Das große familiäre Tabu: Sexualisierte Gewalt durch Geschwister

Schwarz-weiß Foto von zwei Holzfiguren. Die eine Figur würgt die andere.
Gewalt in der Familie. Was im privaten Raum passiert, gelangt selten an die Öffentlichkeit. Foto: Charl Folscher | unsplash.com
Lesezeit ca. 12 Minuten

Beziehungen zwischen Geschwistern werden in unserer Gesellschaft oft harmonisch dargestellt. Leider verläuft ein geschwisterliches Verhältnis nicht immer in solchen, von gegenseitiger Unterstützung gekennzeichneten, Bahnen. David Calovini vom caput-Magazin trägt die Meinungen von Expert*innen zusammen.

Triggerwarnung:

Dieser Text enthält Passagen über sexualisierte Gewalt. Anlaufstellen für Menschen mit Gewalterfahrungen sind: 

  • Suse-hilft.de ist ein Angebot von „Suse − sicher und selbstbestimmt − Im Recht.“ Dies ist ein Projekt des bff: Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe
  • weisser-ring.de hilft, wenn du Opfer von Kriminalität und Gewalt geworden bist: Über das Opfer-Telefon 116 006, der Onlineberatung oder bundesweit persönlich vor Ort.

Die 42-jährige Diplomsozialpädagogin Prof. Dr. Esther Klees, die seit zwei Jahren als Professorin im Studiengang Soziale Arbeit an der IUBH Dortmund tätig ist, befasst sich Zeit ihres Berufslebens mit Kindeswohl und dessen Gefährdung. Für mehrere Jahre war sie Geschäftsführerin der Deutschen Gesellschaft für Prävention und Intervention bei Kindesmisshandlung- und Vernachlässigung (DGfPI) e. V. und arbeitete in dieser Funktion auch vielfach für das Bundesfamilienministerium zum Themenfeld sexuelle Gewalt.

Ich bilde Heilpädagogen aus und halte sehr viel davon, Behinderungen erlebbar zu machen. Sie gehen dann vollkommen anders an alles heran.

Prof. Dr. Esther Klees

Prof. Dr. Esther Klees ist es also gewohnt, den Finger in eine Wunde zu legen, welche in der gesellschaftlichen Wahrnehmung gerne ignoriert wird. Kindesmissbrauch wird nicht gerne thematisiert.

Portraitfoto in schwarz-weißvon Prof. Dr. Esther Klees. Sie hat dunkle schulterlange Haare und tägt eine dunkle Jacke.
Prof. Dr. Esther Klees, Foto: privat

Schon bei Ereignissen, wie sie etwa rund um den Missbrauchsfall von Lüdge geschehen sind, stoßen viele an die Grenzen des menschlich Vorstellbaren. Wenn Missbrauchsfälle innerhalb der eigenen Familie und unter den in ihr lebenden Geschwistern auftreten, potenziert sich dieser Effekt um ein Vielfaches. 

Das beschriebene Phänomen ist dabei keines, welches nur in der breiten Bevölkerung vorkommt, berichtet Prof. Dr. Esther Klees. „Auch bei Fachleuten wird den Betroffenen von Missbrauch durch Geschwister vielfach nicht geglaubt. Dann vermutet man eher, es wäre etwa der Vater gewesen und die Betroffenen hätten etwas übertragen und in ihren Erinnerungen vermischt.“ Dieser Effekt wird als False Memory (fehlerhafte Erinnerung) bezeichnet.

Prof. Dr. Esther Klees hat sich seit ihrer Doktorarbeit an der Universität Bielefeld im Jahr 2008 auf diese Art des Missbrauchs spezialisiert, welche der Laie als Inzest bezeichnen würde. 

Die Tabuisierung und daraus folgende Stigmatisierung des sexuellen Missbrauches durch Geschwister spiegelt sich auch in den Betrachtungen der Fachwelt in Deutschland wider. Außer den zu diesem Themenkomplex veröffentlichten Arbeiten von Prof. Dr. Esther Klees, existieren kaum Publikationen. Die erwähnte Doktorarbeit von 2008 war die landesweit erste zu diesem Thema. „International wird in Fachpublikationen oft von sibling incest, also Geschwisterinzest gesprochen. Daran wird kritisiert, dass der Begriff sehr verharmlosend klingt, da er impliziert, dass es sich um Liebesbeziehungen unter Geschwistern handelt.“ In der Realität lässt sich diese Betrachtungsweise nur schwerlich aufrechterhalten, wie Prof. Dr. Esther Klees weiter erläutert. „Ich benutze den Begriff ebenfalls noch, spreche allerdings von machtorientiertem Geschwisterinzest, da dies die Gewaltdynamik innerhalb solcher Gefüge verdeutlicht.“    

Wie oft sexualisierte Gewalt durch Geschwister hierzulande vorkommt, lässt sich schwerlich in Zahlen ausdrücken.

