ihr Verhalten und ihren Umgang mit anderen Menschen geprägt hat. So richtig angefangen uns anzufreunden haben wir vor einigen Jahren, als eine gemeinsame Freundin in einer katastrophalen Beziehung war. Durch unser GEMEINSAMES Bemühen um die Freundin, sind wir uns näher gekommen.

Es waren unsere Gemeinsamkeiten, die unsere Unterschiede klein gemacht haben. Das ist für mich auch der Kern der Sache: Begegnung und Gemeinsamkeiten schweißen Menschen zusammen. Egal welcher Gruppe wir angehören; wenn wir wirklich zusammen eine Zukunft haben wollen, kommen wir nicht drumherum über den eigenen Schatten zu springen. Es ist schwer, nur muss irgendwer immer den ersten Schritt tun. Ich habe mich bewusst dafür entschieden. Ich lasse mich auf andere Menschen ein und versuche sie zu verstehen. Ich bin dankbar, dass ich den tollen Menschen in meinem Umfeld eine Chance gegeben habe und sie mir. Die Welt ist sehr klein und eintönig, wenn wir immer nur unter unseresgleichen bleiben und ich will lieber Abenteuer haben.

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