Inklusion ist für Jasmin Polsini und Valentin Weilenmann eine politische Frage von Macht, Sichtbarkeit und Teilhabe. Mit ihrer Initiative „SCHLAFENDEHUNDEWECKEN“ zeigen sie ableistische Strukturen auf, die viele gar nicht bemerken (wollen). Ihre Cartoons sind dabei Werkzeug, Störung und Einladung zum Umdenken zugleich. Im Interview mit Die Neue Norm sprechen sie über Barrieren im Kopf und im System, über Humor als Strategie und darüber, warum echte Veränderung mehr als schöne Worten braucht.
Informationen in Einfacher Sprache
Jasmin Polsini und Valentin Weilenmann haben eine Initiative gegründet.
Sie heißt „Schlafende Hunde wecken“.
Der Name steht für kreative Energie in jedem Menschen. Diese Energie soll geweckt werden.
Mit ihren Cartoons machen sie auf Ableismus aufmerksam. Ableismus bedeutet Benachteiligung von Menschen mit Behinderung.
Sie erleben das oft im Gesundheitssystem. Sie erleben es auch bei Behörden. Auch im öffentlichen Verkehr und in der Bildung gibt es viele Barrieren.
Humor hilft ihnen bei ihrer Arbeit. So werden schwierige Themen leichter verständlich.
Sie wollen Vorurteile abbauen. Sie zeigen echte Erfahrungen aus dem Alltag.
Ihr Ziel ist eine inklusive Gesellschaft. In dieser Gesellschaft können alle Menschen selbstverständlich teilhaben. Inklusion soll politisch wichtig sein. Barrieren sollen gemeinsam abgebaut werden.
1. Die Neue Norm: Eure Initiative trägt den Namen „Schlafende Hunde wecken“. Welche „Hunde“ meint ihr damit und was wollt ihr konkret sichtbar machen?
Jasmin Polsini und Valentin Weilenmann:
Diese Frage wird uns oft gestellt und tatsächlich war uns die Bedeutung des Namens zu Beginn selbst nicht vollständig bewusst. Er fühlte sich einfach richtig an. 20 Jahren brachte diese Formulierung am besten das zum Ausdruck, was wir heute als kreative Energie verstehen: eine Kraft, die grundsätzlich in jedem Menschen vorhanden ist, denken wir.
Sie wird durch Inspiration geweckt, bahnt sich ihren Weg ins Bewusstsein und lässt dich irgendwann nicht mehr los. Wir sehen Kreativität wie einen schlafenden Hund – er schlummert vielleicht lange, trägt aber eine enorme, animalische Kraft in sich. Diese Energie treibt uns an, Räume für Reflexion, Vielfalt und Veränderung zu öffnen. Und genau deshalb glauben wir: Dieser Hund will geweckt werden.
Gefestigte ableistische Strukturen sorgen konsequent dafür, dass Menschen mit Behinderung den öffentlichen Verkehr nicht oder nur teilweise nutzen können. Dies wiederum sorgt dafür, dass Menschen mit Behinderung nur wenig Teil der öffentlichen Wahrnehmung sind, weil sie schlicht nicht vorkommen.
2. Ihr setzt euch in euren Cartoons kritisch mit ableistischen Strukturen auseinander. Wo begegnet euch Ableismus im Alltag besonders häufig, und welche Veränderungen sind aus eurer Sicht am dringendsten notwendig?
Ableismus begegnet uns überall. Es wäre wohl fast einfacher zu fragen, wo er uns nicht begegnet. Wo es wirklich unangenehm wird, ist natürlich in Situationen der erhöhten Vulnerabilität. Im Gesundheitssystem, bei Behörden, in öffentlichen Räumen im Verkehr aber auch in der Bildung.
Genau dort müssen Politik und Gesellschaft auch ansetzen, wenn tatsächlich Inklusion gelebt werden will. Der öffentliche Verkehr ist ein gutes Beispiel dafür, wie Inklusion durch einzelne Widerständige Strukturen flächendeckend massiv blockiert wird. Gefestigte ableistische Strukturen sorgen konsequent dafür, dass Menschen mit Behinderung den öffentlichen Verkehr nicht oder nur teilweise nutzen können. Dies wiederum sorgt dafür, dass Menschen mit Behinderung nur wenig Teil der öffentlichen Wahrnehmung sind, weil sie schlicht nicht vorkommen. Dies sorgt wiederum für weniger Sensibilität in der Breite der Gesellschaft, weil schlicht die Berührungspunkte fehlen. Es ist also zwingend notwendig, dass die Anstrengungen der Communities, des Aktivismus sowie der Inklusionswilligen Politiker sich auf die Multiplikatoren von Ableismus konzentrieren.