Viele Studien – kaum Erhebungen

 Grund hierfür ist die Erhebungsmethode für viele Forschungsarbeiten. „Wir haben in Deutschland mittlerweile große, repräsentative Studien zum Thema sexuelle Gewalt. Problem dabei ist allerdings, dass sexualisierte Gewalt durch Geschwister forschungsmethodisch nahezu ausgeschlossen wird, denn es wird nur dann von sexualisierter Gewalt gesprochen, wenn ein Altersunterschied von mindestens fünf Jahren zwischen Opfer und Täter*in gegeben ist. Es gibt ja durchaus auch Fälle, in denen der missbrauchende Bruder nur zwei Jahre älter war oder die missbrauchende Schwester ist jünger als der Betroffene. So fallen diese Betroffenen aus der Betrachtung heraus.“ 

Daher gibt es kaum valide Daten zur Häufigkeit von sexuellem Missbrauch durch Geschwister in Deutschland. Auch bei den Fällen sexualisierter Gewalt, die in der polizeilichen Kriminalstatistik landen, da sie angezeigt wurden, wird keine spezifische Einteilung in Bezug auf den Verwandtschaftsgrad unternommen. Diese werden dort lediglich unter dem Oberbegriff Ehe, Partnerschaft und Familie subsumiert.    

Strafrechtlich sind für den sexuellen Missbrauch durch Geschwister verschiedene Paragrafen relevant. Der §§ 176, 176a StGB regelt, dass sexuelle Handlungen von über 14-Jährigen an einem unter 14-jährigen Kind strafbar sind. Sexuelle Handlungen von einem unter 14 Jahre alten Kind an oder mit anderen Personen sind laut § 19 StGB straflos.  

Der § 173 StGB, Beischlaf unter Verwandten, besagt, dass der einvernehmliche Geschwisterinzest für denjenigen leiblichen Geschwisterteil strafbar ist, der älter als 18 Jahre alt ist. Stutzig macht hierbei, dass sich diese Regelung ausschließlich auf den vaginalen Verkehr zwischen Mann und Frau bezieht.  

Ab wann ist es Missbrauch?

Den sexuellen Missbrauch durch Geschwister zu erkennen, ist nicht nur für betroffene Kinder und Eltern schwierig, sondern fällt mitunter auch Fachleuten, Jugendamtsmitarbeitern und Pädagogen schwer. Denn eine altersgerechte sexuelle Entwicklung gehört zum kindlichen Aufwachsen dazu. Doch ab wann kippt eine gesunde Entfaltung so weit, dass es unter Geschwistern zu Problemen kommen kann? Laut Prof. Dr. Esther Klees gilt es hier zwischen drei Entwicklungsstufen zu unterscheiden, welche sie bei Vorträgen und einzelnen Fachpublikationen, die sie ebenfalls hält und verfasst, zur besseren Anschauung in einem Ampelsystem darstellt, um die Auswirkungen farblich zu verdeutlichen. 

„Es gibt das entwicklungstypische Sexualverhalten, welches gesund für die Kinder ist. Dazu zählen die klassischen Doktorspiele im Vor- und Grundschulalter, welche natürlich unter Geschwistern stattfinden. Wichtig ist hier immer, dass diese unbeschwert, von beiden Geschwisterteilen freiwillig und ohne Angst stattfinden.“ 

