Queer und Behindert: Barrieren einer aufgeschlossenen Szene

Ein älterer Mann hält auf einer Demonstration eine Regenbogenfahne in der Hand und lächelt in die Kamera.
Die queere Community ist für viele Menschen offen. Auch für Menschen mit Behinderung? | Foto: Andrea Linss | Gesellschaftsbilder.de
Lesezeit ca. 12 Minuten

Auch in der queeren Szene stoßen Menschen mit Behinderung auf viele Barrieren. Konrad Wolf lässt in seinem Bericht drei Betroffene zu Wort kommen, die über Outing, Vorurteile und ihre Erfahrungen als queere Menschen mit Behinderung berichten.

Einfache Sprache

In diesem Artikel geht es um queere Menschen. Was sind queere Menschen? Queer bedeuet: Bi-sexuelle, lesbische, schwule, trans, intersexuelle und asexuelle Menschen. Also alle Menschen, die sich nicht vom anderen Geschlecht angezogen fühlen. Sie alle bilden eine Gemeinschaft: Die queere Gemeinschaft.

Wir haben drei queere Menschen gefragt: Wie barrierefrei ist diese Gemeinschaft? Wie geht es euch als Menschen mit Behinderung in der Gemeinschaft?

Ash ist trans und hat uns gesagt:

Schade ist: Es gibt wenig Orte, an denen man queere Menschen treffen und kennenlernen kann. Und es gibt noch viele Barrieren. Einige Barrieren werden schon manchmal mitgedacht. Zum Beispiel Rampen damit Rollstuhlfahrer in Räume kommen. Aber viele andere Barrieren werden noch nicht bedacht.

Karl-Ernst ist schwul und hat uns gesagt:

Er leitet eine Gruppe mit schwulen Menschen mit Behinderung. Viele Menschen haben noch Vorurteile gegen schwule und gegen behinderte Menschen. Das verunsichert die Männern in seiner Gruppe. Er sagt auch: Viele Orte sind nicht barrierefrei.

Stefan ist schwul und hat uns gesagt:

Viele Dinge in der queeren Gemeinschaft kosten Geld. Wegen seiner Behinderung hat Stefan nur sehr wenig Geld. Er fühlt sich ausgeschlossen.

Der Begriff Queer stammt aus dem Englischen und lässt sich mit „seltsam“, „merkwürdig“ oder „komisch“ übersetzen. Früher wurde der Begriff als Schimpfwort gegenüber lesbischen und schwulen Menschen verwendet. Heute haben ihn Menschen, die in ihrer sexuellen Orientierung von der heterosexuellen Norm abweichen und/oder denen bei der Geburt ein falsches Geschlecht zugeschrieben wurde, als emanzipative Selbstbezeichnung reclaimt – das heißt zurückerobert. Der Begriff wird immer häufiger als Sammelbegriff für lesbische, schwule, bisexuelle, trans, asexuelle und intersexuelle Menschen sowie Menschen mit anderen queeren Identitäten verwendet. Zusammenfassend wird von queeren Menschen oder von der queeren Community als synonymer Begriff für die LGBTIQA+-Community gesprochen.

Nach Zahlen des Umfrage-Unternehmens Dalia identifizieren sich 7,5 Prozent der deutschen Bevölkerung als lesbisch, schwul, bisexuell oder trans*. Darüber wie viele dieser Menschen mit einer Behinderung leben, liegen keine offiziellen Zahlen vor. Die Studie „Queeres Leben in Bayern 2020“, durchgeführt von der bayerischen Landtagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen und der Hochschule Landshut, fand allerdings heraus, dass „körperlich und/oder psychisch beeinträchtigte queere Menschen signifikant häufiger von Diskriminierungserfahrungen betroffen“ sind. 264 der insgesamt 876 Teilnehmer*innen der Online-Befragung waren Personen mit einer körperlichen und/oder psychischen Behinderung. Während 48 Prozent aller Teilnehmer*innen der Studie angaben, „Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung und/oder Geschlechtsidentität erlebt“ zu haben, lag ihr Anteil unter den behinderten Teilnehmer*innen der Studie sogar bei 57 Prozent. Die Studienautor*innen kommen zu dem Fazit, „dass es unter queeren Menschen in Bayern besonders vulnerable Gruppen gibt“. Eine dieser besonders vulnerablen Gruppen sind der Studie zufolge Menschen mit Behinderung. Die Autor*innen der Studie halten fest, dass es wichtig sei, „Angebote und Konzepte zu entwickeln, die die spezifischen Bedingungen queerer Menschen berücksichtigen“.

