Olympische Spiele inklusiv gestalten. Wäre das möglich?

Auf einer Laufbahn biegen drei blindeLäuferinnen mit ihren Assistenz-Läufern auf die Zielgerade ein.
Ein Hauch von Inklusion im Sport: blinde Läuferinnen mit ihren sehenden Assistent*innen. Foto: Jörg Farys, Die Projektoren | Gesellschaftsbilder.de
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Würden die Olympischen Spiele inklusiver werden, wenn man die Olympics, die Paralympics, die Deaflympics und die Special Olympics zusammenlegt? Leon Amelung sprach mit Vertreter*innen der Organisationen und stellt Gründe dafür und dagegen dar.

Informationen in Einfacher Sprache

In diesem Artikel geht es um Sport. Besonders gute Sportler*innen können bei den Olympischen Spielen mitmachen. Das ist ein Wettkampf. Diesen gibt es für Menschen ohne Behinderung – die Olympischen Spiele. Und es gibt mehrere Olympische Spiele für Menschen mit Behinderung – die Paralympics, die Deaflympics und die Special Olympics.

Warum macht man nicht alle zusammen? Das überlegt Leon Amelung in diesem Artikel.

Er findet heraus:

  • Es gibt zu viele Unterschiede zwischen den Wettkämpfen.
  • Die Leistungen sind schlecht zu vergleichen.
  • Bei den Spielen für Menschen mit Behinderung gibt es unterschiedliche Startklassen, damit man besser vergleichen kann. Das wäre beim Zusammenlegen nicht möglich.
  • Die Aufmerksamkeit in den Nachrichten müssten sich dann alle teilen. Bis jetzt bekommen alle nacheinander Aufmerksamkeit.
  • Die Zusammenlegung wäre sehr schwierig zu organisieren.

Argumente für eine Zusammenlegung der Spiele hören sich zunächst schlüssig an: Die Paralympics, Deaflympics und Special Olympics würden, wenn sie mit den Olympischen Spielen zusammengelegt würden, nicht mehr erst in deren Nachgang stattfinden, sondern zur gleichen Zeit. Die Zusammenlegung könnte den Bekanntheitsgrad des Behindertensports steigern und die Athlet*innen mit Behinderung bekämen mehr Aufmerksamkeit. Außerdem gäbe es bei einer Zusammenlegung der Spiele nur noch einen Medaillenspiegel, was zu einer besseren Förderung und Unterstützung für die Sportler*innen mit Behinderung führen könnte. Viele Sportler*innen mit Behinderung haben bisher keine Sponsoren- und Werbeverträge.

Ein einzelnes großes inklusives Sportereignis würde weiterhin gesellschaftlich zu mehr Inklusion beitragen, weil mehr Menschen mit den Themen Behinderung und Behindertensport in Berührung kämen und dadurch für diese Themen sensibilisiert würden. In Großbritannien richtete nur eine Organisation die Olympischen und Paralympischen Spiele aus, die normalerweise von verschiedenen Organisationen veranstaltet werden. Dies hatte den Vorteil, dass die Posten nicht zweimal besetzt werden mussten. Der kanadische Eishockeyverband würdigte die Spieler*innen des Sledgeeishockeyteams genauso, wie die Spieler*innen der Eishockeymannschaft. In Werbevideos wurden beide Teams in gleichem Umfang präsentiert. Jedes Angebot und jeder Service bei den Paralympics 2010 in Kanada war für olympische und paralympische Sportler*innen verfügbar. 

Eine Sportlerin sitzt im Rollstuhl und wirft einen Speer.
Weiter entfernt als ein Speerwurf: inklusive Olympische Spiele. | Foto: Jörg Farys, Die Projektoren | Gesellschaftsbilder.de

Eine Zusammenlegung der Spiele bringt allerdings auf der anderen Seite viele Hürden mit sich und ist in manchen Punkten schwer umsetzbar. Das liegt unter anderem auch an der Heterogenität des Behindertensports. Aus der historischen Perspektive betrachtet fällt auf, dass sich der Behindertensport in den 1970er Jahren auffächerte und es seither eine hemmende Verbandsbürokratie gibt. Die Olympischen Spiele, so wie wir sie heute kennen, wurden das erste Mal 1896 von Pierre de Coubertin in Athen veranstaltet. 1924 wurden die ersten Deaflympics von Eugène Rubens-Alcais, dem Präsidenten des französischen Gehörlosen Sportverbandes, in Paris organisiert. 1948 wurden die Stoke Mandeville Games in England, ein Wettkampf im Bogenschießen für Kriegsverletzte, von dem Arzt Sir Ludwig Guttmann organisiert, die als Vorläufer der Paralympics gelten. 1960 fanden zum ersten Mal Paralympics im großen Stil in Rom statt, die damals noch “Weltspiele der Gelähmten” hießen. 1968 wurden die Special Olympics in Chicago von Eunice Kennedy Shriver, einer Schwester des ehemaligen US Präsidenten John F. Kennedy, veranstaltet. Das Miteinbeziehen der Deaflympics in die Paralympics funktionierte schon zum damaligen Zeitpunkt nicht, weil die Deaflympics schon seit 1924 eigenständig waren und eine Zusammenlegung, aufgrund der Gebärdensprache und der Kultur der gehörlosen Athlet*innen, unmöglich war.

