Zwischen treppensteigenden Robotern und Oktoberfest-Kulissen für Rollatoren hat sich auf der Rehacare 2026 leise etwas verschoben: Immer mehr behinderte Unternehmer*innen bauen die Hilfsmittel, Mode und Technik, die sie selbst brauchen, statt auf nicht-behinderte Marken zu warten. Vom Holzrollstuhl über barrierefreie Streetwear bis zum Blasensensor: Karina Sturm berichtet, was passiert, wenn behinderte Menschen nicht mehr Zielgruppe, sondern Entwickler*innen sind.
Einfach erklärt
Die Rehacare ist eine große Messe für Hilfsmittel und Pflege.
Sie findet in Düsseldorf statt.
Früher haben vor allem nicht-behinderte Firmen die Hilfsmittel entworfen.
Oft passten diese aber nicht zum echten Leben von Menschen mit Behinderung.
Jetzt ändert sich das.
Immer mehr Menschen mit Behinderung entwickeln ihre Hilfsmittel selbst.
Zum Beispiel: Paul de Livron baut schöne Rollstühle aus Holz.
Die Firma Next UD macht modische, barrierefreie Kleidung.
Die Firma inContAlert hat einen Sensor für die Blase entwickelt.
Er warnt rechtzeitig, wenn die Blase voll ist.
Es gibt auch Sport-Angebote wie Rollstuhl-Rugby und Rollstuhl-Skaten.
Und es gibt Gespräche über Politik: Viele Menschen mit Behinderung bekommen ihre Hilfsmittel nur schwer bezahlt.
Das zeigt auch eine neue Umfrage.
Auf der Rehacare wird klar: Menschen mit Behinderung wissen selbst am besten, was sie brauchen.
Sie sind nicht mehr nur Kund*innen.
Sie entwickeln und erfinden selbst.
Wenn behinderte Menschen ausgeschlossen werden
Als ich die Rehacare im letzten Jahr besuchte, hörte ich ein Gespräch zwischen einem nicht-behinderten Aussteller, der Antidekubitus-Matratzen zum automatischen Umlagern verkaufte, und einer Person im elektrischen Rollstuhl. „Nein, eine Fernbedienung bieten wir für dieses System nicht an. Viele behinderte Menschen haben uns zwar danach gefragt, aber das ist ein Sicherheitsrisiko. Was ist, wenn die behinderte Person auf den falschen Knopf drückt und sich verletzt?!“, sagte der Aussteller. „Die Fernbedienung ist am unteren Ende des Bettes angebracht, damit das Pflegepersonal die Einstellungen vornehmen kann.“ Die behinderte Person sieht den Aussteller an, öffnet leicht den Mund, schließt ihn schnell wieder, dreht sich um und rollt davon. Auf ihrem Gesicht zeigt sich eine Mischung aus Wut, Frustration und Traurigkeit. Dieses Beispiel fasst eines der drängendsten Probleme in der Hilfsmittelindustrie zusammen: Paternalismus – wenn nicht-behinderte Marken ihre Aufgabe fälschlicherweise als Schutzbeauftragte für Sicherheit missverstehen, anstatt als Entwickler ihren potenziellen behinderten Kund*innen zuzuhören.
Was all diese Produkte gemeinsam haben, ist, dass sie den Körper als Problem ansehen – was er nicht ist. Er ist das, was wir haben, und das ist gut so. Nicht nur das: Diese Produkte – und die Denkweise dahinter – suggerieren eine Norm (zum Beispiel, dass ein Mensch fest auf zwei Beinen steht), die es gar nicht gibt.
