Raus aus der Werkstatt, aber wie?

Ein junger Mann sitzt in einer Werkstatt an einem Tisch im Rollstuhl und arbeitet an Holzgegenständen.
Ob Werkstatt für behinderte Menschen oder Werkstatt auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt - die Durchlässigkeit ist gering. Foto: Andi Weiland | Gesellschaftsbilder.de
Lesezeit ca. 7 Minuten

Werkstätten für Menschen mit Behinderung stehen in der Kritik, weil weniger als 1% der Beschäftigten auf den allgemeinen Arbeitsmarkt wechseln. Die Vorbereitung auf den allgemeinen Arbeitsmarkt ist gesetzlich jedoch der eindeutige Auftrag. Möchten Werkstattbeschäftigte nicht auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt arbeiten oder verhindern die Werkstätten den Übergang? Sophia Behrend befragte dazu zwei Werkstattbeschäftigte. 

Informationen in Einfacher Sprache

In diesem Artikel geht es um Werkstätten für Menschen mit Behinderung. 

Werkstätten haben die Aufgabe, Menschen mit Behinderung auf den allgemeinen Arbeitsmarkt vorzubereiten und zu vermitteln.

Das passiert aber nicht oft. Unsere Autorin spricht mit einer Person, die es in der Werkstatt mag.

Und sie spricht mit einer anderen Person, die nicht mehr in die Werkstatt gehen möchte.

Ivonne Herzog ist glücklich in der Werkstatt. Sie arbeitet im Bereich Gartenlandschaftsbau und entfernt unter der Anleitung einer Gruppenleiterin für Kund*innen der Werkstatt mit ihren Kolleg*innen Unkraut, mäht Rasen und schneidet Pflanzen zurück. Diese Arbeit gefalle ihr sehr gut. Als einzige Frau fühle sie sich dort wohl und komme mit der teilweise anstrengenden körperlichen Arbeit gut zurecht.

Zweimal konnte Ivonne Herzog bereits Erfahrungen auf dem ersten Arbeitsmarkt sammeln, beide Male im Rahmen des Schichtwechsel-Aktionstages. Der Aktionstag findet seit 2019 bundesweit einmal im Jahr statt. Dabei tauschen Werkstattbeschäftigte und Arbeitnehmer*innen des allgemeinen Arbeitsmarktes für einen Tag ihren Arbeitsplatz. Beide Parteien sollen dadurch neue Perspektiven erhalten. Veranstaltet wird der Aktionstag von der Bundesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen e.V., kurz BAG WfbM, dem Zusammenschluss der Träger der meisten Werkstätten für behinderte Menschen in Deutschland. In einem Facebook-Post der BAG WfbM heißt es: “Ziel des Ganzen ist es, einen Einblick in eine andere Arbeitswelt zu bekommen und neue Berufsfelder kennenzulernen.” 

Dieses Jahr veranstaltete Radio Eins anlässlich des Aktionstages eine Podiumsdiskussion zum Thema “neue Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt für Menschen mit und ohne Behinderung” (hier nachzuhören).

Neue Perspektiven für mehr Teilhabe?

Das Motto des Schichtwechsel-Aktionstags 2021 lautete “Neue Perspektiven für mehr Teilhabe”. Dieser Titel wirft Fragen auf: Werden wirklich neue Perspektiven für mehr Teilhabe geschaffen? Nur wenige Werkstattbeschäftigte bekommen die Möglichkeit überhaupt angeboten, ein Unternehmen des allgemeinen Arbeitsmarktes zu besuchen. Ein Werkstattbeschäftigter aus Berlin, der anonym bleiben möchte und den wir hier Hagen* nennen, berichtet: “Ich war noch nie beim Schichtwechsel in einem Unternehmen. Die Leute fragen, wer mit will in ein Unternehmen und wenn man sich meldet, sagen sie, man hat zu viel Hilfebedarf. Die nicht so fitten Leute sollen nicht daran teilnehmen. Es wäre der Werkstatt zu viel Aufwand.”

