“Fotografie hat viel mit Respekt zu tun”

Eine kleinwüchsige, ältere Frau mit einem Stock in der Hand, sthet in einem Theater entfernt vor einem roten Vorhang.
Foto: Andi Weiland | Gesellschaftsbilder.de
Lesezeit ca. 6 Minuten

Warum werden ältere Menschen meist nur bei Gesundheitsthemen abgebildet? Und wie gelingt es Fotograf*innen, die gesellschaftliche Vielfalt abzubilden? Kathrin Wiermer im Gespräch mit Andi Weiland, dem Gründer von Gesellschaftsbilder.de.

Die Neue Norm: Die Fürst Donnersmarck-Stiftung hat gemeinsam mit der Fotodatenbank Gesellschaftsbilder.de eine Portraitserie zum Thema “Selbstbestimmt im Alter” veröffentlicht. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Andi Weiland: Für das „WIR-Magazin“, das die Fürst Donnersmarck-Stiftung herausbringt, war das Thema „Selbstbestimmt im Alter“ geplant, und es entstand die Idee, die Bilder dafür dieses Mal zusammen zu machen. Man hat mich als Fotograf angefragt, weil die Stiftung die Herangehensweise und den Stil der Fotos von Gesellschaftsbilder.de sehr mag. Nach Veröffentlichung der Fotos können wir sie nun auf Gesellschaftsbilder.de zur redaktionelle Nutzung freigeben.

Andi Weiland

studierte Politik- und Kommunikationswissenschaft an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Neben der Pressearbeit bei den Sozialhelden e.V. ist er als freier Fotograf unterwegs. (Foto: Andreas Domma)

Welche Überlegungen hast du vor dem Shooting angestellt? Und wie war die Zusammenarbeit mit den älteren Menschen dann tatsächlich?

Die ersten Überlegungen fanden zusammen mit den Redakteur*innen des „WIR-Magazins“ statt. Wir haben uns gefragt: Wie schaffen wir es, dass die Fotos zu einer Serie werden? Wir haben uns bei allen Bildern auf denselben Hintergrund geeinigt, und trotzdem braucht es immer etwas Individuelles.

Alle Models, und damit bezeichne ich alle Menschen, die vor der Kamera stehen, ganz egal, ob professionell oder nicht, sind auf einen Rollstuhl angewiesen und bilden auch die Zielgruppe der Stiftung ab. Das sollte aber natürlich nicht im Vordergrund stehen, das war uns ganz wichtig, denn wir wollten das Thema „Alter“ darstellen. Wir wollten es schaffen, die individuellen Charakteristika der Models so abzubilden, dass die Fotos auch positiv wirken, also die Models nicht in eine Opferrolle bringen. Wie können wir die Menschen positiv, aber nicht glorifizierend darstellen? Diese Dramaturgie war entscheidend.

In der Stiftung gibt es eine Theaterbühne, auf der eines der Models auch schon gespielt hat, und wir haben den roten Vorhang als Hintergrund genutzt. Dann ging es darum, dass die Models beim Foto-Shooting wenig Aufwand und keinen unnötigen Stress zum Beispiel durch einen Ortswechsel haben. Ich wollte eine Umgebung, in der wenig Ablenkendes oder Störendes auftaucht, um mit viel Ruhe einen wirklich intimen Moment zu schaffen. Das hat sehr gut funktioniert. Die Models hatten Lust auf das Shooting, sie haben schnell verstanden, was ich mir überlegt hatte, und auch technisch hat alles sehr gut funktioniert. Wir alle hatten viel Spaß, das war toll. Eine schöne Anekdote: Eines der Models hatte zwei Wochen später ihren 90. Geburtstag und hat sich ein paar der Fotos ausgedruckt gewünscht. Das haben wir dann pünktlich fertig gemacht. Ein schöner Moment, jemanden auf dieser Ebene glücklich zu machen mit der eigenen Arbeit.

Eine ältere Frau mit weißen, lockigen Haare, schwarzer Brille und rosa Bluse steht vor einem roten Vorhang und lächelt in die Kamera.
Eine ältere Frau mit blau-schwarzer Bluse und hochgebundenen Haaren steht vor einem roten Vorhang.

Hast du eine Erklärung dafür, warum es so wenig Bilder von älteren Menschen abseits der “Pflegefall”-Bilder gibt?

