Neue Normen – wie entstehen sie?

Karin Both steht neben einer Treppe, Jonas Karpa sitzt auf der Treppe und Judyta Smykowski sitzt im Rollstuhl neben der Treppe. Alle lächeln in die Kamera.
Norm trifft Norm: Judyta Smykowski und Jonas Karpa von Die Neue Norm treffen auf Karin Both vom Deutschen Institut für Normung. (v.r.n.l) Foto: Andi Weiland | Gesellschaftsbilder.de
Lesezeit ca. 9 Minuten

Die Neue Norm traf das Deutsche Institut für Normung. Im Gespräch erzählt Karin Both, die Geschäftsführerin des DIN Verbraucherrats, wie eine Norm entsteht, wie sich jede*r Einzelne daran beteiligen kann und welche Norm sie sich wünschen würde. 

Informationen in Einfacher Sprache

In diesem Gespräch geht es um Normen.

Das sind Regeln, die sagen, wie Sachen, zum Beispiel Spielsachen, sicher gemacht werden.

Es wird auch erklärt, wer an einer Norm mitmachen kann.

Jeder und jede darf einen Vorschlag für eine neue Norm machen.

Frau Both, was macht das Deutsche Institut für Normung?

Wir sagen immer, dass DIN der runde Tisch ist, an dem alle interessierten Kreise zusammenkommen und den Inhalt der Normen bestimmen. Wir, d.h. die Vertreter des DIN Verbraucherrates, diskutieren dort mit Herstellern, Verbänden, Vereinen, Hochschulvertretern und Behördenvertretern den Inhalt einer Norm und versuchen, die Normen so verbraucherfreundlich wie möglich zu gestalten. Das heißt, dass das Produkt oder die Dienstleistung aus Verbrauchersicht so sicher wie möglich ist. Gebrauchstauglichkeit spielt natürlich auch eine Rolle, weil Sicherheit alleine nicht hilft. Mit einem Messer, das 100 prozentig sicher ist, kann man nicht mehr schneiden. 

Foto von Karin Both. Sie trägt ein blaues Kleid, hat braune lockige Haare und trägt eine Brille. Sie lächelt in die Kamera.

Karin Both

Karin Both ist Geschäftsführerin des DIN Verbraucherrats. Seit über 31 Jahren arbeitet sie beim Deutschen Institut für Normung in der Geschäftsstelle des DIN Verbraucherrates. Der DIN-Verbraucherrat ist zuständig für die Vertretung der Verbraucherinteressen in der Normung.

Wo begegnen uns die Normen im Alltag? 

Zum Beispiel bei der Waschmaschine: Wenn ich auf einer Waschmaschine auf dem Energy-Label den Energieverbrauch angegeben sehe, dann kann ich den Energieverbrauch einer Maschine mit einer anderen nur vergleichen, weil es dahinter ein genormtes Prüfverfahren gibt. Und auch an solchen Prüfverfahren arbeiten wir mit. Das Thema Barrierefreiheit ist für uns natürlich auch ein wichtiger Aspekt. Produkte und Dienstleistungen sollten von so vielen Verbrauchern wie möglich genutzt werden können. Es gibt ja auch diesen Begriff “Design for all”, den ich aber nicht ganz so gerne mag, weil er immer falsch interpretiert wird, weil “for all” heißt ja für alle und es ist extrem schwierig, wirklich für alle etwas zu entwickeln. Es gibt immer Dinge oder Einschränkungen, die so extrem sind, dass man sie bei einem Produkt nicht mitberücksichtigen könnte. In der Norm spricht man immer von Zugänglichkeit. Das sind die Themen in den Normungsgremien, die wir vertreten und bei denen wir versuchen, die Norm dahingehend zu beeinflussen. Und da streiten und diskutieren wir dann natürlich auch mit den anderen interessierten Kreisen.

Inwieweit sind beim Thema Barrierefreiheit die Betroffenen-Gruppen involviert?

Es gibt oft Daten und wissenschaftliche Untersuchungen diesbezüglich, deswegen muss nicht zwingend jemand, der z. B. im Rollstuhl sitzt, in einem Gremium zum Thema Barrierefreiheit von Gebäuden dabei sein, um die Interessen zu vertreten. Wir sind natürlich auch in Kontakt mit dem Blindenverband oder mit der BAGSO (Interessenvertretung für Senioren), weil unsere Arbeit oft auch ältere Menschen betrifft. Das sind Partner, mit denen wir als Verbraucherrat zusammenarbeiten. Aber natürlich arbeiten in vielen Gremien die betroffenen Gruppen auch selbst mit. Beim barrierefreien Bauen sind z. B. auch mehrere unterschiedliche Behindertenverbände vertreten. 