Ivonne Herzog hat bei ihren zwei Schichtwechseln beim Fußballverein Hertha BSC im Berliner Olympiastadion gearbeitet, einmal im Fanshop und einmal am Einlass. “Dass es den Schichtwechsel gibt, finde ich gut, weil man da mal was anderes sehen kann, machen kann und ausprobieren kann.” Sie fand ihre Tätigkeit bei Hertha BSC angenehm: “Ich fand eigentlich alles gut.” Sie ist aber unschlüssig, wie sie zum Stadion käme, wenn dies ihr dauerhafte Arbeitsplatz wäre. Jemand müsse mit ihr den Weg üben, dann könne sie mit den öffentlichen Verkehrsmitteln alleine dorthin fahren. Über diese Möglichkeit gesprochen hat mit ihr niemand. 

Schichtwechsel – eine PR Kampagne

Um tatsächliche Übergänge auf den allgemeinen Arbeitsmarkt geht es beim Schichtwechsel wohl nicht, sonst wäre Ivonne Herzog über mögliche Rahmenbedingungen einer Tätigkeit bei Hertha aufgeklärt worden. Worum dann? Auf dem Flyer der BAG WfbM (hier als PDF) zum Schichtwechsel-Tag steht es ganz deutlich: “Werkstätten sind Orte der wirtschaftlichen Innovation und Kreativität, in denen ein breites Spektrum von Dienstleistungen und Produkten entsteht – vom zertifizierten A-Lieferanten der Automobilindustrie bis hin zur eigenen Bonbon-Manufaktur. Nur wenige haben eine Vorstellung von den Leistungen, die hier erbracht werden. Das wollen wir ändern.” Kurz gesagt: Die Schichtwechsel Kampagne scheint eine Werbeveranstaltung zu sein, die Aufträge generieren soll. Die Werkstätten möchten Unternehmen ihre Produktpalette präsentieren, ihre Professionalität unter Beweis stellen und ihr Image aufpolieren. 

Ein kurzer Blick in ein reguläres Arbeitsverhältnis

Beim Schichtwechsel werden die Unternehmen und Werkstätten den jeweiligen Besucher*innen vorgestellt, kurzzeitig werden Tätigkeiten übernommen. Es ist schon deshalb keine Begegnung auf Augenhöhe, weil die Beschäftigung in Werkstätten weit weg von Arbeitnehmerrechten und einer angemessenen Bezahlung ist. Der Berliner Werkstattbeschäftigte Hagen* findet beim Thema Bezahlung deutliche Worte: “In meinen Augen ist es mit dem Lohn schwierig. Er liegt nur knapp über 100€ im Monat für fast 40 Stunden arbeiten in der Woche. Viel zu wenig. Wir bekommen noch nicht mal den Mindestlohn. Das finde ich unfair. Wir als Werkstattbeschäftigte werden nicht als vollwertiges Mitglied des Arbeitsmarktes gesehen. Weil wir noch nicht mal von der Politik ernst genommen werden. Und deswegen bekommen wir keinen Mindestlohn und haben auch keine Gewerkschaft. Mit einer Gewerkschaft dürften wir auch mal die Arbeit niederlegen und auf die Straße gehen. Das geht hier nicht. Wir dürfen als Werkstattbeschäftigte nicht streiken. Wir werden nur als billige Arbeitskräfte gesehen.” 

Auf die Frage, ob er wegen der Teilnahme an unserem Interview Konsequenzen fürchtet, antwortet er klar mit “Ja”, genauer eingehen auf die drohenden Repressalien möchte er aus Angst, identifiziert zu werden, nicht. 

Mitarbeitende des allgemeinen Arbeitsmarktes verdienen ihr Gehalt, Werkstattbeschäftigte nur ein Taschengeld, das meist nicht zum leben reicht. Deshalb erhalten die meisten von ihnen zusätzlich die Grundsicherung. Dies wird damit begründet, dass die Werkstatt eine Rehabilitationsmaßnahme sei. Die Beschäftigung dort sollte eigentlich nur temporär sein und auf den allgemeinen Arbeitsmarkt vorbereiten, ist es aber nur in den seltensten Fällen.

Raus aus der Werkstatt – aber wie?

