Wie man die Covid-19-Impfung möglichst barrierefrei umsetzen kann

Mehrere kleine medizinische Glasflaschen mit blauem Deckel un der Aufschrift "Covid-19" liegen auf einem Tablett.
Das Gebot der Stunde: Impfen, und zwar barrierefrei. Foto: Daniel Schludi | unsplash.com
Lesezeit ca. 4 Minuten

Wir sind mitten drin im “Anfang vom Ende der Pandemie”, wie kürzlich die New York Times berichtete. Was behinderte Menschen benötigen, um die Impfung barrierefrei und selbstbestimmt erhalten zu können, hat Constantin Grosch notiert.

Informationen in Einfacher Sprache

  • Für viele Menschen ist es in der Corona-Krise neu, weniger Menschen zu treffen.
  • Menschen mit Behinderungen kennen das aber sehr gut, weil sie oft von der Gesellschaft vergessen werden.
  • Damit Menschen mit Behinderungen den Corona-Impfstoff auch bekommen, muss die Vergabe barrierefrei sein.
  • 13 Organisationen haben zusammen eine Empfehlung an die Politik formuliert, wie die Vergabe des Impfstoffes barrierefrei ablaufen sollte.
  • Fünf Beispiele sind:
    • Mehrere Kontaktmöglichkeiten und Dolmetscher für verschiedene Sprachen
    • Leicht verständliche Informationen zur Impfung
    • Ruheräume und Rückzugsräume
    • Barrierefreie Zugänge für Menschen im Rollstuhl
    • Einheitliche Strategien zur Barrierefreiheit für alle Impfzentren
Seit dem ersten Shutdown im März diesen Jahres hat sich in unserer Gesellschaft viel verändert. Nach sieben Monaten sind viele Menschen der einschränkenden Maßnahmen überdrüssig. Einige erfahren nun zum ersten Mal, was es bedeutet, dauerhaft von Freizeitaktivitäten oder Freundeskreisen ausgeschlossen zu sein. Behinderte Menschen kennen diese Situation jedoch gut, denn sie sind aufgrund von mangelnder Barrierefreiheit oder Offenheit der Gesellschaft ohnehin dauerhaft von vielen gesellschaftlichen Aktivitäten ausgeschlossen oder können ihnen jedenfalls nicht ohne Planungsaufwand oder anderen Einschränkungen nachgehen. Dabei sind die Auswirkungen der Pandemie für behinderte Menschen teils noch gravierender, weil ihnen “Alternativen” fehlen. Wo Menschen ohne Behinderungen statt zum Fitnessstudio schlicht alleine joggen gehen, ist das für viele Menschen mit Behinderungen keine Alternative. Schließt z.B. die Krankengymnastik-Praxis, können sie ihrer Therapie und dem Sport nicht mehr nachgehen.  Wie mag es für gehörlose Menschen sein, an einer Videokonferenz teilzunehmen, wenn nicht an Dolmetscher*innen für Deutsche Gebärdensprache gedacht wurde? Andere haben Schwierigkeiten bei der Nutzung von digitalen Endgeräten oder haben in ihren Einrichtungen ohnehin kein Internet – angeblich aus Schutz für die Bewohner*innen. Gerade auch weil das Herstellen von sozialen Kontakten und das Aufrechterhalten von Beziehungen für Menschen mit Behinderungen oft besonders herausfordernd ist, ist die aktuelle Corona-Lage für viele geprägt von einer völligen Isolation. 

Menschen mit Behinderungen werden nicht mitgedacht

Dazu kommt, dass bei der Entwicklung von Maßnahmen oft nicht an behinderte Menschen gedacht wird. Besonders nicht an diejenigen, die zuhause mit selbstorganisierter Pflege / Assistenz leben oder durch Angehörige unterstützt werden, wie AbilityWatch berichtet. Antigen-Schnelltests stehen – wenn überhaupt – nur stationären Pflege- und Senioreneinrichtungen zur Verfügung. Die Corona-Prämie für Pflegende gilt nicht für diejenigen Pflegekräfte, die in ambulanten Pflegemodellen, wie der Persönlichen Assistenz, tätig sind. Und nun sieht die vorläufige Empfehlung der ständigen Impfkommission (StIKO) auch keine Priorisierung dieser Menschen mit Behinderungen beim Impfen vor. Menschen mit Behinderungen, die aufgrund medizinischer Indikationen zur Risikogruppe gehören, erhalten daher in den nächsten Wochen keine Impfung und ihre Angehörigen und selbstbeschafften Pflegekräfte ebenfalls nicht, da sie nicht in Pflegeeinrichtungen oder anderen Gesundheitseinrichtungen tätig sind.  Der Eindruck kommt auf, dass Menschen mit Behinderungen in den Köpfen von politisch Verantwortlichen nur in stationären Einrichtungen leben. Das alles führt zu einer quasi Selbst-Quarantänisierung seit Monaten und teilweise zum nicht-Wahrnehmen wichtiger Behandlungen und Untersuchungen, und damit gerade bei progressiven Erkrankungen zu langfristigen Schäden

Bevorstehende Impfung wirklich ein Lichtblick?