Wie ist der Zugang zu diesen Gremien? Kann man ganz einfach mitmachen oder gibt es einen Prozess, den man durchlaufen muss?

Wenn ein Normungsthema neu in Angriff genommen wird oder ein Gremium neu zusammengesetzt werden muss, dann ist es die Aufgabe des DIN-Projektmanagers, die interessierten Kreise darüber zu informieren, dass es ein solches Vorhaben gibt und zu fragen, wer an einer Mitarbeit interessiert ist. Der Kollege würde dann sehen: Okay, das Thema betrifft Personen im Rollstuhl oder es betrifft blinde Personen und würde dazu recherchieren und diverse Verbände anschreiben und informieren. Auch Sie könnten um Mitarbeit bitten, wenn Sie auf der DIN-Webseite ein Norm-Projekt sehen, das Sie interessiert und an dem Sie gerne mitarbeiten würden. 

Foto von Jonas Karpa. Er hat lange braune Haare, trägt ein dunkles T-Shirt und sitzt gesikulierend an einem Tisch.
Foto: Andi Weiland | Gesellschaftsbilder.de

Jede*r kann einen Vorschlag für eine Norm einreichen?

Bei DIN kann jeder einen Normungsantrag einreichen. Auch das kann man online machen. Und übrigens: Schon seit vielen Jahren ist es so, dass die meisten Normen, die wir erarbeiten, nicht rein nationale Normen sind, sondern europäische Normen. 

Gibt es die Gefahr, dass Unternehmen das Deutsche Institut für Normung als Siegel missbrauchen um ihren Produkten zu mehr Bekanntheit und Vertrauen zu verhelfen? 

Unser Normungsprozess stellt eine breite Beteiligung sicher und strebt einen Konsens aller interessierten Kreise an. Dadurch akzeptieren die beteiligten interessierten Kreise die vereinbarten Inhalte und die Norm genießt fortan hohes Vertrauen und wird breit genutzt. Und die Durchsetzung von Einzelinteressen wird verhindert.  

Das Konsensprinzip ist eines der Grundprinzipien der Normung. In so einem Normungsgremium wird diskutiert. Konsens heißt ja nicht Einstimmigkeit, sondern Konsens heißt, es gibt ein Ergebnis, mit dem am Ende alle leben können. Das ist vielleicht in manchen Fällen nicht genau das, was wir haben wollten. Aber es ist auf jeden Fall besser als das, was wir vorher hatten. Wenn alle stur bei ihrer Position bleiben, dann gibt es keine Lösung. Es gibt auch Fälle, bei denen man nicht im Konsens entscheiden kann. Wenn es bei einer Norm um irgendwas geht, das tatsächlich nur schwarz und weiß ist und es nichts dazwischen gibt oder man eine Anforderung nur mit Ja oder Nein beantworten kann, dann kann es passieren, dass abgestimmt werden muss. Aber in der Regel soll ein Konsens gefunden werden. 

Wie entstehen Normen?

Infografik zur Entstehung einer Norm in vier Schritten. Erstens: jeder kann einen Normungsantrag stellen. Zweitens: im Norm Projekt erarbeiten alle Interessensgruppen die Inhalte der Norm im Konsens. Drittens: die Öffentlichkeit kommentiert den Norm-Entwurf. Viertens: DIN veröffentlicht die fertige DIN-Norm.
Grafik: Deutsches Institut für Normung e.V.

Mehr zur Finanzierung von Normen erfahrt ihr hier.

Gibt es vielleicht auch Felder, in denen der Konsens ist, dass es keinen Sinn macht, Normen festzulegen? 

