Mehr Infos zur Barrierefreiheit ins Netz – für Mensch und Maschine!

es sind grüne zahlenstränge zu sehen, dahinter ein schatten eines menschen
Bild: Pixabay
Lesezeit ca. 6 Minuten

Im Datendschungel des Internets möchte die “Linked Data for Accessibility”-Community Informationen zur Barrierefreiheit besser auffindbar machen – eine Herausforderung, die tief in die Strukturen des Semantischen Webs führt. Denn zunächst braucht “der Duden für Suchmaschinen” entsprechendes Vokabular. Svenja Heinecke und Sebastian Felix Zappe von Wheelmap.org erklären das Vorhaben.

Wir schreiben das Jahr 2020. Es existieren hunderte Millionen von Internetseiten mit Milliarden von Informationen. ‚Ist doch super‘, könnte man meinen, ,dann kann ich doch eigentlich alles finden, was ich will!‘
Ja und nein. Je mehr Daten es gibt, desto unübersichtlicher wird es, wenn diese Daten nicht gut strukturiert sind. 

Genau genommen ist das Internet ein Datendschungel. Sich mit der Machete zum Informationsschatz durchzuschlagen ist mühselig und kräftezehrend. Noch schwieriger wird es, wenn Bedürfnisse ganzer Menschengruppen im Datenmodell übersehen wurden. Barrierefreiheit googlen? Leider nicht so einfach.

In den gängigen Suchmaschinen taucht Barrierefreiheit nicht auf

Menschen mit Behinderungen fühlen sich oft wie auf einer Abenteuerexpedition, wenn es darum geht, Informationen zur Barrierefreiheit von Dienstleistungen, Produkten, Orten oder Veranstaltungen im Daten-Dickicht aufzustöbern. 

Zum Beispiel beim Planen und Buchen einer Reise: Nur wenige Online-Reisebüros und öffentliche Verkehrsbetriebe bieten ausreichende Informationen über die Zugänglichkeit an – die allgemeine Info ,barrierefrei‘ für ein Hotelzimmer hilft nicht, denn ,barrierefrei‘ bedeutet je nach Einschränkungen für eine Person Unterschiedliches oder weckt mitunter die Erwartung, dass jede DIN-Norm beachtet wurde. 

Vollkommene Barrierefreiheit ist fast unmöglich. Und für viele Gäste sogar abschreckend – denn niemand möchte zwei Wochen in einem Hotelzimmer mit Krankenhausatmosphäre Urlaub machen. All das sollte jedoch kein Grund dafür sein, dass gängige Suchmaschinen und Einkaufsportale das Thema Barrierefreiheit einfach nicht abbilden. Denn dort tauchen keine Angaben zur Ausstattung für mehr Zugänglichkeit auf.

Jedenfalls noch nicht: Eine neue Bewegung möchte das ändern. Unter dem Namen „Linked Data for Accessibility“ hat sich jetzt eine neue Community innerhalb des World Wide Web Consortiums (W3C) gegründet.

World Wide Web Consortium

Hier wird in Zusammenarbeit von mittlerweile 80 Mitarbeiter*innen, 430 Mitgliedsorganisationen und einer großen Community aus Ehrenamtlichen demokratisch standardisiert, wie ein Browser funktioniert, und Datenvokabulare erschaffen, mit denen sich virtuelle Maschinen unterhalten. Gegründet wurde das W3C 1994 von Tim Berners-Lee, dem Erfinder des WWW. Seitdem ist sie ein wichtiges Gremium für die Weiterentwicklung.

Das Ziel der “Linked Data for Accessibility”-Community innerhalb des W3C: ein Datenstandard, der mit anderen Standards kombiniert werden kann und die kostbaren Barrierefreiheitsangaben auffindbar macht. 

Das Motto: Neben der Digitalisierung aller Lebensbereiche brauchen wir gleichzeitig eine neue Teilhabe am Digitalen. Dies würde auch zu einer vermehrten Teilhabe am ,echten Leben‘ führen. Das heißt: Wenn Menschen mit Behinderung ihre Informationsbedarfe zur Barrierefreiheit in die Weiterentwicklung des Internets einbringen, wird es passendere Suchergebnisse geben – und das Abtelefonieren von Hotel-Listen ist dann hoffentlich hinfällig. Aber wie genau soll das erreicht werden?

