Heilung

Das Logo von Die Neue Norm auf gelbem Grund. Rechts davon steht: Die Neue Kolumne. Unten steht: Von Nisrine Kniebe.
Lesezeit ca. 3 Minuten

Ich bin 2011 durch Gehirntumore und die Entfernung derer ertaubt. Zusätzlich habe ich noch andere Schäden erlitten, jedoch ist die Ertaubung das, was man nicht rückgängig machen kann. Man lernt damit umzugehen, was ich mittlerweile relativ gut kann, wäre da nicht die Sehnsucht. 

Was bedeutet Heilung meiner Krankheit? Es würde bedeuten, dass es gar nicht mehr zu diesem Leiden und der damit verbundenen Behinderung käme. Was bedeutet es für mich? Dass die Möglichkeit bestünde, dass nicht noch mehr Tumore entstehen und somit neue Schäden ausgeschlossen sind.

Was kann Heilung auch bedeuten? Diese Frage habe ich mir oft gestellt. Wie könnte man das Leid, das durch meine Krankheit entsteht, lindern oder heilen? Das alleinige Heilen meiner Krankheit würde bedeuten, dass ich nur darauf warten sollte und somit alle Probleme behoben wären. Meiner Meinung nach muss auch die Gesellschaft einen Anteil an diesem Prozess haben. Sie sollte von der Meinung abrücken, dass Menschen mit Behinderung minderwertig sind und dementsprechend behandelt werden. Folgende drei Aspekte finde ich besonders wichtig:

Erstens: Die Gleichberechtigung. Der Anspruch darauf, die gleichen Rechte und Pflichten wie Menschen ohne Behinderung zu haben. Dass Ungleichheit nicht zu einer ungleichen Behandlung führen darf. Es heißt, dass ich anders sein kann und trotzdem die gleichen Ansprüche erfüllt bekommen sollte.

Somit kommen wir zu dem damit verbundenen Nachteilsausgleich. Das bedeutet, dass man durch Maßnahmen und Hilfsmittel eine Benachteiligung ausgleichen kann. Leider wird dies oft als Bevorzugung angesehen, was mich sehr wütend macht. Nehmen wir mal das Beispiel, das ich momentan erlebe. Ich nutze im Krankenhaus bei meiner Therapie in der Onkologie ein Spracherkennungsprogramm. Leider ist die Onkologie in einem Bau, in dem es kein Netz gibt. Das heißt, ich habe keine Möglichkeit, um mit den Ärzten und dem Pflegepersonal zu kommunizieren. Meine Bitte, mir einen freien Zugang zum Wlan zu geben, wurde mit der Argumentation, dass es dann alle Patienten bekommen müssten, vom Krankenhaus abgelehnt. Eigentlich hätte man hier sehen müssen, dass ich nicht die gleichen Möglichkeiten der Kommunikation wie Hörende habe. Theoretisch könnte ich sagen, dass alle ertauben sollten, damit ich keinen Nachteilsausgleich brauche und keine “Bevorzugung” entsteht.

Als Drittes wäre es sehr wichtig, dass es ein Zusammenleben gibt. Das heißt nicht ein Ich und Die, ein Du und Die, ein Wir und Die, sondern ein Ich und Du, ein Du und Ich und ein Wir. Würden wir dies von Geburt an lernen, sähe die Welt anders aus. Die Norm wäre eine vielfältige Gesellschaft. Man könnte schon im Kindergarten damit anfangen, so würde man auch unter anderem die sozialen Kompetenzen stärken. Die Vielfältigkeit der Gesellschaft muss sichtbar sein. Eine Chance auf ein Wir würde zum Beispiel durch die Abschaffung der Grenzen in der Bildungspolitik, die oft ein gemeinsamen Werdegang verhindern, gegeben werden.

Im Endeffekt sollte man nicht nur als Lösung die Krankheiten/Behinderungen heilen wollen, sondern das System, welches Grenzen, Isolation und Ungleichberechtigung fördert. Dies beinhaltet automatisch den Abbau der Diskriminierung.

Letztendlich entsteht durch die absichtliche (wissentliche) Verweigerung in diesen Bereichen die Erwartungshaltung, dass Betroffene das Maximum geben sollen und Nicht-Betroffene das Minimum. Im Umkehrschluss dürfen Betroffene dann auch nur das Minimum erwarten.

Ist alleine die Heilung einer Krankheit/Behinderung die Möglichkeit auf ein Happy End? Ich sage Nein. Ein Happy End könnte auch ein Neuanfang sein, deswegen lasst uns alle gemeinsam mit der Beseitigung der Barrieren anfangen.

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