Die Schattenseite der Inklusionspreisträger

Ein altes Bild von einem alten Mann, der einen kleinen Jungen mit Pokal hochhält.
Auch mit Inklusionspreis gibt es noch Raum für Verbesserungen. Foto: Unsplash
Lesezeit ca. 7 Minuten

Werkstätten für behinderte Menschen stehen zunehmend in der Kritik: Sie separieren Menschen mit Behinderung aktiv vom ersten Arbeitsmarkt. Trotzdem erhalten große Unternehmen, die in Werkstätten produzieren lassen, Inklusionspreise. Sophia Behrend hat betroffene Konzerne zu diesem Widerspruch befragt.

Informationen in einfacher Sprache

  • Alle Menschen haben das Recht zu arbeiten. Auch Menschen mit Behinderung.
    Inklusion heißt: Menschen mit und ohne Behinderung haben die gleichen Rechte und können zusammen arbeiten.
  • Eine Arbeit bei einem richtigen Unternehmen zu finden, ist schwer. Behinderte Menschen arbeiten deshalb oft in Werkstätten für behinderte Menschen. Dort bekommen sie aber wenig Geld und wenig Anerkennung. Sie haben dort auch nicht die gleichen Rechte wie Menschen, die woanders arbeiten. Außerdem sind sie von Menschen ohne Behinderung getrennt. Das ist keine Inklusion.
  • Werkstätten für behinderte Menschen sind nicht inklusiv. Sie helfen dabei, Menschen auszugrenzen. Das ist das Gegenteil von Inklusion.
  • Viele Unternehmen arbeiten mit den Werkstätten zusammen. Einige von ihnen erhalten trotzdem Inklusionspreise.
  • Inklusionspreise sollten an Unternehmen vergeben werden, die Inklusion überall fördern. Wenn sie an Unternehmen vergeben werden, die Menschen in Werkstätten ausgrenzen, ist das ein Problem. Man bekommt den Eindruck: Es ist egal, wenn Menschen in Werkstätten ausgegrenzt werden. Es ist aber nicht egal.
    Wir fordern: Inklusionspreise sollen an wirklich inklusive Unternehmen vergeben werden. Und sie sollen auch von Menschen mit Behinderung vergeben werden.

Mit mehreren Milliarden Euro Umsatz im Jahr – das sind 9 Nullen – gehören der Technologiekonzern Siemens und der Fahrzeughersteller Daimler, zu den umsatzstärksten Unternehmen Deutschlands. Beide Unternehmen gelten als progressive Vorreiter bei der Beschäftigung von Menschen mit Behinderung, denn beide Unternehmen haben die Charta der Vielfalt unterzeichnet und Inklusion in ihrem Unternehmen fest verankert. Neben diesen lobenswerten Schritten bedienen sich beide Konzerne eines Systems, das Menschen mit Behinderung systematisch vom allgemeinen Arbeitsmarkt ausschließt: Werkstätten für behinderte Menschen.

Warum sind Werkstätten für behinderte Menschen problematisch?

Etwa 320.000 Menschen mit Behinderungen sind in Deutschland in Werkstätten beschäftigt. Über 700 Werkstätten für behinderte Menschen gibt es in Deutschland, mit fast 3.000 Standorten. Und ihre Zahl steigt.

Ursprünglich als Rehabilitationsmaßnahme für Menschen mit Behinderung gedacht, die auf den ersten Arbeitsmarkt vorbereiten soll, verfehlen die Werkstätten ihr Ziel deutlich. Die Übergangsquote aus der Werkstatt auf den ersten Arbeitsmarkt liegt unter 1%.
Oft wird Vollzeit gearbeitet, nach striktem Zeitplan, mit klaren Zielvorgaben. Werkstätten müssen zur Eigenerhaltung wirtschaftlich arbeiten. Der durchschnittliche Stundenlohn liegt bei 1,35€. Werkstattbeschäftigte haben weder einen Arbeitnehmer*innenstatus, noch einen Arbeits- oder Tarifvertrag. Sie können keine Gewerkschaften bilden. Die allermeisten sind wegen des niedrigen Verdienstes auf staatliche Grundsicherung angewiesen. Trotzdem arbeiten sie oftmals 40 Stunden in der Woche.

