Die Neue Norm: Eine Sehbehinderung, ein Rollstuhl, eine chronische Erkrankung. Oder: drei Journalist*innen. Jonas Karpa, Raul Krauthausen und Karina Sturm sprechen über Behinderung, Inklusion und Gesellschaft.
Folge 71: „Von Alltagshelfern bis Lifehacks“
Jonas: Raúl, sag mal, kennst du noch diese Fernsehsendung “Pimp my Ride” bei MTV, wo so Autos ganz fancy aufgemotzt wurden mit allem möglichen Schnickschnack? Es gab auch mal irgendwie so eine deutsche Version mit “Pimp my Bike”, wo es dann um Fahrräder ging. Kennst du das noch?
Raúl: Ja, das kenne ich sogar noch. Und soweit ich dann irgendwie mitbekommen habe, haben sich die ganzen Profi-Auto-Schrauber*innen darüber aufgeregt, wie schlampig das alles produziert ist bzw. die Pimps dann gar nicht so pimpig sind oder einfach sehr schnell outdated. Aber ich wurde in der Zeit sehr, sehr, sehr, sehr, sehr, sehr, sehr, sehr oft gefragt, ob ich meinen Rollstuhl nicht auch mal pimpen wollen würde.
Jonas: Ich wollte gerade fragen, also angenommen, ich würde jetzt so eine Fernsehsendung hosten und würde dich einladen, würde sagen, Herr Krauthausen, Sie haben die Möglichkeit, also alle Wünsche, alle Freiheiten haben Sie und Sie können einfach Ihren Rollstuhl, ja, also mit allem möglichen Schnickschnack aufpimpen. Was wäre dein Wunsch?
Raúl: Also ich glaube, ich würde es in verschiedene Stufen einteilen. Also erstmal so per Minimum. Sowas wie Vollgummireifen, damit ich nie wieder einen Platten habe. Und dann würde ich weitergehen, so Klapptisch, vielleicht noch so ein Regenverdeck, wenn es regnet. Und dann die ganz advanced Version wäre, an der Elektronik ein bisschen rumschrauben und die Software ein bisschen optimieren, weil ich da eine Menge Verbesserungspotenzial sehe.
Jonas: Ja, klingt so, als wäre dann quasi im Nachhinein, hättest du dann quasi ein Auto um dich herum. Aber ich nehme das mal mit als Gedanken.
Raúl: Also ich meine, jeder Kinderwagen hat ein Dach. Warum keine Rollstühle?
Jonas: Ja, guter Punkt. Es regnet ja nicht mehr so viel.
Raúl: Kinderwagen sind auch keine Autos.
[DNN Jingle]
Jonas: Herzlich willkommen zu Die Neue Norm, dem Podcast. Auch 2026 findet ihr uns, wie immer, in der ARD-Audiothek. In dieser Folge sprechen wir über Hilfsmittel oder Alltagshelfer oder man könnte auch sagen Lifehacks, die Menschen mit Behinderung haben, um ihren Alltag, um das Leben mit Behinderung zu erleichtern. Bei mir sind Karina Sturm und Raúl Krauthausen.
Raúl und Karina: Hallo. Hi.
Jonas: Mein Name ist Jonas Karpa. Hilfsmittel. Also Menschen mit Behinderung haben ja sehr viele Ideen, auch finde ich kreative Ideen, damit umzugehen, ihren Alltag zu erleichtern. Für euch, was ist der, oder für dich Raúl, was ist das Hilfsmittel, mit dem du, ja sag ich mal, nicht das Haus verlässt?
Raúl: Also in allererster Linie ist es natürlich mein elektrischer Rollstuhl. Inzwischen sind aber noch meine Hörgeräte dazugekommen. Und bevor ich einen Rollstuhl hatte, trug ich eine Brille.
Jonas: Okay. Und ist das immer noch so, also wenn du jetzt, ich meine, ich gehe mal davon aus, dass das Rollstuhl und Hörgeräte sind jetzt keine Sachen, die du so zufällig vergisst, aber manchmal ist es ja so, dass man, ja sag ich mal, aus dem Haus geht und vielleicht irgendwie ein Accessoire in dem Sinn, weil Brillen sind ja teilweise auch modische Accessoires, dann irgendwie vergessen hat. Wenn du jetzt quasi ohne Brille aus dem Haus gehen würdest, wie wäre das für dich?
Raúl: Also das wäre gar nicht möglich, das würde ich sofort merken. Aber tatsächlich passiert es mir manchmal, dass ich vergesse, meinen Rollstuhl aufzuladen oder meine Hörgeräte. Und das ist dann ärgerlich, weil dann muss ich quasi meinen Alltag anders planen.
Jonas: Okay.
Raúl: Dann muss ich einfach kürzere Strecken zurücklegen oder versuchen, möglichst wenig Kontakt zu Menschen zu haben, wenn ich meine Hörgeräte nicht geladen habe. Oder immer so eine Ladedose dabei haben, wie bei Airpods gibt es das ja auch in klein, und dann kann man irgendwie in 20 Minuten drei Stunden laden. Also in 20 Minuten lädt der so lange, dass man drei Stunden hören kann. Und damit kommt man auch ganz gut durch den Alltag im Notfall.
Jonas: Also du hast schon mal vergessen, deinen Rollstuhl aufzuladen, aber nicht gewusst, dass du das vergessen hast und bist dann quasi so auf halber Strecke.
Raúl: Ja, anders. Also manchmal, wenn ich besoffen war, früher natürlich, da bildete ich mir ein, ich hätte ihn aufgeladen und habe es halt nicht getan oder nicht richtig. Manchmal unterschätze ich die Reichweite, oder überschätze ich. Und dann bin ich einmal stehen geblieben, zwei Meter vor meiner Wohnung. Und dann musste man mich die letzten Meter reinschieben.
Jonas: Aber das geht? Ich weiß nur, das Teil ist ja wirklich, wie viel ist das, 250 Kilo oder so?
Raúl: Ja, 120. Mit mir 250.
Jonas: So.
Karina: Klar.
Jonas: Aber ist das Teil schiebbar? Also manchmal bei Autos ist es ja so, dass man den Gang rausnehmen muss. Und wenn es dann einmal ins Rollen geht, dann geht es vielleicht schon einfacher. Aber das Teil kann man so einfach schieben.
Raúl: Genau. Also wenn der nicht fährt, dann sind die Bremsen automatisch aktiviert. Und ich kann diese Bremsen quasi deaktivieren mit einem Schalter. Und dann kann man den schieben, ich würde mal sagen, so angenehm wie eine Schubkarre. Also nicht besonders komfortabel, aber lässt sich schieben.
Karina: Da habe ich eine Story für euch, die ich euch erzählen muss.
Jonas: Von Schubkarren?
Karina: Ne, von einem Elektroscooter/Rollstuhl. Ich benutze ja seit kurzem auch immer mal so Rollstühle bzw. so Scooter für irgendwie längere Strecken oder so, um Energie zu sparen. Und teilweise auch einfach wegen Schmerzen.
Jonas: Du meinst so klassische E-Scooter?
Karina: Ne, nicht die, wo man drauf steht, sondern diese für ältere Menschen.
Jonas: Ach, mit so einem Lenker vorne?
Karina: Genau. Also die, die schon zum Sitzen sind und so. Und ich war ja gerade in Berlin für einen Filmdreh und habe mir da eben so ein Teil ausgeliehen. Einfach weil ich wusste, das wird sonst zu anstrengend.
Raúl: Wo leiht man so was?
Karina: Da gibt es gerade in Berlin mehrere, also nicht Sanitätshäuser, aber einfach so Hilfsmittelverleih.
Raúl: Achso, aber nicht bei Miles oder so.
Karina: Ne, das wäre praktisch, wenn das gehen würde. Also in Berlin kriegst du ja alles, das finde ich eigentlich ganz geil. Es wäre schön, wenn das anderswo auch so wäre.
Raúl: Außer barrierefreie Taxis, aber ja.
Karina: Ja, ich meinte jetzt so an Leihhilfsmitteln und so. Jedenfalls habe ich so ein Ding geliehen und das war so ein relativ günstiges Falt-Elektro-Scooter-Ding. Und wir hatten einen Shoot am Tempelhofer Feld.
Raúl: Fachbegriff: Falt-Elektro-Scooter-Ding?
Karina: Ja, so ein leichtes, zum Falten, kleiner Elektro-Scooter mit einem kleinen Motor und einer kleinen Batterie.
Jonas: Ja.