Ja, das gibt es schon. Grenzen gibt es bei Themen, die ethische oder religiöse Aspekte betreffen. Es gab mal, zum Beispiel, den Vorschlag den Begriff Halal und Halal-Lebensmittel und Anforderungen an Halal-Lebensmittel zu normieren. Das wurde aber nicht gemacht. Also auch auf europäischer Ebene nicht, weil das doch sehr viele religiöse Aspekte beinhaltet. Und ich glaube, da wäre man bei einer Norm nie zu einem Ergebnis gekommen. Es ist besser, wenn die Interessengruppen das selbst für sich definieren. Das sind Sachen, die man mit einer Norm schwierig fassen kann. Und dann gibt es natürlich auch Aspekte, die besser im Gesetz verankert sind, als in einer Norm, z.B., wenn es um gesundheitliche Grenzwerte bei Chemikalien geht. Die Norm würde dann die Prüfmethoden dafür liefern, das Gesetz die Grenzwerte.

Ist eine Norm auch schon einmal in letzter Minute gescheitert?

Es gibt auch Normungsverfahren, die wieder eingestellt werden, weil man sich einfach nicht einigen konnte. Ich glaube vor vielen, vielen Jahren gab es mal auf europäischer Ebene die Überlegung, Stecker und Steckdosen zu normen. Das ist leider gescheitert. Das Problem ist, wenn sich schon ein System entwickelt hat bzw. die Systeme verschiedener Länder sich auseinander entwickelt haben, dann ist natürlich keiner bereit, zu sagen: Wir nehmen jetzt ein Anderes. Man müsste etwas völlig Neues erfinden. In dem Fall hätten alle das gleiche Problem der Umstellung, das man ja auch nicht von heute auf morgen lösen kann. Viele, viele Menschen in Europa müssten dann über viele Jahre hinweg mit Adaptern leben und das ist aus Sicherheitsgründen sicherlich noch schlechter.

Vier Personen sitzen an einem Tisch und reden miteinander.
Im Gespräch: Julian Pinnig (Pressesprecher DIN e.V.), Jonas Karpa , Karin Both und Judyta Smykowski. (v. l. n. r.) Foto: Andi Weiland | Gesellschaftsbilder.de

Haben Sie persönlich eine Lieblings-Norm? 

Also Lieblings-Norm in dem Sinne nicht, aber vor vielen Jahren habe ich mal einen Normungsantrag gestellt zur Vereinheitlichung der Staubsaugerbeutel. Jeder, der mal Staubsaugerbeutel gekauft hat, kennt das Problem. Man steht vor dem Regal und fragt sich welches Model man zu Hause hat. Der Staubsauger ist rot, aber von welchem Hersteller ist er? Und selbst wenn man die Marke weiß, dann gibt es ja immer noch mehrere Typen. Das ist also nicht so einfach. Aus dem Normungsantrag ist allerdings leider nichts geworden, weil in dem Fall die Hersteller nicht zugestimmt haben. Es gab zwar bereits ein Gremium, welches sich mit Staubsaugern beschäftigt hat, aber mir wurde dann klargemacht, dass das alles viel zu kompliziert ist, dass das aus diversen Gründen nicht geht.

Normen sind etwas sehr Starres, auf der anderen Seite verändern sich Dinge, die Gesellschaft bleibt auch nicht dieselbe…

Unsere Normen sind Regeln, also technische Regeln. Die sollen sich natürlich nicht jedes Jahr wieder ändern. Die Hersteller brauchen eine gewisse Sicherheit und Kontinuität. Aber trotz allem sollen sie dem Stand der Technik entsprechen und deshalb wird jede Norm nach spätestens nach fünf Jahren überprüft. Überprüft heißt nicht unbedingt überarbeitet. Aber das zuständige Gremium bei DIN entscheidet, dass das, was da drin steht, noch up to date ist und um weitere fünf Jahre verlängert wird. Oder im anderen Fall gibt es das Produkt, worum es geht, überhaupt nicht mehr. Die Norm braucht dann keiner mehr und sie wird zurückgezogen. Oder es wird festgestellt, dass die Norm gebraucht wird und wichtig ist, aber in manchen Punkten nicht mehr aktuell ist und überarbeitet werden muss. Dann setzt das Gremium sich wieder zusammen, ändert den Text und der Prozess der Normenerarbeitung beginnt wieder, mit Entwurf, Einsprüchen, Stellungnahmen und Positionen. Und anschließend wird die neue Version der Norm verabschiedet. Normen sollen möglichst immer auf dem aktuellsten Stand sein. 

Kann eine Norm die Gesetzgebung beeinflussen?