Damit Menschen mit Behinderung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt besser Fuß fassen können, gibt es die Schwerbehindertenquote. Sie liegt für alle Unternehmen mit mehr als 20 Mitarbeitenden bei 5%. Wer sie nicht erfüllt, muss eine Ausgleichsabgabe von 140-360€ monatlich pro nicht-besetztem Arbeitsplatz zahlen. Die Beauftragung von Werkstätten für behinderte Menschen (kurz WfbM) lohnt sich: Unternehmen können Aufträge, die sie an Werkstätten vergeben, zu 50% auf die Ausgleichsabgabe anrechnen.

Inklusion bedeutet für uns, bewusst, integrativ und wertschätzend mit der Vielfalt unserer Beschäftigten umzugehen und alle gleichberechtigt einzubeziehen.”

Daimler beschäftigt laut eigener Aussage ca. 9.000 Menschen mit Behinderung, damit haben knapp über 6% der Mitarbeitenden eine Behinderung. Im Jahr 2019 wurde Daimler der Inklusionspreis für die Wirtschaft verliehen. Der Inklusionspreis, vergeben unter der Schirmherrschaft des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales, soll Unternehmen auszeichnen, „die Inklusion vorbildlich umsetzen”. Ausschlaggebend war für die Auszeichnung neben dem Ausbau baulicher und digitaler Barrierefreiheit unter anderem, dass Daimler jährlich etwa 26 schwerbehinderte Menschen ausbildet. Die Ausbildung von behinderten Menschen spielt für die gleichberechtigte Teilhabe eine entscheidende Rolle. Daimler bildete 2019 allein in Deutschland insgesamt etwa 1.900 Menschen aus. 1,26% der Auszubildenden hatten also eine Behinderung.

Ein Unternehmenssprecher von Daimler berichtet auf unsere Frage nach Maßnahmen, die die Inklusion bei Daimler fördern, von Arbeitsplatzanpassungen und Ausbildungsmöglichkeiten. Er betont: „Menschen mit Behinderung sind ein wichtiger Teil unserer vielfältigen Teams und fest in die Belegschaft integriert.”

Das gilt jedoch nur für einen Teil der für Daimler arbeitenden Menschen mit Behinderung: Daimler vergibt Aufträge an mehr als 30 Werkstätten für behinderte Menschen. Ohne Arbeitsvertrag und weit unter Mindestlohn ist die Beschäftigung dort von Gleichberechtigung und Wertschätzung weit entfernt. Nichtsdestotrotz wird die Kooperation mit den Werkstätten als Inklusionsleistung verstanden und dargestellt.

Unsere Arbeit bei Siemens – hier ist Ihr Handicap kein Handicap.”

Siemens kommt mit 3.400 behinderten Mitarbeitenden in Deutschland auf eine Quote von etwa 6,5%. Auch Siemens vergibt Aufträge in Millionenhöhe an Werkstätten für behinderte Menschen und versteht dies als Inklusionsleistung.

Ein Jahr vor Daimler wurde Siemens der Inklusionspreis verliehen, unter anderem für eine separate Karriere-Webseite, mit der Siemens Menschen mit Behinderung explizit ansprechen möchte. Auf der Seite stellen mehrere Mitarbeitende mit Behinderung oder chronischer Krankheit sich, ihre Hilfsmittel und Unterstützungsmöglichkeiten bei Siemens vor. Der Fokus liegt dabei aber nicht auf dem Potenzial oder Talent der Mitarbeitenden, sondern es überwiegen Formulierungen, die die Behinderung oder Krankheit als Herausforderung darstellen: Eine Mitarbeiterin berichtet beispielsweise unter der Überschrift „Christina hört Klartext”, mit ihrer Hörbehinderung sei das Telefonieren eine ihrer täglichen Herausforderungen.