Jasmin Polsini
Jasmin Polsini ist 1984 im Zürcher Oberland geboren. Sie begann früh ihren künstlerischen Weg. Nach Atelierklasse und Berufslehre fand die Autodidaktin in der aufstrebenden Techno-Bewegung ihre Ausdrucksform und entdeckte ihre Liebe zu abstrakten, grafischen und ornamentalen Formen und Mustern. Immer wieder wurde ihr Leben durch gesundheitliche Probleme überschattet. Mit Ende 20 erhielt sie die Diagnose Ehlers-Danlos-Syndrom (EDS). Die seltene genetische Erkrankung begleitet sie bis heute und beeinflusst ihre Werke, die oft Zeugnisse ihrer Gefühlszustände und ihres Schmerzes sind. Darüber hinaus engagiert sie sich seit über 15 Jahren ehrenamtlich für Menschen mit EDS. Heute unterstützt sie Betroffene durch Vernetzung und Fachwissen. Sie sensibilisiert Fachpersonen aus Medizin und Forschung über EDS und Organisationen über Inklusion und Behinderung.

Valentin Wilenmann
ist 1984 zürcherischen Rüti geboren und zeichnet unter dem Künstlernamen Mynt. Seine Arbeiten sind meistens gesellschaftskritisch und narrativ. Die Themen reichen von Gesundheit über Inklusion, Politik, Wirtschaft bis zu Psychologie. Seine Cartoons wurden im Museum für Kommunikation Bern, im Beneventoverlag und der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht. Nach Abbruch des Kunststudiums an der ZHdK lernte er Grafik in einer Zürcher Werbeagentur. Er arbeitete viele Jahre als Motion Designer und Art Director für Werbung, Film und Fernsehen.
3. Welche Rolle spielt Humor bei eurer Arbeit?
Humor spielt eine große Rolle, zumindest in den Cartoons und Comics. Mit Humor lassen sich Inhalte immer besser vermitteln, aber auch erinnern. Zentral ist für uns aber die Botschaft. Humor ist dabei eher Mittel zum Zweck, um teilweise komplexe Zusammenhänge leichter zugänglich zu machen. Mit einem Lächeln lernt es sich einfach leichter. Es ist uns aber auch sehr wichtig, nicht Jokes um jeden Preis zu bringen. Das würde das Ziel stark verfehlen. Daher ist große erzählerische Sorgfalt geboten. Wir diskutieren sehr lange darüber, wie was erzählt und dargestellt werden soll. Zum Glück können wir uns da aufeinander blind verlassen und haben genug Erfahrung mit dem Thema.
4. Die öffentliche Wahrnehmung von Behinderung ist oft stark von Vorurteilen geprägt. Welche Strategien nutzt ihr, um mediale und gesellschaftliche Narrative aufzubrechen und wie reagiert das Publikum darauf?
Die Narrative wirken ja sehr unbewusst. Den meisten Menschen ist nicht klar, dass sie das Bild, das sie von Behinderung haben, schon von ihren Eltern falsch erzählt bekommen haben. Darum muss man in der Aufklärung auch oft ganz von vorne beginnen. Bei den grundlegenden Dingen, bei den Alltäglichkeiten. Daher ist es unsere Strategie, möglichst ungefiltert Gefühle aus der Lebensrealität wiederzugeben oder zu behandeln. Die Kunst ist für sich genommen einfach schon ein super Vehikel, um diese Narrative zu brechen. Aufklärung wirkt auch mehr, wenn sie aus einer Richtung kommt, die nicht schon im Vorfeld schon den Stempel Aufklärung trägt. Sie muss einem Kalt erwischen. Wir haben auch nie Kunst gemacht, um speziell aufzuklären. Kunst muss nichts erklären, sie muss Denkanstösse und Gelegenheiten zur Reflexion schaffen. Wenn dies zur Aufklärung beiträgt, umso besser..