Auf diese Frage gibt es ganz verschiedene Antworten. Eine Vermutung ist, dass ältere Menschen aus dem Blickfeld geraten, weil sich Fotograf*innen in bestimmten Peergroups bewegen. Die Bildmotive von Fotograf*innen entwickeln sich durch jeweilige Alltagserfahrungen. Hat man selbst eine Familie, rücken Familienbilder oder Kinderfotos zum Beispiel in den Fokus. Ältere Menschen oder Rentner*innen fallen raus, weil wir als Fotograf*innen ihre Erfahrungen nicht haben oder selbst im Alter nicht mehr fotografieren. Wir leben in unserer ausdifferenzierten Welt oftmals nicht mit den Großeltern unter einem Dach zusammen. Deshalb gibt es wenige Fotograf*innen, die diesen Alltag illustrieren.

Eine andere Antwort sehe ich darain, dass wir auf die sogenannten werberelevanten Zielgruppen schauen. Deshalb werden ältere Menschen nur dann hinzugezogen, wenn sie Produkte bewerben sollen, die für ältere Menschen sind. Entweder es geht um ein Produkt oder Hilfsmittel für ältere Menschen, weshalb alte Menschen gerne in Apothekenwerbung vorkommen. Oder die Models sollen uns suggerieren: „Hey, Altwerden ist doch gar nicht so schlimm!“ Dann werden oft sehr schöne alte Menschen gezeigt. Ein Kollege von mir hat das mal sehr gut zusammengefasst: Es ist immer wieder so, dass Bilder nicht die Realität abbilden sollen, die wir haben, sondern die, die wir uns wünschen. Wir wünschen uns alle, dass wir im Alter noch total fit sind und mit 75 unsere Enkelkinder am Strand in den Sonnenuntergang begleiten. Deshalb wird nur diese „Realität“ abgebildet, und ältere Menschen im Rollstuhl fallen hinten über und haben einfach keine Lobby.

Ein älterer Mann mit schwarz-grauem kurzen Haar sitzt vor einem roten Vorhang.
Eine ältere Frau mit grauen kurzen Haaren trägt einen beigen Pullover und lächelt in die Kamera. Sie sitzt vor einem roten Vorhang.

Woher kam die Idee für Gesellschaftsbilder.de und mit welchen Fotograf*innen arbeitet ihr zusammen?

Wir haben in der Pressearbeit der Sozialhelden schon immer Bilder von Menschen mit Behinderung gesammelt, um unsere eigenen Projekte zu illustrieren oder auch Medien Fotos anzubieten. Das Hauptkriterium ist, dass die Bilder auf Augenhöhe und damit authentischer sind als Fotos, die sonst im Bereich „Menschen mit Behinderung“ existieren. Meist werden sie aus einer nichtbehinderten Fotograf*innen-Perspektive gemacht, die Klischees darstellt und Stereotype abbildet. Das wollten wir mit unseren Bildern ändern.

So ist die Datenbank entstanden, aktuell mit rund 3.000 Bildern, die redaktionell frei genutzt, aber auch für Werbung lizensiert werden können. Bei den Anfragen zur kommerziellen Nutzung geht es uns besonders um den Schutz der Models, die vielleicht nicht auf dem Flyer einer Krankenversicherung auftauchen möchten, mit der sie schon seit Jahren im Streit liegen. Außerdem werden alle unsere Bilder von den Models vor der Veröffentlichung abgenommen. Die Models bestimmen drüber, wie sie dargestellt werden, ganz anders als in der klassischen Stockfotografie, bei der Bilder auf Vorrat produziert werden und für viele Bereiche eingesetzt werden sollen. Und es sind alles echte Models. Wir haben ja leider oft den Fall, dass nicht behinderte Menschen für ein Fotoshooting in einen Rollstuhl gesetzt werden oder einen Langstock in die Hand gedrückt bekommen.

