Glasknochen – Transkript

Lesezeit ca. 44 Minuten

Die Neue Norm: Eine Sehbehinderung, ein Rollstuhl, eine chronische Erkrankung. Oder: drei Journalist*innen. Jonas Karpa, Raul Krauthausen und Karina Sturm sprechen über Behinderung, Inklusion und Gesellschaft.

Folge 72: „Glasknochen“

ARD Jingle

Jonas: Du, sag mal Raúl, du wolltest ja nie Berufsbehinderter werden, hast du häufig irgendwie gesagt. Aber jetzt bist du ja trotzdem ein sehr bekannter Inklusionsaktivist. Wann hattest du deinen Durchbruch? 

Raúl: Haha. Weil ich Glasknochen habe, oder warum fragst du das? 

Jonas: Vielleicht. 

DNN Intro

Jonas: Herzlich willkommen zu Die Neue Norm, dem Podcast. Wir verfolgen ja in unserem Podcast in über 70 Folgen ja so das Prinzip des Disability Mainstreaming. Also, dass wir Behinderung aus der Perspektive natürlich von uns selbst denken, aber eben auch gesellschaftlich sehen, also in allen gesellschaftlichen Lagen mitdenken und eben schauen, okay, wo kann man dort eben das Thema Behinderung, Inklusion, Barrierefreiheit mitdenken. Und wir sind ja kein Medizin-Podcast und so und gehen jetzt quasi jede Diagnose, die es so gibt auf der Welt, eins für eins durch. Aber natürlich ist es so, dass wir ja auch in unserem Jingle drin haben, eine Sehbehinderung, ein Rollstuhl, eine chronische Erkrankung und wir haben schon sehr häufig darüber gesprochen, dass du Raúl zum Beispiel ja im Rollstuhl sitzt, aber so der wahre Grund, gut der kam auch schon mal zur Sprache, aber das Thema Glasknochen an sich hatten wir irgendwie noch gar nicht. Und das möchten wir in dieser Episode mal machen. Deshalb gucken wir uns an, was bedeutet das überhaupt, Glasknochen zu haben? Was bringt diese Diagnose mit? Welche Barrieren gibt es vielleicht? Und aber auch, wie vielfältig ist diese Erkrankung oder auch Behinderung? Je nachdem, wie man es aus der Perspektive sieht. Deshalb schön, dass du da bist, Raúl. 

Raúl: Wie immer, Hallo.

Jonas: Und Karina Sturm ist übrigens auch da. Hallöchen

Karina: Hallo. 

Jonas: Und Behinderung ist wahnsinnig vielfältig. Deshalb haben wir uns gedacht, okay, wir lassen nicht nur dich, Raúl, aus dem Nähkästchen plaudern, sondern wir haben zwei Gäst*innen eingeladen. Und zwar zum einen die Moderatorin und Schauspielerin Kübra Sekin, hallo. 

Kübra: Hallo. 

Jonas: Und den Schauspieler und Autor Leonard Grobien, hallo. 

Len: Hallo. 

Raúl: Ich bin ehrlich gesagt ein bisschen starstruck. Weil ich mega Fan bin von den beiden. Umso mehr freue ich mich, dass ihr da seid. 

Karina: ich auch! 

Kübra: Ich kann damit immer nicht so gut umgehen. Wenn das jemand sagt, ich weiß nicht, was ich darauf antworten soll. Weil danke ist irgendwie komisch. 

Raúl: Ich weiß, würde ich sagen. 

Jonas: Ich würde sagen, zu Recht. 

Kübra: Direkt mal so einschüchtern, die Leute. 

Jonas: Ihr habt alle Glasknochen und das ist ja eine Art der Behinderung. Das ist ja quasi umgangssprachlich so benannt. Fühlt ihr euch mit dieser Bezeichnung wohl? Weil das ja schon sehr eindeutig sagt, was mit euren Knochen passiert. 

Len: Mir hat es geholfen, das erklärt zu bekommen, verbildlicht zu bekommen durch diesen Look auf dem Röntgenbild, dass das daherkommt, also dass es ein gläserner Look, gläsernes Bild ist, das erzeugt wird, dass man eben durch den Knochen durchgucken kann auf dem Röntgenbild, je nach Dichte natürlich, aber grundsätzlich ist das schon mal der Effekt und dass es nicht so bricht wie Glas unbedingt, also dass das total variiert. Und meistens Glas eher, glaube ich, ein bisschen zerbrechlicher ist, vor allem im Alltag so. Da kann man das nicht ganz übertragen, aber der Look, das hat mir ein bisschen geholfen, damit ein bisschen mehr in Verbindung zu kommen mit diesem Begriff und den gar nicht unbedingt für mich so ganz abzulehnen. Aber einen Satz dazu noch zu verlieren, ist schon hilfreich. 

Kübra: Ich habe mir irgendwie da noch nie so aktiv Gedanken drüber gemacht, um ehrlich zu sein. Ich habe das irgendwann einfach so angenommen. Und was ich immer so ein bisschen nervig fand, oder immer noch finde, jetzt rede ich ja kaum noch über die Behinderung, aber ich fand es immer sehr nervig zu erklären, dass meine Knochen nicht aus Glas sind. Also das ist immer wieder die Frage, sind deine Knochen wirklich aus Glas? 

Raúl: Das erinnert mich an, ich wurde mal gefragt, ob ich mich mit Glasreiniger sauber machen würde. Das war eine ernste Frage. Das war jetzt nicht so Haha Glasreiniger. Das war eine ernst gemeinte Frage und ich hadere immer noch mit diesem Wort Glasknochen. Immer wenn ich das dann sage, dann habe ich das Gefühl, sind die Leute noch eingeschüchterter. Die haben dann Angst, einem die Hand zu brechen. Sie haben das schon mal gehört und es ist alles ganz schrecklich. Aber wenn man sagt, was es offiziell heißt, Osteogenesis Imperfecta, dann stehen ja auch alle wie so ein Auto daneben und wissen nicht, was sie dazu sagen sollen. Also ich mag beide Wörter nicht. 

Kübra: Apropos Glasreiniger, weil du das gerade erwähnt hast, mir fällt ein, meine kleine Schwester, die schon verstorben ist, hatte auch Glasknochen und als Kind hat sie ständig so Witze gemacht mit, ich dusche mich mit Glasreiniger oder wenn ich mir wehtue, gehe ich zu Carglass und so. Die waren sehr, sehr flach. Ja genau, das hat sie dann auch immer so nachgesprochen. 

Raúl: Wie war denn das bei euch? Ich habe für mich irgendwann die Beobachtung gemacht, dass ich gar nicht viel über meine Behinderung wissen wollte. Man geht dann zu diesen oder auch nicht, aber zu diesen Selbsthilfegruppen einmal im Jahr nach Mauloff oder nach Duderstadt, wo sich dann die Glasknochen-Crew ihren ADAC-Club hat und sich dann dort trifft quasi. Und man kann sich auch, glaube ich, zu Tode mit der eigenen Behinderung beschäftigen, habe ich manchmal mal den Eindruck. Und ich wollte immer nur so viel wissen, wie ich jetzt gerade fürs Leben brauche und nicht was in 20 Jahren ist. Wie war das bei euch? 

Kübra: Also ich kann da gar nicht mitreden. Meine Eltern hatten irgendwie nie den Zugang zu diesen Selbsthilfegruppen oder Vereinen oder was es da alles gab und deswegen kam ich auch nie damit in Berührung und jetzt in diesem jetzigen Alter weiß ich auch, dass das sehr weiß geprägte Räume sind und ich weiß gar nicht, ob mir das so gefehlt hat vielleicht, aber jetzt denke ich mir schon so manchmal, was geht denn da wohl ab? Was besprechen die denn wohl? Oder was planen die dann so als Event zusammen oder so. Aber ich habe gehört, dass das auch sehr so auf medizinische Erfolge und sowas hinzielt und dass da irgendwie Ärzt*innen Vorträge halten über die neueste Operation und Infusion und weiß ich nicht. 

Len: Meine Eltern haben sich ziemlich früh dagegen entschieden, da weiter teilzunehmen und da war ich halt irgendwie noch ein, zwei Jahre alt oder so. Ich habe da eh nicht viel von mitbekommen und habe auch später dann davon gehört und dann auch nicht einen Willen entwickelt, da wieder einzusteigen. Vor allem durch die Beschreibung von meinen Eltern, dass sie halt auch das Gefühl hatten, dass da zusammengefasst irgendwie die Behinderung als Lebensinhalt gilt. Was einem nicht immer freiwillig passiert, das will ich gar nicht vorwerfen, aber das kann einem passieren. Und dann auf einmal füllt das so dein ganzes Bewusstsein aus und dann ist das dein Thema. dann ist das das Einzige, worüber du ganz viel weißt oder auch die ganze Zeit redest. Und ich meine, wir sind ja schon zwangsläufig davon beeinflusst, dass es unseren ganzen Alltag formt und überall Einfluss hat. Dann suche ich mir nicht mehr Gelegenheiten, dem noch Platz zu geben und mich zu kontrollieren oder mich irgendwie auszufüllen inhaltlich. Da hatte ich dann gar kein Bedürfnis. Was mir später klar geworden ist, dass eine Community und eine Connection zueinander extrem wertvoll sein kann und ein neues Empowerment herstellt. Das habe ich jetzt in den letzten Jahren erst richtig erlebt. Das habe ich da ganz sicher verpasst. Aber ich glaube, dieses Prinzip von Selbsthilfesituationen, ohne dass man sich wirklich mal dazu entschieden hat, das aufzusuchen, das hätte ich nicht ausgehalten. Also no front. Aber ich hoffe, es hat ganz viel Empowerment für die Leute, die daran teilnehmen. Meine Sache war es nie. 

Jonas: Es gibt eine Mitgliederzeitung, Raúl, hast du mal erzählt. Die heißt “der Durchbruch”. 