Was sind diese spezifischen Bedingungen queerer behinderter Menschen? Wir haben drei queere Menschen, die mit unterschiedlichen Behinderungen leben, nach ihren Erfahrungen beim Outing, bei der Partner*innensuche und in der queeren Community befragt. Hier sind ihre Erlebnisse:

Ash, 32 Jahre alt

lebt mit der Myalgischen Enzephalomyelitis (= chronisches Erschöpfungssyndrom), einer neuroimmunologischen Erkrankung: „Gerade gegenüber Ärzt*innen bin ich vorsichtig“

Bereits in der Grundschule habe ich bemerkt, dass ich trans bin. Ich habe damals viele Kinderbücher gelesen und mir fiel auf, dass ich mich immer mit den Jungen in der Geschichte identifiziere, nicht mit den Mädchen. Aber damals kannte ich das Wort „trans” noch gar nicht. Als ich es später kennengelernt habe, dachte ich zunächst, ich könne gar nicht trans sein, weil ich meinen Körper oder Teile davon zeitweise auch ganz cool fand.

Erst im Kontakt mit anderen trans Menschen habe ich erfahren, dass es tatsächlich total vielen von uns so geht, dass sie sich nicht 24 Stunden an sieben Tagen in der Woche „im falschen Körper fühlen“. Das ist in erster Linie eine Vorstellung, die cis Menschen von uns haben. Ich habe trans Menschen kennengelernt, die ihren Körper an sich gar nicht ablehnen, sondern nur die falschen gesellschaftlichen Zuschreibungen, die mit ihm verbunden sind. Der Austausch mit anderen trans Personen hat mir bestätigt: Trans ist definitiv das richtige Wort, um mich zu beschreiben.

Mein erstes Outing hatte ich 2015. Ich habe mich damals über meinen Blog geoutet, dann ein neues Facebook-Profil angelegt und dort den Beitrag verlinkt. Ich wollte mich nicht jeder Person einzeln gegenüber outen. Mit einigen langjährigen Freund*innen habe ich natürlich persönlich gesprochen. Die meisten Reaktionen waren sehr positiv und wertschätzend. Wirklich überrascht war keine*r. Viele waren genauso froh wie ich, einige meiner Reaktionen und Verhaltensweisen jetzt besser einordnen zu können. 

Ich oute mich aber nicht in jedem Lebensbereich oder jeder Person gegenüber. Gerade gegenüber Ärzt*innen bin ich vorsichtig und verzichte in der Regel auf ein Outing, weil es für mich mit einer relativ unbekannten Erkrankung, die bisher noch kaum erforscht ist, ohnehin schon schwer ist, kompetente Mediziner*innen zu finden. Bei den Wenigen, die ich finde, will ich dann lieber nicht so genau wissen, ob sie irgendwelche altmodischen Vorstellungen von Geschlechtern haben.

Meine Partner*innen lerne ich meistens online kennen, in der Regel eher zufällig über Twitter. Das liegt daran, dass Freizeitaktivitäten, die andere Menschen in meinem Alter außerhalb einer Pandemie unternehmen, für mich größtenteils nicht barrierefrei sind. Ich kann keinen Sport treiben oder tanzen gehen. Allein schon die Geräuschkulisse bei größeren Veranstaltungen ist an vielen Tagen eine Barriere für mich. Es gibt sehr selten Tage, an denen ich an Veranstaltungen vor Ort teilnehmen könnte. Und wenn ich es tue, muss ich damit rechnen, danach mehrere Tage komplett flach zu liegen. Selbst jemanden spontan zum Kaffee zu treffen, ist für mich die meiste Zeit unmöglich. Aufgrund der starken Fatigue, einer chronischen Müdigkeit, und anderer Symptome meiner Krankheit muss ich sehr viel Zeit im Bett verbringen. Außerdem fehlen in dem kleinen Ort, in dem ich lebe, queere Offline-Räume, um jemanden kennenzulernen. 