Zu negativen Langzeitfolgen für die Betroffenen kommt es allerdings bei den zwei weiteren Formen. „Auch der so bezeichnete fürsorgliche, einvernehmliche Geschwisterinzest ist kritisch zu betrachten und gilt als auffälliges Sexualverhalten. Er tritt meist in einer emotional defizitären familiären Umwelt auf, in der die Eltern sich sehr wenig um ihre Kinder kümmern. Dadurch rücken die Geschwister enger zusammen und versuchen sich gemeinsam Geborgenheit und Liebe zu geben. Dann kann es passieren, dass die Grenzen im Geschwisterverhältnis mit der Zeit verwischen und es zu einvernehmlichen sexuellen Kontakten kommt. Hier zeigen uns Studien, dass diese Kinder im Erwachsenenalter etwa unter Depressionen leiden. Um diese Langzeitfolgen jedoch genauer zu benennen, wissen wir zu wenig.“

Die extremste Form, die weder einer altersgerechten Entwicklung entspricht, noch auf Freiwilligkeit beider Geschwister beruht, ist die sexualisierte Gewalt durch Geschwister. Dieser, von Prof. Dr. Esther Klees wie beschrieben, als machtorientierter Geschwisterinzest bezeichnete Akt, kann zu den gravierendsten Langzeitfolgen in der Entwicklung der betroffenen Kinder führen, wie die Expertin ausführt. „Der machtorientierte Teil, mit dem ich mich befasse, bei dem es ein klares Machtgefälle zwischen den Geschwistern gibt und der eine dem anderen Geschwisterpart zu einer sexuellen Handlung zwingt, ist das Extremste. Die Übergänge zu den beiden letzten Formen zu erkennen, ist nicht immer ganz einfach.“ 

Der Missbrauch beginnt fließend

Oft sind diese von freiwilligen zu erzwungenen sexuellen Handlungen innerhalb von geschwisterlichen Beziehungen fließend und wandeln sich auch im Laufe eines solchen Beziehungsgeflechts. 

Darunter leiden viele von Missbrauch durch Geschwister betroffene Personen, wie Prof. Dr. Esther Klees weiter ausführt. „Das macht es für sie natürlich schwierig. In vielen Gesprächen erlebe ich Situationen, in denen gesagt wird: am Anfang habe ich doch noch selbst mitgemacht und jetzt fühle ich mich mitschuldig! Es ist auch vielfach eine Strategie der Täter*innen, die den Betroffenen genau das dann vorwerfen. Zunächst wird versucht seine Bedürfnisse einvernehmlich zu befriedigen. Wenn das Gegenüber das nicht mehr will, kommt es zu Gewalt und Drohungen.“ 

Dieses Beispiel zeigt, dass auch missbrauchende Geschwister ähnlich manipulativ vorgehen, wie erwachsene Täter. „Es ist vergleichbar. Früher hat man sich noch nicht vorstellen können, dass auch Kinder und Jugendliche derart strategisch planen wie Erwachsene. Da wird geplant, wie man genau das erreicht, was man anstrebt. Wann sind die Eltern weg und wann habe ich Zeit dazu. Sie machen sich Gedanken darüber, wie sie vorgehen können und das auch schon im Alter von sieben bis neun Jahren. Sie unterscheiden sich auch bei der Intensität der Taten nicht so sehr von den Erwachsenen. Es gibt auch schwere Fälle sexualisierter Gewalt, beispielsweise wenn Jugendliche jüngere Geschwister im Babyalter vergewaltigen.“ 

Prof. Dr. Esther Klees schildert einen weiteren Umstand, der bei älteren Sexualstraftätern gleichfalls anzutreffen ist. „Aus der Arbeit mit erwachsenen Tätern weiß man, dass es bis zum Moment der Tat zu Fantasien kommt. Diese gibt es gleichfalls bei Heranwachsenden. Die stolpern ja nicht einfach ins Zimmer und missbrauchen ihre Geschwister. Sie machen sich auch Gedanken, wer sich besonders als Opfer eignet und wer von den Geschwistern am wenigsten verraten wird.“  

Dass bei dieser Form der sexuellen Gewalt Täter und Opfer in den meisten Fällen sehr eng familiär zusammenleben, macht und machte die Situation für Betroffene auf mehreren Ebenen kompliziert. 