Raúl: Genau, es gibt ein Mitgliedermagazin. Also ich und meine Frau, meine Frau hat auch Glasknochen. Wir haben uns sogar auf dieser Veranstaltung kennengelernt. Also eigentlich, wenn man uns fragt, wo habt ihr euch kennengelernt? Und dann schämen wir uns immer für diese Geschichte, dass wir uns bei der Glasknochenversammlung getroffen haben. Und wir nennen es immer Mitgliedermagazin. Also so ADAC-Zeitschrift ist wiedergekommen. Und da gibt es dann Artikel einfach aus der Community heraus. Leute, die irgendwas gemacht haben, Bücher geschrieben haben. Oder eben auch die neuesten medizinischen Forschungen und Entwicklungen. viel Ratgeberinhalt, also Sport machen, mit Glasknochen oder Ausbildung anfangen. Also wirklich auch gute Sachen dabei. Und ich kann aus meiner Erfahrung sagen, ich war relativ viel da. Als Kind war das großartig. Ich habe als Kind mich wirklich gesehen gefühlt. Wir haben Zirkus gemacht, wir haben wirklich Dinge gemacht, die sonst, glaube ich, in meinem Kindergarten oder meiner Grundschule eher als gefährlich eingestuft wurden. Und wir haben da aber auch Feuer gemacht. Also es war irgendwie cool. und war so ein bisschen wie so ein Abenteuerwochenende. Dann aber irgendwann als Teenager, also ich würde sagen ab zwölf, war es stinklangweilig. Also es gab einfach kein Angebot. Und man hat dann eher draußen gesessen, wollte mit den ganzen Diagnosen nichts zu tun haben. Weil die ganzen Seminare heißen immer irgendwas mit OI, also Glasknochen. So was wie, keine Ahnung, Älter werden mit OI, Kinder kriegen mit OI, Schwanger sein mit OI, was auch immer mit OI. Und wir nannten unsere Gruppe Eierschaukeln mit OI. und haben ja einfach draußen gesessen. Und das war auch Community Building, weil wir uns eben einfach ausgetauscht haben. Und es gibt ja nicht so viele Menschen mit Glasknochen im Vergleich zu kleinwüchsigen Menschen oder im Vergleich zu anderen Diagnosegruppen. Und was ich schon interessant fand, dass wenn ich andere Menschen mit Glasknochen sah, als Kind, hat sich das für mich angefühlt wie so ein Blick in den Spiegel. Ich sehe mich selber ja nicht im Alltag. Und wenn ich aber andere Menschen mit Glasknochen sah, dann dachte ich immer, ah, so sieht das also bei mir auch aus. Und das war schambehaftet, schmerzvoll, aber auch gleichzeitig toll. Weil ich war dann auch fasziniert und wollte dann auch wissen, wie machen die das? Und es gibt sehr viele verschiedene Glasknochengruppen ja auch, also Ausprägung. Es gibt so manche Menschen, die das erst im hohen Alter erfahren, dass sie Glasknochen haben, wenn die Osteoporose einsetzt quasi. Und dann man feststellt, ach, die Knochen brechen ja wirklich schneller. Und als Kind hatte man vielleicht nur zwei, drei Knochenbrüche mehr als die anderen. Aber es war einfach nie diagnostiziert worden. Und dann gibt es welche, die nicht alt werden. Und dann gibt es Menschen wie uns und welche dazwischen. Also es ist natürlich auch ein sehr breites Spektrum. 

Kübra: Und dann gibt es da auch noch Leute, die bis zu ihrem 35. Lebensjahr dachten, dass sie eine leichte Form hätten und vor ungefähr drei, vier Monaten erfahren haben, dass sie Typ 4 sind, wie ich zum Beispiel. 

Raúl: Und diese Typen haben sich auch geändert. Früher waren es, glaube ich, drei Typen. Jetzt sind es fünf oder so. 

Kübra: Ich dachte zwölf. 

Raúl: Ja, zwölf. Oder so was. 

Jonas: Diese unterschiedlichen Typen sind quasi der Schweregrad. Also das meine ich eben mit Behinderung ist vielfältig. Also es gibt Menschen mit Glasknochen, die sitzen nicht im Rollstuhl und können als Fußgänger*innen unterwegs sein. Zwar vielleicht nicht lange. Es gibt Menschen, die im analogen Rollstuhl, Schieberollstuhl unterwegs sind. Menschen, die im Elektrorollstuhl sind. Also es ist nicht die eine Diagnose und das ist bei allen irgendwie gleich ausgeprägt, sondern da gibt es echt komplette Abstufungen. Wir hatten auch mal eine Podcast-Episode, wo wir über Sport und Behinderung gesprochen haben, wo Valentin Baus, der der Paragoldmedaillengewinner im Tischtennis da war, der auch lange Zeit irgendwie als Kind und Jugendlicher überhaupt nicht im Rollstuhl unterwegs war. Also auch da dieses Varianten-Vielfalt im Sinne gibt. 

Raúl: Aber es gibt tatsächlich in den Gruppen, in denen ich dann war, bei diesen Jahrestagungen, gab es immer wieder eine Frage, und mich würde mal eure Perspektive interessieren, nämlich die Frage, warum gibt es so viele Menschen mit Glasknochen in der Öffentlichkeit im Vergleich zu anderen Diagnosen? 

Kübra: Die Frage habe ich mir selber auch schon oft gestellt, weil viele von uns einfach kreative Köpfe sind. 

Raúl: Also ich finde es auffällig. 

Kübra: Es ist super auffällig. Wie viele gibt es in Deutschland gerade mit OI? 

Raúl: 3000 vielleicht. Vielleicht acht, ich habe keine genaue Zahl. 

Kübra: Hier schon am Tisch sitzen drei schon in der Öffentlichkeit. Das sollte jemand wissenschaftlich untersuchen. 

Jonas: 

Aber ist das nicht auch was, was bei uns so zugeschrieben wird? Also dass man vielleicht dann sich auf andere Fähigkeiten dann spezialisiert und sagt, okay, ich kann jetzt eben nicht der nächste Zehnkampfgewinner in der Leichtathletik sein, sondern ich konzentriere mich eben auf andere Sachen. gleichzeitig manchmal diese Ersatzfähigkeit so ein bisschen auch zugeschrieben finde. Also gerade, dass Menschen, die blind sind oder eine Sehbehinderung haben, dass denen halt ein komplettes musikalisches Verständnis zugeschrieben wird. Also ich habe auch Musik studiert, aber das habe ich schon angefangen, bevor ich meine Sehbehinderung bekommen habe. Das wissen viele Leute zum Beispiel nicht. Und es ist dann, wenn ich irgendwie was erzähle und dann sage, dass ich eine Sehbehinderung habe und dann erzähle, was ich so studiert habe und dann Musik kommt, so, ah, natürlich. 

Kübra: Wobei ich kann mir nicht vorstellen, dass Leute mit Glasknochen auf der Straße angesprochen werden oder in irgendwelchen Cafés und dann gefragt wird, ob diese Person irgendwie kreativ arbeitet. Also das so rum funktioniert es glaube ich noch nicht zumindest. Aber es passiert ja schon oft, dass Len oder Edwin angesprochen wird und diese Leute denken, dass die Person Raúl ist. Auch das passiert ja öfter. 

Len: Das ist nochmal ein ganz anderes Rabbit Hole.

Jonas: Ja, aber das wollte ich eben fragen. Als Raúl, als du gesagt hast, wenn ich anderen Leuten begegne, es ist wie, wenn ich in einen Spiegel gucke. Das ist ja Tatsache so, dass du häufig für Raúl Krauthausen gehalten wirst. 

Len: Ja, häufig. Das ist verblüffend häufig. 

Kübra: Das ist so absurd. Ihr seht so unterschiedlich aus. 

Len: Nein, aber das war auch eine Entdeckung. Also ich meine, wie diesen Moment, den du eben beschrieben hast, als Kind im Krankenhaus oder in der Reha hatte ich denn, das Kind, was jünger war, dass ich mit Glasknochen begegnet bin. Und es dann so ein ruhiger Moment war, in dem ich kurz gar nichts gesagt habe und dann einfach so gesehen habe, ah, ja, so sehe ich aus. Also nicht genauso natürlich, aber ein paar Features davon sind bei mir wiedererkennbar. Und das ist so, ah, interessant. So sieht mich die Welt. Und auch jetzt ganz wertfrei, so unterscheide ich mich von anderen. Und das ist schon einfach eine Erweiterung des Horizonts gewesen. Also es hat dann einfach dazu beigetragen, ein weiteres Selbstverständnis zu entwickeln. Und dann meinem Körper und meiner Sichtbarkeit meines Körpers ein bisschen näher zu kommen. 

Raúl: Ich kann mich an eine Situation erinnern, dass ich einfach als Kind nie Schuhe trug. Ich laufe ja nicht. Und das war auch meine Argumentation. Warum brauche ich Schuhe? Ich laufe ja nicht. Und als ich dann aber irgendwann Schuhe geschenkt bekam und sie dann anzog, und ich habe gemerkt, dass die Leute mich ganz anders wahrnehmen. Also weniger behindert. Und mich hat das auf der einen Seite entsetzt. Aha, Kleider machen Leute. aber auf der anderen Seite auch irgendwie empowert, weil ich gemerkt habe, wenn ich mich kleide, kann ich das irgendwie beeinflussen. Ich meine nicht verstecken, sondern ich kann Erwachsenen rüberkommen. 