Sprachbarriere und kulturelle Unterschiede

Besonders die Kommunikation wäre bei einer Zusammenlegung der Spiele eine Barriere. “Das Kommunikationsproblem besteht ja nicht nur auf offizieller Ebene, sondern auch beim Kontakt unter den Sportler*innen. Ohne den massiven Einsatz von Dolmetschern wären die gehörlosen Sportler immer isoliert in ihren jeweiligen Gruppen“, beschreibt Jan Eichler, der Vizepräsident für Kommunikation beim Deutschen Gehörlosensportverband die aktuelle Situation.

Ein weißer Mann mit kurzen schwarzen Haaren und schwarzer Brille trägt ein blaues Hemd, hat die Arme verschränkt und schaut in die Kamera.
Jan Eichler | Foto: deutscher gehörlosen-sportverband e.v.

Die Deaflympics unterscheiden sich von den anderen Spielen außerdem dadurch, dass sie von Betroffenen für Betroffene organisiert werden. Eine Zusammenlegung der Spiele sei, laut Jan Eichler, auch logistisch nicht umsetzbar. Bei den Deaflympics nehmen durchschnittlich 4000 Athlet*innen teil. Die Unterbringung in olympischen Dörfern würde bei einer Zusammenlegung der Spiele den Rahmen der Veranstaltung sprengen. Selbst wenn man diese logistischen Probleme lösen könnte, sei er sich nicht sicher, ob eine Zusammenlegung der Spiele die Inklusion tatsächlich fördern könnte: “Es ist auch eine Frage des Paradigmenwechsels der betroffenen Verbände, Förderer, Politiker und Athleten. Für uns in der Gebärdensprachgemeinschaft gilt es immer noch die Hürde der Isolation zu überwinden, da neben der eigenen Sprache auch eine eigenständige Kultur und eigene Werte eine Rolle spielen, die sich unterscheiden von denen der Menschen mit Mobilitätseinschränkungen, Sehbehinderungen und anderer.”

Hier werden auch behinderungsbedingte kulturelle Unterschiede angesprochen, die eine Zusammenlegung der Spiele erschweren können. Ab den 1970er Jahren begann die Aufteilung des Behindertensports in die verschiedenen Fachverbände wie z. B. den Rollstuhlsportverband, den Gehörlosensportverband oder Special Olympics Deutschland. Lars Pickhardt, Vorsitzender der Deutschen Behindertensportjugend formulierte das Problem in einem Interview mit dem Deutschlandfunk einmal so: “(…) bevor wir irgendwie Olympische und Paralympische Fachverbände inkludieren, müsste man erstmal diese ganzen Behindertensportverbände zusammenführen.“ Hier wird deutlich, dass eine Zusammenlegung der Spiele komplex ist und es nicht nur von Seiten des DOSB Vorbehalte dagegen gibt. Auch innerhalb der einzelnen Behindertensportverbände ist diese Idee umstritten.

Vergleichbarkeit der Leistungen

Sportliche Leistungen von Sportler*innen mit und ohne Behinderung sind nicht exakt vergleichbar. Das hängt damit zusammen, dass Athlet*innen mit Behinderungen bei Wettkämpfen klassifiziert werden, um Fairness bei den Wettkämpfen sicherzustellen. Die Klassifizierung erfolgt nach der Schwere und nach der Art der Behinderung. Bei Olympionik*innen gibt es dieses Klassifizierungssystem nicht, was einen fairen Vergleich der sportlichen Wettkampfleistungen von Athlet*innen mit und ohne Behinderung erschwert. Zum Beispiel sind Rennrollstuhlfahrer*innen in der Disziplin Leichtathletik auf einer Langstrecke schneller als die Läufer*innen. Auf einer Kurzstrecke ist das umgekehrt.  Auch die Leistungen von Athlet*innen mit Hörbehinderungen sind nicht mit denen der Athlet*innen ohne Behinderung vergleichbar, weil Menschen mit einer Hörbehinderung manchmal Probleme mit dem Gleichgewichtssinn haben. Außerdem sind z. B. Beinprothesen bei den Olympischen Spielen verboten: Nach der Regel 6.4.3 aus dem Regelwerk des World Athletics Verbands gelten Beinprothesen als unerlaubtes Hilfsmittel bei den Olympischen Spielen. Aus diesem Grund wurde der paralympische Leichtathlet Markus Rehm nicht für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio zugelassen.

