Gesucht: Sprachpolitik mit Behinderung

eine straße. auf dem asphalt steht stopp und es gibt straßenschilder auf denen auf englisch steht one way
Foto: Hans M | Unsplash
Lesezeit ca. 5 Minuten

Cripplaining? Abledsplaining? Es kann nicht sein, dass Nichtbehinderte die Sprache zu Behinderung prägen. Wir brauchen eine neue Sprachpolitik, meint Steven Solbrig.

Eigentlich haben mir den überwiegenden Teil meines Lebens nichtbehinderte Menschen erklärt, was es heißt „behindert zu sein“. Vor knapp 30 Jahren wurde ich in der ehemaligen DDR als „schwerbeschädigt“ in die „Pflegestufe III“ eingeteilt und das wegen einer „Anomalie an der rechten Hand“, so der O-Ton der DDR-Diagnose. Nach der „Wende“ waren sich die Gesundheitsbehörden bzgl. meines „Schadens“ nicht mehr so sicher. Bis 2018 folgte ein On/Off bezüglich meines Grads der Behinderung. Aufgrund jener körperlichen Beeinträchtigung, viel mehr wegen den nicht immer gemachten positiven Erfahrungen innerhalb der Mehrheitsgesellschaft, definiere ich mich jedenfalls vehement als Person mit Behinderung. Auch wenn das offenbar nicht immer jede*r versteht.

Seit vier Jahren arbeite ich im Kulturbereich zur Umsetzung des Inklusionsbegriffs. Kürzlich nahm ich an einem Fachtag zu Barrierefreiheit in einem renommierten Museum teil. In ihrer Eröffnungsrede bilanzierte die Museumspädagogin des Hauses, dass sie nach 20 Jahren der Arbeit „mit Behinderten zwar sehr genau wisse, worauf es in puncto Zugänglichkeit bei denen ankäme.“ Aber Barrierefreiheit für alle, das wird es aus ihrer Erfahrung heraus nie geben! Doch darf eine nichtbehinderte Person dies einfach so behaupten? Nein, darf sie nicht.

Braucht es ein politisches Handeln?

Gegenwärtig mache ich immer noch die Erfahrung, dass in vielen Bereichen des Lebens ausschließlich Nichtbehinderte mit ihren eigenen Worten über ihre Erfahrungen mit Behinderung sprechen, sogar wenn behinderte Menschen anwesend sind. Oft macht es mich sprachlos. Darum: Braucht es eine Sprachpolitik in puncto Behinderung? Braucht es ein politisches Handeln, seitens Menschen mit Behinderung, das durch die Sprache schließlich das Handeln aller verändert, besonders den Umgang mit Menschen mit Behinderung? 

Was wäre, wenn es einen äquivalenten Begriff zum Mansplaining für die Dimension Behinderung gäbe? So ein Bonmot, das Nichtbehinderten vergegenwärtigt, dass sie einer Person mit Behinderung wieder einmal die Behinderung inklusive der dazu gehörigen Diskriminierungserfahrung erklären, always mit guter Absicht? Sie können schließlich nichts dafür, dass sie das mit dem „behindert-sein“ viel besser wissen als die, über die sie reden, meinen sie jedenfalls. Wie wäre es mit Cripplaining? Oder Abledsplaining?

Wörter auf Augenhöhe?

Neu ist das alles nicht. Denn seit 1970 versuchen die Akteur*innen des Disability Rights Movement und die der wenig später entstandenen Disability Studies gegen den immer noch gängigen medizinischen Blick auf Behinderung und den daraus resultierenden Ableismus innerhalb der Gesellschaft zu wirken. Dass in der Gesellschaft über Behinderung vermehrt als soziales Modell gesprochen wird, ist ein Ergebnis ihrer jahrelangen Arbeit. Dennoch sind sie auch heute noch da, die abwertenden Klischees, auch in den deutschen Medien.