Raúl Krauthausen
Ein weiteres, gegensätzliches Problem ist der sogenannte Techno-Ableismus: spektakuläre, überkonstruierte Pseudo-Lösungen, die Probleme lösen, die für behinderte Menschen nie existiert haben, während die alltägliche Funktionalität völlig ignoriert wird. Ein Beispiel, das einige – wenn auch nicht alle – behinderte Menschen als überflüssig empfinden, sind die treppensteigenden Roboter, von denen ebenfalls viele auf der Rehacare präsentiert werden. Diese wälzen die Verantwortung für eine von der Gesellschaft geschaffene Barriere – Treppen – auf die behinderte Person ab, anstatt barrierefreie Gebäude mit Rampen und Aufzügen zu gestalten, die solche Rollstühle überflüssig machen würden.
„Was all diese Produkte gemeinsam haben, ist, dass sie den Körper als Problem ansehen – was er nicht ist. Er ist das, was wir haben, und das ist gut so. Nicht nur das: Diese Produkte – und die Denkweise dahinter – suggerieren eine Norm (zum Beispiel, dass ein Mensch fest auf zwei Beinen steht), die es gar nicht gibt. Zudem neigen sie dazu, mit Superlativen um sich zu werfen und extrem hip wirken zu wollen – oder was manche Leute dafür halten“, sagt Raúl Krauthausen, ein behinderter Aktivist und Autor.
Messen wie die Rehacare haben einen langen Weg hinter sich
Während nicht-behinderte Marken nach wie vor die Mehrheit stellen und viele heutzutage ihre Mobilitätshilfen mit spektakulären Kulissen präsentieren – wie einem künstlichen Oktoberfest mit Kundenservice in Lederhosen und Blasmusik –, haben andere vergessen, dass Mobilitätshilfen heutzutage auch gewissen modischen Ansprüchen genügen müssen. Dieser bizarre Kontrast zwischen übertriebenem Firmen-Marketing und altbackenen, klinisch wirkenden Hilfsmitteln ignoriert die tatsächlichen Bedürfnisse behinderter Menschen völlig. Dennoch ist spürbar, dass das PR-Team der Rehacare große Anstrengungen unternimmt, um die Repräsentation zu Gunsten der behinderten Besucher*innen zu verschieben, sodass sich das Narrativ von „Wir bauen Geräte für behinderte Menschen“ hin zu „Wir binden behinderte Menschen in Entscheidungspositionen ein“ wandelt. Zwischen diesen wenigen maßlos übertriebenen oder enttäuschenden Ausstellern finden sich genau jene Rohdiamanten, nach denen sich Journalist*innen mit Behinderungen sehnen.
Ich habe ursprünglich einen Holzrollstuhl als persönliche Herausforderung gebaut, aber als ich ihn auf der Straße benutzt habe, hat sich alles verändert. Er sah eher wie ein Mode-Accessoire aus als wie ein medizinisches Gerät. Das hat verändert, wie die Leute mich ansehen, und mein Selbstwertgefühl gestärkt.
Paul de Livron
Behinderte Menschen wollen auch modisch sein!
Einer, der Funktionalität und Stil versteht, ist Paul de Livron, der in Frankreich Holzrollstühle baut. Seine Marke „Apollo Wooden Wheelchairs“ kombiniert die Funktion manueller Rollstühle mit Stil, und jeder wird individuell für die Kundschaft angefertigt. „Ich habe ursprünglich einen Holzrollstuhl als persönliche Herausforderung gebaut, aber als ich ihn auf der Straße benutzt habe, hat sich alles verändert. Er sah eher wie ein Mode-Accessoire aus als wie ein medizinisches Gerät. Das hat verändert, wie die Leute mich ansehen, und mein Selbstwertgefühl gestärkt. Da wurde mir klar, dass ich anderen helfen kann, dasselbe Selbstbewusstsein durch einen ästhetischeren Rollstuhl zu erlangen“, sagt de Livron. Bisher hat er zehn individuelle Rollstühle gebaut. „Ich habe erkannt, dass meine Holzrollstühle die Macht haben, den Blick der Menschen auf mich zu verändern und mir mehr Selbstachtung zu schenken. Also dachte ich, das könnte die gute Geschäftsidee sein, nach der ich gesucht habe: anderen Menschen zu helfen, durch einen schöneren Rollstuhl mehr Selbstwertgefühl zu bekommen“, fügt er hinzu. Seine Rollstühle kosten je nach Kundenwunsch rund 4.000 Euro.