Das Semantische Web: mehr als nur Verlinkungen

Um die Herausforderung zu verstehen, braucht es einen kleinen Exkurs in das Konzept des heutigen Internets. Der Gründer des World Wide Web, Tim Berners-Lee, beschreibt das Internet als “Semantisches Web”, das mehr ist als ein Netz aus verlinkten Dokumenten: “Im Semantischen Web geht es nicht nur darum, Daten online zu stellen. Es geht darum, Daten zu verknüpfen und ihre Beziehung zueinander zu definieren. So können Personen und Maschinen dieses Datennetz erkunden. Sind Daten miteinander verknüpft, findet man mehr relevante Daten, sobald man einen kleinen Datenausschnitt innerhalb eines großen Beziehungsgeflechts gefunden hat.”

Damit weist Tim Berners-Lee darauf hin, dass bloße Verlinkungen von Inhalten im Text nicht mehr ausreichend sind. Vielmehr geht es darum, die Beziehung zwischen Inhalten – auf unterschiedlichen Websites, den online dargestellten Dienstleistungen, Produkten, Angeboten und Orten – in den Metadaten der HTML-Dokumente eindeutig abzubilden.

Ohne Metabeschreibung weiß die Maschine nicht, was sie sehen soll

Die Anreicherung in Form dieser Metadaten ist vor allem deshalb wichtig, damit die Zusammenhänge sich aufeinander beziehender Inhalte maschinenlesbar werden. Genau diese Maschinenlesbarkeit will die “Linked Data for Accessibility”-Community ermöglichen – für Informationen über Barrierefreiheit in der uns umgebenden Welt.

Schema.org

Ein Standard zur Strukturierung von Daten im Semantischen Web ist Schema.org. In einem Community-Prozess werden Metadaten erweitert und auf dem neuesten Stand gehalten. So entsteht eine Art Duden für maschinenlesbare Sprache. Über 10 Millionen Websites nutzen dieses sogenannte Vokabular zur Strukturierung der Daten.

In der bisherigen Semantik, also in den vorhandenen Metadaten und Bedeutungszusammenhängen, fehlt bisher ein Standard-Vokabular, um Barrierefreiheit in der physikalischen Welt zu beschreiben. Und so fehlt auch einer Suchmaschine, die ein rollstuhlgerechtes Hotelzimmer finden soll, die Grundlage, aus der Datenmenge die relevanten Informationen herauszufiltern. Man könnte auch sagen: die Maschine übersieht die Informationen, weil ihr bisher keiner gesagt hat, was sie sehen soll.

Ein einheitliches Datenmodell muss her

Sebastian Felix Zappe leitet die Entwicklung von Wheelmap.org, der Online-Karte für rollstuhlgerechte Orte. Er ist Mitgründer der “Linked Data for Accessibility”-Community. Mit seinen Kolleg*innen analysierte er jahrelang Daten zur Barrierefreiheit.

Er findet die bestehenden Technologien zu ineffizient: „Solange Firmen und Kommunen bei jedem Projekt zu Barrierefreiheit das Rad neu erfinden, müssen Menschen mit Behinderungen weiter Hotel-Listen abtelefonieren, um ein passendes Zimmer zu finden, und landen bei der Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel oder im Einkaufszentrum vor kaputten Aufzügen“, meint er.

Welche Daten Website- und Datenbank-Betreiber ins Netz stellen – ein Beispiel. Dargestellt ist ein Diagramm, das Verknüpfungen von Informationen darstellt. Dargestellt sind folgende Betreiber: Ein Buchungsportal, das Information über ein bestimmtes Hotel mit Fotos veröffentlicht. Die Website wheelmap.org, die dasselbe Hotel als Ort mit Informationen über einen Eingang und ein Zimmer verknüpft. Zum Eingang gehört Information über eine Rampe, zum Zimmer gehört Information über ein Bad und eine daran hängende Information zur Toilette in diesem Bad. OpenStreetMap veröffentlicht Infos zum Hotel mit einem Weg zum nächsten Bahnhof. Ein Aufzugshersteller veröffentlicht Informationen zu einem Aufzug und dessen Betriebsstatus. Ein Verkehrsbetrieb veröffentlicht, dass sich dieser Aufzug an einem bestimmten Bahnsteig an einem bestimmten Bahnhof befindet. Die Hotelkette veröffentlicht für das Hotel eine Adresse.
Welche Daten Website- und Datenbank-Betreiber ins Netz stellen – ein Beispiel.