Vielen Menschen ist überhaupt nicht bewusst, wie stark sie mit Bildern konfrontiert werden – jeden Tag und überall. Und wie massiv dies den Blick auf die Gesellschaft prägt. Menschen mit Migrationsgeschichte kommen zum Beispiel häufig nur dann vor, wenn es um Migration, Flucht oder Kriminalität geht, und Menschen mit Behinderung meist nur dann, wenn es speziell um Menschen mit Behinderung geht. Man denkt beispielsweise nicht darüber nach, dass auch sehbehinderte Menschen zum Sport gehen, weil man keine Fotos davon kennt. Wir vertreten die These, und dazu gibt es auch Studien: Die Bilder, die wir sehen, prägen unser Denken. Es geht uns mit Gesellschaftbilder.de auch um eine Diskussion über dieses Problem an sich, die wir führen wollen.

Wir haben verschiedene Fotograf*innen, die uns entweder über eigene Projekte mit Fotos beliefern, oder wir beauftragen Fotograf*innen, gerne auch mit Behinderung. Die Menschen, die für uns arbeiten, müssen unsere Regeln kennen, damit wir sicherstellen können, dass die Bilder gut zu uns passen. Zum Beispiel muss das Model immer gefragt werden, wie es dargestellt werden möchte. Das klingt vielleicht banal, aber dass Models Mitspracherecht haben, ist in der gestellten Fotografie oftmals nicht der Fall. Auch die Perspektiven und die Qualität der Bilder sind wichtig. Es geht nach Möglichkeit um inklusive Momente. Gute Fotos, auch technisch gesehen, haben viel mit Respekt zu tun.

Eine Frau sitzt in einem Raum,. Im vordergrund ist der Fotograf zu sehen, der Bilder auf einem Display kontrolliert.
Eine ältere Frau mit weißen Haaren sitzt vor einem schwarzen Klavier und stützt ihren Kopf darauf ab.

Wie ist die Resonanz bei Medienmacher*innen? Bemerkst du eine neue Sensibilität für Bildsprache?

Es gibt einige Redaktionen, die uns näherstehen und das Problem der Bildsprache schneller verstehen. Unsere Hauptherausforderung ist, dass die Redaktionen unsere Bilddatenbank auf dem Schirm haben müssen. Wir könnten uns vorstellen mit Fotodatenbanken zusammenzuarbeiten, denn viele große Datenbanken wollen genau den Stil unsere Bilder. Die Redaktionen und Werbeverantwortlichen suchen einen modernen Blick auf Behinderung. Und der Stil verändert sich im Moment, denn auch in der Stockfotografie wird viel mehr dokumentarisch fotografiert. Das Grundproblem der Fotografie ist aber immer noch, dass man einen Rahmen wählt. Man entscheidet immer, was man fotografiert, und damit gleichzeitig, was man weglässt. 

Habt ihr Pläne, die Datenbank auf weitere Personengruppen auszuweiten?

Bislang decken wir nur spezielle Bereiche ab und arbeiten daran, noch mehr Bilder zu produzieren. „Familie“ war für mich zum Beispiel ein großes Thema. Die Schwierigkeit ist allerdings, Familien zu finden, in denen die Kinder oder Eltern eine Behinderung haben. Oft haben Eltern Bedenken, wenn Medien die Bilder frei nutzen können und ihre Kinder auf den Fotos zu erkennen sind – was ich total nachvollzeihen kann. „Arbeit“ oder „andere Zugänge zum Alltag“ sind die Themen, die wir unbedingt noch mehr bedienen wollen und müssen.

Die Erfahrung aus Workshops mit dem LSVD, dem Lesben- und Schwulenverband und mit den Neuen deutschen Medienmacher*innen ist: Alle sagen, dass keine guten, klischeesensibleren Bilder verwendet werden, aber es gibt eben auch keine besseren. Es entstehen langsam kleine Bewegungen durch den queer-feministischen Aufwind, den es zum Glück gibt. Man fängt an, andere Fotomotive zu wählen. Doch es bleibt schwierig, die Bilder im deutschsprachigen Raum zu zeigen. In den USA ist das ganz anders und viel selbstverständlicher, dass zum Beispiel auch Black and People of Color auf Fotos gezeigt werden.

Es ist nicht einfach, Models zu finden, denn bewusst oder unbewusst steht man als Model für eine bestimmte Sache und wird damit identifiziert. Damit muss man leben wollen und können. Im schlimmsten Fall wird aus Angst vor homophoben oder rechtsextremen Gruppen die Öffentlichkeit gemieden und man macht sich lieber unsichtbar. Das ist ein Teufelskreis, und ich hoffe, dass wir dem mit den Gesellschaftsbildern etwas entgegensetzen können.

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