Len: Also es ist ja so eine Ausdrucksmöglichkeit. Du kannst was von deiner Innenwelt auch  zeigen in deiner Kleidung. Also eine nochmal unterschätzte Ebene. Ich meine, ich ziehe mich auch ganz oft einfach nur zweckmäßig an, aber eigentlich als Ausdrucksform. Gerade für Menschen, die einfach körperlich eine andere Voraussetzung haben. Also ich empfinde es wie du, ich würde mir nicht entgegenwirken, ich würde das nicht überdecken oder so, sondern ich würde es eigentlich erweitern. Ich will eigentlich einfach nur und das in einer außergewöhnlichen Art und Weise, also expressionistischen Art und Weise, wenn man das so sagen kann. Ich sehe nicht so aus, ich trage nicht jetzt die Farben von Van Gogh, aber ich würde es vielleicht gerne, ich würde vielleicht auch mehr damit ausdrücken. Ja, will ich damit sagen. 

Jonas: Aber nochmal kurz die Frage aufgrund dieser Tatsache, dass ihr so verwechselt werdet und das ist ja in vielerlei Hinsicht, also Raúl, dir wird ja auch häufig nachgesagt, dass du mal einen Marienhof mitgespielt hast. 

Raúl: Ich wurde auch mal für Stephen Hawking gehalten. 

Kübra: Wow. Das ist wirklich krass. 

Jonas: Könnt ihr da noch drüber lachen? Len, du hast mal, das verlinken wir auch gerne in unseren Shownotes auf www.dieneuenorn.de, auch nochmal auf deinem Instagram-Profil, das auch nochmal mit dem Schauspieler Jan Kampmann aufgedröselt, dass du irgendwann mal bei einem Filmempfang warst und dann quasi nach Fotos geguckt hast von diesem Empfang und nach deinem Namen gesucht hast und dich nicht gefunden hast und dann geguckt hast nach Raúl Krauthausen, dann waren alle Fotos, auf denen du zu sehen warst, untertitelt mit Raúl Krauthausen war da. Das hört sich so lustig an, wenn man sich das anguckt, weil es so absurd ist, aber nervt dich das? Oder sagst du, ja, das ist halt der Blick der Gesellschaft. Kennst du einen Behinderten, kennst du alle Behinderten? 

Len: Ja, da fehlt einfach so viel Berührungspunkte, die das aufweichen würden. Da sehe ich im Prinzip Potenzial für unsere Arbeit einfach und eine Hoffnung, dass ich dann noch viel zum Positiven verändern kann durch eine Sichtbarkeit und eine Sehgewohnheit. Es existiert beides. Also durch diesen Sketch kann ich ganz sicher beweisen, ich kann darüber lachen und ich werde darüber immer weiter lachen. Ich werde mich darüber lustig machen, über diese Art von Unwissenheit. Und gleichzeitig nervt das total. Also auf der Straße erkannt zu werden, ist ein, so dumm das klingt, eine Art Erfolgsmerkmal immer noch. Und wenn dann ein anderer Name genannt wird als dein eigener, ist es so, du kennst mich für was, was ich nicht gemacht habe. Das ist so, that’s not me, tut mir leid, du hast nie einen Film von mir gesehen. Und ich weiß noch genau, dass ich in Köln mal in einem Café angesprochen wurde und da ist gerade ein Dokumentarfilm über mich erschienen. Und da hat die Person, hat mich angesprochen und gesagt, bist du nicht der Regisseur und Drehbuchautor Leonard Grobien? Und das war so vollwertig und dankbar, wie es nur hätte sein können. Das war so, ja genau, der bin ich. Und ich meine, am liebsten, wenn ich es mir aussuchen darf, werde ich für das gesehen. Genau das. Also dann wurde auf einmal davon gesprochen, dass da Filme geschrieben wurden und Filme gemacht werden. Und nicht, dass ich in Marienhof mitgespielt habe. Das ist vielleicht kaputt zu vergleichen, aber es kann ja auch im gleichen Rahmen passiert das eben nicht im ableistischen, sondern im rassistischen. Und der Ärger, er wird immer ein bisschen dominieren. Also ganz frustrierend war, ich war mal auf einer Filmparty und fand irgendwie eine Schauspielerin ein bisschen gut da und dann hat sie meine Nummer eingespeichert und hat Raúl Krauthausen eingespeichert. Und ich hab so gesagt, 

Kübra: Das ist nochmal eine ganz andere Ebene, das ist eine Scheiße. 

Len: No bad blood, man. Das war wirklich so, ich hatte einen richtig traurigen Smiley auf da in der Situation, weil ich habe sie so angeguckt, wirklich muss so ein Hundeblick gewesen sein, glaube ich, und habe gedacht, hey, nee, hallo, das bin ich nicht. Nee, das ist Leonard. Und für sie war das nicht so ein großes Ding. 

Jonas: Man hat nicht gedacht, ja, dann nicht. 

Kübra: Mich würde interessieren, Raúl, kriegst du Anfragen, die eigentlich für Leonard gedacht sind? 

Raúl: Also ich werde in Berlin manchmal für den Politiker Ed gehalten, weil der ja sehr lokalpolitisch auch unterwegs ist. 

Kübra: Aber bekommst du berufliche Mails, Anfragen? 

Raúl: Berufliche Mails habe ich noch nicht bekommen. 

Kübra: Das fände ich sehr wild, wenn schon unter deinen Fotos, Len, der Name von Raúl steht, dass Raúl dann tatsächliche berufliche Anfragen von dir bekommt.

Raúl: Würde ich auch immer sofort weiterleiten. Was ich tatsächlich am häufigsten ist die Verwechslung mit Erwin Aljukic von Marienhof. Und darüber tauscht man es auch regelmäßig aus, dass es einfach schräg ist, weil wir wirklich anders aussehen. 

Len: Ja. Also ihr habt einen anderen Style, eine andere Ausstrahlung in any way irgendwie. 

Raúl: Aber meine Theorie ist, und auch ein bisschen lieb von meiner Frau, dass warum Menschen mit Glasknochen vielleicht öffentlich mehr auftauchen als Menschen mit anderen Diagnosen, ich sag’s jetzt mal einfach, ist vielleicht diese Knuffigkeit. Also wir sehen Erwachsen aus. Wir sind nur klein, in Anführungsstrichen, aber nicht kleinwüchsig, wohin da noch ganz andere Mythen und mystische Geschichten stecken. Ja, ich glaube, das ist diese Kombination, dass wir einfach dann auch eher gehört werden, eingeladen werden, also ein bisschen mit Token vielleicht auch. Das ist halt behindert genug, aber nicht zu behindert. 

Kübra: Wenn man sich andere Behinderungsformen anschaut, ist das natürlich so, dass wir in dem Bereich, wie wir sprechen, wie wir uns verkaufen und so, da sind wir ja schon, da passen wir schon sehr ins Normative. Das meinst du, glaube ich, oder? Dafür in anderen Bereichen weniger. Ich würde jetzt nicht sagen, dass über uns weniger Mythen herrschen würden. 

Raúl: Also auf jeden Fall gibt es über uns keine Märchen. Nur Rotkäppchen. Und dann glaube ich, dass, also ich zumindest, war immer auf Hilfe angewiesen. ich bin auch irgendwie so sozialisiert dass ich mir ein Umfeld baute, bewusst oder unbewusst, das mich mag und wenn du aber einfach nur genervt bist, weil alle dich für unfähig halten, obwohl du das alles alleine kannst, dann kann es vielleicht sein, dass du einfach auch anders gelesen wirst und also hat ganz viel mit mir selber zu tun auch, weil ich eben abhängig bin von anderen.

Len: Das ist echt nochmal eine große Story, finde ich sich darum zu bemühen, dass man gemocht wird. Also ich war da immer sehr drauf aus, dass alle mit mir klarkommen und ich mit allen gut bin. Und ich aber ganz offensichtlich eine Trennung habe zwischen Leuten, mit denen ich gerne hänge und mit Leuten, mit denen ich ganz ungern hänge. Und irgendwann mal habe ich das das erste Mal oder die ersten Male klar gemacht und dann war das Verhältnis das erste Mal zu Menschen nicht cool, sondern so irgendwie unrein geworden. Das war irgendwie nicht mehr friendly. Sieht man sich weniger und man macht irgendwie keine Projekte mehr miteinander Und dann ist es, ich spüre eine andere, vielleicht, glaube ich, ich kenne ja nur meine Perspektive, aber vielleicht eine andere Verletzlichkeit, was das angeht, im Vergleich zu anderen, die keine Glasknochen oder keine sichtbare körperliche Behinderung haben, in Anführungszeichen Feindschaften zu riskieren. Keine Feindschaften, glaube ich. Das ist ja ein Risiko. Also die Person, die müsste dann so selbstlos sein und sagen, okay, ich helfe dir im Notfall trotzdem. Ich muss ja vorher Alarm haben. Und der Einzige im Raum, wenn dir die helfen kann oder die Einzige. 

Jonas: Jetzt haben wir eben ja schon so ein bisschen über die Ähnlichkeit gesprochen, als wir uns im Vorfeld mit diesem Thema hier auseinander gesetzt haben, hast du Karina gesagt, dass deine chronische Erkrankung, die du hast, ein bisschen in die Familie von der Behinderung Glasknochen irgendwie reinkommt. Da war ich erstmal so ernsthaft, du siehst ja ganz anders aus, aber es ist anscheinend trotzdem, dass es dort Berührungspunkte gibt. 

Karina: Ja, da gibt es tatsächlich sogar überschneidende Typen zwischen Ehlers-Danlos und Osteogenesis imperfecta. Ich habe mich ja relativ viel mit Diagnosen auch beschäftigt und deswegen finde ich das hier so spannend. 

Raúl: Das erfahre ich gerade zum ersten Mal. 

Karina: Ja, das wäre quasi eine Kreuzung von dir und mir. Das klingt spannend. Aber was ich eigentlich viel spannender finde, ist euch dreien zuzuhören, weil ihr eigentlich so drei Menschen seid, die würde ich im Leben nie auf Diagnosen ansprechen. Weil ihr das auch nicht zu einem Ding macht, weil euer Fokus nach außen hin ist eigentlich immer Professionalität und was ihr als Talente habt. Und deswegen finde ich es total spannend, euch zuzuhören, wie ihr darüber sprecht, was ihr für Erfahrungen mit… Und das ist der Punkt, das wollte ich euch eigentlich fragen. Seht ihr das als Behinderung oder als chronische Krankheit oder als beides? Weil die meisten Leute mit EDS zum Beispiel, die sehen das relativ deutlich als chronische Krankheit, weil das so viele Symptome hat und so viele Bereiche im Leben beeinflusst. Und nicht unbedingt als Behinderung, aber ihr seht das wahrscheinlich eher anders. 