Karina: Und wir shooten auf dem Tempelhofer Feld bei -10 Grad. Und also so ungefähr, als ich aus dem Auto ausgestiegen bin und die ersten fünf Meter gefahren bin, war die Batterie schon 50 Prozent leer. Jetzt haben wir, weil der Scooter auch Teil von unserem Filmshoot war, also ich vor der Kamera war und eigentlich mit diesem Scooter auf die Kamera zufahren sollte, haben wir den Scooter dann getragen, damit die Batterie nicht leer wird. Die Ironie war schon interessant. Und jedes Mal, wenn ich dann praktisch für den Shot, man muss ja die Szenen quasi irgendwie dutzende Male wiederholen, bin ich also fünf Meter vorgefahren auf dem Scooter und dann hat meine ganze Filmcrew den Scooter wieder die fünf Meter zurückgetragen, um Batterie zu schonen, damit er nicht zwischendurch einfach leer wird. Und dann dachte ich mir so, Alter, wenn ich wirklich drauf angewiesen wäre, dass dieses Teil jetzt den ganzen Tag fährt, hätte ich halt völlig verschissen, weil ich wäre nicht mal vom Auto bis auf die Mitte von dem Tempelhofer Feld gekommen, ohne dass die Batterie abgekackt hätte. Und das Teil war nicht zu schieben, das war unfassbar schwer und musste dann halt getragen werden, also völlig am Punkt vorbei, wofür man eigentlich so ein Hilfsmittel nutzt. Das war meine lange Story.
Jonas: Aber ich meine, Tempelhofer Feld, also der alte Flughafen Berlin-Tempelhof, ist ja ein Riesenareal.
Karina: Ja, aber nicht so groß, dass der nicht, da sollte er eigentlich 20 Kilometer gehen.
Jonas: Jaja, also, und man könnte natürlich auch meinen, also klar, man hört es immer wieder auch, gerade bei Handyakkus, dass wenn es sehr kalt draußen ist, dass die dann sehr anfällig sind oder anfälliger und dann schneller leer werden. Aber gerade bei solchen Scootern ist es dann natürlich, ja, wo man vielleicht auch sogar sagt, okay, es ist draußen sehr kalt und vielleicht auch, ja, glatt in dem Sinne. Und deshalb ist man noch umso mehr darauf angewiesen und hat eben nicht die Möglichkeit, als Fußgänger*in unterwegs zu sein und man nutzt dann quasi den Scooter, aber dann funktioniert der auch nicht, dann ist es ja eben auch in dem Sinne witzlos.
Karina: Ne, also was mich auch so geärgert hat an der Situation war halt einfach, also wie du schon sagst, ich wollte den nutzen, damit ich nicht ausrutsche, weil alles glatt war. Ich wollte den nutzen, um eben nicht laufen zu müssen, um Energie zu sparen. Und wenn ich jetzt nicht Leute dabei gehabt hätte, die mir dieses Ding dann zurück zum Auto getragen haben, was für die Leute richtig anstrengend war, dann wäre ich halt da gestanden und hätte schauen müssen, wie ich den selber zum Auto zurückbringe. Und dann hätte ich anstatt von Energie sparen, hätte ich am nächsten Tag doppelt so viel Schmerzen gehabt, weil ich dieses Ding irgendwie hätte ziehen müssen oder so. Also halt völlig am Nutzen vorbei.
Raúl: Ich finde ja, wenn wir uns jetzt die ganzen Innovationen bei der Elektromobilität von Autos uns mal anschauen, da ist relativ wenig übergesprungen auf Elektrorollstühle. Ich kann mir vorstellen, dass die Anfänge der Elektromobilität von Autos schon bei den Rollstühlen begann, aber dann so Innovationssprünge passiert sind mit Reichweite, mit Energieeffizienz und so, dass ich das wirklich bei E-Rollis gnadenlos vermisse.
Jonas: Aber jetzt nochmal Stichwort, weil du, Karin, das gerade mit der Kälte angesprochen hast, das war ja quasi Anfang Januar wirklich kalt und auch arschglatt draußen. Raúl, war das für dich überhaupt ein Problem? Also nicht was die Reichweite angeht, nur was die Kälte angeht.
Raúl: Nee.
Jonas: Aber ist auch so im Sinne von, also ich bin so eben, glaube ich, wie wir alle, Karina, wir haben uns Anfang des Jahres dann auch nochmal auf dem letzten offenen Weihnachtsmarkt hier in Berlin getroffen und da war so auch großes Glatteis angesagt und sind dann beide so im Pinguingang nebeneinander so dahin gewatschelt. Raúl, du wärst da bestimmt einfach scheißegal drüber gefahren oder hast du Schneeketten?
Raúl: Nee, keine Schneeketten, keine Spikes. Ich bin tatsächlich auch ein bisschen geschlittert und gerutscht. Ich hatte mehr Angst, als ich am Ende gedacht habe. Also man hat schon gemerkt, dass es glatt ist, aber ich hab mich jetzt trotzdem raus gewagt und als ich dann einigermaßen gemerkt habe, das geht, ist meine Angst auch verflogen. Viel schlimmer finde ich den ganzen Rollsplitt, den man jetzt immer nach Hause bringt und dann zu Hause jetzt den ganzen Sandkasten aufmachen kann. Es lohnt sich auch gar nicht zu wischen, weil du bist dann 10 Minuten eh wieder draußen. Also weiß ich nicht, das ist richtig anstrengend.
Jonas: Ja geil natürlich, wenn du am Rollstuhl so eine Handbremse hast, dann kannst du so driften in den Kurven.
Raúl: Ja das geht leider bei denen nicht, weil die so eine Regelung haben, dass die Räder nicht mehr durchdrehen. Das ging bei meinem alten sehr geil, da konnte ich richtig geil driften. Das mit dem neuen ist das irgendwie deaktiviert.
Jonas: Schade, aber was kann der denn, also wenn man jetzt mal so die, muss ich jetzt nicht die ganze Gebrauchsanleitung da irgendwie von dem Teil so runterbeten, was kann der noch? Du bist ja relativ schnell unterwegs und wenn man mit dir sozusagen als Fußgänger neben dir unterwegs war, man kommt dann schon ins Schwitzen, weil du bist fix.
Raúl: Genau, also mein Rollstuhl fährt 12 Stundenkilometer, er ist gepimpt, man kann dann Geschwindigkeitspaket dazu buchen.
Jonas: Optional, also wirklich dazu buchen oder ist das sowas?
Raúl: Das kostet halt extra. Normalerweise sind die runterreguliert auf 6 km/h, dann zahlt das die Kasse und mit Aufpreis und Nummernschild kannst du dann auch 12 km/h fahren.
Jonas: Also nicht so wie bei so früher Motorrollern, wo man dann vielleicht irgendwo nochmal sich irgendwo noch reinhacken kann, auf einmal ist das Teil 35 km/h oder sowas?
Raúl: Ne, leider nicht, obwohl er wahrscheinlich auch 20 km/h könnte, aber das geht leider nicht. Was ich interessant finde, ist, dass meine Frau, die hat auch ein E-Rolli, also ein manueller Rollstuhl mit Motor als Hilfe, und da muss man Aufpreis bezahlen in der App, also im Prinzip so einen In-App-Kauf, um bestimmte Features freizuschalten. Und ich habe jetzt gesehen, beim Chaos Computer Kongress letztes Jahr gab es tatsächlich eine Hackerin, die auch so einen E-Rollstuhl fährt, wo sie das gehackt hat. Und quasi jetzt kostenlos an diese Leistung kommt, weil sie auch findet, dass das extrem ungerecht ist, dass behinderte Menschen jetzt auch noch Aufpreis zahlen müssen, um die volle Funktion zu bekommen. Das kommt tatsächlich aus der Automobilindustrie, dass bestimmte Features künstlich verknappt werden und nur per Aufpreis freigeschaltet werden können.
Karina: Aber das ist ja unfassbar dreist, wenn du jemand bist, der mit dem Rollstuhl den ganzen Tag rumfahren muss, das ist ja kein fucking Auto, das ist deine ganze Mobilität, das ist Wahnsinn.
Raúl: Und das kostet bis zu 600 Euro, also schon echt krass.
Karina: Das ist ja nicht was, was optional für jemanden ist, der einen Rollstuhl braucht, da kann ich doch kein Geld für verlangen, für irgendwelche extra Features.
Raúl: Ich finde es auch kriminell.
Jonas: Ja, vor allem, ich finde auch manchmal, was ist die Begründung, dass du langsamer fahren darfst?
Karina: Schutz. [Augenrollen]
Jonas: Schutz, aber ich meine…
Raúl: Das eine zahlt die Kasse, das andere ist vergnügen.
Jonas: Ja, aber ich meine, Raúl, du hast ja eben ja gesagt, als du noch gesoffen hast wie ein Loch, im Sinne von, dass du dann vielleicht mal irgendwie, dass man ja auch betrunken Rollstuhl fährt, aber quasi heutzutage, wo wirklich diese E-Scooter draußen unterwegs sind, wo die Leute zu zweit, zu dritt mit wie viel Promille dann mit 20, 25 Stundenkilometern irgendwie durchs Dorf fahren, da ist es eben weniger Problem. Außer eben bei Menschen mit Behinderung, wo dann quasi der Schutzcharakter in dem Sinne da ist.