Einerseits ist es gut, Menschen mit Behinderung als potenzielle zukünftige Mitarbeitende anzusprechen, doch leider geht eine separate Webseite für behinderte Menschen an inklusiven Bewerbungsverfahren genauso vorbei, wie eine Förderschule an inklusiver Bildung. Menschen mit Behinderung werden abseits der allgemeinen Kanäle angesprochen und auch nur dort portraitiert. Eine exklusive Seite, die vom Inklusionspreis prämiert wird.

Statt die Beschäftigung von Menschen mit Behinderung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt als selbstverständlich und gewinnbringend zu verstehen, versuchen Unternehmen, sich als wohlwollende Helfer*innen darzustellen. Immer wieder zeigt sich dabei das Bild, was die meisten Menschen immer noch von Behinderung haben: Handicap, zum Beispiel, ist eine defizitäre Bezeichnung für Behinderung und hebt alles das hervor, was Menschen mit Behinderung nicht können. Möglicherweise ist diese Formulierung ungewollt abwertend, doch es entsteht der Eindruck, dass nicht das Potenzial von Menschen mit Behinderung im Vordergrund steht, sondern die Beeinträchtigung.

Vorbilder in Sachen Inklusion sehen anders aus

Es ist paradox, dass Siemens und Daimler Inklusionspreise erhalten, gleichzeitig aber auch Aufträge an Werkstätten vergeben, in denen behinderte Menschen beschäftigt und ausgebeutet werden. Die Zusammenarbeit mit Werkstätten für behinderte Menschen ist, anders als die Unternehmen das gerne darstellen, weder großzügig, noch uneigennützig. Sie ermöglicht es Unternehmen und vor allem auch dem Staat, Menschen mit Behinderung fernab vom allgemeinen Arbeitsmarkt und dessen Arbeitnehmer*innenrechten zu Sonderkonditionen zu beschäftigen und erspart ihnen so den Aufwand von echter Inklusion. Dass Menschen mit Behinderung das Recht haben, auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu arbeiten, wie jede*r andere auch, wird dabei geschickt ausgeklammert. Die Ermöglichung der schlichten Teilhabe als edelmütige Fürsorge oder ein Entgegenkommen durch die Zusammenarbeit mit Werkstätten zu inszenieren, geht am Inklusionsgedanken vorbei.

Zu wenig staatliche Förderung?

Laut Selbstdarstellung auf der Webseite von Siemens, ist der Wille, Menschen mit Behinderung verstärkt einzustellen, durchaus vorhanden. Auf die Frage, welche öffentlichen Unterstützungsmöglichkeiten dabei als zielführend wahrgenommen werden, berichtet eine Sprecherin, die staatliche Förderung von Umbaumaßnahmen zur Barrierefreiheit und bei der Ausbildung von jungen Menschen mit Behinderung, Eingliederungszuschüsse nach der Ausbildung und die Kostenübernahme für technische Hilfsmittel würden geschätzt.

Doch die Förderbestimmungen seien unübersichtlich, sehr bürokratisch und in verschiedenen Bundesländern uneinheitlich. „Wir würden uns daher eine Vereinfachung und zielgruppengerechte Überarbeitung dieser Bestimmungen wünschen”, führt sie weiter aus. “Generell sind aus unserer Sicht gesetzliche Quotenvorgaben und Verpflichtungen hierbei nicht unbedingt zielführend. Vielmehr sollten Arbeitgeber durch positive Erfahrungen und den daraus gewonnenen Erkenntnissen die Beschäftigung von (Schwer-)Behinderten als Bereicherung im Sinne von Diversität ansehen. Das Potenzial und das durchaus hohe Engagement von Menschen mit Behinderung wirkt sich positiv auf ein Unternehmen und die dortige Kultur aus. Gelungene Best Practice-Beispiele und eine intensivere und breitere Kommunikation würden das Thema grundsätzlich stärker voranbringen.”

Wirkungsvolle Fördermöglichkeiten kommen Menschen mit Behinderung bereits zugute, doch längst nicht allen. Obwohl die gleichberechtigte Teilhabe am Arbeitsmarkt mit der UN-Behindertenrechtskonvention vor 11 Jahren gesetzlich verankert wurde, herrscht weiterhin eine große Diskrepanz zwischen dem Arbeitsverhältnis von Menschen mit Behinderung in Unternehmen und dem arbeitnehmerähnlichen Werkstattverhältnis der Werkstattbeschäftigten.