Kübra: Also bei mir hat sich das tatsächlich verändert. Ich hatte das früher viel mehr im Blick als Behinderung, aber irgendwie sind auch mit den Jahren mehr Symptome dazugekommen wie Schmerzen. Und mittlerweile könnte ich da auch nicht mehr so eine klare Grenze ziehen. 

Len: Mir hilft es, als Mensch mit Behinderung gesehen zu werden, glaube ich. Ich komme so ein paar Dinge mit, mit denen ich mich gut identifizieren kann und die meine Bedürfnisse widerspiegeln. Vor allem, was Barrierefreiheit und inklusives Verhalten angeht. Also eine gewisse Achtsamkeit füreinander. Als chronisch krank ist es vielleicht auf dem Papier im Arztbericht, aber für mich nicht so richtig. Das hängt damit zusammen, dass ich keine regelmäßigen Medikamente einnehmen muss. mich einfach, wenn ich nicht irgendwie im Krankenhaus bin oder eine Grippe habe, mich nicht als krank empfinde. Das ist halt eine Gefühlssache. Irgendwie empfinde mich als, ja, guten Phasen, als fit, whatever that means, aber in meinen Verhältnissen halt. Und dass ich weiß, was ich körperlich leisten kann und das dann auch leisten kann. Und manchmal, wenn ich was gebrochen habe, dann kann ich das nicht leisten und dann bin ich nicht fit und dann bin ich dadurch eingeschränkt. Aber ich will sagen auch, dass ich das als großes Kompliment von dir, Karina, empfinde, was du gerade gesagt hast, weil diesen Fokus von außen gespiegelt zu bekommen, bin ich schon sehr dankbar für, weil man ja immer ein bisschen darum ringen muss, dass das als erstes sichtbar ist, nicht das Wichtigste werden zu lassen. 

Karina: Ja, wir haben uns ja, also ich kannte dich ja schon relativ lang von einem öffentlichen Auftritt, aber du kanntest mich nicht. Und dann habe ich dich ja in Berlin auf dem Global Disability Summit gesehen und ich kannte natürlich Raúl auch und ich kannte von ihm die Story, dass ihr ständig verwechselt werdet. Und dann dachte ich, soll ich da jetzt hingehen und sagen, ach hallo Herr Krauthausen, schön Sie zu sehen. Und dann dachte ich so, nee, lieber nicht, weil den Joke versteht er vielleicht nicht, wenn er mich nicht kennt und dann fange ich mir noch eine oder so. Keine Sorge. Ja, aber das fand ich ganz spannend. 

Kübra: Vielleicht kann ich noch einen Satz zu dem Thema sagen. Mir war das früher so wichtig, dass man meine Behinderung erst viel später ansieht, anspricht, Thema werden lässt. Mittlerweile hat sich das voll geändert. Für mich ist das voll fein, als behinderte Frau gelesen zu werden. Also auch im ersten Moment, weil das einfach so viel Identität auch mitbringt. Und ich habe, glaube ich, einen anderen Umgang damit gelernt und ein anderes Empowerment irgendwie auch gelernt. Und auch verstanden, warum ich in welchen Räumen wie behandelt werde und gesehen werde. Und ich schöpfe auch total viel Kraft mittlerweile aus der Behinderten-Community und sehe das total als wertvoll an, Wissen auch daraus weiterzugeben zum Beispiel. Und das gehört auch zu meiner Arbeit. Wenn ich auf irgendwelchen Panels sitze und dort moderiere, dann finde ich es wichtig, meine Perspektive mitzunennen und mit reinzubringen. Gerade weil diese Räume meistens nicht behindert, weiß, hetero sind. 

Len: Dass man dadurch stärker werden kann, ist mir auch lange verborgen geblieben. Das verkörpert dieses Crip Empowerment aus Großbritannien der Ecke sehr gut. Dieses Wachsen dadurch, sich das Reclaim und Zurückholen. 

Raúl: Ich denke gerade über die Frage nach, ob ich chronisch krank oder behindert bin. Und ich glaube, das Pendel schlägt zu 95% zu behindert und 5% zu chronisch krank. Und es wird, glaube ich, je älter ich werde, immer mehr. Also weil dann Schmerzen kommen oder man ist schneller müde oder so. Und da ich, wenn ich aus mir rausblicke, nicht die ganze Zeit darüber nachdenken muss, behindert zu sein oder chronisch krank zu sein, vergesse ich das einfach auch in meinem Alltag. Ich habe ja meinen Alltag auch in der Regel so gestaltet, dass das nur dreimal auffällt pro Tag oder so. Und nicht permanent, wenn ich meinen Arm hebe und dann das wehtut oder so. Und dann, weil ihr das gerade so schön gesagt habt mit dem Crip Empowerment, ich habe tatsächlich insgesamt von anderen Menschen mit Behinderung, mit anderen Diagnosen, vielleicht sogar mehr gelernt, als von Menschen mit Glasknochen. Einfach auch, weil die Diagnose gar nicht so sehr die Rolle spielt. sondern einfach der Umgang mit der Tatsache, als behindert gelesen zu werden, behindert zu sein, Dinge zu können, Dinge nicht zu können, Dinge nicht zugetraut zu bekommen oder eben doch zugetraut zu bekommen, das ist ja universelles für alle Behinderungsarten. Und ich schon aber merke, und das bewundere ich bei dir, Kübra, wenn du sagst, du bist inzwischen fein damit, erst mal als behinderte Frau gesehen zu werden. Ich schon noch zu oft mich daran störe, irgendwo den Raum zu betreten und erst der Behinderte zu sein. Das ist der Grund, warum ich, keine Ahnung, eine Mütze trage. Weil ich denke, ich möchte andere Attribute noch haben und irgendwann derjenige sein, der mit der Mütze und nicht der Behinderte. 

Kübra: Interessant. 

Raúl: Und ich immer erst merke, ich werde ernst genommen, wenn ich zwei Sätze sagen konnte. Davor bin ich immer erst der Behinderte, um den alle zehn Meter vorher zur Seite springen, weil sie Angst haben, ich bin unzurechnungsfähig, ich kann nicht fahren oder was auch immer. 

Jonas: Na gut, das hatten wir in der letzten Episode so ein bisschen, deine Fahrkünste. Aber anderes Thema. 

Raúl: Aber es ist tatsächlich so. Ich habe oft das Gefühl, ich muss dagegen arbeiten. 

Kübra: Ich habe irgendwie auch das Gefühl, ich ergebe mich einfach diesem Schicksal. Ehrlich gesagt, weil ich, wenn ich das realistisch betrachte, wenn ich in einen neuen Raum komme und mich die Leute noch nicht kennen, dann sehen die, was sie sehen. Ich werde das nicht ändern können. Egal, was ich anhabe, egal, was ich rede. Deswegen ist mir ist, glaube ich, auch mittlerweile so egal. 

Raúl: Aber Karina und Jonas könnten ja einfach einen Raum betreten und würden als Nichtbehindert durchgehen. 

Kübra: Ja. 

Raúl: Beneidest du das? 

Kübra: Ich kann mir das einfach nicht vorstellen, wie diese Welt dann aussehen würde für mich. Und ich bin so okay damit, dass ich keine andere Realität mehr vorstellen kann. Natürlich wünsche ich mir, gewisse Privilegien genießen zu können. Aber ich habe so meinen Umgang, glaube ich, in den 35 Jahren gefunden, dass das jetzt vielleicht sogar anstrengend wäre, mich in ein anderes Leben reinzufuchsen. Ich weiß nicht. 

Len: Das ist voll. Also ich bin lange aufgewachsen mit dem Ziel, laufen zu lernen. Und irgendwann habe ich festgestellt, boah, wäre das stressig. Das wäre natürlich, also nicht, weil es anstrengend ist oder so, sondern weil es so, ich muss dann die ganze Zeit checken, dass ich nicht umkippe. Und das ist brutal gefühlt. 

Raúl: Du bist ja trotzdem auch klein. 

Len: Und ich habe immer noch Glasknochen. Also ich bin immer noch klein, werde übersehen und bin dann draußen unterwegs und dann, hallo, was da alles mehr passieren kann. 

Kübra: Ist so. 

Len: Und so eine Realitätsverschiebung, die nicht sein muss, also auch dieses so hoffen, nicht behindert zu sein irgendwann und so, das ist ja, das ist ein tödlicher Frust. Also das ist ein großer Gewinn, wenn man das hinkriegt, sich davon zu trennen, sich das irgendwann als Sehnsucht nicht mehr vorzustellen. So wie dieses Sprichwort, der Vogel, der im Käfig aufwächst, denkt, dass Fliegen eine Krankheit ist. Ein Glück. 

Raúl: Laufen ist nur kontrolliertes Fallen. 

Len: Genau, immer wieder. Und ich bin ganz froh, dass ich da nichts vermisse, weil ich nichts anderes kenne. Genau so wie du das gesagt hast, Kübra, dass dieser Neid oder dieser Frust einfach. Und auch so ein bisschen ähnlich wie dieses schon wieder irgendwie aufs Maul gelegt und irgendwas gebrochen. Dieses, hätte ich doch mal, hätte ich es doch verändern können und so. 

Kübra: Boah, das hatte ich so viel in meiner Jugend. 