Raúl: Also 12 Stundenkilometer muss man schon auch sagen, ist schon hui, ist schon schnell. 20 würde ich mir jetzt auch nicht trauen, mit dem zu fahren. Aber 12 ist so, nochmal um so eine Vorstellung zu bekommen, es ist so schnell, dass meine Assistenten sagen, fahr mal langsamer, und ich kann damit locker zwei U-Bahn-Stationen in der gleichen Geschwindigkeit fahren, wie mit dem Aufzug runter zur U-Bahn, in die U-Bahn rein und dann wieder raus, bin ich zu Fuß schneller. Und das hat auch schon Vorteile, also ich kann locker bestimmte Einkäufe zu Fuß erledigen und bin genauso schnell wie wenn andere mit dem ÖPNV fahren. Ich kann halt nicht dem Bus hinterher rennen, ich kann nicht einfach mal spontan in ein Taxi steigen, deswegen finde ich das ist ein ganz guter, wie soll ich mal sagen, Ausgleich.
Jonas: Also für den Alltag ist es schnell genug, aber für einen Sprint zu langsam. Hast du einen persönlichen Bezug zu deinem Rollstuhl? Wir hatten ja schon mal eine Episode gemacht, wo es wirklich auch nochmal um Hilfsmittel in dem Sinne ging, Rollstühle haben ja auch immer per Auslieferungsnamen einen Namen, hast du da bei deinem Rollstuhl auch einen Namen gegeben? Seid ihr ein Herz und eine Seele?
Raúl: Ach du und ich und meine Rollstühle, das hat auch so eine Reise hinter sich. Meinen ersten Rollstuhl habe ich Spaghetti genannt, weil Bibi Blocksberg nannte ja alles Kartoffelbrei. Ich fand es irgendwie witzig, meinen Spaghetti zu nennen, das ist aber eher so aus dem Kopf eines Kindes entsprungen. Danach waren meine Rollstühle für mich eher schambehaftet, ich fand es doof, einen zu brauchen, ich wollte nicht viel darüber reden, dann gingen sie oft schnell kaputt, zu schnell kaputt, es hat ewig gedauert bis sie repariert waren. Und jetzt achte ich darauf, dass es Rollstühle sind, die, ich sag jetzt mal, die Golfs unter den Rollstühlen sind. Also ich fahre einen Permobil F5, den fährt irgendwie jeder zweite, der einen elektrischen Rollstuhl hat. Da gibt es ausreichend Ersatzteile verfügbar und ich achte jetzt eher auf Komfort. Also bequemer Sitz, dass die Geschwindigkeit in Ordnung ist, dass ich mein Smartphone dran laden kann, dass es vernünftiges Design hat, Farben konnte ich mir auswählen, ich kann die Farben jetzt sogar wechseln und nach und nach baue ich mir Sachen dran.
Karina: Ich habe eine Frage an dich, Raúl. Als jemand, der sich gerade erst mit dem Thema Rollstuhl beschäftigt, also ich habe meinen Rollstuhl ja gepimpt im Sinne von, ich habe ihn ein bisschen mehr zu Karina gemacht und habe überall Regenbogenfarben und Disability Pride Flag und so an die Felgen, dann wurde mir aber gesagt, dass nur die neuen, unerfahrenen, naiven Rollstuhlfahrer*innen ihren Rollstuhl quasi bunt machen oder bekleben mit irgendwas. Hast du deine Meinung zu?
Raúl: Ich habe da eine sehr starke Meinung zu.
Jonas: Jetzt kommt’s.
Raúl: Ich habe eine sehr, sehr starke Meinung zu. Also bunt machen hat ja auch Grenzen, finde ich. Ich kann mich an deine Speichen erinnern, die du in Regenbogenfarben hast. Das finde ich tatsächlich cool. Ich weiß nicht, ob du Speichenschutz hast.
Karina: Nee.
Raúl: Ja, genau, weil Speichenschutz, das ist oft so was, das schaffen dann Eltern für ihre Kinder an, im Glauben, Kinder würden ihre Finger in den Speichen verfangen. Wenn du das einmal als Kind gemacht hast, dann wirst du es auch nie wieder tun. Und so ein Speichenschutz verleitet sehr stark, da Aufkleber drauf zu machen. Und das sieht einfach scheiße aus. Ich hab viele Leute gekannt, die hatten früher Fernsehsender-Logos auf ihren Rollstühlen. Und dann wechselt der Sender halt sein Logo, dann wechselst du aber nicht den Aufkleber. Und dann sieht das halt ganz schnell veraltet aus. Oder irgendwelche Sprüche, die einfach irgendwann nicht mehr cool sind.
Jonas: Ich bremse auch für Fußgänger.
Rául: Ja, so was. Das wird dann schnell cringe. Das ist so ein bisschen wie LED. Man muss es können. Nicht jeder, der LED hat, sollte es auch machen, wenn er kein Konzept hat, wie er das machen will. Aufkleber können cool sein, aber einfach, wenn die Leute ihre Rollstühle so zukleistern, wie andere ihre Laptops zukleistern, das sieht nicht cool aus. Ich bin inzwischen auch dazu übergegangen, viele Menschen, die lange Rollstühle fahren, tendieren immer mehr zum schwarzen Rollstuhl, weil einfach alles schwarz ist, weil man drumherum dann alles tragen kann. Wenn eine Rollstuhl aber rosa ist oder blau oder grün, dann ist es auch schon eine Entscheidung, was du an Klamotten dazu tragen solltest. Und das schränkt dich dann wieder ein.
Jonas: Also der Rollstuhl auch als modisches Accessoire in dem Sinne.
Raúl: Genau. Wobei Karinas Speichen in Regenbogenfarben, das ist auf jeden Fall ein geiles Design-Accessoire.
Jonas: Kann ich mir sehr gut vorstellen.
Raúl: Vielleicht haben wir da ein Foto für die Show Notes.
Jonas: Können wir sehr gerne mal auf www.die-neuen-normen.de hochladen. Ich habe gerade spontan daran gedacht, bei Fahrrädern, bei Kindern, diese Perlen, die immer an den Speichen befestigt sind.
Raúl: Hatte ich auch als Kind. Ich war selber irgendwann so genervt davon. Da fährst du eine Stunde am Tag. So ein Rollstuhl halt den ganzen Tag. Und wenn es die ganze Zeit so pling, pling, pling macht,
Jonas: Du kannst dich ja auch nicht anschleichen. Ich meine gut, das kannst du jetzt inzwischen eh nicht mehr so. Auf die komplette Distanz, weiß ich nicht, ob da jetzt eine Person ist, hier auch gerade im Büro, wenn mehrere Leute da sind. Aber dich erkenne ich immer. Ich weiß immer ganz genau. Ich erkenne alle Rollstühle am Sound. Ich kann meine Arbeitskolleg*innen am Geräusch des Elektrorollstuhls erkennen.
Raúl: Aber klingt meiner anders als der von Anne oder Vicky? Weil es ist baugleich.
Jonas: Müsste mal…
Raúl: Machen wir mal einen Audiotest.
Jonas: Müssen wir mal ausprobieren.
Raúl: Blindtest.
Jonas: Du fährst ja vielleicht auch anders.
Raúl: Rabiater.
Karina: Mittlerweile habe ich so viele Freunde im Rollstuhl, dass ich manchmal unterscheiden kann, wer da gerade ankommt, einfach an der Art und Weise, wie das klingt.
Raúl: Wir hatten auch gerade eine Fast-Kollision im Büro, weil drei Rollstühle das gleiche Ziel hatten. Da mussten wir uns erst mal sortieren.
Jonas: Ja, diese Fahrweise. Man erkennt es an der Fahrweise. Und ob irgendwelche anderen Leute schreiend zur Seite springen.
Raúl: Aber ich bin auch eher Team Speed. Ich fahre tatsächlich gerne schnell, auch wenn die Strecke kurz ist. Weil es einfach immer so ein ruhiges Gefühl ist.
Jonas: Also wer kann es dir…
Raúl: Das ist wie schaukeln.
Jonas: Wer kann es dir verdenken? Du hast eben auch gesagt, dass früher Rollstuhl auch ein bisschen schambehaftet war. Du hast in einer Episode deiner Fernsehsendung “Krauthausen face to face” mal Samuel Koch, den Schauspieler, zu Gast gehabt, der auch im Elektrorollstuhl in dem Zeitpunkt saß. Und ihr habt dann so eine Art Battle gemacht. Wer kann mit der Sitzfläche des Rollstuhls am weitesten nach unten fahren? Wir haben ja häufig schon mal bei Fotoshootings oder so, dass es natürlich, Stichwort Augenhöhe, schöner ist, dann zumindest gleich hoch zu sein. Du kannst ja mit der Sitzfläche sehr weit nach oben, aber du kannst auch sehr weit nach unten. Das sieht man selten. Nutzt du das, um irgendwo dran zu kommen? Oder wenn mal was runterfällt?