Wenn es sie gäbe, würde ich mir wünschen, dass sie barrierefrei wären. Und zwar für Menschen mit ganz unterschiedlichen Behinderungen: Manche Menschen brauchen einen ebenerdigen Eingang. Manche brauchen gut beleuchtete Räume oder nicht-flackerndes Licht. Für andere widerum ist es wichtig, dass Stufen und Stolperfallen gut markiert sind. Und für wieder andere kommt es darauf an, dass es ausreichend Sitzmöglichkeiten gibt.

Wenn Leute behinderte Menschen überhaupt mitdenken, denken sie oftmals höchstens daran, Räume für Rollstuhlfahrer*innen zugänglich zu machen. Deswegen sind die meisten Orte weder barrierefrei noch barrierearm. Die queere Szene ist da leider bisher keine Ausnahme.

Oftmals beobachte ich, dass Leute total achtsam und aufgeklärt sind, was trans-bezogene Themen angeht, aber die Bedürfnisse von behinderten Menschen nicht mitdenken – zum Beispiel, wenn sie ihre Bilder ohne Alternativtexte und ihre Videos ohne Untertitel hochladen, Treffen in Räumlichkeiten organisieren, die nur über Treppen erreichbar sind, nicht an Ruheräume denken oder in Situationen, in denen etwas transfeindlich und behindertenfeindlich ist, nur die Transfeindlichkeit benennen. Auf der anderen Seite begegnen mir Menschen, die in den Themen Inklusion und Ableismus total bewandert sind, sich aber transfeindlich äußern – zum Beispiel, indem sie bestimmte körperliche Merkmale mit einem bestimmten Geschlecht verknüpfen. Ich habe den Eindruck, dass Menschen wie ich, die von mehreren Diskriminierungsformen betroffen sind, nur selten als Ganzes gesehen werden, sondern in meinem Fall: Entweder als behindert oder als trans. Ich bin aber nicht nur manchmal behindert und manchmal trans, sondern immer behinderter trans Mensch.

Karl-Ernst, 70 Jahre alt

lebt mit einer altersbedingten Gehbehinderung: „Je offener ich mit meinem Schwulsein gelebt habe, desto besser ist es mir gegangen“

Lange Zeit lebte ich als Hetero-Mann in einer Ehe mit zwei Kindern. Doch dann geriet alles ins Wanken, als ich mit 28 Jahren beruflich in Frankfurt auf einer Messe war. Ich war damals selbstständig im Bürofachhandel tätig. Am Abend nach Messeschluss lief ich durch die Frankfurter Innenstadt. Ich kam an einem Gay-Kino vorbei. Mich interessierten die Typen, die dort am Eingang herumstanden. Ich ging rein, schaute mir mehrere Filme an und wurde von einem Mann angesprochen und verführt.

Noch am selben Abend fuhr ich nach Hause, zu meiner Frau und meinen Kindern. Denen erzählte ich nichts von meinem Erlebnis. Und auch die nächsten zwölf Jahre erzählte ich ihnen nichts. Ich wollte mein Familienleben nicht in Frage stellen. Außerdem fürchtete ich um den Verlust meiner beruflichen Existenz. Deswegen lebte ich meine sexuelle Orientierung in den folgenden Jahren zunächst im Geheimen aus. Ich kam durch meinen Beruf viel herum, musste Messen oder Hersteller*innen von Büroartikeln besuchen. Auf diesen Dienstreisen hatte ich einige Begegnungen mit Männern, die ich in der Szene traf. Sie waren jedoch zunächst vor allem rein sexuell. Doch dann begegnete ich mit 38 Jahren einem Mann, gegenüber dem ich Gefühle zuließ und in den ich mich verliebte. Da war mir klar: Jetzt kann ich es nicht mehr verheimlichen. Außerdem spürte ich, wie meine Frau zunehmend misstrauisch wurde, warum ich manchmal plötzlich weg war oder später als geplant nach Hause kam.