Deshalb offeriert seit 2012 das Projekt Leidmedien.de Journalist*innen Tipps, unter anderen mit einem Wörterbuch für „eine Berichterstattung über behinderte Menschen auf Augenhöhe“. Das ist nämlich oftmals so eine Sache. Vor allem weil Behinderung immer allerhand Projektionsfläche bietet. Darum lancierte 2014 Stella Young den viel beachteten Begriff des Inspiration Porn, der das Beziehen nichtbehinderter Personen auf das vermeintliche „Leid“ „Behinderter“ zur eigenen Überhöhung markiert.

Mit Crip washing entlehnte 2015 die spanische Politikwissenschaftlerin Melania Moscoso Pérez dem Gender ihr Pinkwashing und versuchte mit diesem u.a. die Schönfärberei hinsichtlich des voranschreitenden Sozialabbaus seitens des spanischen Staates sprachlich zu fassen. Wie *mensch an diesen ganzen „Washings“ bemerkt, wird ziemlich viel Reinwaschung betrieben in der Arbeit mit marginalisierten Gruppen.

Crip? Crip Theory? Cripplaining?

Aber das Wort „Crip“, das klingt wenig positiv, oder? Das mag womöglich daran liegen, dass sich Moscoso in ihrem Aufsatz wenig um eine begriffliche Positivbesetzung des Präfix „Crip“ bemüht. Durch z.B. fehlende Verweise auf die Geschichte der deutschen Krüppelbewegung wird Leser*innen nicht klar, dass das deutsche Äquivalent „Krüppel“ einst als selbstbestimmte politische Position der 1970er verstanden werden sollte. Moscoso erklärt leider auch nicht, dass sich seit Anfang 2000 Vertreter*innen der US-amerikanischen Community für eine stärkere Sichtbarmachung der Verbindungen innerhalb der Dimensionen Behinderung, Sexualität und Gender einsetzen, aus der sich die Crip Theory entwickelte. Der „Crip“ – Begriff leitet sich bewusst vom englischen „Cripple“ ab, mit dem verbal politischen Ziel, den in der Vergangenheit entwürdigen Terminus positiv zu besetzen.

White Tears, „Abled Tears“: kulturelle Aneignung und Abledsplaining?

Wo wir schon dabei sind: Wie wäre es mit dem Begriff der „Abled Tears“, entlehnt vom Begriff der White Tears, der den Gestus sprachlich markiert, wenn Weiße sich wieder einmal über Klagen von People of Color beschweren und damit Alltagsrassismus übersehen? Vielleicht ließe sich mit „Abled Tears“ evtl. die ableistische Haltung in Aussagen à la „Wir sind doch alle irgendwie behindert“ von Nichtbehinderten markieren, die damit mehr oder minder bewusst die strukturellen Diskriminierungen von Menschen mit Behinderung ignorieren?

Aber Cripplaining, Steven dein Ernst? „Crip“ scheint wenig sprachlich empowerned, oder? Welche Person mit Behinderung in Deutschland nennt sich derzeit selbstbewusst (wieder) Krüppel*in? Und müsste es nicht eher Abledsplaining heißen? Würde das nicht die herablassenden Erklärungen Nichtbehinderte*r, entlarven, die davon ausgehen, sie wissen mehr über Behinderung als die Person mit Behinderung, über die gesprochen wird? Davon ab: Sind diese ganzen Anglizismen nicht auch Barrieren?

„Krank“ und „behindert“ – Schimpfwörter sind ableistisch

Gesellschaftlich sind wir weit entfernt über Behinderung aware zu talken. Unsere Sprache wird gerade kranker. Abartig? Behindert? Krank? – Alltagssprache. Ist das jetzt schon behindertenfeindlich?

