Wer wird Millionär*in und wer nicht?

Günter Jauch ist im „Wer wird Millionär“-Studio und hält Krücken in der Hand.
Günther Jauch moderiert mit Krücken, doch nicht alle können so leicht in die Show einsteigen. Foto: RTL/ Stefan Gregorowius.
Lesezeit ca. 8 Minuten

Quizshows wie „Wer wird Millionär?“ gelten als Ort der Chancengleichheit: Alle starten bei null, am Ende zählt nur das Wissen. Doch dieser Eindruck trügt. Denn lange bevor die erste Frage gestellt wird, entscheiden Bewerbungsprozesse mit verschiedenen Barrieren darüber, wer überhaupt teilnehmen darf. Rosalie Renner und Rebekka Krohmer zeigen, wie Barrieren im Casting, im Studio und in der Kommunikation Menschen mit Behinderungen systematisch ausschließen und warum echte Fairness nur mit barrierefreien Strukturen möglich ist.

Informationen in Einfacher Sprache

Bei „Wer wird Millionär?“ haben nicht alle die gleichen Chancen.
Man muss sich zuerst online bewerben.
Dann kommt ein Telefoninterview.
Danach entscheidet eine Auswahlrunde im Fernsehstudio.

Das kann schwer sein für Menschen mit Behinderungen.
Sie brauchen manchmal Assistenz, die es bisher nicht gibt.
Im Studio gibt es Stufen, enge Sitze, laute Musik und Blitzlicht.
Wer empfindlich auf Geräusche oder Licht reagiert, kann kaum teilnehmen.

Auch die Joker helfen nicht allen. 
Der Telefonjoker funktioniert nur, wenn man schnell sprechen kann.

Deshalb sieht man kaum Menschen mit Behinderungen in der Sendung. 
Wenn die Show barrierefrei wäre, könnten alle mitmachen.
Zum Beispiel: stufenlose Sitze, Gebärdensprachdolmetscher, Untertitel, leise Musik und angepasste Lichter.
Dann hätten alle die gleichen Chancen.

Fit wie ein Turnschuh

Als Günther Jauch im September mit Gehstützen Wer wird Millionär? moderierte, wurde er mit der beruhigenden Ansage eingeführt, im Kopf sei er „fit wie ein Turnschuh“. Er kommentierte daraufhin selbst, zum Moderieren müsse er „nicht über Hürden springen“, da es vor allem um seine „Birne“ gehe. Diese scherzhafte und eher beiläufige Aussage eröffnet die Frage, ob dieser Fokus auf den Kopf neben dem Moderator auch für die Teilnehmenden gilt. Reicht ein fitter Kopf oder braucht es mehr, um hier eine Million zu gewinnen? Wer wird Millionär*in und wer wird von Anfang an von diesem Wettbewerb ausgeschlossen?

Wer darf mitmachen?

Quizshows vermitteln den Eindruck, dass alle dieselben Chancen haben. Dennoch verbergen sich dahinter vielfältige Barrieren. Die Teilnahme und Teilhabe an einem solchen Format hängen nicht nur von kognitiven Fähigkeiten ab. Bildung, soziale Herkunft und Sozialisation bestimmen den Zugang zu relevantem Wissen und die Fähigkeit, sich als interessante Person in einer Quizshow zu präsentieren. Diese Bedingungen werden aber teilweise auch von Behinderungen beeinflusst und sichtbare und/oder unsichtbare Barrieren spielen zusätzlich eine Rolle. 

Wie Präsent sind Menschen mit Behinderungen

Wer die Sendung Wer wird Millionär? öfter schaut, stellt schnell fest, dass Menschen mit sichtbaren Behinderungen dort selten zu sehen sind. Im Laufe der langjährigen Sendung sind einige Teilnehmende mit Behinderungen angetreten, doch ihre Anzahl steht in keinem Verhältnis zum Anteil behinderter Menschen in Deutschland – auch wenn man bedenkt, dass sicher manche Teilnehmende ihre unsichtbare Behinderung verschwiegen oder z. B. Einschränkungen durch Alter nicht als Behinderungen bezeichnet haben.