Es kam zur Aussprache: Ich outete mich zuerst gegenüber meiner Frau, dann gegenüber meinem Sohn und meiner Tochter. Es folgte die Trennung. Natürlich war diese für meine Kinder schwer – sie waren damals zehn und 13. Aber sie haben unsere Trennung dennoch unterstützt, weil sie gesehen haben, dass es keinen Kompromiss geben konnte. Für mich war klar: Ich wollte und konnte das Leben als schwuler Mann nicht mehr aufgeben.

Seit 23 Jahren lebe ich nun auf Sylt. Ich fand hier nicht nur eine neue berufliche Perspektive, sondern auch Akzeptanz als schwuler Mann. Auf Sylt fühle ich mich sehr wohl. Ich kann meine sexuelle Orientierung offen leben, auch durch meine Mitarbeit in der AIDS-Hilfe vor Ort. Die gesellschaftliche Atmosphäre hier ist sehr offen. Die Leute kennen und akzeptieren verschiedene Lebensweisen. Es kommen viele schwule Männer nach Sylt, um hier Urlaub zu machen.

Seit 15 Jahren bin ich offiziell schwerbehindert: Im Laufe der Jahre hat sich bei mir eine Lendenwirbelsäulen- und Halswirbelsäulendegeneration entwickelt. Dazu habe ich noch eine Polyneuropathie: Ich gehe unsicher und mit Schmerzen. Ich bin deshalb nicht mehr so viel unterwegs wie früher. Aber an meinem Leben als schwuler Mann hat die Behinderung nichts verändert. Ich habe nicht nur einen stabilen schwulen Freundeskreis, sondern lebe auch mit einem festen Partner.

2013, als ich in Rente ging, kam ich in Kontakt mit einer Gruppe von schwulen Männern mit Behinderung, die sich regelmäßig in Hamburg treffen. Ich fühlte mich auf Anhieb sehr wohl in dieser Gruppe. Noch im selben Jahr verlor die Gruppe ihren Leiter und man betraute mich mit dieser Aufgabe. Seitdem habe ich viele Einblicke in die Lebenswelt von anderen Menschen mit Behinderungen bekommen. Ich habe gemerkt, wie schwierig es für Menschen mit Behinderung ist, ihre Sexualität zu leben, weil es für sie aufgrund mangelnder Barrierefreiheit von Kneipen, Kinos, Saunen und anderer queerer Orte schon schwierig ist, überhaupt mit möglichen Partner*innen in Kontakt zu kommen.

Ich gehe mit der Gruppe hin und wieder in die queere Szene Hamburgs, damit die Männer in Kontakt kommen zu anderen schwulen Männern. Aber die entsprechenden Clubs und Bars sind baulich häufig nicht auf Besucher*innen mit Behinderung ausgerichtet. Sie sind sehr klein, eng und in alten Häusern. Bevor ich mit der Gruppe ausgehe, muss ich jedes Mal sehr gut planen und in der entsprechenden Location anrufen: „Kommen wir bei euch mit den Menschen im Rollstuhl rein?“, „Kommen wir bei euch mit den Männern rein, die eine Gehbehinderung haben?“ Andere Clubs scheiden aufgrund der Lautstärke aus, da wir auch Männer mit einer Hörbehinderung in der Gruppe haben. Etwa 70 Prozent der queeren Clubs und Bars in Hamburg können wir aufgrund von Barrieren nicht besuchen – oder es kann eben nur ein Teil unserer Gruppe hingehen.