Marketa Marozoli, Pressesprecherin vom Team Deutschland Paralympics betont auf Anfrage die logistischen Probleme, die eine Zusammenlegung der Spiele mit sich bringen würde: “Bei den Olympischen Spielen schauen alle auf den einen 100 Meter Lauf, bei den Paralympics gibt es hingegen auf Grund der verschiedenen Klassifizierungen z.B. bis zu zehn 100m Läufe. (…). Es wären zu viele Athleten und Betreuer zur gleichen Zeit am gleichen Ort.” Außerdem würden die Spiele schon jetzt zwei bzw. drei Wochen dauern. „Die Wettkampfstätten und Olympischen Dörfer würden von der Kapazität nicht ausreichen.“ Eine weitere Frage, die man sich stellen müsste: Wie lange kann man die Aufmerksamkeit für ein Event in die Länge ziehen? Marketa Marzoli verweist darauf, dass eine zu lange dauernde Sportveranstaltung ermüdend für die Zuschauer*innen wäre. Auch das Sponsoring sei für sie ein Grund dafür, die Veranstaltungen nicht zusammenzulegen, da es verschiedene Partner und Sponsoren (auch Verbände) gäbe und dies nur „schwer abbildbar” wäre. 

Marketa Mazoli bei der Verabschiedung Team Deutschland Paralympic durch den Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier als digitale Liveschalte.
Marketa Mazoli | Foto: Mika Volkmann, DBS

Eva Werthmann leitet die Abteilung Verbandskommunikation beim Deutschen Olympischen Sportbund und arbeitete von 2007-2017 beim Internationalen Paralympischen Komitee (IPC). Auch für sie ist eine Zusammenlegung aller Spiele schwer umsetzbar. Die Olympischen Sommerspiele seien, laut Werthmann, schon organisatorisch an ihren Kapazitätsgrenzen angelangt. Die Anzahl der Sportler*innen und Disziplinen musste bereits gekürzt werden. Einen Vergleich der sportlichen Leistungen von Olympionik*innen und Paralympionik*innen in einem gemeinsamen Wettkampf ist für sie nicht möglich: “Im Sport ist man immer bestrebt, Athlet*innen gegeneinander antreten zu lassen, deren Leistungen möglichst vergleichbar sind. Die Vergleichbarkeit der Leistungen ist im sportlichen Wettstreit eines der wichtigsten Kriterien. Es wäre nicht fair, Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten gegeneinander antreten zu lassen. Daher hat man im paralympischen Sport die Startklassen.” 

Eva Werthmann | Foto: DOSB

Zu kompliziert: Verwirrung über verschiedene Startklassen

Auch Werthmann führt das Beispiel der zahlreichen 100 Meter Läufe an, die es dann geben müsste. “Die verschiedenen Startklassen sind bei den Paralympics schon heute verwirrend für Menschen, die sich Paralympics noch nie angesehen haben.” Menschen ohne Behinderung finden es manchmal unverständlich, dass es mehrere Startklassen für Menschen mit Behinderungen gibt. Auch dies schränkt die Vergleichbarkeit ein. Außerdem wird paralympischen Sportler*innen oft auch sogenanntes “Techno Doping” vorgeworfen. Dies thematisierten die Para Leichtathleten Sebastian Popov und Leon Schäfer in einem Interview mit dem Tagesspiegel. Popov kritisiert den Fokus in der Medien auf die Vergleichbarkeit von den sportlichen Leistungen von Menschen mit und ohne Behinderung und deren Hilfsmittel: “Bei der Berichterstattung zu diesem Thema wird oft gesagt, dass die Leistungen der Para-Athleten auf dem neuesten Stand der Technik basieren. Aber das ist der größte Quatsch. Johannes Floors läuft 10,5 Sekunden auf 100 Metern mit Federn, die Anfang der Neunziger entwickelt wurden. Der Para-Sportler bekommt so das Gefühl, auf seine Prothese reduziert zu werden.” Sebastian Popov ist deswegen gegen einen Vergleich der Leistungen von Sportler*innen mit und ohne Behinderung. Leon Schäfer fügt hinzu: “Das alles bekomme ich selbst mit und auch ab. Wenn man weit springt, kommen Kommentare wie: ‚Das ist doch nur wegen der Feder.‘ Ja, die Feder unterstützt mich – aber ich muss doch das Ganze beherrschen, um die Leistung hervorzurufen und dazu gehört viel Training!” Vorurteile, die Menschen ohne Behinderung gegenüber dem Behindertensport und den Hilfsmitteln der Sportler*innen haben, können also auch einen angemessenen Leistungsvergleich erschweren. 