Daher reagiert das Publikum auch oft etwas verstört, aber auch mit viel Einsicht. Oft geschehen wirkliche Erkenntnismomente und das ist so schön mitzuerleben. Klar gibt es auch schon mal komische Kommentare. Wie zum Beispiel bei unserem Projekt “BEHINDERT” als wir drei Monate in einem Stadtpark nahe Zürich eine 924-teilige Installation zeigten. Sie hat mitten in der Idylle von Teich und Gartenkaffee den Gap zwischen der Ableistischen Lebensrealität von Menschen mit Behinderung heute und einem fiktiven, inklusiven Morgen aufgezeigt. Da gab es Leute, die wollten, dass wir sofort den Namen ändern, weil behindert ja ein Schimpfwort sei. Das haben wir natürlich nicht getan und sind stattdessen in den Dialog gegangen. An dieser Stelle lohnt es sich dann, klassische Aufklärungsarbeit zu leisten.
Eine gänzlich inklusive Gesellschaft ist eine Gesellschaft, in der das Menschsein im Zentrum steht.
5. Wir interessieren uns besonders für inklusive Zukunftsbilder. Welche Vision habt ihr für eine Gesellschaft, in der behinderte Menschen selbstverständlich teilhaben und welche politischen oder kulturellen Schritte braucht es dafür?
Eine gänzlich inklusive Gesellschaft ist eine Gesellschaft, in der das Menschsein im Zentrum steht. In der das äußern von emotionalen Bedürfnissen kein Tabu mehr ist und danach gehandelt wird. Wo Teilhabe als wichtige volkswirtschaftliche Ressource gesehen wird, statt als Kostenpunkt.
Wir denken auch, dass eine inklusive Gesellschaft langsamer wäre, aber dabei viel effizienter und lösungsorientierter. Denn es wird mehr Zeit benötigt, Barrieren abzubauen oder zu überbrücken, aber die Teilhabe von Menschen, die so viel Erfahrung darin haben, Probleme zu bewältigen, werden auch viel Teilgabe leisten können. Eine gesunde Entschleunigung wird womöglich Einzug halten. Eine neue Definition von Leistung würde entstehen. Das würde unseren westlichen Gesellschaften sehr gut tun.
Eine inklusive Gesellschaft hat viele Verhandlungs- und Entscheidungsebenen gefunden, wodurch immer wieder Inklusion neu verhandelt wird. Denn Inklusion ist kein statischer Zustand, sondern ein sich mit der Gesellschaft verändernder Prozess, der immer weitergeht.
In der Politik wäre Inklusion ein zentrales Thema wie heute Gesellschaft oder Gesundheit und keine Randnotiz. Inklusion ist kein nice to have oder eine Serviceleistung.
Auch für die Justiz wäre die UN-BRK nun auf allen Ebenen durchsetzbar. Anders als heute wären inklusive Werte ganz normale Bestandteile der Menschenrechte und keine exotischen Forderungen von Randgruppen.
Es ist ein weiter Weg bis dahin. Jedoch darf man Inklusion nicht als Zielsetzung sehen. Man kann jetzt damit beginnen und hat Inklusion damit geschaffen. Aber dem Diskurs müssen Taten folgen. Reden alleine bringt nichts. Erfahrungen müssen entstehen. Innere Bilder müssen entstehen. Alle können wir dazu beitragen, Inklusion zu stärken und damit unsere Gesellschaft zu stärken. Wenn Menschen unvoreingenommen aufeinander zugehen und zusammen Barrieren beseitigen, bewirkt das schon viel.
Initiative SCHLAFENDEHUNDEWECKEN
Zusammen gründeten Jasmin Polsini und Valentin Wilenmann das Kunst und Design Unternehmen SCHLAFENDEHUNDEWECKEN, womit sie ihre Projekte in den Bereichen Kunst, Illustration und Grafikdesign realisieren. Ihre Kunst verstehen sie als Spiegel der Gesellschaft: kritisch, inklusiv und stets auf der Suche nach neuen Perspektiven. Sie verbinden traditionelle Mal- und Drucktechniken mit digitaler Gestaltung, um Werke zu schaffen, die berühren, irritieren und zum Dialog anregen.