Akzeptieren, ja. Definieren, nein!

Das Logo von die neue Norm auf blassrotem Grund. Rechts davon steht: Die Neue Kolumne. Unten steht: Von Louisa Band.
Lesezeit ca. 3 Minuten

Wenn es nicht sein muss, warum sollte ich es dann erwähnen?  

Ich sitze vor einem meiner Kunstwerke und betrachte es nachdenklich. Vor mir sehe ich ein  Gesicht aus bunten Farbelementen. Blätter und Blumen umrahmen das Gesicht und der Hintergrund bildet mit seiner Dunkelheit einen starken Kontrast zum farbenfrohen Rest. Ein ganz gewöhnliches Bild, das ich am Vortag fertiggestellt hatte. Nichts an dem Bild lässt darauf schließen, dass es in einem ganz besonderen Prozess entstanden ist.  

Seit meiner Kindheit wollte ich Künstlerin werden und auch meine körperliche Behinderung konnte mich nicht davon abbringen, denn für meine Art von Malerei brauche ich weder Arme noch Beine. Meine Bilder male ich mit dem Mund. Während meines Studiums beschloss ich, das Ganze etwas professioneller zu machen und legte mir einen Instagram Account für meine Kunst an. Zunächst postete ich nur die fertigen Bilder, um eine virtuelle Galerie entstehen zu lassen. Ich wollte keine Influencerin sein, die sich auf jedem Bild selbst in Szene setzt. Bei mir war die Kunst der Star. Das war zumindest der Plan.  

Mit bunten Farben gemaltes Popart Bild, das Raul Krautkausen darstellt.

Nach einigen Wochen schrieb mich eine große Kunstseite an und fragte, ob sie über ihren Account Werbung für meine Kunst machen dürfen. Für die Bildunterschrift brauchten sie noch ein paar Eckdaten über mich als Künstlerin. Ich erzählte also, dass ich Mundmalerin bin und wie genau meine Bilder gemalt wurden. Sofort baten sie mich, ihnen ein Bild von mir beim Malen zu schicken. Ein solches Bild von mir zu posten wäre „viel interessanter“ und würde „viel mehr Aufrufe generieren“. Bei diesem Satz musste ich schlucken. Ein Bild von mir sollte also besser ankommen, als meine eigentliche Kunst? Warum war es bei mir plötzlich wichtig, den Entstehungsprozess nachvollziehen zu können? Ich kenne jedenfalls keine Künstlerin, die neben ihre Werke detailliert schreibt, welche Pinsel und Farben sie genutzt hat und wie genau sie ihre Hand bewegt hat, um am Ende ihr Bild zu kreieren. War das Ganze in meinem Fall nicht pure Sensationslust? Nach dem Motto: Das arme Mädchen ist an ihren Rollstuhl gefesselt und lebt trotzdem ihre Träume! 

Als ich einer Freundin von der Sache erzählte, sah sie mich verständnislos an: „Aber du willst doch immer ein Vorbild sein und anderen Leuten zeigen, dass man auch mit einer Behinderung alles im Leben erreichen kann. Wo liegt jetzt das Problem?“ Die Erklärung ist einfach: Ich möchte, dass die Menschen da draußen meine Bilder mögen und nicht unbedingt die Art, wie ich sie male. Ich möchte nicht, dass meine Bilder gekauft werden, weil der Gedanke dahinter ist, etwas „Gutes“ zu tun oder mir eine Spende zu übermitteln. Ich habe jahrelang versucht, so „normal” wie möglich zu sein. Eine „normale“ Schullaufbahn, ein „normaler” Freundeskreis, ein „normales“ Studium. Bei Fotos achtete ich damals besonders darauf, dass der Rollstuhl nicht zu sehen war und ganz „normale“ Bilder entstanden. Doch nun wurde ich plötzlich für meinen Rollstuhl bewundert und es wurde mir von allen Seiten empfohlen, aktiv zu zeigen, dass ich behindert bin. Das war neu für mich.  

Wollte ich überhaupt dafür bewundert werden? Nach einiger Zeit postete ich schließlich doch ein Bild von mir beim Malen. Man sah den Rollstuhl, den Stift im Mund und mich. Die Resonanz war groß. Die Likes und Kommentare wurden zusehends mehr und meine Reichweite stieg.  Wirklich zufrieden war ich trotzdem nicht. Es fühlte sich so an, als würde ich für meine Behinderung gefeiert werden, nicht aber für das, was ich besonders gut konnte: Malen. „Vielleicht hast du deine Behinderung noch nie wirklich akzeptiert.“ Ein Satz über den ich lange nachdenken musste. Warum wollte ich den Rollstuhl nie zeigen? Ich war doch schon immer diejenige, die sich für Menschen mit Behinderung einsetzen wollte. Wie kann das also sein?

Heute weiß ich es. Ich habe meine Behinderung schon immer akzeptiert mich aber nie über meine Behinderung definiert. Darin liegt ein großer Unterschied. Denn ich bin nicht bloß Louisa mit der körperlichen Behinderung. Nein! Ich bin Louisa, 21 Jahre, Studentin, Künstlerin, Hundeliebhaberin, Bücherwurm, Klugscheißerin und körperlich  behindert. Ich bin mehr als bloß meine Behinderung.

In sechs Elemente aufgeteiltes Popart-Bild, das verschiedene Mimik um die Mundregion zeigt, teils kombiniert mit einer Hand.

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