Sowohl die ständige Verfügbarkeit des Opfers, als auch die permanente Anwesenheit des Täters sind Besonderheiten, auf die Prof. Dr. Esther Klees anhand eines Beispiels hinweist. „Ich erinnere mich an eine Klientin, die über Jahre von ihrem Vater, aber auch von ihrem Bruder missbraucht wurde. Sie sagte, dass der Missbrauch durch ihren Bruder für sie noch schwerer zu ertragen war, denn er war ja immer da. Der Vater war zwischenzeitlich auch arbeiten. Sie ist mit ihrem Bruder auf dieselbe Schule gegangen und ab mittags waren sie immer zusammen. Das Besondere an einer solchen Konstellation ist eben, dass die Täter*innen ihre Opfer so gut kontrollieren können, wie es bei außerfamiliären Kontakten nie der Fall ist.“   

Dennoch verbietet sich eine klassische Dichotomisierung nach Täter-Opfer-Muster. Denn Geschwister verbindet meist mehr, gerade wenn man sich die Verhältnisse ansieht, in denen sie aufgewachsen sind. 

„Neben den erwähnten, emotional abwesenden Eltern, haben die übergriffigen Kinder meist innerfamiliär viel Gewalt erlebt und sind oft selbst sexuell missbraucht worden.“ 

Ein in Fragen der Sexualität verklemmtes Elternhaus kann aber ebenso problematisch werden, wie ein Umfeld, welches Sexualität allzu offen auslebt. „Dann werden die Kinder mit einer Sexualität konfrontiert, die sie einfach überfordert. Ich hatte Fälle, in denen sich der Vater mit seinem sechsjährigen Sohn hinsetzt und mit ihm Pornofilme ansieht. Oder das Kind schläft über Jahre bei den Eltern im Bett, während sie Sex haben. Kinder lernen immer auch am Modell.“

„Sie wollen nicht, dass der Bruder oder sie selbst aus der Familie genommen werden. Sie wollen nur, dass die sexualisierten Übergriffe aufhören und sie als Familie weiterleben können.“

Prof. Dr. Esther Klees

Häufig tritt sexueller Missbrauch durch Geschwister ebenfalls in Patchwork-Familien auf, in denen Geschwister zusammenleben, die nicht von Geburt an gemeinsam aufgewachsen sind und in denen es, unter anderem, aufgrund der hohen Kinderanzahl, zu einer Vernachlässigung einzelner Kinder kommen kann.  

Verschiedenste Forschungsbefragungen von sexuell übergriffigen Jugendlichen, die in einer Einrichtung behandelt wurden aus dem Jahr 2009 (Kettritz & Kettritz) und 2016 (König) zeigen zudem, dass wenn einmal sexuell übergriffiges Verhalten entwickelt wurde, die jeweiligen Geschwister ebenfalls gefährdet sind. Ihnen zufolge hat die Hälfte der Jugendlichen, die an den Umfragen teilnahmen, auch oder ausschließlich eigene Geschwister sexuell missbraucht. Zudem zeigte sich, dass dieser Missbrauch sehr häufig stattfand und teilweise über Jahre andauerte. Stichwort: Verfügbarkeit von Geschwistern.

Schwarz-weiß Foto von Thorsten Kettritz. Er trägt eine brille und eine helle schlägermütze.
Dipl. Päd. Thorsten Kettritz, Foto: privat

Prof. Dr. Esther Klees fasste im Jahr 2018, in Herausgeberschaft mit ihrem Kollegen Torsten Kettritz, in dem Praxishandbuch Sexualisierte Gewalt durch Geschwister Forschungsergebnisse, Handlungsanweisungen und Praxisbeispiele aus dem Therapiealltag zusammen, um die Lücke in Forschung und Handlungspraxis bei sexualisierter Gewalt durch Geschwister etwas zu schließen. 

Die Herangehensweise, wenn ein Verdachtsfall von sexualisierter Gewalt durch Geschwister auftritt, sieht vor, dass der Fall als Kindeswohlgefährdung an das jeweilige Jugendamt herangetragen wird. Dann sollte eine ausführliche Diagnostik stattfinden. Im Idealfall werden dann Opfer, Täter*innen und Eltern der Familie Hilfsangebote zugeführt. Vorausgesetzt, die Familie ist bereit, sich ganzheitlich beraten zu lassen und die zuständigen Fachkräfte sind dementsprechend geschult. 