Eine Impfung könnte dem – zumindest in Teilen – Abhilfe schaffen. Das sollte allerdings nicht schon am barrierefreien Zugang scheitern, wie es sich bei Testzentren gezeigt hat. Hierfür gibt es auf der Plattform wheelmap.org die Möglichkeit, dass Besucher*innen von Testzentren Informationen zur Barrierefreiheit eintragen können und somit Nutzer*innen im Voraus wissen, welche Barrierefreiheitskriterien vor Ort erfüllt sind.  Damit die Barrierefreiheit schon bei der Planung und Umsetzung der Impfzentren mitgedacht wird, haben mittlerweile 13 Organisationen ein Papier mit Empfehlungen an die Verantwortlichen von Bund und Ländern übergeben, wie Impfzentren und die Impfstrategie barrierefrei gestaltet werden können und sollten. 

Fünf Beispiele, wie Impfzentren barrierefrei werden

  1. Zwei-Wege-Kommunikation
  2. Die Terminvergabe sollte nicht nur auf einem einzigen Kommunikationsweg möglich sein, sondern mindestens zwei. Zum Beispiel neben einer telefonischen Anmeldung sollte sie auch schriftlich per E-Mail, Fax, SMS oder über Relay-Dienste in Deutscher Gebärdensprache und Schriftsprache (Tess) möglich sein. Außerdem sollten Dolmetscher*innen für Deutsche Gebärdensprache oder andere Kommunikationshilfen für gehörlose und hörbehinderte Menschen vor Ort verfügbar sein oder kurzfristig beschafft werden können.

  3. Informationsmaterial barrierefrei zugänglich
  4. Jede*r sollte selbständig, das heißt aufgeklärt und freiwillig einer Impfung gegen das Coronavirus zustimmen. Das setzt voraus, dass Informationsmaterial in Brailleschrift und Leichter Sprache sowie für Menschen, die der deutschen Sprache nicht mächtig sind, angeboten wird. Wir empfehlen hier den Einsatz von Aufklärungsmedien, die den Impfprozess auch in Einfacher Sprache und in Deutscher Gebärdensprache sowie barrierefrei erläutern. 

  5. Empathisches Personal
  6. Der Impfstoff wird voraussichtlich erst nach zwei Impfungen wirksam sein. Um die zweite Impfung sicherzustellen, braucht es bereits bei der ersten Impfung einen reizarmen Rückzugsraum und Personal, dass sich Zeit für die Impfung nimmt und auf die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen eingeht.

  7. Barrierefreie Räumlichkeiten
  8. Mobilitätseingeschränkte Menschen sollten sich unbeeinträchtigt in den Impfzentren bewegen können. Zum Beispiel sollte genügend Platz für Rollstuhlfahrer*innen und Assistenzpersonen im Behandlungsraum sein.

  9. Einheitliche Umsetzung
  10. Für die Umsetzung von Barrierefreiheit in den Impfzentren selbst braucht es eine bundesweit einheitliche Strategie sowie kundige, beauftragte Personen vor Ort. Die Umsetzung sollte nicht dem medizinischen Personal, welches die Impfungen verabreicht, überlassen werden.

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3 Antworten

  1. TESS müssen Allgemeine Geschäftsbedingungen ändern wegen 2 Personen im ein Raum nicht erlaubt.
    Bundesnetzagentur müssen bei TESS über 2 Personen im ein Raum im Gesetz abschaffen.

  2. Lieber Constantin Grosch,

    Wir kennen uns aus München, weil ich da im Behindertenbeirat tätig bin und ich grüße Dich herzlich. Dein Beitrag ist sehr hilfreich für diejenigen Menschen mit Behinderung, die für sich eine Impfung wünschen und Schwierigkeiten haben sie bald zu bekommen. Ich wäre froh und dankbar, wenn es in absehbarer Zeit auch einen Beitrag in diesem Forum gäbe, der sich mit unterstützenden Gedanken für diejenigen beschäftigt, die die Impfung für sich ablehnen und dadurch absehbar wahrscheinlich in nicht unkomplizierte soziale Schwierigkeiten zusätzlich kommen können.

    Vielleicht kann ich mit Dir Kontakt aufnehmen um gemeinsam auch darüber nachzudenken.

    Nochmals Grüße an Dich.

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