Depression und Behinderung: Einmal alles, bitte!

Das Logo von Die Neue Norm auf rotem Grund. Rechts steht: Die Neue Kolumne. Unten steht: Vom Tanja Kollodzieyski
Lesezeit ca. 3 Minuten

Ich bin depressiv. 
Diesen Satz vor anderen Menschen laut auszusprechen, fällt mir wahnsinnig schwer. Das Reden über meine körperliche Behinderung, über die Barrieren für Menschen im Rollstuhl und über eine inklusive Welt gehört mittlerweile zu meinem Beruf. 
Zum Thema mentale Gesundheit habe ich selbst aber lange geschwiegen. Das ist ein Problem, denn das Thema „barrierefreie Mental Health“ braucht Sichtbarkeit, um Leben retten zu können.      

Die Angst davor, ein Klischee zu sein

Wir kennen sie alle: Filmszenen, in denen Menschen im Rollstuhl depressiv aus dem Fenster starren, monatelang im Bett liegen oder sich im schlimmsten Fall sogar umbringen. Die Geschichten über depressive Menschen mit Behinderung, die erst durch eine nicht-behinderte Person die Lebensfreude kennenlernen, sind ein ableistischer Klassiker der Kulturgeschichte. 
Ich sehe meine Aufgabe als Aktivistin für Inklusion unter anderem darin, genau diese Klischees und Vorurteile aufzubrechen. Auf der anderen Seite hatte ich meine erste depressive Episode mit 12 Jahren. Jetzt bin ich fast 33. Die Reise bis hierhin war lang und hart. 
Die Angst und Scham davor, genau die Vorstellung anderer Menschen zu bestätigen, ist eine große Barriere für mich, um über die Depressionen zu sprechen. Ich habe nicht das Gefühl, dass die meisten Menschen mir lange genug zuhören würden, um etwas Grundsätzliches zu verstehen: ich bin nicht depressiv, weil ich behindert bin. Ich bin behindert UND depressiv. Ich wäre wahrscheinlich sogar dann depressiv, wenn ich laufen könnte. Es gibt Ursachen, die immer noch da wären, wenn der Rollstuhl aus meinem Leben verschwinden würde.

Barrieren in der Versorgung und im Alltag

Natürlich hat die Behinderung aber Auswirkungen auf meine Depression: Es gibt sehr wenige barrierefreie Therapiepraxen. Es gibt sehr wenige Ärzte, die mir genau sagen können, wie sich Antidepressiva auf meine Behinderung auswirken. Meine Versorgung ist also noch viel schwieriger als die von depressiven Menschen ohne Behinderung, die schon problematisch genug ist.  
Auch die Barrieren in meiner Umwelt helfen mir oft nicht gerade, mehr Glücksgefühle zu entwickeln. Ein geplatztes Treffen mit Freunden, weil der Aufzug mal wieder nicht funktioniert, kann unter ungünstigen Umständen schnell die nächste Episode auslösen. Dann ist aber nicht meine Behinderung der Grund, sondern dass wir 2020 immer noch in einer Gesellschaft leben, die lieber über Flüge zum Mars nachdenkt, als über barrierefreie Mobilität auf Erden.

Mittendrin, aber nicht dabei

Von der Bewegung rund um die mentale Gesundheit fühle ich mich oft genauso übersehen: Standardlösungen der Selbsthilfe, wie Sport machen oder Zeit für sich alleine nehmen,  funktionieren bei mir nur sehr begrenzt oder gar nicht. Wie verhalte ich mich, wenn ich gerade nicht mit anderen Menschen kommunizieren kann, aber dennoch Assistenz brauche?
Meine Probleme und Fragen finden nirgends Platz.
Ständig fühle ich mich in der Mitte durchgeschnitten: Entweder löse ich Probleme, die durch meine Behinderung entstehen oder ich kümmere mich darum, dass die Depressionen nicht weiter ausartet. Als Mensch, der in der Mitte steht und die Brücken dazwischen bauen muss, fühle ich mich verloren. Deswegen habe ich mir vorgenommen, immer öfter zu sagen: Hallo, Ich bin depressiv. Außerdem habe ich total Bock auf ein barrierefreies Leben, wann starten wir?

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