Eine Frau mit schwarzen Haaren und weißer Koch-Jacke steht hinter einer Theke und füllt Getränke in Gläser.

Außenarbeitsplätze – mit dabei und doch außen vor?

Werkstätten für behinderte Menschen sollen auf den allgemeinen Arbeitsmarkt vorbereiten. Ihr Angebot: In sogenannten Außenarbeitsplätzen können behinderte Menschen in Betrieben außerhalb der Werkstatt arbeiten. Dort sind sie jedoch oft unter sich und bekommen nicht den gleichen Lohn. Warum Außenarbeitsplätze nur eine Übergangslösung sein dürfen, beschreibt Anne Gersdorff vom Projekt JOBinklusive.

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Ist die Bezahlung der Leistung angemessen?

Nach §219 Sozialgesetzbuch IX sind Werkstätten dazu verpflichtet, Werkstattbeschäftigten ein ihrer Leistung angemessenes Arbeitsentgelt zu zahlen. Stefan Geyer, Bereichsleiter Mercedes-Benz Cars Einkauf & Lieferantenqualität stellte in einem Interview fest, dass in den Werkstätten für Daimler einfache, aber auch hochkomplexe Tätigkeiten ausgeführt würden. Trotzdem gibt es nur einen geringen Unterschied in der Bezahlung. Leistungsstärkere Menschen mit Behinderung können in Werkstätten für behinderte Menschen einen Steigerungsbetrag erhalten, der durchschnittlich bei 82 Euro pro Monat liegt.

Auf die direkte Nachfrage, ob den beiden Unternehmen bewusst sei, welches System hinter den Werkstätten für behinderte Menschen stehe und ob es Maßnahmen gebe, den Werkstattbeschäftigten den Übergang in ein reguläres Arbeitsverhältnis zu ermöglichen, erhalten wir von Daimler kein Kommentar. Siemens verweist lediglich auf den regulären Bewerbungsprozess. „Siemens verschließt keine Türen, wenn die von uns ausgeschriebene Stelle mit Profil, Fähigkeiten und Kenntnissen von Bewerbern übereinstimmen.”, schreibt uns eine Sprecherin.

Inklusionspreis: Wer ist die Jury?

Im Moment kommuniziert die Vergabe des Inklusionspreises, Werkstätten für behinderte Menschen seien „inklusiv“. Sollten die Jurymitglieder es nicht besser wissen? Die Jury, die den Inklusionspreis vergibt, ist weiß und augenscheinlich überwiegend nicht-behindert. Keine noch so gute Ausbildung kann nicht-behinderten Menschen den gleichen Blick für den Kampf um Selbstbestimmung und gegen Diskriminierung verleihen, wie ihn Menschen haben, die schon ihr ganzes Leben lang damit konfrontiert sind. Obwohl alle Inklusionsbemühungen selbstverständlich lobenswert sind, sollten zum Beispiel Arbeitnehmer*innen mit Behinderung entscheiden dürfen, welche Unternehmen und welche Maßnahmen Preise verdient haben und welche nicht. Es wird Zeit, Menschen mit Behinderung selbst zu befragen, statt nur ihre Vertreter*innen.

Um die gleichberechtigte Teilhabe am Arbeitsmarkt zu erreichen, braucht es Unternehmen wie Siemens und Daimler, die sich aktiv um Inklusion bemühen. Nichtdestotrotz müssen sie, ebenso wie die Preisgeber*innen, ihre Einstellung bezüglich Behindertenwerkstätten kritischer im Sinne echter Inklusion hinterfragen.

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Eine Antwort

  1. Etikettenschwindel immer wieder benennen und aufdecken, eine andere Möglichkeit sehe ich derzeit nicht. Wenn wie bei uns in Bayern Förderschulen das Schulprofil Inklusion verliehen werden oder Arbeitgeber dafür , dass sie ihren gesetzlichen Beschäftigungspflichten nachkommen, Preise bekommen, fehlt es noch weit. Mogelpackungen allerorten.

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