Die Angst vor dem Heim

Das Logo von Die Neue Norm auf rotem Grund. Rechts davon steht: die Neue Kolumne. Unten steht: von Edith Arnold.
Lesezeit ca. 2 Minuten

Das wirklich Gute an meiner Arbeit als Sexualbegleiterin für behinderte Menschen ist, dass ich dadurch viele unterschiedliche Perspektiven kennenlerne. Unterschiedliche Menschen, unterschiedliche Behinderungen, unterschiedliche Erfahrungen, unterschiedliche Auseinandersetzungen und auch unterschiedliche Auffassungen darüber, wie sie ihr Leben gestalten, womit andere hadern und auch wie und wo andere behinderte Menschen diskriminiert werden.
In letzter Zeit gab es einige schlimme Nachrichten. Am 28.04.2021 wurden fünf behinderte Frauen und Männer von einer Pflegerin mit einem Messer angegriffen. Vier von ihnen wurden getötet, die fünfte Frau überlebte schwer verletzt und ist jetzt zurück in der Einrichtung. 
Die Vorfälle treffen mich sehr – in mehrfacher Hinsicht: In solchen Einrichtungen leben viele meiner Klient*innen, auch ein Familienmitglied lebt in einer solchen Einrichtung, ich bin mit Multipler Sklerose jetzt selbst körperlich behindert und „last but not least“ trifft es mich, weil ich von behinderten Freund*innen, behinderten Bekannten und behinderten Aktivist*innen, die eben nicht abgekapselt leben müssen, aufgeklärt wurde.
Ich weiß mittlerweile, dass Ableismus tötet. Dass die totale Institution ein enormes Risiko birgt. Dass Einrichtungen und Werkstätten für behinderte Menschen nicht der Weisheit letzter Schluss sind. Ich sehe viele Schwachstellen in diesem geschlossenen System und halte es für exkludierend. Wir wissen, dass die Pflege seit Jahrzehnten überlastet ist, die Pflegeschlüssel immer dramatischer werden und dass gerade behinderte Menschen bevormundet werden, wie und wo sie leben und arbeiten sollten. Aber nie, nie, nie darf das als Grund für die mutwillige Tötung von Menschenleben genannt werden!
Im Rahmen ableistischer Überlegungen wird oft nahelegt, eine engmaschige Betreuung in Leben und Arbeit sei für Menschen mit Behinderung das Beste. Psychologisch kann das als Schonraumfalle begriffen werden. Es ist außerdem meist ein Vorurteil von nicht behinderten Menschen über behinderte Menschen. 
Ableismus ist so viel mehr als das „einfache Ablehnen“ von behinderten Menschen, was wir gut und gerne weiter Behindertenfeindlichkeit nennen können. Ableismus betrifft uns alle. Ableistische Wörter, Interpretationen und eben auch Annahmen üben wir regelmäßig aus.
Oft habe ich auch das Gefühl, dass Menschen, die wie ich an MS erkrankt sind, die Schnittstelle zur Behinderung nicht sehen, oder nicht sehen wollen. Meine Lebenswirklichkeit ist allerdings schon jetzt nicht mehr die der klassischen und vermeintlichen „gesunden Norm“. Das ist vielleicht gar nicht schlimm, aber es lässt mich darüber nachdenken, dass vielleicht auch ich irgendwann in einer solchen Einrichtung bei leben muss. So wie die Einrichtungen im Moment geführt werden, möchte ich das unter keinen Umständen.

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Eine Antwort

  1. Edith Arnold macht eine sehr wichtige Arbeit für Behinderte die sonnst gar keine Erfahrung mit Sex machen würden. Es mag sein daß diese Arbeit von so manchen Leuten abwertend als Prostitution bezeichnet wird, aber ich finde die meisten Prostituierten eigentlich ganz lieb und vor allem sehr tapfer. Jetzt, wo ich in den sozialen Netzwerken gelesen habe daß Edith nun selber dabei ist krank und behindert zu werden, daß Edith wegen Corona und wegen ihrer Krankheit alleine und mit viel zu wenig Geld zuhause bleiben muß, ohne Freund der sie liebt, jetzt möchte ich Edith eigentlich umarmen und mal eben richtig fest halten (wenn es nicht weh tut), daß sie spürt daß ich sie bewundere!

    Ableismus als Wort kannte ich noch nicht, obwohl ich im Sandkasten Deutsch gelernt habe. Wenn eine Pflegerin im Heim mit einem Messer die Patienten angreift und tötet, würde ich das schlichtweg als Mord bezeichnen. Ein(e) Richter(in) würde es als Totschlag bezeichnen, weil es nur Mord gibt, wenn der Beweis vorhanden ist daß der tödliche Angriff absichtlich statt gefunden hat und vorher geplant wurde. Was auch immer diese mörderische Pflegerin für Gründe gehabt haben mag, das interessiert mich überhaupt nicht. Darüber darf ein(e) Anwalt(in) im Strafprozess zum Zweck der Verteidigung nachdenken, aber ich lasse mich Mord nicht durch irgend einen ~ismus ‘schön’ reden!

    Wenn es darum geht daß andere Leute sich nur schwer vorstellen können daß sie das Leben als Schwerbehinderte(r) bedeutungsvoll leben könnten, tja, dann wären wir beim Thema Ableismus. Allerdings bin ich anderer Meinung als Edith, denn nicht Ableismus, sondern die Pflegerin hat vier Patienten getötet. Sie gehört im Knast! Wenn es um Leben und Tot geht muß jede(r) Patient(in) in aller Freiheit für sich selber entscheiden können wie lange man mit der Behinderung weiter leben möchte und wann man in aller Würdigkeit sterben möchte. Wer trotz Behinderung weiter leben möchte, der/die soll die beste Pflege bekommen die es gibt. Da gibt es noch Raum zur Verbesserung…

    Wer gut nachgedacht hat, also nicht aus dem Wirbel eines einzigen schwierigen Augenblicks handelt, und sich dazu entscheidet sterben zu wollen, sollte dabei eine menschenwürdige Sterbenshilfe bekommen. Das ist in den Niederlanden, in Belgien, in der Schweiz und in noch ein Paar Länder in der Welt längst normal. In Deutschland ist Sterbehilfe noch tabu, wohl wegen der Vergangenheit. Als die Nazis die Macht ergriffen hatten, haben sie Patienten vieler Pflegeheime massenhaft ermordet und es Euthanasie genannt. Das war aber nicht Euthanasie (Griechisch fur ‘guter Tot’), sondern Massenmord. Mord, egal aus welchen Gründen, sollte es im Pflegeheim niemals geben!

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