„Mit einem erweiterten Datenvokabular zur Beschreibung von Barrierefreiheit können Firmen und Organisationen branchenübergreifend Daten austauschen, um das Problem effizienter zu lösen: Eine Architektursoftware kennt alle barrierefreien Toiletten in einem Gebäude und Sensoren können heute erkennen, ob ein Aufzug funktioniert. Wäre es nicht besser, wenn all dieses nützliche Wissen mit Gebäudebetreibern, Städteportalen, Online-Reisebüros, Restaurant-Findern oder Karten-Apps geteilt werden könnte, ohne jedes Mal neue Werkzeuge und Prozesse zu entwickeln?”

Ein einheitliches Datenmodell bereite hier technisch den Weg, damit diese Angebote online gefunden und genutzt werden könnten. Es ermögliche auch, Datensätze aus beendeten Projekten weiterzugeben, die sonst oft wegen technischer Inkompatibilitäten für die Öffentlichkeit verloren gehen, meint Zappe.

 

In einem weiterentwickelten Standardvokabular, das um Metadaten zur Barrierefreiheit erweitert wurde, erkennt eine Navigations-App automatisch die Zusammenhänge der einzeln veröffentlichten Informationen: Dargestellt ist ein Diagramm, das die gleichen Verknüpfungen von Informationen aus dem vorigen Diagramm zeigt. Allerdings kommen keine Informationen mehr mehrfach vor, da Informationen miteinander verbunden sind. Das Hotel ist nun ein einzelner zentraler Knoten im Diagramm, es ist über Linien mit Fotos, einem Eingang, einer Adresse, und einem Zimmer verbunden. Der Eingang ist mit einer Rampe assoziiert. Der Weg verbindet das Hotel mit dem nächsten Bahnhof, der einen einen Bahnsteig hat, der wiederum einen Aufzug hat, der wiederum einen Betriebszustand hat. Das Hotelzimmer hat ein Bad, das wiederum mit einer Toilette verbunden ist. Alle dargestellten Einheiten kommen nur noch jeweils einmal vor, es gibt einen Pfad durch das Diagramm vom Hotel zu jedem anderen Knoten.
In einem weiterentwickelten Standardvokabular, das um Metadaten zur Barrierefreiheit erweitert wurde, erkennt eine Navigations-App automatisch die Zusammenhänge der einzeln veröffentlichten Informationen.

Das Ziel der “Linked Data for Accessibility”-Community ist es daher, endlich ein gemeinsames Datenvokabular für Zugänglichkeitsinformationen zu definieren, das im gesamten Web verwendet werden kann. Es gibt bereits zahlreiche Datenformate für die Zugänglichkeit, aber die technische Kommunikation zwischen diesen Datenformaten wurde bisher noch nicht von einem übergreifenden Kreis aus Expert*innen koordiniert.

Der Maschine noch vorm European Accessibility Act das Sehen beibringen

Es bleibt etwas Verwunderung, dass das World Wide Web Consortium nicht schon eher auf die Notwendigkeit eines Vokabulars zur Barrierefreiheit eingegangen ist. Schließlich betrifft Barrierefreiheit nahezu alle Bereiche des Lebens: Mobilität, Verkehr, Architektur, Kultur, Reisen, Gesundheit und viele mehr – und im Konsortium wurden schon eine Reihe solcher Standards entworfen, aber nur für digitale Barrierefreiheit von Medien.

Dennoch ist der Zeitpunkt günstig, denn zukünftig dürfte der Druck nach einer besseren Auffindbarkeit der Informationen aus der europäischen Politik größer werden. Wie die USA mit dem “Americans with Disabilities Act” (ADA) von 1990 hat die EU 2019 den “European Accessibility Act” verabschiedet: Die neue Richtlinie, die die Zugänglichkeit von digitalen und physischen Dienstleistungen (z.B. im E-Commerce, im Gastgewerbe) verbindlich vorschreibt, muss bis 2022 in nationales Recht umgewandelt und ab 2025 angewandt werden. Bis dahin sollten wir den Suchmaschinen unseres Semantischen Webs rechtzeitig das Sehen beigebracht haben.

Weiterführende Links:

W3C: Webpage der neuen Community

Was ist Linked Data? Die Erklärung des W3C
Schema.org: Das populärste Vokabular für Linked Data, das die Community erweitern möchte

Für Nerds: Das offizielle GitHub-Issue, in dem Barrierefreit in schema.org diskutiert wird

Für Programmierer*innen jetzt schon verwendbar: A11yJSON, ein umfangreicher Datenstandard zum Thema

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