Hagen* wollte schon lange aus der Werkstatt auf den allgemeinen Arbeitsmarkt. Bisher ohne Erfolg. Obwohl die Werkstätten den gesetzlich festgeschrieben Auftrag haben, Menschen mit Behinderung auf den allgemeinen Arbeitsmarkt vorzubereiten, lag die Übergangsquote seit Jahren in Deutschland deutlich unter einem Prozent. Als dieses Thema in der Podiumsdiskussion bei Radio Eins thematisiert wird, erzählt Beatrice Babenschneider, stellvertretende Vorsitzende der Berliner Werkstatträte, es würde kaum jemand aus der Werkstatt hinauswollen. Offizielle Zahlen dazu sind nirgends zu finden. 

Ich frage Ivonne Herzog, ob sie auch gerne auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt beschäftigt wäre. “Nein”, antwortet sie, “das ist mir zu schwer, glaube ich. Ich möchte lieber da bleiben, wo ich jetzt bin.” Sie habe gehört, dass man auf dem ersten Arbeitsmarkt “fast keine Pause hat, dass man da durcharbeiten muss. Auf dem zweiten Arbeitsmarkt ist es schon ein bisschen anders.” Das habe sie von einem Kollegen erfahren. Sie sei weder in der Werkstatt darüber informiert worden, wie es auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt ist, noch als was oder unter welchen Bedingungen man dort arbeiten könnte. Sie vermutet lediglich, auf dem ersten Arbeitsmarkt verdiene man mehr Geld. “Und sonst habe ich nichts weiter gehört.” Wie kann es sein, dass einer Beschäftigten einer Werkstatt, welche die Menschen möglichst auf den allgemeinen Arbeitsmarkt vorbereiten soll, nichts über diesen bekannt ist?

“Für mich ist meine Arbeit nicht abwechslungsreich genug”, bemängelt Hagen*, “ich wünsche mir eine Aufgabe mit viel Kundenverkehr und mit mehr Verantwortung. So eine Aufgabe gibt es nicht in der Werkstatt. Ich will schon lange ausprobieren, wie es auf dem ungeschützen Arbeitsmarkt ist und ob ich es schaffen würde, dort zu arbeiten.” Informationen, wie er die Werkstatt verlassen kann, habe Hagen* allerdings nicht erhalten: “Ich habe es versucht, sehr oft. Sie haben mir immer gesagt, sie können mich nicht vermitteln aufgrund des vielen Hilfeaufwandes.” Auch würden die Beschäftigten in der Werkstatt vor dem allgemeinen Arbeitsmarkt gewarnt: “Den Werkstattbeschäftigten wird gesagt, der erste Arbeitsmarkt ist zu anspruchsvoll für Menschen mit Beeinträchtigungen. Und das würden wir eh nicht schaffen”, meint Hagen*. Damit agieren sie in seinem Fall deutlich gegen ihren Auftrag der Rehabilitation und statt eines Empowerments werden motivierte Werkstattbeschäftigte, die echte Inklusion leben und ihr Leben selbst in die Hand nehmen wollen, ignoriert und entmutigt. 

JOBinklusive stellt Ideen vor, um das Werkstattsystem zu verbessern

Hagen* wünscht sich zugängliche, unabhängige Informationen, eine bessere Kommunikation von Werkstattbeschäftigten und Sozialarbeiter*innen und nennt damit die erste von fünf Forderungen für die Zukunft von Werkstätten des Projektes JOBinklusive. Die Projektreferentin Anne Gersdorff stellte bei Radio Eins die Probleme des Werkstattsystems heraus, die hier zusammengefasst sind. Sie betont, der Arbeitsmarkt müsse den Menschen angepasst werden, nicht andersherum. Ansätzen solle man sowohl am ersten Arbeitsmarkt, beispielsweise in Hinblick auf den Leistungsdruck und flexible Arbeitszeiten, aber auch besonders am Werkstattsystem. Im Moment sei dieses nicht inklusiv, da Menschen mit Behinderung von Menschen ohne Behinderung getrennt würden. Hagen* beschreibt es so: “Ich arbeite hauptsächlich mit Menschen mit Beeinträchtigungen zusammen. Die Menschen ohne Beeinträchtigung leiten uns an und erklären uns die Arbeit.” Dieses Hierarchiegefälle kritisiert Anne Gersdorff.