Len: Wie oft, also wie viele Tränen das gekostet hat, die meine Familie trocknen musste. Und irgendwann hatte meine Mutter diesen, liebe Grüße, ich hab dich lieb, hatte meine Mutter diesen Frust, hätten wir das mal verhindert, mehr als ich. Und ich hab sie überholt, was das angeht, auch wenn das kein Rennen ist. Und sie muss das gar nicht verlernen. Aber dass sie den Frust immer noch hatte und immer noch sich Gedanken gemacht hat, das hätte ich obviously tun können, um das zu verhindern, damit mein Sohn sich nichts bricht. 

Kübra: Das könnte meine Mama genauso unterschreiben. 

Len: Und ich finde, ich kann nicht weiter leben, wenn ich das nicht verliere. Die Sehnsucht nach dem Moment, den ich verpasst habe, aufzupassen, nicht hinzufallen. 

Raúl: Ich habe irgendwann für mich gesagt, das Leben ist nun mal gefährlich. 

Len: Ja, dann leben wir es auch so. Es muss sein. Sonst bleibst du stehen, was man da alles verpasst. 

Kübra: Ich denke mir auch, in meiner Jugend habe ich so viele Aktivitäten verpasst, mit meinen Friends zu machen, wo ich dann im Krankenhaus lag und mir wirklich die Augen ausgeheult habe und super frustriert war. Ich hatte eine Zeit, wo ich das ein Stück weit nachholen konnte. Und ich frage mich manchmal, was wäre passiert, wenn ich das nicht hätte ein Stück weit nachholen können. Wenn ich zum Beispiel es nicht geschafft hätte, selbstständig zu werden und auf keine Assistenz angewiesen zu sein oder es nicht irgendwie geschafft hätte, aus diesem Familienumfeld rauszukommen, mich abzunabeln, irgendwie mein eigenes Ding zu machen, würde ich dann jetzt immer noch mit diesem Frust leben so und mit dieser Sehnsucht? 

Len: Den Gedanken macht man sich ja eigentlich auch nicht oder nichts in Gänze. Du machst dir den Aufwand ja nicht, dir vorzustellen, wie dein Leben wäre, wenn du es nicht geschafft hättest, selbstständig und abgenabelt zu werden. Das ist ja Masochismus eigentlich. Das führt ja auch zu nichts. Es betont diese Machtlosigkeit. Das macht einen Empowerment ja auch kleiner. Und ich bin auch extrem dankbar für jede Art von Emanzipation, die ich da erreichen konnte, weil es hätte so leicht nicht passieren können. Und immer weiter in dem pflegenden und assistierenden Familienkontext am Ende auch stecken zu bleiben. Vielleicht hätte es nicht sein müssen. Das ist dann immer die Frage. 

Raúl: Habt ihr viel Zeit in Krankenhäusern verbracht als Kinder? 

Kübra: Sehr viel, ja. Ich habe zum Beispiel die komplette erste Klasse im Krankenhaus verbracht und ist dann in drei Monaten, glaube ich, das Schuljahr nachgeholt. Was? Mit einer behinderten Lehrerin. 

Raúl: Ach cool. 

Kübra: Das war cool. 

Raúl: Also bei mir waren das auch, also immer nach Unfällen, war ich lange in Krankenhäusern. Teilweise ein halbes Jahr und so. Aber meine Eltern haben irgendwann mit mir für den Trade-off irgendwie herausgefunden, dass ich auch Kindheit verpasse. Und dann eher gesagt haben, dann gehst du halt mit einem Gips in die Kita, als dass du jetzt zu Hause bleibst, bis der Bruch vorbei ist. Und das fand ich irgendwie auch ganz gut. Man hat mich sehr früh, daran kann ich mich zumindest erinnern, in Entscheidungen einbezogen. Also willst du nicht wieder zurück zu deinen Freunden? Das ist doch toll da. Und ich glaube, dadurch haben wir auch einige Operationen nicht gemacht. Also Nägel in die Knochen. Weil sie immer Angst hatten, dass ich zu viel meiner Kita-Freunde verpassen würde oder so. 

Len: Krass, dass so früh zu lernen, finde ich. Also dann mit der Fraktur irgendwie was zu machen und so, war mir echt so erst mit 18, 19 drin. Also auch mir das selber zuzutrauen, keine Angst davor zu haben, mit einem Bruch so in der großen, weiten Welt unterwegs zu sein und dann halt auch so das überhaupt zu checken, das überhaupt zu können, zu managen, aber auch einzufordern, soweit es geht. Das hat bei mir richtig lang gedauert. Und weil da so der große Schritt war, so meinen ersten Film mit einem Gips zu drehen als Regie. Da weiß ich noch, da hat sich viel verändert, weil ich dann gemerkt habe, okay, dass da alles möglich ist. Und dann wurde ich da durch die Gegend geschoben und durchs Set und konnte keinen einzigen Handgriff alleine machen. War aber trotzdem in einer Position, von der viel verlangt wurde. Und das war ein interessantes neues Gleichgewicht. 

Kübra: Mich würde noch interessieren, ob ihr euch gut an eure Kindheit erinnern könnt. Hattet ihr in eurer Kindheit viele Brüche? 

Len: Sehr viele. Ja, die meisten. 

Kübra: Ja, ich auch. Und ich kann mich bis zu meinem sechsten Lebensjahr nicht erinnern. 

Raúl: Ich schon. Aber die gingen auch schneller vorbei. Wenn die dabei Zeit als Kind schneller vergeht. 

Kübra: Bei Kindern sagt man ja auch, dass Brüche schneller verheilen. 

Raúl: Aber ob es jetzt vier oder sechs Wochen sind. Also bei mir dauert es jetzt sechs Wochen ungefähr oder sieben. Und als Kind habe ich das Gefühl, es waren drei Tage. Aber das kann ja nicht sein. 

Kübra: Ich glaube nicht. 

Len: Also bei mir waren es drei Wochen. 

Raúl: Bei mir war das so, am schlimmsten waren bei mir Oberschenkelbrüche, weil dann kann man nicht sitzen. Das Ziel war immer, du musst wieder sitzen können. Alles andere ist egal. Wenn du beide Arme und beide Unterschenkel gebrochen hast, sitzen können. Dann kannst du alles machen. Fernsehen gucken, rausgehen, irgendwie an der Gesellschaft teilhaben. Aber liegen müssen ist der Horror. 

Jonas: Es gibt ja, wenn man Sachen erlebt in seinem Leben, die außergewöhnlich sind oder die man nicht häufig erlebt, sowas wie, man fliegt in den Urlaub und zählt so im Kopf mit, das ist jetzt mein zehnter Flug im Flugzeug und auf einer gewissen Anzahl zählt man ja nicht mehr mit. Habt ihr von vornherein mitgezählt, der wievielte Bruch es war oder hattet ihr das nie oder gab es irgendwann einen Punkt, wo ihr sagt, komm, jetzt ist auch egal. 

Kübra: Bei mir war das so, dass ich in der Schule einer Lehrerin gefragt worden bin, wie viele Brüche ich schon hatte und ich konnte nicht darauf antworten und habe meinen Papa gefragt und mein Papa hat gesagt, dass er nach 15 oder 20 irgendwie so nicht mehr gezählt hat. Und da war ich, keine Ahnung, 12 oder so. Und das hat mich auch nie interessiert, ehrlich gesagt, wie viele Brüche ich hatte. 

Len: Das ist so eine wertfreie Zahl. Damit könnte ich echt wenig anfangen. 

Raúl: Das wird ja nicht besser. 

Len: Es wird nicht besser, es wird nicht leichter. so dummerweise nicht weniger schmerzhaft. 

Kübra: Die Schmerzmittel werden besser. 

Raúl: Das stimmt. Meine Mutter ist Ärztin und sie hat immer gesagt, niemand muss Schmerzen haben. Und hat mir dann einfach geballert. 

Len: Das hat mein Vater auch immer gesagt. 

Raúl: Das hat mir, glaube ich, tatsächlich geholfen. Jetzt vor kurzem, musste ich daran denken, da habe ich realisiert, hey krass, ich habe einfach gerade keine Schmerzen. Also mein Wunsch war, dieses Gefühl zu speichern für diesen Moment, wenn du krasse Schmerzen hast, zu sagen, es wird wieder besser. Weil wenn du richtig Schmerzen hast, kannst du dir nicht vorstellen, wie das ist, mal wieder keine Schmerzen zu haben. Und ich kann mir jetzt nicht vorstellen, wie das ist, wieder richtig krasse Schmerzen zu haben. 

Len: Wir haben ja diese Frage mit der Kreativität nicht beantwortet, oder? 

Kübra: Nicht abschließend. Was möchtest du uns mitteilen? 

Len: Danke. Ich würde zulassen, dass es das Klischee teilweise gibt, dass wir natürlich durch unser Leben dazu gebracht werden, andere Hobbys und Interessen zu verfolgen. Obviously fallen halt ein paar Dinge weg und auf manchen liegt ein bisschen mehr Fokus. Und der Fehler ist es dann halt, das als Vorurteil einfach mitzunehmen und davon auszugehen, ohne es zu wissen und ohne mal die Frage gestellt zu haben. So wie Jonas bei dir mit der Musik. Kreativität muss ja auch nicht immer mit Öffentlichkeit zu tun haben. Deswegen ist diese Frage für mich immer noch gar nicht beantwortet. Aber zumindest, dass man sich so mit seiner Fantasie beschäftigt, Alles, was da rauskommen kann, malen, Geschichten schreiben, Schauspiel, lustig sein. 

Raúl: Lustig sein ist ein wichtiger Aspekt. Also ich kenne mehr Schauspielerinnen mit Glasknochen als mit Querschnittlösen. Obwohl es wahrscheinlich mehr Menschen mit Querschnittslähmung gibt. 