An genau der Stelle, an der de Livron im letzten Jahr seinen Stand hatte, präsentiert 2026 eine Modemarke ihre futuristischen Rock’n’Roll-Designs: Next UD. „Next UD ist ein Unternehmen mit Sitz in Japan, das barrierefreie Kleidung entwickelt, die gleichzeitig modisch ist. Einige Marken stellen zwar barrierefreie Kleidung her, aber sie ist meist nicht sehr stilvoll. Barrierefreie und stilvolle Kleidung ist wichtig, weil wir auch nur Menschen sind und das Recht haben, gut auszusehen. Ich meine, warum auch nicht?“, sagt Markenbotschafterin Sandra Elena, die selbst einen Rollstuhl nutzt.
Ein Highlight der barrierefreien Designs, die sie mit zur Rehacare gebracht haben, sind ihre „Banana Boots“, die mit vier Reißverschlüssen ausgestattet sind, sodass sie sich wie eine Banane aufklappen lassen.
„Barrierefreie Kleidung braucht viele Reißverschlüsse, Magnete und darf nicht zu eng sein. Ich habe überall nach etwas gesucht, das stilvoll ist und sich gleichzeitig leicht anziehen lässt, aber das ist eine ziemliche Herausforderung“, sagt Elena. „Inklusion bedeutet, dass Menschen mit Behinderungen an allen Aspekten des Lebens teilhaben können und sich wirklich zugehörig fühlen. Dazu gehört selbstverständlich auch Mode!“

Mode für alle Sinne: Wie Blinde und Sehbehinderte die Modewelt neu erleben
Musik, Duft und Fühlbücher statt nur Blicke: Bei der Modenschau von Susan Fang im Londoner Barbican erlebt unsere Autorin Amy Zayed zum ersten Mal eine Laufstegshow, die wirklich für sie gemacht ist. Möglich macht das die Initiative „Making Fashion Accessible“ – doch auf den Laufstegen selbst fehlen Models mit Behinderung noch immer fast vollständig.

Rankin: Ein Ally in der Modebranche kämpft für Vielfalt
Rankin ist ein britischer Fotograf und Regisseur. Er ist bekannt für seine Porträts von Prominenten wie David Bowie, den Rolling Stones oder Kate Moss sowie für die Gründung britischer Popkultur-Magazine wie „Dazed & Confused“. Obwohl die Modeszene stark von Klischees der Perfektion und längst veralteten Schönheitsidealen geprägt ist, pusht Rankin die Themen Vielfalt und Inklusion. Journalistin Amy Zayed hat ihn zur London Fashion Week gesprochen.

Blindstyle mit KI – Ein Kleid, eine App und ein neuer Blick auf Mode
Ein Vintage-Kleid, eine App und die Lust auf Stil: Durch KI fand unsere blinde Kolumnistin Jennifer Sonntag einen neuen Zugang zur Modewelt. Was als kleines Experiment begann, wurde zu einer wichtigen Erfahrung, die ihre Selbstbestimmung und kreative Freiheit beflügelt hat.
Sport ist Inklusion.