Neben den baulichen Barrieren stoßen wir schwulen Männer mit Behinderung auf Barrieren in den Köpfen der Menschen. Seitdem ich die Gruppe leite, ist mir aufgefallen, wie sehr behinderten Menschen ihre Sexualität abgesprochen wird. Einige Männer in meiner Gruppe müssen sich regelmäßig anhören: „Du bist ja nur schwul geworden, weil du keine Frau gefunden hast.“ Solche Sprüche bewirken, dass einige von ihnen ihre sexuelle Orientierung lieber verbergen. Ich weiß von früher, wie anstrengend und schmerzhaft es ist, die eigene sexuelle Orientierung zu verstecken.

Darum ist mir die Öffentlichkeitsarbeit zu dem Thema so wichtig. Unsere Gruppe ist in Hamburg bei einem Verein angesiedelt, der einmal im Monat eine Zeitung herausgibt. Diese Zeitung hat schon mehrere Male über unsere Gruppe berichtet. Ich finde: Es muss Transparenz in unser Leben kommen. Je offener ich mit meinem Schwulsein gelebt habe, desto besser ist es mir gegangen – mit mir selber und mit meiner Umwelt. Diese Erfahrung gebe ich auch an andere Männer weiter.

Stefan, 40 Jahre alt

lebt mit einer psychischen Behinderung: „Kann ich mir die Party überhaupt leisten?“

Mit 19, kurze Zeit nach meinem ersten Sex mit einem Mann, outete ich mich gegenüber meiner Mutter. Mir war es wichtig, vor meiner Kernfamilie zu mir stehen zu können. Zu meinem Vater hatte ich nicht das Verhältnis, um es ihm sagen zu können. Ich sagte meiner Mutter, wenn ich irgendwann mal mit jemandem zusammen sein würde, wäre es ein Mann. Meine Mutter brach in Tränen aus. Sie war erschüttert. Und sie hatte vor allem Angst vor der Reaktion meines Vaters.

Damals lebte ich schon in einer eigenen Wohnung, etwa 40 Kilometer von meinen Eltern entfernt. Ein paar Tage, nachdem ich mich ihr gegenüber geoutet hatte, rief mich meine Mutter an. Im Hintergrund hörte ich meinen Vater. Er sagte meiner Mutter, was sie mir ausrichten solle: Dass er entsetzt sei. Dass es eine Unverschämtheit sei, dass ich schwul sei – dass ich mir das erlauben würde. Dass er sich Sorgen darüber mache, was die Nachbarschaft denken könnte. Und darüber, dass ich mir HIV einfangen könnte. Zum Schluss des Telefonats ließ er mir mitteilen: „Der Kontakt ist jetzt abgebrochen.“

Ich fühlte mich total abgeschnitten – von der einen auf die andere Sekunde. Bis zu diesem Telefonat war ich etwa jede zweite Woche bei meinen Eltern gewesen, um meine Wäsche zu waschen. Auch das sei jetzt nicht mehr möglich, ließ mir mein Vater ausrichten. Die Wäsche war mir egal. Aber: Jede zweite Woche mit meiner Wäsche zu meinen Eltern zu fahren, war ein wichtiges Ritual für mich gewesen, mit ihnen in Kontakt zu bleiben. Damit war nun Schluss. In den folgenden Jahren telefonierte ich zwar ab und zu mit meiner Mutter, aber wir trafen uns nicht mehr. Mein Vater wechselte die nächsten fünf Jahre kein einziges Wort mit mir. Erst durch mein Psychiatrieaufenthalt Jahre später sollte sich das Verhältnis zu meinem Vater wieder bessern.