Raúl: Ich nutze es nicht mehr. Das kann der Aktuelle jetzt auch nicht mehr, weil ich es kaum genutzt habe am Ende. Aber es war mal dafür da, um alleine in den Rollstuhl rein und raus zu kommen. So rein und raus klettern quasi. Das ist eigentlich eine Kinderfunktion, damit Kinder das dann auch auf dem Boden spielen können. Als erwachsener Mensch mit 45 Jahren verbringe ich nicht mehr so viel Zeit auf dem Boden. Wenn mir jetzt was runterfällt, benutze ich eher so Greifer. Oder ich lasse sie mir halt helfen. Oder ich versuche, die Dinge, die nicht runterfallen dürfen, an einem Kabel oder einer Schnur festzuhaben, um sie wieder hochziehen zu können. Zum Glück fällt mir nicht so viel runter.
Jonas: Karina, wir haben jetzt darüber gesprochen, dass bei Raúl der Rollstuhl allgegenwärtig ist. Wenn du jetzt sagst, du verlässt das Haus, und bei dir haben wir es ja auch noch mal so, wie du gesagt hast, dynamische Behinderungen. Es gibt ja Tage, wo es vielleicht mal besser ist, mal ist es schlechter. Du hast von dem Elektroscooter gesprochen. Wenn es dann um andere Strecken geht, wo du sagst, hier habe ich jetzt gerade wenig Energie. Aber so ein “normaler Tag”, was für Hilfsmittel nimmst du mit, oder mit welchen gehst du nicht aus dem Haus?
Karina: Ich glaube, bei mir hängt immer ganz viel davon ab, warum gehe ich aus dem Haus und wo gehe ich hin? Wie lange bin ich unterwegs?
Raúl: Das frage ich mich auch immer wieder.
Karina: Es ist total schwierig, wenn ich zum Beispiel in einem Auto fahren muss, oder in irgendwas sein muss, was sich schnell bewegt, und unerwartete Stöße kommen könnten. Dann habe ich auf jeden Fall immer meine Halskrause dabei, oder meistens schon an. Wenn ich weiß, ich muss länger laufen, dann habe ich meistens Bandagen für die Knie und für die Lendenwirbelsäule, damit ich das relativ lang aushalten kann. Ich plane die meisten Routen, vor allem unbekannte Routen, die ich noch nicht so kenne. Ich habe praktisch überhaupt keinen Orientierungssinn. Das heißt, alle Routen sind für mich sehr, sehr lange sehr unbekannt. Und immer wieder neu.
Jonas: Die sind immer wieder neu, genau.
Karina: Und dann verlaufe ich mich auch noch ständig, selbst mit Google Maps. Die plane ich zum Beispiel auch nach, wo sind denn öffentliche Toiletten, beziehungsweise sind da irgendwie Einkaufsstraßen auf dem Weg, wo ich einen Coffee-Shop finden kann, wo ich schnell die Toilette nutzen kann, weil ich auch ganz viel mit Blasen- und Magen-Darm-Beschwerden zu tun habe und dann ganz plötzlich von einer Sekunde auf die nächste eine Toilette brauche. Und das ist ziemlich blöd, wenn man irgendwo in der Pampa steht. Ich habe so viele kleine Hilfsmittel, aber welche ich dann wirklich anhabe oder dabei habe, hängt total davon ab, wo ich eigentlich gerade hin will.
Jonas: Aber jetzt die Entscheidung zu sagen, ich fokussiere mich jetzt auf das Thema Rollstuhl, ist das ja trotzdem etwas, was neu ist.
Karina: Das ist total neu. Also der Rollstuhl ist quasi mein neuestes Hilfsmittel. Da hatte ich mich lange auch nicht richtig mit beschäftigt, was mich jetzt ordentlich in den Hintern beißt, weil ich quasi einen Rollstuhl habe, der überhaupt nicht zu meinem Körper passt, weil ich davon ausging, dass Sanitätshäuser schon wissen, wie man richtige Rollstühle abmisst und die zu einem passen und so. Leider war das nicht so. Und jetzt habe ich halt einen Rollstuhl, der eigentlich überhaupt nicht das kann, was er für mich eigentlich können muss.
Jonas: Er hat keine Rollen.
Karina: Er hat keine Rollen, genau. Nein, er hat Rollen. Aber tatsächlich ist es ein faltbarer Rollstuhl, der sehr schwer zu bewegen ist. Und nachdem bei mir ja eins der Hauptprobleme ist, dass meine ganzen Gelenke super instabil sind und meine Muskeln sehr schwach, muss der Rollstuhl sich sehr einfach bewegen lassen, damit ich ihn quasi selber bewegen kann und auch möglichst weit selber bewegen kann. Und das ist bei dem Ding halt genau das Gegenteil. Und naja, so lerne ich gerade quasi dazu. Es ist ja immer so, man kennt sich total gut aus in seinem kleinen Bereich von Hilfsmitteln. Und bei mir sind das hauptsächlich immer Bandagen und Orthesen gewesen. Und mit Rollstühlen hatte ich nie einen Berührungspunkt bisher. Und jetzt mache ich quasi dieses neue Fass auf und mache praktisch jeden erdenklichen Fehler, den ich machen hätte können aus irgendeinem Grund. Und dadurch lerne ich. Und in zehn Jahren weiß ich dann auch mehr über Rollstühle.
Raúl: Was war der Grund, dass du dich für einen Faltrollstuhl entschieden hast?
Karina: Eigentlich gar keinen. Ich wollte keinen Faltrollstuhl. Ich wollte eigentlich einen Festrahmenrollstuhl, aber ich glaube, da war ein Fehler in der Kommunikation. Also was ich kommunizieren wollte, war eigentlich, dass ich einen Rollstuhl brauche, den man zumindest möglichst klein machen kann und auseinander bauen kann, weil ich ja viel irgendwie allein unterwegs bin. Und ich muss irgendwie zum Beispiel schaffen, diesen Rollstuhl in einen Uber oder Taxi reinzukriegen, weil er mir sonst nicht so viel nutzt, weil ich relativ wenig Bus fahre, weil das für meinen Rücken und so sehr schwierig ist. Deswegen sollte er zumindest so sein, dass ich die Reifen abnehmen kann und vielleicht das Rückenteil umklappen kann. Was aber dann quasi stattdessen bei raus kam war ein Faltrollstuhl. Dumm gelaufen.
Jonas: Du lernst in dem Sinne immer mehr dazu. Du hast ja quasi mit Raúl auch viel Expertise da, der dir eben auch sagen kann, Aufkleber, ne, das soll nicht passieren.
Karina: Ja, aber das sind ja auch wieder nochmal zwei unterschiedliche Welten. Also Elektrorollstühle und dann was ich eigentlich haben wollte oder hätte sollen, ist ein Aktivrollstuhl. Das sind ja auch nochmal zwei quasi ganz unterschiedliche Welten. Also mit Elektrorollstühlen kenne ich mich ja nicht aus, nur weil ich mich dann vielleicht irgendwann mal mit Aktivrollstühlen befasst habe.
Raúl: Wobei, um die Komplexität jetzt vielleicht ein bisschen wieder runterzufahren, es ist nicht so kompliziert wie Fahrräder. Ich glaube, Fahrräder ist auch nochmal eine ganz eigene Wissenschaft. Und da gibt es auch eine richtige Tuningszene und jeder zweite Kietz hat Fahrradfachgeschäfte. Rollstühle, da ist die Auswahl ein bisschen begrenzter und dadurch auch undurchsichtiger, finde ich, weil es relativ wenig Profis gibt, Expert*innen gibt, denen man vertrauenswürdige Informationen entlocken kann. Ich hole mir die Infos immer von anderen Menschen, die schon lange Rollstühle fahren. Ich habe mal gehört, dass die Firma Wolturnus beispielsweise gerade ziemlich angesagt ist, weil sie halt coole Rollstühle bauen oder Küschall. Aber da kommt man, glaube ich, von selber nicht drauf. Ich glaube, es ist ein Fluch und Segen, wenn du so wenig Auswahl hast. Es ist kein Rabbit Hole, wo du dich dann irgendwie so verlieren kannst, aber wenig Auswahl ist eben auch, der Markt regelt nicht so schnell.