„Sport ist einer der stärksten Hebel, die wir in Bezug auf Inklusion haben“, sagt Moritz Brückner, Paralympionike. Brückner spielt Rollstuhlrugby und ist einer der Podiumsgäste auf der Rehacare. „Für mich persönlich ist es diese tolle Mischung aus Geschwindigkeit, Action, Knallen und durch die Gegend fliegen. Dieser Sport gibt einem einfach das Gefühl, lebendig zu sein. Vor dem Unfall war ich mehr oder weniger sportlich. Ich habe Fußball gespielt, wie es jeder aus einem kleinen Dorf tut, und habe hauptsächlich viel getanzt. Leistungssport stand nie wirklich auf meiner Bucket List. Aber jetzt stecke ich mittendrin und reite die Welle einfach, solange ich kann.“ Erfrischenderweise werden viele der auf der Rehacare demonstrierten Sportarten von behinderten Peers dominiert, und oft sind es Nicht-Behinderte, die sie ausprobieren. Sport hat die Kraft – wahrscheinlich viel mehr als jedes andere Hobby –, Menschen durch eine gemeinsame Leidenschaft oder den gemeinsamen Ehrgeiz zu verbinden, um zu sehen, wie weit man an seine Grenzen gehen kann. „Wenn Leute sagen, Para-Sport sei nicht dasselbe wie ‘normaler’ Sport, kann ich ihnen sagen: Ich glaube nicht, dass ihr es jemals ausprobiert habt. Ihr seid herzlich eingeladen, meiner Einladung zu folgen, euch in einen gepanzerten Rollstuhl mit einem Rammbock vorne und Haken links und rechts zu setzen und zu sehen, wie ihr reagiert – und ob ihr besser reagiert, wenn euch jemand frontal anfährt“, fügt Brückner hinzu.
Viele Kinder werden extrem überbehütet. Wenn ein Kind im Rollstuhl hinfällt, wird das oft wie etwas Schlimmes behandelt. Aber Stürze gehören einfach zum Alltag dazu – jeder, der laufen, Skateboard fahren oder Sport lernen will, fällt mal hin.
Florian Günther
Um Kollisionen oder Stürze zu vermeiden, bietet der Skatepark von Sit’n’Skate Trainer wie Florian Günther. „Sit’n’Skate entstand aus dem Wunsch heraus, Kindern und Jugendlichen das Rollstuhl-Skaten näherzubringen. Das klingt im ersten Moment super spektakulär mit Sprüngen über Rampen – und das ist auch ein Teil davon. Aber Alltagsfähigkeiten sind ein ebenso großer Teil unserer Arbeit. Wir bringen ihnen bei, wie sie im täglichen Leben vorankommen – wie man Stufen überwindet und Rampen hinunterfährt, damit sie ganz natürlich das Selbstvertrauen gewinnen, ihren eigenen Rollstuhl selbstständig zu beherrschen“, erklärt Günther. „Viele Kinder werden extrem überbehütet. Wenn ein Kind im Rollstuhl hinfällt, wird das oft wie etwas Schlimmes behandelt. Aber Stürze gehören einfach zum Alltag dazu – jeder, der laufen, Skateboard fahren oder Sport lernen will, fällt mal hin. Man steht wieder auf, setzt sich zurück in den Rollstuhl und macht weiter. Und wenn wir beobachten, wie diese Kids über acht oder neun Jahre heranwachsen, wie sie selbstbewusster werden, eingeschult werden und Dinge erreichen, die sie ohne uns vielleicht nicht geschafft hätten – das ist einfach großartig.“
Mutig probierte auch Reporter-Kollegin und Teammitglied Isabell Tröger mit Unterstützung von Florian Günther das Rollstuhl-Skaten aus, der aufpasste, dass sie nicht umkippen kann. „Es hat unglaublich viel Spaß gemacht, war aber eine echte Herausforderung“, teilt Tröger mit, die keine körperliche Behinderung hat. „Man merkt sehr schnell, wieviel Rumpfspannung und Präzision nötig sind, nur um das Gleichgewicht zu halten, ganz zu schweigen vom Fahren mit Geschwindigkeit. Ich habe immer noch Muskelkater.“

Sit’n’Skate: Wie Rollstuhl-Skater Barrieren ins Rollen bringen
Ein Skateboard hat vier Räder. Ein Rollstuhl auch. Trotzdem hieß es für David Lebuser immer wieder: zu riskant, zu teuer versichert, nicht vorgesehen. Autorin Karina Sturm berichtet, wie er sich die Skateparks trotzdem eroberte und mit Sit’n’Skate eine ganze Bewegung ins Rollen brachte.