Es scheint zumindest auffällig, dass einige Stimmen angesichts der sich häufenden rechtsextremen Gewalt allmählich von ihrer lebensgefährlichen Erzählung der „rechten Einzeltäter“ abrückt und diese nun als „geistig verwirrt“, „verrückt“ oder als „geisteskrank“ stilisiert. Wir erklären uns durch Diagnosen oftmals die Welt. Aber pathologisiert diese verkürzte Wortwahl nicht menschenverachtende Taten mit konkreten politischen Zielen? Kann eine Person unfreiwillig zum „Rechtsterroristen“ werden?

In meiner Jugend wurde mir manches Mal von Dorfnazis nach geschrienen, dass solche wie ich 1933 sonst wo gelandet wären. Opfer der Euthanasie waren auch Menschen mit Behinderung. Müssen wir angesichts rechtsgerichteter Zeiten nicht gerade deshalb sprechen, uns einmischen, egal oder gerade wegen unserer eigenen Dimension? Als ausgesprochenes Zeichen der Vielfalt!

And now? Come on, Gesellschaft!

Eine Gesellschaft, die inklusiv sein will, muss deshalb auch Behinderung im Wort und in ihrer Stimme sichtbar machen. Und vielleicht beginnt das bei jede*m selbst, mit der Frage: Wo fängt Behinderung eigentlich in meiner Sprache an und was macht sie da? Warum finde ich eventuell sogar das „behindert“ zum Schimpfwort taugt?

Cripplaining hin, Abledsplaining her, sicher ist ein Begriff nicht das Schlechteste, der ausgesprochen, allen Gesprächsteilnehmenden verdeutlicht, dass Nichtbehinderte über Behinderung sprechen, ohne anwesende Personen mit Behinderung wirklich mit ins Gespräch einzubeziehen und sie so unsichtbar machen.

Doch braucht es nicht gerade jetzt in solch Krisenzeiten Worte, die zu Verständnis und zur Solidarität führen? Auch Begriffe, die von Menschen mit Behinderung, von ihren Erfahrungen geprägt werden? Ihre Erzählungen sind hierfür fraglos förderlich. Sie können bereichern.

Ob als Sprachpolitikchen oder Politikum, um Behinderung gesellschaftlich sichtbar zu machen, braucht es eine selbstbewusste, vielfältig organisierte Position mit Behinderung, die sich auch fern der Sprache Widerständen und Konflikten stellt und darüber hinaus ihre Themen innerhalb der Gesellschaft platziert. Dazu muss diese jedoch auch gewillt sein, sich nicht nur in der Sprache des verinnerlichten Ableismus‘ bewusst zu werden. Denn hinter dem steht letztlich eine zutiefst menschenfeindliche Körperpolitik.

Und auch wenn die Folgen des Coranavirus noch nicht abzusehen sind, scheint dieser eins zu verdeutlichen: The Körper is still a battlefield. In solch pandemischen Zeiten wird uns unweigerlich wieder einmal bewusst, wie verletzlich, wie angreifbar er ist. Und könnte das Wort Inklusion nicht doch schneller für uns alle relevant werden, als *mensch denkt? Lasst uns eine Sprache finden, angemessen darüber zu reden.

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2 Antworten

  1. Ich danke dir sehr für diesen tollen Text. Ich bin Mutter von 3 Kindern, die Jüngste von denen ist mit Spina Bifida auf die Welt gekommen und durch diese neue Rolle, versuche ich so bewusst, wie ich nun kann (als Mensch ohne Behinderung), eine Sprache anzuwenden, die respektvoll und menschlich ist. Und die klar macht, dass ich nicht für meine Tochter sprechen kann, sondern nur von meiner Perspektive. Danke für deine “Brille” und für die Kraft in deine Worte.

  2. Danke für diesen wichtigen Text, der mich, die ich als Nichtbehinderte im Bereich Inklusion arbeite, sehr angesprochen hat und eine zentrale Frage zwar nicht beantwortet, dafür jedoch viele wichtige Denkanstöße gibt: Wie kann ich mich als Nichtbehinderte für Inklusion einsetzen, ohne dabei “abledplaining” zu betreiben? Die Frage wird mich nach diesem Text verstärkt umtreiben – zu Recht!

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