Jonas: In dem Sinne, dass du jetzt sagen kannst, okay, ich bin mit dieser Marke irgendwie unzufrieden und dann gucke ich mal was anderes. Zumal ja, glaube ich, auch diese ganze Thematik von Rollstühle sind ja auch teuer, also müssen halt dann quasi von der Krankenkasse übernommen werden. Und also dieses ganze Prozedere, was eben noch dazu kommt, also von erst mal abgelehnten Anträgen auf Rollstühle, die dann irgendwie die falschen Gegenstände, also ich kenne zum Beispiel nur eine Geschichte von meiner Oma, die mal einen Rollstuhl beantragt hat und ihr wurde dann quasi einer bewilligt, aber das war dann quasi eher so ein Stuhl auf Rollen. Also es war quasi kein Aktivrollstuhl, wo sie dann eben auch selber dann quasi die Möglichkeit hat, mit dem an dem großen Rad zu drehen und sich zu bewegen, sondern es war dann, glaube ich, das Hinterrad war dann auch so klein, also da kam man gar nicht ran. Also die einzige Möglichkeit war dann wirklich so, ja, mit per Beinbewegung sich so ein bisschen selber irgendwie durch den Raum zu schieben, was eben vollkommen hirnrissig war in dem Moment und ihr überhaupt nicht geholfen hat. Also dieser Weg, dann eben auch das Richt-, also erst mal etwas zu bewilligen zu bekommen und dann quasi eben auch das Richtige zu bekommen, was eben einem auch zusteht. Also Dr. Leopold Rupp, den wir schon in unseren Episoden, wo es um Mediziner*innen mit Behinderung ging, hatte erst neulich auch wieder einen Beitrag auf seinem Instagram-Kanal, wo es darum geht, dass er eben zum Beispiel zwei Rollstühle hat, einen für seine Tätigkeit im Krankenhaus und einen, den er quasi privat nutzt und auch dort immer wieder, ja, Ablehnungsbescheide gibt von Krankenkassen bzw. dieser Prozess einfach sehr, sehr lange dauert und ich glaube, das hat man irgendwie gerade bei solchen Hilfsmitteln, die so, ja, ich sag mal jetzt auch sehr präsent sind oder quasi sehr groß sind in dem Sinne, erlebt man immer wieder. Ich glaube, das ist dann bei, ich sag mal in Anführungsstrichen jetzt, nur Orthesen oder irgendwelchen Bandagen in dem Sinne, klar, das ist natürlich auch ein Thema, aber das ist halt, das ist dann im Vergleich zu einem Elektrorollstuhl oder Rollstuhl eher so eine Kleinigkeit, ne?
Raúl: Ja und ich glaube halt, wenn du so ein, weißt du, wenn du ein Auto kaufst, dann kannst du den halt Probefahren. Und wenn du einen Rollstuhl brauchst, der, also da ist es nicht so ohne weiteres möglich, den Probezufahren, zumindest nicht bei mir, weil der ja auch vorher angepasst werden muss und das kostet dann natürlich auch Geld. Und ich hab manchmal auch das Gefühl, dass die Sanitätshäuser eher so beraten, dass sie daran verdienen, als so beraten, dass dir am Ende wirklich geholfen wird, weil wenn du das Ding dann einmal übergeben bekommen hast, dann musst du damit erst mal leben. Und du kannst ja nicht einfach sagen, ich nehme einen anderen, sondern das ist ja wirklich eine fixe und finale Entscheidung. Und ich finde, das ist wirklich total wichtig, dass dann auch gute Beratung gemacht wird und nicht, dass das empfohlen wird, was vielleicht am Gewinn dringendstens ist oder am wenigsten Arbeit macht.
Karina: Ja.
Raúl: Also ich hab jetzt, vorhin ja erzählt, ne, mit dem Tuning von Rollstühlen und dass man manchmal Aufpreise bezahlen muss. Ich hab jetzt zum Beispiel, also, falls da jemand Bock hat, unter den Hörer*innen, ich würde ja super gerne mal ein Sanitätshaus selber haben, gründen, betreiben, wo Menschen mit Behinderung in der Geschäftsführung sitzen, idealerweise auch ne Sanitätsausbildung haben, weil dann bist du quasi berechtigt, sogenannte Tuning-Apps zu benutzen, zum Beispiel für den Permobil F5, den ich habe. Es gibt ne Anwender-App, die kann halt nichts. Und es gibt die Sanitätshaus-App, mit der kannst du alles einstellen.
Jonas: Okay.
Raúl: Und es ist halt so wie in Autowerkstätten, dass du dann Volkswagen irgendwie da auslesen kannst, oder was der für technische Informationen eben generiert. Das kannst du als Anwender ja nicht, und das ist bei Rollstühlen inzwischen genau so. Und ich würde schon gerne so zwei, drei Funktionen einstellen können, als Beispiel Bremsweg verkürzen, oder Beschleunigung schneller machen, das kann man alles tunen. Aber ich darf es als Anwender nicht. Und jetzt, die Anforderung ist nicht groß genug, als dass ich dafür jetzt ein Sanitätshaus bemühen möchte, weil das ne Menge ausprobieren wäre, also hier ein bisschen einstellen, da ein bisschen einstellen, zwei Tage fahren, dann wieder einstellen, und so. Aber es ärgert mich, dass ich als Besitzer dieses Rollstuhls, beziehungsweise Nutzer dieses Rollstuhls, Besitzer ist ja die Krankenkasse, aber als Nutzer dieses Rollstuhls, nicht vollen Zugriff darauf habe.
Jonas: Ja, kann ich verstehen, ja.
Raúl: Und das ist bei meinen Hörgeräten übrigens genauso. Wenn ich irgendeine Mini-Anpassung machen möchte, dann muss ich damit auch zum Akustiker gehen. Und die Anwendung, die ich habe als Nutzer, hilft mir im Alltag nicht so stark.
Jonas: Heißt also quasi, wenn ihr das nächste Mal irgendwie in der Stadt unterwegs seid und seht quasi Krauthausen Sanitätsdienst. Recht auf Tuning und Recht auf Reparatur. Ja, dann ist es quasi, das ist euer Mann. Also geht hin. War gerade kurz irritiert, weil ich erst Sanitär sagen wollte. Wäre vielleicht auch irgendwie vielleicht das…
Raúl: Da geht es um Wohnumfeldanpassung. Sanitär.
Jonas: Ja. Also das, wenn wir quasi über die Hilfsmittel sprechen, mit denen wir nicht aus dem Haus gehen. Also für mich ist es wirklich so, dass sich das reduziert auf das Smartphone. Also das ist für mich als Person mit Sehbehinderung so wirklich der Alltagshelfer. Also ich mache sehr viel auch berufliche Tätigkeiten, also Mail schreiben und so weiter. Das was da so geht, eben am Smartphone, weil ich das einfach dann besser erkennen kann, beziehungsweise irgendwie näher an mich halten kann und dann das erkennen kann. Ich nutze sehr viel eben die Lupen- beziehungsweise Vergrößerungsfunktionen beim Smartphone, um halt Sachen in der Entfernung mir größer zu ziehen oder halt Schilder zu erkennen und mich in dem Sinne zu orientieren. Aber eben auch, sag ich mal, das was du, Karina, eben gesagt hast, so orientierungsmäßig, dass ich halt mir vorher oder währenddessen halt in Navigations-Apps halt mir angucke, okay, wo bin ich denn gerade? Und ich nutze da eher dann zum Beispiel die, also tatsächlich die Satellitenansicht, wo viele Leute sagen, ich bin total überfordert, wenn ich dann quasi überall sehe, wie alles aussieht. Ich will ganz, ganz clean einfach nur die Karte haben. Nee, für mich ist das zum Beispiel sehr, sehr hilfreich, weil ich halt ganz genau weiß, okay, ich kann durch die Satellitenansicht sehen, wo ist eine Freifläche, wo ist ein Gebäude, wie sieht das Gebäude aus und kann mich dahingehend irgendwie besser orientieren. Und deshalb ist für mich quasi das Smartphone unersetzlich.
Karina: Aber was machst du denn jetzt? Also ich habe das Gefühl, wenn ich blind wäre, das wäre ein Clusterfuck, weil mein Orientierungssinn eh schon so kaputt ist. Aber was machst du denn jetzt, wenn du lost bist, also wenn du aus Versehen irgendwo falsch abbiegst und du hast dir das aber vorher noch nicht eingeprägt, wie das da eigentlich aus, also wie die Wege da weiter verlaufen?
Jonas: Also ich bin ja nicht blind in dem Sinne. Und deswegen ist das, ich habe schon immer, und das ist quasi behinderungsunabhängig, einen guten Orientierungssinn. Also ich kann mich sehr gut irgendwie orientieren und kann mir in dem Sinne Wege gut einprägen. Ich bin halt eher lost, wenn es, also ich bin dann ja lost, also überfordert beziehungsweise gestresst, wenn es dann eben schnell gehen muss. Also wenn es dann irgendwie, okay, ich komme am Bahnhof an, ich habe irgendwie drei Minuten Umsteigezeit und muss dann quasi schnell erkennen, wo ich runtergehe, links, rechts, welches Gleis, wo muss ich hin und so weiter. Also das ist dann eher etwas, was dann problematisch wird. Aber ansonsten, es ist ja so, wenn ich jetzt quasi, ich weiß nicht, wenn ich jetzt an der Kreuzung bin und gehe jetzt quasi in die Biege nach links ab statt nach rechts, dann merke ich ja quasi, wo ich lang gehe. Also quasi auch in Kombination, dass ich dann vielleicht irgendwie auch nochmal auf dem Smartphone eben sehe, wo der blaue Nupsi ist, der gerade zeigt, wo ich mich gerade befinde und in welche Richtung er in dem Sinne geht. Also da hilft auch quasi die Ortung, wo man ja quasi auch am Smartphone ja sehen kann, okay, in welche Richtung guckt man gerade und dahingehend sich in dem Sinne orientieren kann. Also das ist schon sehr einfach für mich machbar und ist nicht in dem Sinne überfordernd.