Essentiell ist für Anne Gersdorff und das Projekt JOBinklusive auch eine Erhebung von Vermittlungsdaten der Werkstätten. Eine aktuelle Zahl zu den Übergängen aus der Werkstatt auf den allgemeinen Arbeitsmarkt gibt es von offizieller Seite nicht. Auf der Webseite der BAG WfbM heißt es dazu: “Es gibt keine offizielle, aktuelle Quote der Übergänge aus Werkstätten auf den allgemeinen Arbeitsmarkt.” Was jedoch hindert die Bundesarbeitsgemeinschaft daran, die Vermittlungsquote, die in der Vergangenheit bereits erhoben wurde, weiterhin zu ermitteln? Nur die Quote und eine Erhebung der Anzahl der Menschen, die nicht weiter im Werkstattsystem arbeiten wollen, können die Grundlage dafür bilden, die Erfüllung des Vermittlungsauftrags tatsächlich zu bewerten. 

Eine Frau mit schwarzen Haaren und weißer Koch-Jacke steht hinter einer Theke und füllt Getränke in Gläser.

Außenarbeitsplätze – mit dabei und doch außen vor?

Werkstätten für behinderte Menschen sollen auf den allgemeinen Arbeitsmarkt vorbereiten. Ihr Angebot: In sogenannten Außenarbeitsplätzen können behinderte Menschen in Betrieben außerhalb der Werkstatt arbeiten. Dort sind sie jedoch oft unter sich und bekommen nicht den gleichen Lohn. Warum Außenarbeitsplätze nur eine Übergangslösung sein dürfen, beschreibt Anne Gersdorff vom Projekt JOBinklusive.

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Alternativen werden nur selten genutzt

Werkstätten bieten Außenarbeitsplätze an, bei denen Werkstattbeschäftigte in Unternehmen des allgemeinen Arbeitsmarktes außerhalb der Werkstatt arbeiten. Eigentlich als temporäre Lösung gedacht, die Menschen mit Behinderung und Unternehmen einander näher bringen soll, gehen nur wenige von ihnen in ein sozialversicherungspflichtiges Beschäftigungsverhältnis über. Viele Menschen bleiben dauerhaft weiterhin in der Werkstatt beschäftigt.

Auf die Frage, ob es Informationen über Außenarbeitsplätze in ihrer Werkstatt gebe, sagt uns Ivonne Herzog, sie habe noch nie davon gehört. Hagen* hingegen meint: “Ja, Informationen schon. Sie helfen auch dabei, einen Arbeitsplatz zu bekommen. Aber es ist kompliziert, einen Arbeitsassistenten zu finden. Und dabei helfen die Werkstätten auch nicht.” Die Möglichkeit scheint Menschen mit einem erhöhten Unterstützungsbedarf, die beispielsweise Hilfe beim Toilettengang benötigen, kategorisch verwehrt. 

In der Podiumsdiskussion von Radio Eins wird auch das Budget für Arbeit angesprochen, in dessen Rahmen Menschen mit Behinderung das Geld, das normalerweise die Werkstatt bekommt, zur eigenverantwortlichen Organisation der benötigten Unterstützung bekommen. Bisher werde es sehr selten genutzt, was laut JOBinklusive am Fehlen eines unabhängigen Beratungsangebotes in den Werkstätten und hohen bürokratischen Hürden liegt.

Wie Beatrice Babenschneider es schon sagte, gibt es Menschen, die nicht auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt arbeiten wollen. Selbstverständlich muss diese Entscheidung respektiert werden. Es ist allerdings ein deutlicher Missstand, wenn diese Haltung nur aufgrund des Mangels an Informationen über Alternativen zustande kommt. 

Alle Werkstattbeschäftigten und alle Menschen mit Behinderung oder chronischer Erkrankung müssen dazu befähigt werden, eine informierte Entscheidung darüber zu treffen, ob sie lieber in der Werkstatt oder aber auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt beschäftigt sein möchten. Das zumindest, ist der Auftrag der Werkstätten und der Auftrag der Politik.

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