Foto der Deutschen Rollstuhltennis Nationalmannschaft. Mehrere Personen sitzen in Rollstühlen nebeneinander und halten Tennisschläger in der Hand. Das Foto wurde auf einem Tennisplatz draußen aufgenommen, die Sonne scheint und der Huimmel ist blau.

Inklusives Tennis: Der Ball muss übers Netz

„Sich durch den Sport wieder ins Leben zurückkämpfen“ – so lautet häufig die Geschichte wenn es um Sport und Inklusion geht. Dabei zeigen Studien: Menschen mit und ohne Behinderung treiben aus den gleichen Motiven Sport. Judyta Smykowski und Jonas Karpa sprachen mit dem Sportwissenschaftler Niklas Höfken und der Rollstuhltennisspielerin Britta Wend über die Zugänge zum Parasport und die Bedeutung von Sport in der Rehabilitation.

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Problem: Gemeinsames Training

Es gibt nicht nur Hürden bei der Zusammenlegung der Spiele, sondern auch beim gemeinsamen Training von Menschen mit und ohne Behinderung im Profisport: Einerseits sind einige Trainingsstützpunkte wie z. B. für Skisport in Freiburg, Leichtathletik in Leverkusen und Schwimmen in Berlin inklusiv und die Blindenfußballmannschaft des 1. FC St. Pauli hat eine eigene Abteilung im Verein. Laut einem Artikel des Deutschlandfunks fühlen sich manche Athlet*innen mit Behinderung von Fachverbänden herablassend behandelt. Es gibt Trainingsstützpunkte, die die Bezeichnung paralympisch ablehnen. Gerüchte über Funktionäre, die das Fördervolumen des Innenministeriums für Behindertensport für unangemessen halten, sind im Umlauf. Das führt dazu, dass einige Landesverbände des Deutschen Behindertensportverbands sich nicht dem Deutschen Olympischen Sportbund  öffnen wollen, weil sie glauben, dann “am Rand stehen zu müssen.” 

Einige Sportler*innen mit Behinderung befürchten bei einer Zusammenlegung der Spiele im Vergleich weniger mediale Aufmerksamkeit zu erhalten als Sportler*innen ohne Behinderung. Das würde zu Problemen im Bereich der Berichterstattung und des Sponsoring führen, meint Marketa Marzoli vom DBS. Sie glaubt, „dass wir uns gegenseitig die Aufmerksamkeit stehlen würden, die wir uns alle als Organisationen in den letzten Jahren ‚erarbeitet‘ haben.” Man befürchte bei einer Zusammenlegung auch Disziplinen streichen oder anderen unterordnen zu müssen. Auch Eva Werthmann vom DOSB sieht diese Gefahr: “Die Berichterstattung über die Paralympics und den Behindertensport hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen, was nicht zuletzt daran liegt, dass es einen Zeitraum gibt, der nur den Paralympischen Athleten gehört. Das würde damit wegfallen. Man kann ja auch bei den Olympischen Sommerspielen beobachten, dass manche Sportarten wesentlich mehr Aufmerksamkeit bekommen, als andere.” Die mediale Aufmerksamkeit gleichmäßig zu verteilen sei bei einer Zusammenlegung schwierig. Christoph Pisarz, Koordinator für Rehabilitationssport und Projektleiter des Pfeffersport e.V. bekräftigt dieses Argument. In einem Artikel für die TAZ schreibt er, seinen Erfahrungen zufolge wären olympische Spitzensportler*innen mit vielen Sponsoren im Portfolio „sicherlich gefragter“ als paralympische Spitzensportler*innen, die „oft ihren Sport neben dem Beruf ausüben und wenig Geldgeber“ hätten. 

Für die Journalistin Christiane Link ist dieses Argument nicht überzeugend, denn sie postuliert in ihrem Artikel für den Blog “Stufenlos” der ZEIT, dass diesen Konkurrenzkampf ohnehin alle Sportarten hätten: „Das hat nichts damit zu tun, ob es um behinderte Sportler geht oder nicht”. 

Special Olympics Deutschland hat auf unsere Anfrage nicht geantwortet.  

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