Für Menschen mit motorischen Einschränkungen oder überschneidenden Behinderungen, die die kognitive Verarbeitung und motorische Reaktion verlangsamen, ist die Teilnahme am Quiz ausgeschlossen, bevor die erste eigentliche Quiz-Frage überhaupt gestellt wurde.

RTL betonte bereits im Jahr 2015, behinderte Menschen seien in Shows wie Wer wird Millionär? „selbstverständlich integriert“ und es bestehe „Chancengleichheit“, u. a. durch Maßnahmen wie barrierefreie Studios und Untertitel. Für das Fernsehpublikum zu Hause ist damit zumindest eine grundlegende Zugänglichkeit geschaffen, allerdings ohne Gebärdensprache oder ohne weitere sprachliche Vereinfachungen. Für das Studiopublikum dagegen ergeben sich weitere Herausforderungen durch den Geräuschpegel, Lichteffekte, räumliche Barrieren und fehlende technische Unterstützungen. Aber was ist mit den Teilnehmenden? 

Welche Hürden müssen potenzielle Kandidat*innen vor der ersten 50-Euro-Frage überwinden?

Wer bei Wer wird Millionär? mitmachen möchte, startet nicht mit der 50-Euro-Frage, sondern durchläuft zunächst einen Bewerbungsprozess, der bereits entscheidende Hürden enthält. Die Bewerbung erfolgt online und erfordert zunächst eine schriftliche Angabe in einem Formular. Es ist gut barrierefrei zugänglich, doch ein Feld zur Angabe von Bedürfnissen fehlt, sodass keine Bereitschaft signalisiert wird, die Show an eventuell Teilnehmende und deren Möglichkeiten anzupassen.

Darauf folgt das Telefoninterview. Hier wird der sprachliche Filter gnadenlos angelegt. Ist man in der Lage, spontan, schnell, flüssig und deutlich zu sprechen? Was ist mit Teilnehmenden, die unterstützte Kommunikation nutzen, die stottern oder gehörlos sind? Würde man ihnen die nötige Zeit im Gespräch geben, ohne dass man sie wegen dem allgegenwärtigen Zeitdruck aussortiert? 

Barrierefreiheit in Studios

Wird man für eine Teilnahme ausgewählt, trifft man im Studio auf eine weitere Barriere, nämlich die Auswahlrunde. Hier entscheidet sich, wer tatsächlich Günther Jauch gegenüber sitzen darf. Die gestellte Frage muss verstanden und die Antwort in richtiger Reihenfolge eingegeben und bestätigt werden – all das in wenigen Sekunden. Für Menschen mit motorischen Einschränkungen oder überschneidenden Behinderungen, die die kognitive Verarbeitung und motorische Reaktion verlangsamen, ist die Teilnahme am Quiz ausgeschlossen, bevor die erste eigentliche Quiz-Frage überhaupt gestellt wurde. Dass Günther Jauch sich manchmal über falsche Antworten in der Auswahlrunde lustig macht, schafft eine weitere Barriere: Angst. Auch wenn es nicht böse gemeint ist, bleibt dieses Verhalten verletzend und ableistisch.

Besonders herausfordernd wird es für Menschen mit überschneidenden Behinderungen. Wer motorische, sensorische und kognitive Einschränkungen kombiniert, erlebt die schnellen Reaktionszeiten, akustische und visuelle Reize sowie normative Kommunikationsanforderungen als unüberwindbare Hürde.

Lichteffekte, Reize und schnelle Lacher 

Ähnlich deutlich werden die Grenzen der Zugänglichkeit im räumlichen Aufbau des Studios. Das enge Setting und Stufen auf den Zuschauerrängen und im Studio dienen weniger der Funktion, sondern mehr der Inszenierung. Für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen wird das schnell zum Problem: Die Bildschirme, auf denen die Fragen eingeblendet werden, lassen sich nur von erhöhten Positionen gut ablesen. Wer aber beispielsweise kleinwüchsig ist, einen Rollstuhl nutzt oder liegen muss, verliert schnell den Überblick. Auch Stufen, die nur der visuellen Erhöhung des Moderators und der Teilnehmenden dienen, können für manche Menschen mit Mobilitätseinschränkungen zur Barriere werden. Doch die räumlichen Hindernisse sind nur der Anfang. 