Prof. Dr. Esther Klees stellt im Rahmen ihrer Tätigkeit häufig leider das Gegenteil fest. „Das Problem ist, dass wir häufig auch in den Jugendämtern nicht allzu viel Fachwissen zu dem Thema vorfinden. Ich bilde ja auch Fachkräfte fort und da treffe ich oft auf Mitarbeitende von Jugendämtern, die über keinerlei oder nur sehr wenig Grundlagenwissen zu dem Thema verfügen. Sie können in Deutschland auch Soziale Arbeit studieren, ohne überhaupt mit dem Thema in Berührung zu kommen. Fachkräfte müssen hier konsequent geschult werden.“ 

Die Folgen von sexuellem Missbrauch durch Kinder und Jugendliche unterscheiden sich nicht von jenem, der durch Erwachsene ausgeübt wird. Die traumatische Erfahrung bricht sich beispielsweise in Form von posttraumatischen Belastungsstörungen, Depressionen oder Borderline im späteren Leben der Betroffenen Bahn. 

Was in der Familie passiert, bleibt geheim

Im Rahmen der Diagnostik sollte auch geprüft werden, ob eine vorübergehende Fremdunterbringung eines Kindes notwendig ist. Wenn es zu einer Trennung innerhalb der Familie kommt, kann es für die Opfer mitunter problematisch werden. 

„Die Beziehung zwischen den Geschwistern wird in vielen Fällen auch als sehr positiv wahrgenommen. Die sexualisiert übergriffigen Geschwister kümmern sich zugleich auch gut um ihre Geschwister. Einige Betroffene äußern beispielsweise, dass der übergriffige Bruder die einzige Person war, die sich um sie gekümmert hat – mit der sie viel Zeit verbracht haben. Auch daher fällt es vielen Betroffenen schwer, ihr Schweigen zu brechen. Sie haben die Sorge, ihr Bruder müsse dann in ein Heim oder ins Gefängnis und sie seien dann auf sich alleine gestellt. Eine Kollegin sagte einmal, dass die Betroffenen die Bürde des Familienglücks tragen. Die Aufdeckung der sexualisierten Gewalt hat erhebliche Auswirkungen auf das Familiensystem – die Betroffenen möchten jedoch einfach nur, dass die sexualisierte Gewalt aufhört. Sie möchten häufig nicht, dass der Bruder die Familie verlassen muss oder die Eltern Stress kriegen. Aber so einfach ist das Problem nicht zu lösen, denn die sexualisierte Gewalt muss als Ausdruck einer tiefer liegenden Familienproblematik verstanden werden.“                                               

Meist werden daher die Täter*innen in speziellen Einrichtungen für sexuell übergriffige Jugendliche therapiert oder das Opfer aus der Familie genommen. Die Eltern laufen in dem dann entstehenden Prozess mit. Idealerweise sollte, laut Prof. Dr. Esther Klees, gesondert auf alle drei Teile der Familie und deren System geschaut werden. 

„Die Arbeit mit den Familiensystemen ist sehr komplex. Die Aufdeckung wird zu Beginn der Arbeit von den Familienmitgliedern nicht als Entlastung erlebt. Verleugnungen, Bagatellisierungen, Schuldverschiebungen und Verantwortungsabwehr sind zunächst einmal ,natürliche‘ Reaktionen des Familiensystems. Damit alle Beteiligten an einem konstruktiven Familiengefüge arbeiten können, müssen sich die eingebundenen Fachkräfte im gesamten Hilfeprozess fortlaufend gut untereinander absprechen und eng kooperieren.“ 

Sowohl Eltern als auch Kinder haben meist gelernt, alles, was in der Familie geschieht, geheim zu halten. Diese Mauer des Schweigens gilt es im Sinne aller Beteiligten zu durchbrechen. Gerade im Falle der übergriffigen Jugendlichen kann sich dieser Prozess über mehrere Jahre ziehen. Prof. Dr. Esther Klees sieht es daher problematisch, dass einige Einrichtungen, wie exemplarisch das Gerhard-Bosch-Haus im rheinländischen Viersen, eine Strafanzeige zur Aufnahme fordern.