Jonas: Ja, das ist eine Art und Weise, sich auszudrücken. Und ich weiß nicht, ob es Zufall ist, aber ich meine, wir haben euch ja quasi in dem Sinne auch eingeladen, weil ihr gute Gesprächspartner*innen seid. Und jetzt gar nicht so im Sinne von, okay, wir machen ja jetzt explizit irgendwie einen Podcast, wo es um das Thema Filmbranche geht oder Kreativität. Aber ich meine, das ist so naheliegend. Wie war es denn bei euch dann zu sagen, okay, ihr seid beide jetzt in der Filmbranche oder auf Bühnen, egal ob als Schauspieler, Moderator, in Regie, Drehbuch irgendwie tätig. Wo gab es diesen Punkt, dass ihr gesagt habt, hier, dieser Bereich interessiert mich? 

Kübra: Bei mir war es tatsächlich in der Schule. Das hat in der Theater-AG angefangen. Mir hat das so viel Spaß gemacht. Und nach der Schule ging es dann aber erst mal nicht mehr kreativ weiter, sondern mit dem üblichen Weg, der für behinderte Menschen vorgesehen ist in Deutschland. Und dann gab es den Switch in dem Moment, wo ich ein Vorpraktikum gemacht habe für mein Studium. Dort habe ich eine behinderte Performerin kennengelernt. Und sie hat mich gefragt, ob ich für sie einspringen kann. Für eine Show. 

Jonas: Wie war es bei dir? Mit einem Schreibwettbewerb in der Grundschule. Dritte oder vierte Klasse, wenn ich das glaube. 

Raúl: Das ist früh. Da hab ich noch Lego gespielt. 

Len: Und da war das Setting so frei. Ich hab eine Fantasy-Geschichte geschrieben über so eine klassische Held*innenreise. Und da hab ich Blut geleckt. Das ist untertrieben auf jeden Fall. Aber ab dann hat sich das nicht kontinuierlich weitergezogen. Also in der Schulzeit wird einem das eher echt abgelernt, kreativ zu schreiben, wird dann nicht sehr gefördert und sagen, bei mir zumindest war da auf jeden Fall Luft nach oben. Und zack, da hatten wir auf einmal in der 12. Klasse einen Filmkurs und durften Filme machen und haben mir beigebracht, wie das so funktioniert in den ganz gröbsten Basics mit was auch immer wir gerade hatten. Und da war dann kein Halten mehr. Dann war es besiegelt. Und wir haben irgendeinen dritten Platz oder so gemacht bei dem Bonner Jugendfilmfestival. Und da durfte ich, glaube ich, Regie machen bei dem Film. Und wir haben Kinotickets als Preis bekommen und sind ins Kino gegangen als Gang, als Filmcrew. Und haben Arrival geguckt. 

Raúl: So ein geiler Film. 

Len: Wahnsinn, Wahnsinn. Also, ja, kann ich lange drüber reden über diesen Film. Aber was der mit mir gemacht hat, ist auf jeden Fall dann zwei Jahre später Resultat geworden und Realität, dass ich mich bei der ersten Filmschule beworben habe. 

Kübra: Ich muss auch noch mal kurz in die Schulzeit zurück. Bei uns gab es neben der Theater AG auch noch Radio Rollypop. Ich war auf einer Förderschule. Und bei Radio Rollypop haben wir regelmäßig Beiträge eingesprochen und geschrieben und Interviews geführt. Und dann hat auch in der 10. Klasse mein erstes Star-Interview stattgefunden. Ich habe mithilfe meines Vaters, der den Clubbesitzer kannte als Taxifahrer, habe ich ein Interview mit Monroes klargemacht. 

Raúl: Nice. 

Kübra: Und ja, dieses Interview ist dann bei Radio Rollypop erschienen. Das war wirklich epic. 

Jonas: Ja, das waren noch Zeiten, ja. 

Raúl: Wir hatten in der Schule Theater AG, da war ich immer der Erzähler. Und das fand ich richtig doof. Ich wollte auch Rollen spielen. 

Kübra: Wer hat die Rollen eingeteilt? 

Raúl: Die Lehrerin. Und dann gesagt, du machst ja einen Erzähler. Und das ist halt auch im Sportunterricht so, da sollte ich auch immer die Zeiten stoppen. 

Kübra: Warst du auf einer Regelschule? 

Raúl: Das waren so Verlegenheitsaktionen, hatte ich immer das Gefühl. Das hat mich richtig genervt.

Kübra: Der war unkreativ, der Lehrer. 

Jonas: Und wenn ihr euch jetzt quasi euer Leben anguckt mit den, ja auch leider Diskriminierungserfahrungen und den Stereotypen und Barrieren und jetzt auch die Filmbranche guckt, Wie wird Behinderung im Film dargestellt? Oder wie sieht es mit der Filmbranche und Inklusion aus, aus eurer Perspektive? 

Kübra: 

Das ist noch alles so traurig. 

Raúl: Aber ich habe Hoffnung, dank euch. 

Kübra: Ja, Hoffnung habe ich auch noch. Aber es ist echt schwierig. Es wird immer noch sehr ableistisch erzählt. Es wird immer noch auf Narrativen erzählt. Möchtest du was dazu sagen, Len, als Vorstand von Cast Me In? 

Len: Der Verein, der sich für Vielfalt und Inklusion in Filmen bemüht. Kleine Fußnote. Ich habe das ja auch freiwillig mit meinem Job gemacht, Sensitivity Reading zu machen für Drehbücher und das selber zu versuchen beizubringen, inklusiv zu erzählen. Das heißt, was gerade noch passiert, sind Rollen mit Behinderung, werden um ihre Behinderung erzählt und im schlimmsten Fall dann auch noch nicht behindert besetzt und werden einfach mit Klischees vollgeladen. Und da gibt es noch alles eigentlich. Also da gibt es viele Negativbeispiele, wenig Positivbeispiele. Wir sind da dran, die Positivbeispiele zu vermehren und für eine Selbstverständlichkeit zu sorgen. Also dafür zu sorgen, dass eine Rolle, die eigentlich erstmal plotmäßig gar nichts mit ihrer Behinderung zu tun hat, im besten Sinne, das in dem Film eben so keinen Einfluss eigentlich hat, weil es da halt um etwas anderes gehen darf. Diese Rolle hat eine Behinderung, eine sichtbare oder irgendwie erzählte Behinderung, aber so what. Da geht eben so viel mehr drum herum und da ist der Lebensinhalt eben verblüffenderweise nicht immer die eigene Diagnose. Ja, wer hat es gedacht? Das geht eben noch in die Köpfe, die sich gar nicht damit beschäftigt haben, ob die jetzt selber eine Behinderung haben oder nicht. Würde ich sagen, ist nicht irgendwie ein Muss dafür, aber es sind eben meistens die ohne Behinderung, die diesen Fehler begehen und da ein Klischee nach dem anderen reproduzieren. Da gibt es noch viel Luft nach oben und hinter der Kamera, behind the scenes, hinter der Bühne, da sieht es dunkel aus irgendwie. Also noch, das soll jetzt nicht so fatalistisch klingen, aber wir müssen in diese kreativen, so to speak, Machtpositionen in Anführungszeichen, in die kreativen entscheidenden Positionen, da müssen wir die Vielfalt auch viel mehr reinbekommen, weil dann ist das eine Kettenreaktion, die uns ganz viele andere bescheuerte, Probleme aufgrund von mangelnden Berührungspunkten abnimmt. 

Raúl: Ich hatte den Eindruck, wir waren medial, also wenn wir Netflix und Co. uns so anschauen oder auch Disney, waren wir auf einem guten Weg. Und ich hatte das Gefühl, man sieht immer mehr Menschen mit Behinderung in Seitenrollen, in Nebenrollen oder teilweise auch in Hauptrollen, wo die Behinderung gar nicht so sehr im Mittelpunkt stand. Und dann hatten wir aber vor einigen Ausgaben hier eine Sendung über die USA, wo ja quasi die Anti-Woke-Bewegung jetzt quasi total viel auch wieder zurückdreht und zunichte macht und auch Firmen, Filmproduktionsfirmen im vorauseilenden Gehorsam anfangen, ihre DEI, Diversity, Equity and Inclusion Programme runterzufahren. Erlebt ihr das schon? 

Kübra: Also ich persönlich im beruflichen Kontext noch nicht. Ich habe immer noch Anfragen, Drehanfragen, aber wenn man sich die Förderstrukturen ansieht und guckt, was Ende letzten Jahres oder Anfang des Jahres gefördert wird. In Deutschland habe ich keine behinderte Rolle lesen können. 

Len: Ich habe da auch noch keine Behinderten-Autorinnen und Regisseurinnen gesehen. 

Kübra: Genau, ich auch nicht. Weil du gerade meintest, man hat immer mehr so auch Nebenrollen, kleinere Rollen mit Behinderung gesehen, wo die Behinderung nicht negativ aufgefallen ist. Diese Rollen habe ich tatsächlich gespielt in den letzten drei Jahren. Und ich bin mittlerweile an einem Punkt, wo ich es nicht mehr abwarten kann, wo wir authentische behinderte Hauptrollen erzählen. Endlich mal in Deutschland. Das muss nicht unbedingt ich sein. Das können meine grandiosen KollegInnen auch sein, wie Saioa Alvarez, Jana Zöll, Leonard Grobien oder Jan Kampmann. Oder, oder, oder. Mir geht das wirklich zu langsam. Ich habe letztens wieder ein Interview gegeben, wo ich zurückgeblickt habe. Ich habe in meiner Kindheit kaum bis gar keine Filme oder Serien mit behinderten Rollen gesehen. 

Raúl: Vorstadt-Krokodile. Das ist der einzige, der mir einfällt. Und die Person war nicht behindert. 

Kübra: 

Und Erwin Aljukic aus Marienhof. Und das hat sich bis jetzt kaum verändert. Also im internationalen Bereich schon mehr. Aber wenn wir auf Deutschland schauen. 

Raúl: Da gebe ich dir recht. Schloss Einstein hatte, glaube ich, auch mal jemand im Rollstuhl. Aber es war auch nicht echt. 