Wenn behinderte Menschen zu Entwickler*innen werden
Während in der Sportarena gefeiert wird, was Körper leisten können, widmet sich eine andere Generation von Erfinder*innen den „Tabus“, die manchmal mit einer Behinderung einhergehen: dem intimen, unglamourösen Gang zur Toilette – ein Thema, das für viele behinderte Menschen mit Scham besetzt ist. Und oft sind die bahnbrechendsten Lösungen oberflächlich betrachtet nicht so eindrucksvoll wie unser treppensteigender Rollstuhl… Sie kommen vielleicht als Gürtel mit einem handlichen Gerät daher, das unter der Kleidung getragen wird, um den Füllstand der Blase zu messen – was beispielsweise für querschnittgelähmte Menschen wichtig ist, die keine Blasenkontrolle haben. „Wir hatten vor Kurzem eine Nutzerin, die das Gerät mit in den Urlaub genommen hat. Nach ihrer Rückkehr erzählte sie, dass sie zum ersten Mal ihren Alltag völlig unbeschwert leben konnte. Sie musste keine Wecker mehr stellen oder ständig auf die Uhr schauen. Sie konnte ihren Urlaub völlig frei genießen, weil sie wusste, dass das Gerät sie rechtzeitig informiert, wenn die Blase voll ist, damit sie sie rechtzeitig entleeren kann“, berichtet Jannik Lockl, CEO und Mitgründer von inContAlert. Ihr Gerät wurde zusammen mit Menschen wie Moritz Brückner entwickelt und misst mittels Infrarot den Füllstand der Blase, um dann eine Warnung an das Smartphone der Nutzerinnen zu senden. Dieses schlichte Gerät verhindert Unfälle und hat daher enorme Auswirkungen auf das Leben behinderter Menschen. Leider ist es noch nicht käuflich. Laut Lockl arbeitet das Unternehmen jedoch daran, das Produkt als Medizinprodukt zuzulassen, damit Nutzer*innen es über die (deutsche) Krankenkasse beziehen können.
Ein auf der Rehacare vorgestellter Bericht über Deutsche mit einer Behinderung zeigt, dass sich zwei Drittel von dem bürokratischen Aufwand bei der Beantragung der Kostenübernahme für Mobilitätshilfen extrem überfordert fühlen. 76 Prozent der Befragten geben an, benötigte Hilfsmittel nur dann zu erhalten, wenn sie gut informiert und beharrlich bleiben.
Unbezahlbare Hilfsmittel
Leider haben behinderte Menschen selbst mit Krankenversicherung – egal in welchem Land – oft keinen Zugang zu all den Produkten auf Messen wie der Rehacare, die das Leben so viel leichter machen würden. Ein auf der Rehacare vorgestellter Bericht über Deutsche mit einer Behinderung zeigt, dass sich zwei Drittel von dem bürokratischen Aufwand bei der Beantragung der Kostenübernahme für Mobilitätshilfen extrem überfordert fühlen. 76 Prozent der Befragten geben an, benötigte Hilfsmittel nur dann zu erhalten, wenn sie gut informiert und beharrlich bleiben. Etwa die Hälfte aller Umfrageteilnehmer*innen hat das Gefühl, ihren Bedarf an Barrierefreiheit ständig rechtfertigen zu müssen, und noch mehr geben an, dass die wirtschaftlichen Vorgaben der Kostenträger ihre Auswahl einschränken. Insgesamt haben nur 36 Prozent das Gefühl, die gleichen Teilhabe- und Inklusionschancen zu besitzen wie nicht-behinderte Menschen. Für behinderte Menschen sind diese Zahlen keine Überraschung. Angesichts der Tatsache, dass Menschen mit Behinderung statistisch gesehen deutlich häufiger von Armut betroffen sind, ist es ein Paradoxon, von all diesen Geräten umgeben zu sein, die einen großen Einfluss auf Autonomie und Inklusion hätten, die sie sich aber nicht leisten können. Zugang ist also nicht nur physisch; er ist auch systemisch und politisch.