Das Studio selbst wird zur sensorischen Barriere. Musik dröhnt, Soundeffekte ertönen plötzlich, Applaus übertönt alles. Lichtblitze und schnelle Farbwechsel verstärken die Reizüberflutung. Wer empfindlich auf Geräusche oder visuelle Reize reagiert, erlebt hier keine Spannung, sondern Stress. Die Teilhabe an der Show wird unter diesen Bedingungen für einige Menschen unmöglich.

Barrieren sind nicht nur räumlich

Zusätzlich lastet die ständige Angst auf den Teilnehmenden, sich zu blamieren. Für viele Menschen mit Behinderung verstärkt sich diese Angst durch die vorhandenen Barrieren und kann in der Öffentlichkeit nie ganz abgebaut werden. Auch Menschen aus dem Studiopublikum sind davor nicht sicher, weil Günther Jauch beim Publikumsjoker manchmal bei einzelnen abweichenden Antworten nachfragt. Klar, die Menschen haben mehr Spaß, wenn es was zu lachen gibt … 

Darüber hinaus spielt auch Glück eine Rolle, z. B. wer welche Fragen bekommt oder im Quiz die Joker zur rechten Zeit nutzt. Doch selbst perfektes Timing nützt nichts, wenn grundlegende Barrieren den Einstieg unmöglich machen.

Oder möchten Sie einen Joker ziehen? 

Auch die angeblich rettenden Joker bauen diese Barrieren nicht ab. Der Telefonjoker setzt vollständig auf schnelle, lautsprachliche Kommunikation. Während die Uhr gnadenlos tickt, muss in 30 Sekunden ein klarer, verständlicher Informationsaustausch stattfinden, der keinen Raum für Pausen oder alternative Kommunikationsformen lässt. Besonders herausfordernd wird es für Menschen mit überschneidenden Behinderungen. Wer motorische, sensorische und kognitive Einschränkungen kombiniert, erlebt die schnellen Reaktionszeiten, akustische und visuelle Reize sowie normative Kommunikationsanforderungen als unüberwindbare Hürde.

Wenn wirklich alle mitmachen könnten, würde diese Verzerrung irgendwann verschwinden, weil sie offensichtlich nichts mit der Realität zu tun hat. Behinderungen wären dann nichts Besonderes mehr.

Was wäre, wenn wirklich alle mitmachen könnten?

Die seltene Präsenz von Menschen mit Behinderung in Quizshows zeigt auch gesellschaftliche Probleme und lässt sich senderübergreifend beobachten, etwa in Formaten wie Wer stiehlt mir die Show? (Pro7), Gefragt – Gejagt (ARD), Das 1% Quiz – Wie clever ist Deutschland? (Sat.1), Der Quiz-Champion (ZDF), Klein gegen Groß (ARD) … Wenn einzelne Auftritte als spektakulär inszeniert werden, entsteht leicht der Eindruck eines „Inspiration Porn“. Das bedeutet, dass Menschen mit Behinderung nur aufgrund ihrer Behinderung interessant erscheinen. Die Aufmerksamkeit richtet sich dann nicht auf das Wissen, sondern auf die inspirierende „überwundene Hürde“. Dabei werden die tatsächlichen Barrieren und strukturellen Probleme unsichtbar gemacht und die in der Gesellschaft verankerte Negativität von Behinderung verstärkt, weil man sie ja überwinden oder heldenhaft ertragen muss, statt normal mit ihr zu leben. Leider bringt genau diese Darstellung Vorteile für die Medien, also für Unterhaltung, Emotionalisierung und hohe Einschaltquoten. Doch es führt dazu, dass die Zuschauenden ein verzerrtes Bild von Behinderung bekommen bzw. ihr bereits bestehendes Klischee verstärkt wird. Wenn wirklich alle mitmachen könnten, würde diese Verzerrung irgendwann verschwinden, weil sie offensichtlich nichts mit der Realität zu tun hat. Behinderungen wären dann nichts Besonderes mehr. Bis dahin ist es jedoch noch ein weiter Weg.

Wie könnte es besser klappen?