Len: Bibi Blocksberg, diese Hörspiele. Das ist ziemlich lang her. Das ist ziemlich alt schon. Und hat ja einen eigenen Plot bekommen, also eine eigene Marke. Und macht ihr komplett ihr eigenes Ding. Und das fällt mir immer wieder ein, dass das so ein Beispiel ist, was ziemlich alt ist. 

Kübra: Habe ich nicht mitbekommen. Jetzt haben wir vorbeigegangen. Ich kann mich noch in meiner Kindheit an Clara von Heidi erinnern, die aus dem Rolli geworfen wurde. 

Jonas: Oh, ich glaube, Karina, da kannst du einiges zu erzählen zu Heidi. Du kannst es sogar singen. Bitte, feel free. 

Karina: Das hat jetzt sein müssen, ja? 

Jonas: Sorry. 

Karina: Wir haben für ein englisches Format vor Kurzem so eine Serie zu guter und schlechter Repräsentation gemacht. Und mein Lieblingsbeispiel ist immer Heidi, weil das egal, wie oft das wieder verfilmt wird und animiert wird, ist immer gleich scheiße. Also die reproduzieren einfach den Ableismus, egal in welcher Zeit. Und mein lustiger Kameramann dachte, die Sachen, die off the record waren und so, also wie ich zum Beispiel den Jingle von Heidi gesungen habe, den baut er mit in das Video ein. Deswegen habe ich mich ein bisschen blamiert. Jonas fand das ganz toll. 

Jonas: Also, du wärst im Recall gewesen, kein Problem. 

Karina: Ja gut, in den Formaten vielleicht 

Raúl: Tatsächlich habe ich leider ihren Namen vergessen, aber es gibt eine tolle Serie auf Netflix für Kinder Raising Dion, weiß nicht, ob ihr die kennt. Nebenrolle, so ein mega anstrengendes Mädchen mit Glasknochen, eine doofe Besserwisserin, die aber eigentlich eine total Sympathieträgerin in der Serie ist. Und was ich ganz cool fand, sie hat Glasknochen, auch als Schauspielerin, was ich ganz cool finde, dass das nicht Thema ist. Es ist einfach so. Und es ist halt die beste Freundin von der Hauptrolle. Und in einer Folge lässt er, weil er Superkräfte hat, lässt er fliegen. Und sie findet das total scheiße. Und er versteht nicht, warum sie das scheiße findet und fragt seine Mutter. Und die Mutter sagt, naja, du hast halt nicht gefragt. Und ich fand das irgendwie so, so komplizierte Geschichte, so einfach für Kinder aufbereitet. Und du hast halt nicht gefragt. Du bist nur davon ausgegangen, weil sie nicht laufen kann, musst du sie befreien. Aber das war gar nicht ihr Thema. 

Len: Die beste Entscheidung, finde ich. Also das so zu schreiben. 

Jonas: Kübra, du hast damals in der Serie spielt Ruby, so eine Comedy-Miniserie auf ZDF Neo, die in so einer Bank spielt und du als Person, die im Rollstuhl sitzt, dort die Cheffahrerin des Geldtransporters spielt, wo man so erstmal drauf guckt und denkt, hä? Also das hat ja nichts mit dem Authentischen zu tun, wo man sich sagt, okay, das ist so in unserer Gesellschaft irgendwie vorstellbar, aber aufgrund der Tatsache, dass es quasi eine Comedy-Serie ist jetzt hier die wirkliche Realität einer Bank irgendwie darzustellen. Also ich fand es damit so erfrischend, weil es gar nicht in Frage gestellt wurde durch die Erzählweise. Nach dem Motto, ja, das ist hier unsere Fahrerin des Geldtransporters. Und es war in dem Moment niemand, der gesagt hat, hä, die? Oder wie? Und das fand ich irgendwie so, ja, einfach mal stehen lassen. 

Kübra: Ja, und auch einfach mal kreativ mit denen umgehen. Kreativ mit Rollen auch mal umgehen. Dieses Genre gibt das so gut her, warum sollte man das nicht ausprobieren? Warum sollte man das nicht so besetzen? Und ich fand das genauso erfrischend wie du, das zu spielen. Das war eine richtig gute Erfahrung. Wobei man wirklich sagen muss, dass die Serie sehr überspitzt war und sehr komisch. Es ist auch eine Adaption aus UK, wo der Humor jetzt nicht so ganz übertragen werden konnte. Aber es hat unglaublich viel Spaß gemacht, diesen Raum zu haben. diese Rolle einfach füllen zu können, ohne dagegen ankämpfen zu müssen, dass irgendwas Ableistisches reproduziert wurde und ich dagegen halt ankämpfen müsste oder so. Das hat so gut getan, einfach kreativ sein zu können und seinen Job machen zu können. 

Len: Und dann kannst du ja auch Einfälle haben, die wirklich Grenzen brechen oder neu ordnen. Und aufgrund dieser Überspitztheit, ich finde diese Radikalität wichtig, um diese Sichtbarkeit noch selbstverständlicher zu machen. 

Raúl: Mir fällt die Serie Echo ein. Marvel-Spin-Off. Die Schauspielerin heißt Alaqua Cox und ist gehörlos. Sie spielt die Hauptrolle. Und es geht auch darum, dass sie, und deswegen heißt es Echo, weil sie ihre Vorahnen fühlt und spürt. 

Kübra: Oh, sowas spirituelles? 

Raúl: Ja, so ein bisschen, leicht spirituell. Und es geht mit Gebärdensprache, wird viel kommuniziert. Dann gibt es ein paar Folgen, wo man sie als Kind sieht, wie sie merkte, dass sie das kann und hat. Und dann gibt es einen Autounfall und dann hat sie ein Bein verloren. Dann habe ich gedacht, okay, was stimmt denn jetzt in dieser Serie nicht und was stimmt? Was ist CGI? Was ist gescriptet? Was ist gespielt? Es stellt sich heraus, dass die Schauspielerin Alaqua Cox eine gehörlose, einbeinige Schauspielerin ist. Und man weiß, warum sie gehörlos ist, weil ihre Eltern auch gehörlos sind und so weiter. Man weiß aber nicht, was mit dem Bein ist. Und das erzählt sie auch nicht. Und da sieht es quasi auch als Instrument benutzt. Was erzählt sie und was erzählt sie nicht? Und das Kind, das man in der Serie sieht, ist ihre Cousine, die auch Gebärdensprache kann. Und eben beide Beine hat. 

Kübra: So einfach kann es gehen. Aber was kriegen wir in Deutschland immer für Argumente um die Ohren geworfen? Ja, man muss ja auch Rückblicke einblenden können vor dem Unfall, wo die Leute laufen müssen. 

Len: Das ist Goldfische-Argument von Tom Schilling, wo das ja mit dem Unfall anfängt. 

Kübra: Ich habe das nie gesehen. Ich konnte das nicht aushalten. 

Len: Ich auch nicht. 

Jonas: Der Unfall passiert, glaube ich, in den ersten drei, vier, fünf Minuten. 

Len: Ja, das ist wirklich wahr, genau. Und er sitzt nur im Auto. Man sieht ihn keinmal gehend. 

Raúl: Wir haben denen davon auch abgeraten damals. 

Kübra: Habt ihr die beraten? 

Raúl: Wir haben denen abgeraten, das so zu erzählen. Aber waren sie nicht von abzubringen. 

Kübra: Sich erstmal beraten lassen und trotzdem zu sagen, wir machen es so. 

Len: Genau. Also man kann jetzt nichts daran ändern. 

Kübra: Diese Audacity, oh mein Gott. 

Len: Also das muss wirklich als leuchtendes Beispiel für jede zukünftige Produktion gelten. Das muss man nicht machen. Da gibt es so viel geilere, authentischer und innovativere Wege. Also von Geschichten einfach. Und da sich immer wieder das Plädoyer für halten, die wir uns noch gar nicht vorstellen können. Und die noch lange nicht alle erzählt sind. Das ist ein verborgener Schatz. Also so ableistisch, wie das klingt. Es ist einfach in der Echtheit der Geschichten. Und der Echtheit der Behinderungen, Perspektiven und Diagnosen. Da stecken die Geschichten drin, die wir noch nicht gehört haben. Und es geht ja immer darum, was haben wir noch nicht gehört? Was haben wir noch nicht als Filme bekommen? Das müssen wir erforschen. Es gibt echt positive Beispiele, die es schon geschafft haben. 

Jonas: Karina, du bist ja auch als Filmemacherin unterwegs. Wie erlebst du das? Vielleicht ist es auch quasi mit den bestehenden Strukturen, einen Film, egal ob es jetzt Doku oder Fiction ist, so inklusiv wie möglich zu produzieren? 

Karina: Oh Gott, das finde ich so ein schwieriges Thema, weil das bei mir gerade noch so aktuell einfach im Kopf ist. Wir arbeiten an einer Doku und haben versucht, ein möglichst diverses Team zusammenzustellen und hauptsächlich eben aus Menschen mit Behinderung und haben dann teilweise auch festgestellt, dass es superschwierig ist, manche Behinderungsarten sind einfach sehr entgegengesetzt, was die an Accommodations, an Barrierefreiheit brauchen halt. Und das war dann zum Beispiel teilweise so, dass ich eine Kollegin hatte, die hat eigentlich mehr Zeit gebraucht für Arbeit. die hätte eine Support-Person gebraucht, die immer quasi vermittelt und nochmal wiederholt, was gesagt worden ist. Und bei mir ist es genau andersrum. Ich brauche im Endeffekt jemanden, der zack, zack, zack irgendwie macht und arbeiten kann auf irgendwie eine Liste an To-Dos, die ich gebe, während ich zum Beispiel dann auch einfach mal im Bett liegen kann und irgendwie aus dem Bett Regie machen kann oder so. Und ja, das war sehr halt entgegengesetzt und das fand ich schwierig, das zu überbrücken, ohne quasi noch zusätzliche Leute einzustellen, für die man dann teilweise eben wieder die Budgetfrage hat, wo nimmt man dann das Geld her. Und ich hasse, wenn es immer ums Geld geht, wenn wir über Inklusion und Barrierefreiheit reden, aber gerade bei diesem Thema Film hatte ich das Gefühl, es geht halt ständig um die Frage, irgendwie können wir uns das leisten. 