Karina: Hast du, also ich weiß ja, du nutzt keinen Langstock und so. Gibt es einen Grund, warum du das nicht tust, beziehungsweise ist das was, was geplant ist oder, ja, wie sieht das denn aus?
Jonas: Ich habe lange auch im Vorfeld darüber nachgedacht, weil theoretisch gesehen würde es mir, glaube ich, sogar zustehen oder es ist zumindest irgendwie, oder damals, als ich den Schwerbehindertenausweis bekommen habe, wurde mir quasi geraten, dass ich quasi Merkzeichen trage. Aber jetzt in dem Sinne mit so einer, weiß ich, so einer gelben Armbinde rumzulaufen mit drei Punkten irgendwie, also das ist so, ich finde, ich finde so Marker in dem Sinne in der Öffentlichkeit dann immer in dem Sinne ein bisschen schwierig. Gleichzeitig ist es so, dass ich es aktuell nicht benötige, weil es weniger bei mir um das Direkte, was vor meinen Füßen passiert, geht, sondern eher quasi das, was in der Entfernung passiert. Also in dem Sinne, wenn ich jetzt über die Straße laufe und da ist eben keine Ampel, kein Zebrastreifen und es fahren ab und zu mal Autos da vorbei, dann ist es quasi eher die Sache, okay, kommen dort Autos oder nicht? Und da hilft mir eben auch der Langstock nichts. Außer eben aus der Perspektive, mich sichtbar zu machen und sozusagen Autofahrer*innen oder anderen Verkehrsteilnehmer*innen zu signalisieren, okay, wenn ich dann einfach so über die Straße gehen würde, würde die Person zumindest irgendwie sehen, dass sie nicht irgendwie so ein bekloppter Fußgänger, der einfach so waghalsig über die Straße läuft, sondern okay, die Person sieht nicht gut. Also man macht quasi dadurch die Behinderung sichtbar. Also das wäre so der einzige Aspekt, aber es ist natürlich, und ich weiß nicht, wie es bei dir ist, Karina, aber es ist so, dass das bei dir vielleicht so der Rollstuhl, die nächste Stufe, der nächste Schritt ist. Ist so bei mir so die Sache, okay, ja, Langstock, das ist so, das ist natürlich nochmal, ist eine Art, die einem nochmal irgendwie die eigene Behinderung nochmal sehr verdeutlicht in dem Sinne. Und ich mag es gerade total eben mit dieser, klar auch unsichtbaren Behinderung, auch mal einfach in der Welt, in der Gesellschaft, in der Masse der Menschen eben auch unterzutauchen und eben nicht sozusagen gebrandet zu sein und das eben für alle irgendwie ersichtlich ist.
Karina: Ja, ich glaube, das ist, also bei mir ist es immer so ein bisschen die Balance zwischen quasi Schutz, also ein bisschen, weil wenn ich zum Beispiel irgendwie U-Bahn fahre und ich trage die feste Halskrause, die ist sehr auffällig und sehr derb irgendwie. Also verstehe ich übrigens auch nicht, warum Hilfsmittel immer scheußlich sein müssen, zumindest diese ganzen Bandagen und so. Aber das ist was, das sehen andere Leute und denken, okay, upsi, da ist irgendwie ein größeres Problem. Die meisten denken, naja, hat sich irgendwie halt die Halswirbelsäule gebrochen oder so. Dann sind die vorsichtiger. Die bieten einem einen Sitzplatz an, die schubsen einen nicht so rum, wie sie das sonst machen, wenn ich einfach nichts trage.
Raúl: Was, du wirst rumgeschubst, einfach so?
Karina: Naja, in der U-Bahn halt. Wenn du irgendwie einsteigst, dann schubst jemand aus Versehen, ich glaube nicht, dass das bösartig ist, aber halt einfach, wenn sie voll ist, dann ist da Gedränge. Mein Lieblingsbeispiel, der Bus, der zu dir nach Hause fährt, Raúl, der ist immer gestopft voll und jedes Mal sind da Leute, die meinen, die könnten sich irgendwie an mir anlehnen zum Beispiel.
Raúl: Spricht für dich.
Karina: Deswegen fahre ich so selten Bus, beziehungsweise mag das nicht so gern, aber das passiert eben nicht so viel, wenn man ein Hilfsmittel offen trägt und die Leute das sehen, weil dann ist das für die ein Symbol von, oh, oh, da ist irgendwie eine Krankheit, Behinderung, irgendwas. Aber gleichzeitig, wenn du als Frau, sag mal, auch alleine unterwegs bist und du siehst offen aus, als hättest du eine chronische Krankheit oder Behinderung, ist das natürlich auch irgendwie ein Risikofaktor. Und das wäge ich schon auch immer ab, was ich gerade mache und ob ich will, dass Leute wissen, dass da eine Krankheit und Behinderung ist.
Jonas: Also, ich sehe zum Beispiel, dass das Leute wahrnehmen oder für sich irgendwie, die das Gefühl haben, okay, ich könnte jetzt dieser Person, also dir, keine Ahnung, das Handy aus der Hand reißen und ich weiß, dass die Person so gebrechlich ist, dass sie mich quasi nicht verfolgen könnte.
Karina: Zum Beispiel. Und ich meine, Thema Gewalt und so ist ja ohnehin, also Menschen mit Behinderung sind eh öfter von Gewalt betroffen, Frauen mit Behinderung noch häufiger. Insofern, ich habe da manchmal nicht so viel Lust, mich selber zu einer potenziellen Zielscheibe zu machen. Und ich meine, mit dem Langstock ist das ja auch ein bisschen so. Du machst dich quasi sofort sichtbar als eine Person, die blind ist. Und dadurch bist du ja auch ein bisschen vulnerabler gegenüber, was weiß ich, Taschendiebstahl vielleicht oder so.
Raúl: Ich würde gerne noch mal auf zwei, drei Aspekte zurückkommen. Jonas, du hast gesagt, Kosten. Also bestimmte Dinge können ja auch Geld kosten. Und ich finde es immer ein bisschen schwierig, Hilfsmittel sehr schnell mit dem Kontext Kosten in Verbindung zu bringen. Weil ohne Hilfsmittel kostet es auch, zum Beispiel Zeit oder Mobilität, die dann nicht gewährleistet ist. Und dann müssen andere für die Kosten aufkommen quasi. Wenn ich aus dem Bett komme oder nicht mobil bin, dann bin ich halt die ganze Zeit zu Hause. Und zu Hause brauche ich dann vielleicht mehr Assistenz oder mehr Pflege, weil ich keinen Rollstuhl habe. Und so ein Rollstuhl nimmt mir vielleicht auch viel mehr Assistenznotwendigkeit ab. Und ich habe jetzt mal bei eBay geschaut. Und wenn man Langstock eingibt, dann bekommt man erst mal Waffen vorgeschlagen. Also Holzstöcker zum Kämpfen. Aber wenn man Langstock blind eingibt, dann gibt es faltbare, ausziehbare Langstöcke für schon ab 20 Euro. Also wir reden nicht immer von teuren Kosten. Und ich glaube, es wird dann teuer, wenn viele Menschen daran verdienen können. So ein Stock ist, glaube ich, von Produktionsaufwand relativ gering. Da muss nicht viel angepasst werden. Es gibt wahrscheinlich Vorlieben für verschiedene Produkte und Hersteller. Aber so ein Rollstuhl, da ist eine Menge Anpassungsmöglichkeiten notwendig. Und das macht es dann wahrscheinlich auch kosteneffizient. Mein Lifehack sind diese Greifer. Ich kann die Greifer, das sind einfach so die Menschen, die die Stadt reinigen, die haben ja auch so Greifer, um Müll vom Boden aufzuheben. Das gibt es auch für zu Hause, ein bisschen kleiner. Es gibt die Krankenkassenversion, die kostet 80 Euro. Und es gibt die eBay-Version, die kostet 12 Euro. Also auch da mag ich mal schauen, findet man sowas nicht auch auf eBay oder Kleinanzeigen, zum viel günstigeren Preis, ohne den ganzen Krankenkassenantragsabenteuer durchzumachen. Und da gibt es tatsächlich sehr gute Hilfsmöglichkeiten, die nicht unbedingt eine Hilfsmittelnummer brauchen.