Aber ja, wenn man Finanzielles und hohe Quoten nicht ständig priorisieren würde, könnte man Wer wird Millionär? (und viele andere Sendungen) barriereärmer gestalten. Im Bewerbungsprozess könnten alternative Formate angeboten werden, etwa schriftliche oder visuelle Kommunikationswege. Telefonjoker oder andere Hilfen könnten adaptierbar sein, möglicherweise mit Gebärdensprachdolmetschung, Untertitelung in Echtzeit oder anderen technischen Lösungen für unterstützte Kommunikation. Im Studio selbst sollte die Gestaltung auf die Zugänglichkeit ausgerichtet sein. Stufenloses Sitzen für Kandidat*innen und Publikum, verstellbare Bildschirme auf Augenhöhe für alle Positionen, akustische Verstärkung für Hörgeräte, Induktionsschleifen, reduzierte Hintergrundgeräusche und dimmbare Lichtwechsel würden die Reizüberflutung minimieren und Menschen mit Behinderungen die Teilhabe ermöglichen. Ein Blick auf das Konzept des Universal Designs zeigt, welches Potenzial in einer konsequent inklusiven Gestaltung steckt. „Universal Design“ bedeutet, Umgebungen, Produkte und Abläufe so zu gestalten, dass sie von möglichst vielen Menschen ohne zusätzliche Anpassungen genutzt werden können. Ja, manche Maßnahmen kosten Geld, aber nicht alle und außerdem ist Geld eine lahme Ausrede. Fernsehshows sollen alle ansprechen, also muss man auch was dafür tun. Schließlich verpflichtet die UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) Staaten und damit auch Fernsehsendern dazu, Barrieren abzubauen und eine gleichberechtigte Teilhabe am kulturellen Leben wie zum Beispiel Fernsehshows zu ermöglichen (Artikel 30) und dabei eine respektvolle, vorurteilsfreie Darstellung zu zeigen (Artikel 8). 

Wer wird Millionär? steht beispielhaft für ein strukturelles Problem des deutschsprachigen Fernsehens.

Davon würden nicht nur Menschen mit Behinderungen profitieren. Auch ältere Personen, Menschen mit temporären Einschränkungen oder solche, die sich selbst nicht als behindert wahrnehmen. Viele Menschen stoßen bei schnellen Reaktionszeiten, komplexen visuellen Reizen oder lauter Studiotechnik schnell an Grenzen. 

Und hier ist die alles entscheidende Frage: Wer darf überhaupt mitspielen?

Bei Wer wird Millionär? mag es für den Moderator genügen, „im Kopf fit wie ein Turnschuh“ zu sein, doch für die Teilnehmenden gilt das nur eingeschränkt. Gleiche Chancen entstehen nur, wenn unterschiedliche Voraussetzungen berücksichtigt werden und genau das passiert bislang nicht. Solange Barrieren im Bewerbungsprozess und im Studio bestehen bleiben, bleibt Fairness ein leeres Versprechen. Die regelmäßige Bitte um Bewerbungen wirkt vor diesem Hintergrund zynisch. Leider funktioniert die Show nach dem Prinzip, dass alle die gleichen Chancen hätten, sobald alle Gleiches leisten könnten. Doch wirkliche Gleichbehandlung braucht individuell angepasste Unterstützung und die fehlt. Wer wird Millionär? steht damit beispielhaft für ein strukturelles Problem des deutschsprachigen Fernsehens. Dies lässt sich auch allgemein auf die Gesellschaft übertragen, denn egal wo: Menschen mit Behinderungen wird es überall schwer gemacht, in der Öffentlichkeit sichtbar zu sein, und sie sind häufiger von Armut bedroht. Die Sendung spiegelt somit nur die Realität … Die entscheidende Frage lautet am Ende nicht, wer Millionär*in wird, sondern wer überhaupt bei diesem Wettbewerb mitmachen kann. Allerdings könnte man das ändern. 

Im Beitrag erwähnte Links:

  1. Interview von 2015 über Chancengleichheit bei RTL, hier online verfügbar.
  2. Ablauf des Bewerbungsverfahrens für Wer wird Millionär?, hier online verfügbar.
  3. Panyr, Sylva et al.: „Quizshowwissen vor dem Hintergrund empirischer Bildungsforschung“, in: Bildungsforschung (2) 2005, S. 1-18. https://doi.org/10.25656/01:4668
  4. Zum Begriff „Universal Design“
  5. Zur UN-Behindertenkonvention: Artikel 8 und Artikel 30 

 

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