Mit 21 entwickelte sich eine paranoide Schizophrenie bei mir. Sie begann als ein Verfolgungswahn, den ich auf meinen Vater projizierte. Ich hatte Angst davor, dass mein Vater mir etwas antun würde. Ich hatte keine konkrete Angst, wie etwa dass mein Vater mir Gift ins Essen mischen könnte. Es war ein generalisiertes Verfolgungsgefühl. Dieses Verfolgungsgefühl steigerte sich in den nächsten Jahren immer mehr und machte mich sehr krank. Ich entwickelte Fehlwahrnehmungen. Wenn ich abends im Dunkeln die Straße entlang ging und mir jemand auf der gleichen Straßenseite entgegen kam, musste ich die Straßenseite wechseln. Selbst auf der anderen Straßenseite hatte ich noch das Gefühl, dass mich die andere Person anrempeln würde. Neben diesen haptischen und taktilen Fehlwahrnehmungen hatte ich auch optische Fehlwahrnehmungen. Die Haustür meiner Wohnung besitzt einen Türspion. Vor diesem hatte ich große Angst. Ich bildete mir ein, wenn ich durch den Türspion schauen würde, sähe ich auf der anderen Seite der Tür im Dunkeln ein Wesen mit glühend roten Feueraugen.

Der Höhepunkt meiner Schizophrenie war ein sogenannter Stupor, den ich im Alter von 25 Jahren hatte: Ich lag damals wie gelähmt im Bett, teilweise tagelang. Ich war innerlich wie gefangen, wie eingefroren, wie vereist. Ich war auf ein Minimum an Fähigkeiten, Tätigkeiten und Reaktionen reduziert. Die Folge war, dass ich stationär behandelt werden musste.

Ich studierte damals Lehramt. Ich wollte Realschullehrer werden. Hätte ich mein Studium wie geplant fortsetzen können, wäre ich heute schon seit einigen Jahren verbeamtet und finanziell sicher aufgestellt. Aber durch die Schizophrenie war ich irgendwann überhaupt nicht mehr studierfähig und musste mein Studium abbrechen. So verlief meine Erwerbsbiografie schwierig. Ich stand in meinem Leben für bestimmte Phasen immer wieder ohne Geld da. Einem Menschen im Rollstuhl sind unter anderem Stufen im Weg. Ich komme so gut wie über jede Schwelle und dennoch stand ich im Laufe meines Lebens immer wieder vor Barrieren: Vor finanziellen Barrieren. Wenn ich auf eine queere Party gehen wollte, musste ich mich vorher ganz oft fragen: Kann ich mir die Party überhaupt leisten? Es gab Phasen in meinem Leben, in denen ich mir noch nicht einmal den Strohhalm in der Cola hätte leisten können.

In meinen sexuellen Begegnungen und Partnerschaften mit anderen schwulen Männern, habe ich bisher keine Diskriminierungserfahrungen machen müssen – allerdings in der organisierten schwulen Community. Vor einigen Jahren meldete ich mich in einem nicht-kommerziellen Schwulenverein in meiner Stadt an. Dieser Verein ist ein Begegnungszentrum für schwule Männer und betreibt auch ein Café, das nicht so teuer ist wie die kommerziell betriebene Gastronomie.

Ich war fünf Jahre lang Mitglied in diesem Verein. Doch im letzten Jahr war meine finanzielle Situation so dramatisch, dass ich mir den jährlichen Mitgliedsbeitrag von 30 Euro nicht leisten konnte. Ich hatte wirklich null Euro auf meinem Konto. Und von null Euro 30 Euro Mitgliedsbeitrag eingezogen zu bekommen, tut ziemlich weh. Ich habe mich an den Verein gewandt und meine Situation dargelegt: Dass meine finanzielle Situation ziemlich schlecht sei und dass ich eine psychische Behinderung habe. Ich fragte, ob man mir meinen Beitrag eventuell erlassen oder ob ich ihn in Raten zahlen könnte. Doch es hieß, das sei verwaltungstechnisch nicht möglich. Ich trat aus dem Verein aus. Ich war ziemlich sauer. In einem Verein, in dem ich aufgrund meiner mangelnden finanziellen Ressourcen, die aus meiner psychischen Behinderung resultieren, keine Teilhabe erfahre, hatte ich nichts verloren. Ich würde mir mehr queere Orte wünschen, an die man auch ohne Geld gelangt, damit finanziell behinderte Menschen wie ich besser teilhaben können. Queere Orte wie ein Café sind für mich als schwuler Mann wichtig, um in Kontakt zu sein mit anderen schwulen Männern und mögliche Partner kennenzulernen. 

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