Jonas: Ja, absolut. Und deswegen ist auch die Frage, was ich am Anfang ja gesagt habe, dass Menschen mit Behinderung wahnsinnig kreativ sind, was sie brauchen, was es eben auch für Lösungen in dem Sinne gibt. Also wir haben auch im Vorfeld dieses Podcast ja auch euch mal als Hörer*innen auf unserem Instagram-Kanal gefragt und gesagt, okay, was habt ihr denn für Live-Hacks in dem Sinne? Und natürlich kamen dort auch eben die Klassiker wie Noise-Canceling Kopfhörer, wegen der einfach Geräusche, die zu laut sind in dem Sinne oder ja zum Beispiel auch Assistenztiere oder Prothesen, also klassische Hilfsmittel, aber eben auch ja diese, wie du gesagt hast, diese mechanischen Greifer oder Schuhlöffel wurden genannt, die irgendwie beim Anziehen helfen oder eben auch zum Beispiel, dass eine Person geschrieben hat, dass sie eine Halbseitenlähmung hat und dann zum Beispiel, um sich den Zopf zu binden, eine große Tütenklammer halt nutzt. Und damit kann sie quasi die Haare in dem Sinne fixieren und hat dann quasi die Hände in dem Sinne frei. Also ich finde manchmal gibt es so, ja so, ja nicht Gadgets, aber quasi so Alltagsgegenstände, die man vielleicht auch manchmal in dem Sinne vielleicht eben auch zweckentfremdet und dann irgendwie für sich nutzt und das für einen selber eine total gute Hilfestellung in dem Moment ist. Also auch da Stichwort zum Beispiel Disability Mainstreaming, etwas, was eigentlich allen Menschen zugutekommt, kann man aber eben auch selber aus der Perspektive als Mensch mit Behinderung sehr gut für sich nutzen. Habt ihr da für euch auch noch andere Gegenstände oder Sachen, die ihr irgendwie nutzt oder erfahrbar gemacht habt?
Karina: Also ich mache ja nicht so gern Schleichwerbung. Aber die Sachen, die mir total viel helfen, sind die, die mir Zeit und Energie sparen. Und das sind ganz oft Haushaltsitems. Also gerade Putzen ist für mich super, super schwer, weil das einfach körperlich so anstrengend ist.
Raúl: Und dann macht es auch keinen Spaß.
Karina: Nee, Spaß macht es eh nicht. Und ich habe jetzt einen Staubsauger und einen Wischroboter. Ich dachte nie, dass ich so etwas brauche, beziehungsweise dass mir das tatsächlich was abnimmt. Aber das ist ein totaler Game Changer gewesen, weil es einfach, da wird es gar nicht erst so dreckig. Also du lässt das Ding irgendwie, was weiß ich, alle zwei Tage einmal durch die ganze Wohnung laufen. Und dann sind einfach gerade so kleine Staubsachen und so schon mal gar nicht da. Und dadurch spart man sich einfach unfassbar viel Zeit und körperliche Aktivität. Und das andere Ding ist, also Thermomix, ich meine, das ist jetzt eine Marke, aber es gibt ja ganz viele so andere Haushaltsküchenhelfer, die man auch benutzen kann. Das ist halt, wenn ich abends nicht eine Stunde irgendwie am Herd stehen muss, um was zu kochen, das nimmt mir ganz, ganz, ganz viel Schmerz und gibt mir ganz viel mehr Energie, die ich dann für was nutzen kann, was mir sehr viel mehr Spaß macht als kochen zum Beispiel.
Jonas: Oder Lieferdienste.
Karina: Das auch, wobei die sind dann wieder einen Ticken teurer.
Raúl: Also ich habe mir viel Gedanken gemacht in den letzten Tagen, zu der heutigen Folge. Und mir ist aufgefallen, dass ich angefangen habe, andere Dinge zweckzuentfremden. Zum Beispiel für mein Smartphone gibt es die Möglichkeit einer Magnetladung. Also das nennt sich, glaube ich, MagSafe. Das ist einfach so ein Ding, das kann man wie so ein Magnet an das Telefon machen, und dann lädt es halt auf. Und das heißt, wenn ich jetzt das Handy in meine Tasche tue, dann ist da gleich dieser Magnet und dann lädt er gleich, wenn es in der Tasche ist. Es ist also immer voll. Oder ich habe statt einen Rucksack, habe ich mich inspirieren lassen von einem Freund von mir, der Tischler ist, und der benutzt so ein Werkzeugkoffersystem. Das nennt sich Sustainer. Und da kann man Kisten stapeln und arretieren. Und dafür gibt es ein Rollbrett. Ich habe bei dem Rollbrett quasi mir die Rollen abgemacht und das Brett auf meinen Rollstuhl geschraubt. Und jetzt kann ich quasi diese Kisten auf meinem Rollstuhl arretieren, so dass sie nicht runterfallen. Und wenn ich jetzt reise, dann kann ich zwei, drei Kisten übereinander stapeln. Das sieht sehr witzig aus, da gibt es auf Instagram auch ein Foto von. Sieht sehr witzig aus, weil ich einfach sehr hoch bin. Aber ich habe halt immer alles dabei und es fällt nicht runter und es fällt nicht ab. Und man kann es modular stapeln, füllen, ausbauen und so. Und der Vorteil an der Sache ist, es sieht auch ganz gut aus, finde ich. Es sieht besser aus als so ein Rucksack, der mit der Zeit irgendwie gammelt. Und man kann die Kisten abmachen, austauschen, relativ schnell. Und es ist einfach sehr praktisch für den Alltag. Und ein Taschenwärmer, den man mit USB aufladen kann, ebenfalls an meinem Rollstuhl aufzuladen, um einfach, wenn es mal länger an der Bushaltestelle kalt ist, damit ich auch meine Hände wärmen kann. Und zu Hause, da sind wir zum Glück inzwischen in einer Zeit, wo man mit Smart Home eine Menge lösen kann. Also Heizung steuern mit dem Smartphone oder die Lampen mit dem Smartphone steuern. Das sind so Alltagserleichterungen, die wir in unserem Haushalt noch haben. Kann man nach und nach einfach erweitern. Und wir merken dann schon auch, meine Frau und ich, dass das, was wir uns jetzt gerne wünschen, ist ein Vorhangsystem, das man mit dem Smartphone steuern kann. Weil wir mit unserer Körpergröße Vorhänge nur sehr schwer auf- und zubekommen. Aber da haben wir noch keine gute Lösung gefunden, ohne sehr viel Geld ausgeben zu müssen.
Jonas: Gibt es das nicht aus dem Bühnenbedarf? Ich kenne das immer von Late-Night-Shows, dass dann die Vorhänge runterhängen, und dann hast du eine Leine, und dann werden die oben so leicht auseinandergezogen.
Raúl: Bist du sicher, dass da kein Student dahinter sitzt, der das macht?
Jonas: Ja, aber zumindest hast du da eine Leine, wo du dran ziehen musst. Und das ist ja schon mal eine Bewegung, die zumindest mechanisch besser ist, als etwas auseinanderzuziehen. Bei normalen Rollläden ist das ja auch ein Hoch-Runter-Ziehen-Mechanismus.
Raúl: Das stimmt. Da könnte man nochmal drüber nachdenken, du hast recht. Ich finde das total spannend.
Jonas: Vielen Dank für eure vielen Einsendungen, die wir bekommen haben. Zum Beispiel fand ich dieses Zweckentfremden auch nochmal ein großes Thema. Heike hatte geschrieben, dass sie Muskeldystrophie hat und den Föhn nicht mehr gut halten kann. Sie hat aus dem Hundefriseurbedarf eine biegsame Stange mit Schraubbefestigung gekauft und am Tisch befestigt und hat einen passenden kleinen Reiseföhn mit dem Schraubgreifer und kann quasi dann so sich die Haare föhnen zu Hause. Also finde ich irgendwie auch spannend, was es da irgendwie gibt. Zum Beispiel Steffi hat uns geschrieben, dass ihr bester Lifehack, um ihren Aktivrollstuhl im Winter von Schnee zu befreien, ein Hufkratzer für Pferde ist. Okay. Ich nutze keinen Rollstuhl, ich kann es in dem Sinn nicht verifizieren, aber finde ich spannend. Ein Hufkratzer für Pferde. Und wir haben auch noch eine Sprachnachricht bekommen von Katrin. Die sitzt im Rollstuhl und hat, wie sie selber sagt, auch eine kognitive Behinderung und ist alleinerziehende Mutter und ihre Tochter ist im Neurodivergenten Spektrum unterwegs, also quasi Autismus und ADHS. Und die haben auch gleich mehrere Hilfsmittel und Lifehacks, von denen sie uns erzählt hat.