„Sexualisiert übergriffige Jugendliche haben häufig in ihren Familien gelernt, Familiengeheimnisse zu wahren. Unmittelbar nach einer Aufdeckung werden die sexualisierten Übergriffe auch daher sehr häufig abgestritten. Ein Schuldeingeständnis kann zu Therapiebeginn daher nicht erwartet werden. Es ist ja eine zentrale Aufgabe der Therapie, eine Verantwortungsübernahme zu erzielen.“ 

Opfern wird nicht geglaubt

Diplompädagoge Torsten Kettritz skizziert in der gemeinsam veröffentlichten Publikation mit Prof. Dr. Esther Klees ein Fallbeispiel eines Jungen und dessen Therapieverlauf. Zu Beginn äußerte der Junge mit zwölf Jahren noch: „Ich war mit meiner Schwester in der Bude. Da hat sie mich gefragt, ob ich ihre Scheide sehen will. Da hatte ich ein bisschen Angst, habe aber ja gesagt.“ 

Im weiteren Verlauf der Therapie verändern sich die Aussagen zu: „Dann ist es irgendwie dazu gekommen, dass ich meiner Schwester die Hose heruntergezogen und verbotenen Sex gemacht habe“, hin zu: „Ich habe gefragt, wollen wir Sex machen?“ Die Verantwortungsübernahme folgte erst mit dem Satz „Ich habe sie gezwungen“, nach einer Therapiezeit von 21 Monaten und verdeutlicht die Komplexität des Prozesses. Das Opfer wird parallel dazu durch Opferberatungsstellen und therapeutische Gespräche betreut. Vielfach erfolgt die Verantwortungsübernahme in Form eines Briefes an das Geschwister. Einige Therapeuten nutzen auch ein gemeinsames Gespräch. „Hier muss sich aber gut abgestimmt werden –  ähnlich wie bei Überlegungen eine Strafanzeige einzuleiten. Manchmal ist dies auch für das betroffene Kind in der Situation nicht förderlich.“ 

Manchen Betroffenen von sexualisierter Gewalt durch Geschwister wird zeit ihres Lebens nicht geglaubt, wie Prof. Dr. Esther Klees anhand eines Erfahrungsberichts einer Betroffenen verdeutlicht. „Nach einem von mir gehaltenen Vortrag kam eine bereits 90-jährige Dame auf mich zu, reichte mir die Hand und sagte mir unter Tränen: ‚Sie sind die erste Person in meinem Leben, die mir meine Geschichte glaubt.‘ Später schrieb sie mir noch einen rührenden Brief, in dem sie nochmals verdeutlichte, wie unwahrscheinlich wichtig ihr das war. Viele Betroffene zweifeln dann auch an sich selbst und denken, es ist vielleicht doch nicht passiert, wenn alle anderen um sie herum bagatellisieren. Insofern ist die Verantwortungsübernahme durch die Täter*innen unwahrscheinlich wichtig.“ 

Um Fälle von sexualisierter Gewalt durch Geschwister zu verhindern und in einem solchen Fall besser behilflich zu sein, hält Prof. Dr. Esther Klees abschließend verschiedenes für notwendig. 

„Eine sexualpädagogische Begleitung ist grundsätzlich wichtig. Dass Kinder ihre Körperteile benennen können, sie ihre Rechte kennen und wissen, was sie dürfen und was nicht. Wenn Kinder gar nicht wissen, wie sie ihre Scheide oder ihren Penis benennen sollen, da sie diese Begriffe zu Hause gar nicht aussprechen dürfen, wird das Sprechen über sexualisierte Gewalt schwierig. Es wäre natürlich gut, wenn dies eine Selbstverständlichkeit wäre, aber das ist es bis heute leider nicht. Zudem wäre es gut, wenn es ein flächendeckendes Netzwerk an Hilfsangeboten geben würde. Ob und wie Opfer sexueller Gewalt durch Geschwister und auch die Täter Hilfe bei ihrer Entwicklung erhalten, ist in Deutschland immer noch zu stark vom Wohnort der Kinder abhängig.“

Dieser Text entstammt der 38. Ausgabe (Dezember 2020) des caput-Magazins.

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5 Antworten

  1. Ich würde von drei Männern mißbraucht. Vom Bruder. Stiefvater und vom Nachbarn. Aber mich hat meinr Familie ausgegrenzt, weil ich nach Jahrzehnten endlich den Mund aufgemacht habe. Alle haben die ganzen Jahre geschwiegen.

  2. Danke für diesen Text. Ich wurde als Kind auch von meinen älteren Bruder missbraucht. Erst Jahrzehnte später kann ich darüber sprechen. Das Thema “Missbrauch unter Geschwistern” muss an die Öffentlichkeit, damit so etwas nicht weiter im Geheimen statt finden kann.

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