Gerade in Europa ist es so, dass die europäische Gesetzgebung sehr eng mit der Normung verzahnt ist, doch die Norm ist nicht direkt im Gesetz enthalten, sonst hätte so eine Verordnung zur Spielzeugsicherheit 500 Seiten, wenn da alles genau definiert wäre.

Das Prinzip in Europa ist so, dass es in den Richtlinien und Verordnungen sogenannte ‘Essential Requirements’ gibt. Die legen kurz und knapp dar, was erfüllt werden muss. Beim Spielzeug steht z.B. drin: Spielzeug, das für Kinder unter drei Jahren geeignet sein soll, darf keine verschluckbaren Kleinteile enthalten. Mehr steht da nicht. Und da steht der Hersteller natürlich vor dem Problem: Was ist denn jetzt ein verschluckbares Kleinteil? Wie prüfe ich das? Wie weise ich das nach? Weil er ja auch nachweisen muss, dass sein Produkt der Richtlinie entspricht. Und dafür gibt es die Norm.

In der Norm ist dann ein Prüfzylinder beschrieben, der einen bestimmten Durchmesser hat, eine bestimmte Länge und dieser Prüfzylinder bildet den Schlund eines Kindes nach. Und dann kann man einfach prüfen: Duplo – passt nicht rein, kann nicht verschluckt werden und ist für Kinder unter drei Jahren daher geeignet. Lego-Steinchen passen rein, können verschluckt werden und darf dementsprechend nicht für Kinder unter drei Jahren zugelassen sein. Und das kommt dann als Warnsymbol auf die Lego-Packungen. 

Können sie da in Haftung genommen werden? Wenn dann irgendwas passiert?

In Haftung genommen werden kann der Hersteller immer, wenn das Produkt nicht sicher war. Dann hat er ein Problem. Wenn es jetzt wirklich um einen Fall vor Gericht geht, muss der Hersteller nachweisen, dass er alles getan hat, um das Problem zu verhindern. Dann hat er gute Aussichten, wenn er sagen kann: “Ich habe in allen Punkten der Norm entsprochen, die unter der Spielzielrichtlinie gelistet ist.” Das ist schon mal sehr gut, heißt aber nicht unbedingt immer, dass das ausreicht. Wenn es vielleicht vorher schon Fälle gegeben hat, wo das vorgekommen ist und die Norm noch nicht überarbeitet werden konnte, dann muss der Hersteller auch das beachten. Er hat also auch eine Beobachtungspflicht und muss den Markt beobachten und schauen: “Was passiert da mit meinem Produkt? Was passiert mit Spielzeug dieser Art?” Das heißt, mit der Norm ist man eher auf der sicheren Seite, aber es kann auch sein, dass der Hersteller mehr tun muss, als in der Norm vorgegeben ist.

Es wird an einer Norm für Leichte Sprache gearbeitet. Können Sie uns dazu etwas erzählen?

Bei der DIN SPEC (Spezifikation) zur Leichten Sprache wird im Laufe diesen Jahres eine öffentliche Entwurfsumfrage stattfinden, bei der alle interessierten Kreise Kommentare abgeben können. An der Erarbeitung des Standards, die 2020 begonnen wurde, beteiligen sich knapp 70 Vertreter aus den interessierten Kreisen.

Judyta sitzt im Rollstuhl und schaut in ein Regal mit verschiedenen genormten gegenständen.
Viele Gegenstände sind genormt. Foto: Andi Weiland | Gesellschaftsbilder.de

Welche Norm würden Sie sich noch wünschen?

Also ganz konkret? Keine, sonst hätte ich ja schon den Antrag gestellt. Ich sitze an der Quelle. Wenn es jetzt irgendetwas geben würde, bei dem ich persönlich denken würde: Es muss aus Verbrauchersicht etwas getan werden, hätte ich die beste Möglichkeit, das auch zu tun. Entweder privat oder eben auch, wenn es ein Verbraucherthema ist, als Verbraucherrat.

Und Gesellschaftlich? Eine Norm der Freundlichkeit vielleicht?

Ja, also unabhängig von DIN-Normen, gäbe es schon einiges. Zum Beispiel mehr Rücksichtnahme aufeinander. Auch gerade in Zeiten der Pandemie. Mehr aufeinander Rücksicht nehmen und achtgeben. Das wäre schön.

Das waren starke Zeilen? Dann gerne teilen!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.