Katrin: Als ihr gesagt habt, Hilfsmittel, dachte ich so, ja, ihr sagt Rollstuhl, aber das ist ja nur ein sichtbares Hilfsmittel für eine sichtbare Einschränkung. Es gibt ja auch Hilfsmittel für Einschränkungen, die nicht sichtbar sind. Also wenn ich jetzt hier in unserem Haushalt denke, zum Beispiel, wir haben an der Kühlschranktür hängen Magnetpläne, wo man drauf schreibt, welches Essen die Woche geplant ist, mit so wegwischbaren Stiften. Wir haben einen Plan, wo draufsteht, was wir tun. Daneben hängt der nächste Plan, wo draufsteht, was eingekauft wird. Und darunter der Stundenplan für mein Kind. Für mein Kind selber sind ja aufgrund ihrer Einschränkungen Routinen notwendig, aber sie vergisst auch, wo war ich gerade. Und somit haben wir auch noch mal einen Plan im Flur für sie, wo quasi so eine Lampe ist, wo du so drauf haust, damit ihr an und aus geht. Und wenn sie eine Sache erledigt hat, macht sie das Licht aus. Weil bei ihr ist es halt so, sie reagiert auf das Licht, sie sieht halt noch, im Vorbeigehen, auf dem Augenblick, uh, da leuchtet das Licht. Also ist das noch eine Aufgabe, die ich nicht erfüllt habe. Und ich kann halt die Schilder, für die die Lampe steht, halt auch austauschen. Da steht die Früh für die Aufstehenroutine gegen die Schulroutine, gegen die Abendroutine, gegen die, keine Ahnung, Ferienroutine, gegen alles Mögliche, bzw. gibt es ja dann auch je nach Wochentag andere Routinen, die noch dazu kommen, wie Therapien etc., ppp. Und da ist dann halt auch das Lustige, dass bei uns das zum Beispiel gut hilft, dass mein Kind der Neurodivergenz Probleme hat, sich selber zu regulieren, aber ich wiederum auch Probleme habe aufgrund meiner Einschränkungen, mit dem Elektrorollstuhl z.B., wo jetzt so viel Schnee war, unterwegs zu sein. Und da war es ein Gamechanger, ihr Bücher eingelesen zu haben, d.h. wirklich Printbücher genommen zu haben, oder E-Books, die ich mit meiner Stimme eingelesen habe, die sie dann einfach hören konnte, auf ihrem Handy, um während der Bahnfahrt zu wissen, ich bin nicht alleine, um halt ruhig zu bleiben, um das auf die Reihe zu kriegen, trotz Schienenersatzverkehr, alleine jetzt zur Ergotherapie zu fahren. An kuriosen Hilfsmitteln z.B. bei mir, weil aufgrund meiner Spastik z.B. mir schwerfällt, Einmachgläser wie Marmelade oder saure Gurkengläser oder so aufzumachen, klingt doof, aber wir pusten einen Luftballon ein Stück auf, das mache ich manchmal mit meiner Tochter auch ganz gerne, so Luftballons aufpusten, und dann hält man ihn oben zu, drückt ihn auf das Marmeladenglasdeckel, lässt die Luft raus und dementsprechend umschließt der Luftballon quasi das Marmeladenglas. Man kann dann an dem Schnipsel quasi vom Luftballon ziehen und dadurch den Deckel zum Drehen bewegen, mit weniger Kraftaufwand und weniger Feinmotorik, und dann kann man den Luftballon wieder als normalen Ballon verwenden. Noch ein Beispiel für ein außergewöhnliches Hilfsmittel bei uns sind unsere Haustiere, die Haustiere meiner Tochter. Wir haben nämlich bis vor Kurzem z.B. unsere Katze gehabt, die leider eingeschläfert werden musste, krankheitsbedingt. Und erst nachdem sie nicht mehr da war, ist uns aufgefallen, was hat diese Katze gemacht. Diese Katze hat die Routinen durchgesetzt. Und zwar brauchte ich nicht hundertmal früh ins Kinderzimmer, wenn sie aufstehen, die Zeit läuft, und guckte, dass sie angezogen wird oder fertig gemacht wird, sondern die Katze hat da so lange gewartet, bis Mini-Frauchchen aufgestanden ist, angezogen war und den Lappen gefüllt hat. Und dann war mein Kind ja schon über den Punkt hinaus und hat dann wieder funktioniert mit diesem Lichterplan, den ich ja schon eingehend erzählt habe. Und auch diese Katze wusste, hat schon gemerkt, Mini-Frauchchen ist sauer, und hat sich dann ganz leicht, ganz langsam an sie herangetraut und hat dann einfach signalisiert, ich bin da. Ich allerdings als Elternteil hätte in dem Moment mir nicht getraut sein, mein Kind anzufassen oder zu kuscheln. Ja, sie hatte ein Bedürfnis, aber auf eine andere Weise wäre das halt nach hinten ausgegangen. Und diese Katze hat es geschafft, sie zu regulieren, ohne Stress, ohne alles. Ich konnte parallel noch andere Sachen machen, die auch notwendig waren. Und deshalb, auch wenn es ein Tier ist, und somit kein Hilfsmittel, aber auch Hunde, Katzen.
Jonas: Ja, aber ich finde Tiere können schon sehr wohl Hilfsmittel und Unterstützung bzw. Assistenz sein. Wäre das etwas für euch, ein Tier als Hilfsmittel oder Unterstützung?
Karina: Theoretisch wäre ein Servicehund sicher etwas ganz Nettes für so EDS-Leute teilweise.
Jonas: Servicehund?
Karina: Ja, Assistenzhund heißt das auf Deutsch, also Servicedog.
Jonas: Aber Servicehund klingt so nach einem Kellner.
Karina: So ähnlich ist das manchmal auch.
Raúl: Ich hätte gerne ein Äffchen.
Jonas: Ein Äffchen?
Raúl: Ja, aber die haben ja Hände, die könnten noch viel mehr.
Jonas: Das stimmt.
Raúl: Aber ich glaube, Affen sind A) in Deutschland verboten als Haustier und B) ist es auch Tierquälerei.
Jonas: Ja, ich glaube, ich käme mit meinem Trage-Elefant, der bei den Einkäufen hilft, das ist zwar ein netter Gedanke, aber wir kämen über das Nüsschenregal nicht hinaus. Und dann wäre es in dem Sinne auch nicht so eine große Unterstützung. Also ich finde es trotzdem sehr, sehr spannend. Und diese Individualität von Hilfsmitteln und Möglichkeiten, wie man mit der eigenen Behinderung umgehen kann, ganz schön. Also ich nutze zum Beispiel hier in Berlin lebend eine App, die heißt Berlin Exit. Und da geht es darum, dass man im Vorhinein sehen kann, wenn man mit U-Bahn und S-Bahn fährt, wo die Ausgänge sind. Eigentlich geht es darum, dass man schon mal weiß, muss man vorne einsteigen, hinten einsteigen, um einfach so Zeitersparnis zu haben. Aber ich finde es für mich total hilfreich, weil du teilweise an U-Bahnhöfen vier, fünf Treppenaufgänge hast und du nicht weißt, in welcher Kreuzung kommst du jetzt raus. Und das ist irgendwie total hilfreich für mich, eben von vornherein zu sehen, in welche Richtung muss ich mich denn orientieren. Ist der Ausgang in der Mitte, ist der links, ist der vorne, ist der hinten? Und dann nicht die ganze Zeit über den U- oder S-Bahnhof zu laufen und diesen Ausgang nicht zu finden.
Raúl: Guter Hinweis.
Jonas: Es sind übrigens auch Aufzüge eingetragen.
Raúl: Wollte ich gerade schauen.
Jonas: Dass es quasi doch dort vermerkt, damit man irgendwie weiß, wo das ist. Und deswegen, wenn ich manchmal mit dem Handy, ich hatte mal eine Situation, wo ich quasi den Akku hab tauschen lassen und das dauerte irgendwie drei Stunden. Und dann war irgendwie so Thema, was mache ich in den drei Stunden? Ich habe jetzt mein Handy abgegeben und fühlte mich total lost, irgendwie da jetzt zu warten, ohne Handy oder ohne Handy allein nach Hause. Und das war schwierig.
Raúl: Also ohne Handy aus dem Haus zu gehen, ist für mich ja nicht ein Ding der Unmöglichkeit. Aber ich bin immer sehr froh, wenn ich es dabei habe. Es wird immer stressiger.
Jonas: Absolut. Wenn ihr noch weitere Ideen habt für Hilfsmittel oder ja Lifehacks, dann lasst es uns gerne wissen und schreibt es in die Kommentare von diesem Podcast. Und all das, was wir uns heute erzählt haben, findet ihr natürlich auch nochmal in unseren Shownotes auf www.dieneunorm.de. Und wenn ihr Lust habt, uns mal wieder live zu sehen, dann können wir jetzt schon mal ankündigen, dass wir am 21. März diesen Jahres wieder auf der Leipziger Buchmesse sein werden. Wir sind noch ein bisschen dabei, ein paar Details zu klären. Deshalb verfolgt weiterhin unsere Social-Media-Kanäle, beziehungsweise in der nächsten Podcast-Episode können wir euch dann schon mehr erzählen. Aber auf jeden Fall ist das Datum schon mal fix, am 21. März auf der Leipziger Buchmesse werden wir live sein mit unserem Podcast. Das war die Neue Norm. Vielen Dank, dass ihr dabei wart und wir freuen uns, wenn ihr das auch beim nächsten Mal wieder seid. Bis dahin. Tschüss.
Karina und Raúl: Tschüss.