Messen als politische Räume
André Dietz, ein bekannter deutscher Schauspieler, der eine Tochter mit Behinderung hat, argumentierte auf der Bühne, dass Familien, insbesondere pflegende Angehörige, mehr Unterstützung brauchen. Sie müssen ständig um medizinische Hilfsmittel kämpfen, während sie gleichzeitig ihre Familienmitglieder pflegen. „Wir werden dauernd gefragt, wie wir das alles schaffen, und ehrlich gesagt weiß ich es manchmal selbst nicht. Wir haben zum Beispiel fast vier Jahre lang kaum geschlafen, weil Marie massive Schlafstörungen hatte. Dazu kommen drei weitere Kinder, um die wir uns kümmern müssen. Und ja, man gewöhnt sich daran. Es klingt furchtbar zu sagen ‘man hat sich daran gewöhnt’, aber wir haben diese Zeit irgendwie durchgestanden. Wir schaffen es aber nur, indem wir für Dinge kämpfen: indem wir das Haus umbauen, um einen Rollstuhl kämpfen und dann wieder um das nächstgrößere Modell kämpfen“, sagt Dietz. „Das sind die bürokratischen Hürden, aber alles andere ist nur durch dieses Familienkonstrukt zu schaffen, das ein Team ist, in dem alle mitanpacken müssen. Und die Grundlage dafür ist ganz einfach: Es ist Liebe. So schafft man es, diesen Alltag zu managen. Aber manchmal sind wir auch so am Ende, dass wir nur heulen und schreien könnten. Das gehört auch dazu und es ist wichtig, damit nach außen zu gehen und das zu sagen. So kompensiert man es eben auch – indem man offensiv damit umgeht.“
Nicht „nur“ behindert
Behinderte Menschen sind eine vielschichtige Gruppe, deren Leben sich nicht nur um medizinische Bedürfnisse dreht; sie müssen oft mehrere Ebenen der Marginalisierung gleichzeitig navigieren. Einen Raum für diese intersektionalen Communities bereitzustellen, ist daher ebenfalls entscheidend. „Eine der größten Herausforderungen ist erst einmal die Mobilität – und schlichtweg am queeren Leben teilhaben zu können. Viele Räume sind, genau wie in der Mehrheitsgesellschaft, nicht barrierefrei. Bei Großveranstaltungen werden Menschen mit Beeinträchtigungen nicht mitgedacht. Wenn ich zum Beispiel im Rollstuhl zu einer Pride Parade gehe, stehe ich in der dritten Reihe oder komme nicht auf die Toiletten“, sagt Peter Hölscher, der bei queerhandicap e. V. arbeitet. „Queere Menschen mit Behinderungen erleben Mehrfachdiskriminierung. Es ist schwer, uns in Schubladen zu stecken, weil man nie genau weiß: Was genau ist diese Person eigentlich?“
Es fühlt sich richtig schön an, mal nicht in der Minderheit zu sein und so viele Menschen mit sichtbaren Behinderungen zu sehen – und zu wissen, dass hier sicher auch einige mit unsichtbaren Behinderungen sind.
Mieze McCripple
Um intersektionale Menschen sichtbar zu machen, hat die Rehacare einen „Community Hub“ eingerichtet, auf dem im Laufe des Tages Kreative, Aktivist*innen und andere Personen aus der Disability-Community sprechen. Eine dieser Personen ist Mieze McCripple. „Ich mache aktivistische, politische Spoken-Word-Performances in Drag – manchmal auch klassischen Lip-Sync, aber auf jeden Fall immer mit einer Prise Glitzer und Gesellschaftskritik“, sagt McCripple. „Ich versuche, all diese Themen miteinander zu verknüpfen – immer mit dem Blick darauf, dass Menschen mehrfach marginalisiert sein können. Und es fühlt sich richtig schön an, mal nicht in der Minderheit zu sein und so viele Menschen mit sichtbaren Behinderungen zu sehen – und zu wissen, dass hier sicher auch einige mit unsichtbaren Behinderungen sind“, fügt McCripple hinzu.