Kübra: Ich finde, das ist eine Frage der Aufteilung. Es gibt ja immer ein gewisses Budget und dann muss man Prioritäten setzen, wie viel Geld in den Topf des Zugangs der Barrierefreiheit reinfließen muss in solchen Projekten. Es gibt ja genug Filmprojekte, wo irgendwelche Stars besetzt werden, die utopische Honorare bekommen, nur damit man sie bekommt. Und da muss man wirklich Prioritäten setzen, so denke ich. Und das darf halt nicht an den einzelnen Filmemacher*innen hängen bleiben, sondern man muss viel tiefer in der Struktur anfangen. 

Len: Das ist auch so. Familienfreundliches Drehen ist auch, finde ich, immer wieder ein schönes Beispiel dafür. Also du bist immer inspirierend, davon zu lernen. Und wenn du so ein Kernteam hast, das auf eine andere achtet und dynamisch in gewisser Weise flexibel vielleicht auch ist, darauf zu hören, was gerade auf der anderen Seite notwendig ist, gebraucht wird und da auch die Machtposition des Geldes platziert ist. 

Kübra: Und es ist halt irgendwie auch so, dass unsere Geschichten, die werden ja geklaut und erzählt. Eben von nichtbehinderten Menschen. Und wenn ihr unsere Geschichten erzählen wollt, dann lasst uns verdammt nochmal teilhaben. Und lasst sie uns selber erzählen und bezahlt dafür. 

Jonas: Gibt es denn coole Projekte, die bei euch irgendwie anstehen? Beziehungsweise habt ihr dort eure Nische gefunden, wie es jetzt in den nächsten Monaten oder Jahren irgendwie aussieht? Oder ist das eher gerade Ebbe? 

Kübra: Ich habe zum ersten Mal eine Rolle im Hauptcast tatsächlich bei David und Goliath im ZDF. Wurde vor ein paar Monaten zum ersten Mal ausgestrahlt und es steht tatsächlich noch nicht fest, ob es weitergehen wird dieses Jahr. Das wäre wirklich mein erstes Drehprojekt, was längerfristig gehen würde. Ansonsten bin ich weiterhin am Theater tätig und das ist so von Projekt zu Projekt hangeln. 

Len: Ich bin gerade sehr vor diesem großen Sprung, und das wage ich jetzt einfach mal zu behaupten, das erste Projekt, was wirklich auf Förderung angewiesen ist, weil es sonst gar nicht umsetzbar ist, zu starten und entwickle gerade die letzte Drehbuchfassung dafür zu Ende mit meiner Co-Produzentin zusammen. Und da hängt viel Herzblut dran, weil das nicht nur eine Herzensgeschichte ist, sondern auch, was die Arbeitsweise angeht, vollumfänglich zu 120 Prozent das umsetzen soll, was ich den ganzen Scheißtag predige, immer wieder. Und zwar vor und hinter der Kamera. Und es soll dann auch dadurch möglich sein, dass das Freundinnen sind, die miteinander arbeiten, die sich kennen und sich gegenseitig empowern können. Darauf wird es wohl hinauslaufen, ein Low-Budget-Projekt irgendwie zu stemmen, mit der Arbeitsweise, die dann nicht so verschleißintensiv sein muss, auf der anderen Seite trotzdem eine leuchtende, cinematische Geschichte erzählen kann. Und da ist auch die Frage des Wies, merkt man vielleicht nicht genauso, aber fast so inspirierend für mich, wie die Frage des Inhalts, die natürlich an erster Stelle kommt. Und ich mich jetzt die letzten sechs und acht Monate damit befasst habe, wie diese Geschichte aussieht und das hoffentlich gut wird. Und wenn es klappt, das ist immer so förderungsabhängig, sind das anderthalb Jahre Vollbeschäftigung. Und wenn es nicht klappt, mache ich das, was ich jetzt so die letzten paar Monate gemacht habe. Also auch hier mal ein Drehbuch lesen und hier mal beraten und irgendeine Moderation machen oder Theater spielen. Das ist auch immer noch großes Herzensding. 

Karina: Kannst du ja ein Krauthausen-Double werden. 

Len: Und das. 

Kübra: Die Rolle deines Lebens. 

Len: Da gibt es das Geld, glaube ich. Was wolltest du sagen? 

Kübra: Ich wollte sagen, dass das tatsächlich auch so ein aktuelles Thema für mich ist. Wie soll es weitergehen, auch wenn ich so in die politische Zukunft schaue und Förderungen immer kleiner werden? Ich auch weiß, dass so Barrierefreiheitstöpfe als erstes angegriffen werden und hinten überfallen oder gestrichen werden. Ja, wie lange kann ich eigentlich es mir noch leisten, freischaffende Künstlerin zu sein? Das frage ich mich gerade sehr intensiv und wenn ich das so realistisch betrachte, wenn ich in den nächsten ein bis zwei Jahren keine tragende Rolle irgendwie bekomme, wird es darauf hinauslaufen, dass ich mir eine Festanstellung suchen muss, um im Alter auch abgesichert zu sein. Das ist ein super krasses Privileg, selbstständig im kreativen Bereich arbeiten zu können. Und das kann sich mancher nur kurz leisten, mancher noch gar nicht leisten. 

Len: Ich träume ein bisschen davon, so ein cinematisches, fiktionales Showreel für Menschen mit Behinderung zu machen, was noch irgendwie einen dramaturgischen roten Faden verfolgt, in dem diese ganzen Rollen einmal ganz konkret und beabsichtigt dargestellt werden, die es garantiert noch nicht gab. Oder die wir dann auch noch nicht bekommen haben. Beides gemischt. Und mit so einer Leichtigkeit damit umgehen, zu sagen, ich gehe auch in den Surrealismus rein und sage, das muss gar nicht möglich sein, physisch. Sondern lass uns das einfach spielen. Und lass uns das behaupten, was in Filmen eh so viel behauptet wird. Und zwar, dass irgendwie irgendwelche Dinge über unseren Körper hinaus möglich sind. Und das miteinander zu vereinen aus dieser traumhaften Community, die ich die ganze Zeit um mich habe. Und wir. das ist ein großer Traum, der zu diesem Jahr noch dazu gehört, der auf jeden Fall auch hoffentlich ganz viel Zeit noch einnehmen wird. Und es ist nur ein bisschen die Frage, ob das Realität wird, aber hey, das hängt alles nur um Sponsoring, also zwinker, zwonker zu den großen Unternehmen. 

Kübra: Ja, und ich werde auch manchmal irgendwie gefragt von anderen behinderten Leuten, wie ich Schauspielerin geworden bin und was sie machen können, um auch Schauspielerin werden zu können. Und ich habe nie eine Antwort für die. Außer du musst Glück haben. Was ist das bitte? Das kann doch nicht sein, dass wir immer noch von Glück abhängig sind, ob jemand einen Beruf ausüben kann. 

Len: Ja. Es geht nur um Chancenvervielfältigung. Du kannst die Wahrscheinlichkeit so ein bisschen manipulieren. Also geh raus, sei laut und mutig und dann kannst du gesehen werden. Aber das musst du dir immer selber erkämpfen und dann darauf hoffen, dass da die Anfrage kommt, die dein Leben irgendwie verändert. Und dann auf einmal bist du auf einem Level, wo du vielleicht selber mehr entscheiden kannst. 

Kübra: Ja, und dann aber auch auf dich aufzupassen, nicht ausgenutzt zu werden, weil das passiert in dieser Branche so schnell, kannst du gar nicht so schnell gucken. 

Len: Ja, und ist natürlich auch gefährlich, laut und sichtbar zu sein dafür. 

Jonas: Ja, und angemessen, indem es nicht bezahlt wird. Also deswegen seid weiterhin laut und macht euch auf aufmerksam. Wir haben auf jeden Fall auch nochmal eure Profile auf Social Media und zu euren Seiten auch nochmal bei uns in die Shownotes getan auf www.dieneuenorm.de, damit wir, ja, in dem Sinne die Filmbranche ein bisschen bunter und vielfältiger machen, sowohl vor als auch quasi hinter der Kamera. Deshalb schön, dass ihr auf jeden Fall da wart und so sehr nahbar über euch erzählt habt, sowohl über das Thema Glasknochen als auch über das Thema Kreativität und Filmbranche. Wenn ihr uns als Die Neue Norm Podcast auch mal live erleben möchtet, dann könnt ihr das in Kürze tun. Und zwar sind wir am 21. März. Das ist ein Samstag auf der Leipziger Buchmesse und werden dort über das Thema Demokratie sprechen. Und zwar Demokratie ist nur dann möglich, wenn sie eben auch inklusiv gedacht ist, beziehungsweise Inklusion funktioniert nur in einer bestehenden Demokratie. Und wir sprechen dort mit dem Journalisten und Autoren Arne Semsrott und sind dort, wie gesagt, zu Gast und kommt gerne vorbei, wenn ihr in Leipzig da seid. Wenn ihr nicht da seid, das ist natürlich sehr schade, aber ist in dem Sinne auch kein Problem, weil diese Episode wird, wie alle anderen Episoden, auch zu hören sein in der ARD Audiothek. Deshalb vielen Dank, dass ihr da wart. Vielen Dank für die Einladung und das spannende Gespräch mit euch drei, vier. 

Raúl: Vielen Dank euch. 

Kübra: Ja, hat große Freude gemacht, immer wieder. 

Jonas: Und wir freuen uns, wenn ihr auch beim nächsten Mal wieder mit dabei seid. Bis dahin. 

Karina und Raúl: Tschüss. Tschüss. 

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