Es gibt sehr starke Abhängigkeitsverhältnisse. Man ist von der pflegenden Person abhängig, und oft ist nur eine einzige Person da. Man kann nicht um Hilfe rufen und es kann sehr schwer sein, sich zu wehren – erst recht, wenn man körperlich dazu nicht in der Lage ist.
Thomas Schulze zur Wiesch
Aktivismus und Messen gehören zusammen
Obwohl Messen immer noch oft aus der Perspektive von Pflegekräften betrachtet werden und viele Besucher*innen Fachpersonal aus Pflegeeinrichtungen oder Krankenhäusern sind statt Selbstvertretung, versucht die Rehacare, das Narrativ in Richtung eines Disability-Justice-Ansatzes zu verschieben. Sie haben kritische Kunstausstellungen von Behindertenrechtsgruppen eingeladen, die Themen beleuchten, die außerhalb der Community selten zu sehen sind. In diesem Jahr zeigt #AbleismusToetet zum zweiten Mal in Folge ihr journalistisches Rechercheprojekt, das Gewalt in Pflegeheimen in Deutschland aufzeigt. „Es gibt sehr starke Abhängigkeitsverhältnisse. Man ist von der pflegenden Person abhängig, und oft ist nur eine einzige Person da. Man kann nicht um Hilfe rufen und es kann sehr schwer sein, sich zu wehren – erst recht, wenn man körperlich dazu nicht in der Lage ist. Es passiert sehr viel zwischen zwei Menschen, wo eine Person ein enormes Maß an Macht hat und die andere nicht“, erklärt Thomas Schulze zur Wiesch, Mitglied von AbilityWatch e. V., einer deutschen Behindertenrechtsorganisation.
Gleichzeitig setzen sich Organisationen wie AbilityWatch e. V. für die vollständige Umsetzung des Menschenrechtsmodells von Behinderung im Rahmen der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) ein, das behinderte Menschen nicht als medizinische Probleme sieht, die die man heilen muss, sondern als vollwertige Rechtsträger*innen, die systemische Gleichberechtigung, strukturelle Unterstützung und totale Selbstbestimmung verdienen.
„#AbleismusTötet fordert, dass alle Menschen überhaupt erst einmal ein selbstbestimmtes Leben führen können – unabhängig im eigenen Zuhause, im Umfeld der eigenen Wahl. Und doch lautet die Antwort heute sehr oft noch: ‘Du wohnst in einer Einrichtung’ oder ‘Du arbeitest in einer Werkstatt für behinderte Menschen.’ Solange diese Systeme existieren, brauchen wir wirksamen, nachhaltigen Schutz vor Gewalt – nicht etwas, das alibimäßig von Einrichtungen umgesetzt wird.“
Und genau darum sollte es auf Messen wie der Rehacare gehen: behinderte Menschen nicht als passive Konsument*innen zu verstehen, sondern als primäre Kund*innen, die selbst am besten wissen, was sie brauchen.
Und genau darum sollte es auf Messen wie der Rehacare gehen: behinderte Menschen nicht als passive Konsument*innen zu verstehen, sondern als primäre Kund*innen, die selbst am besten wissen, was sie brauchen. Der Übergang vom „Techno-Ableismus“ zur tatsächlichen Autonomie wird nicht durch nicht-behinderte Entwickler*innen gelingt nur, wenn behinderte Menschen anführen – egal ob beim Bau von Holzrollstühlen, dem Nähen von Stiefeln mit vier Reißverschlüssen, der Entwicklung tragbarer Blasensensoren oder auf der Bühne, um grundlegender Menschenrechte einzufordern.
Dieser Artikel entstand in Kooperation mit The Global Disability News Network. Aus dem Englischen übersetzt von Karina Sturm.