Zum Wesen der Inklusion

Das Logo von Die Neue Norm auf hellblauen grund. Rechts davon steht: Die Neue Kolumne. Unten steht: Von Timon Scheuer
Lesezeit ca. 3 Minuten

„Kann ein Krüppel Kanzler werden?“ – Eine Frage, die man heute wahrscheinlich mindestens als politisch inkorrekt bezeichnen würde. Aufgeworfen wurde sie 1997 in einem Gespräch zwischen Wolfgang Schäuble und dem ehemaligen Stern-Redakteur Hans-Peter Schütz, und zwar von Wolfgang Schäuble selbst, den Helmut Kohl damals bereits zu seinem Nachfolger ausgerufen hatte. Schütz wollte das Wort „Krüppel“ nicht verwenden und stotterte. Daraufhin stellte Schäuble die Frage selbst.

Diese Situation zeigt drei Fragen auf, um die es meiner Meinung nach bei Inklusion geht. Was können Menschen mit Behinderungen?

Die Frage, ob ein Krüppel Kanzler werden kann, könnte man so ähnlich auch bei anderen Dingen stellen, wie zum Beispiel, ob Menschen mit Behinderungen eine Regelschule oder eine Universität besuchen können. Damals wie heute geht es bei diesen Fragen aber nicht um die praktische Befähigung, sondern eher um ein politisches „gewollt sein“.

Als ich 2006 eingeschult wurde, hieß das, was heute Inklusion ist, noch Integration und war an Regelschulen ein absoluter Ausnahmefall, für den es kaum Präzedenzfälle gab. Seitdem hat sich nach meinem Empfinden zum Glück viel getan. Ab meiner Zeit auf dem Gymnasium 2010 benötigte ich einen Nachteilsausgleich. Zu Anfang mindestens ebenso außergewöhnlich wie kraftraubend in der Durchsetzung, bargen solche Dinge immer mehr Konfliktpotential. Die Fragen nach Fairness und Gleichheit seitens Lehrern und Schülern wurden mit der Zeit weniger und tatsächliche Chancengleichheit immer mehr gewollt, was sich an der Uni zumindest in den „formalen“ Möglichkeiten des Nachteilsausgleichs bestätigt. Dennoch beschleicht mich hin und wieder das Gefühl, dass noch nicht jeder Dozent restlos von den Fähigkeiten behinderter Menschen überzeugt ist. Bei allem positiven Bilanzieren darf aber auch nicht vergessen werden, dass es immer noch zu viele Menschen gibt, bei denen der Besuch einer Regelschule oder der Erwerb eines hohen Bildungsabschlusses gar nicht erst in Betracht gezogen wird. 

Welche Sprache ist angemessen?

Dass „Krüppel“ kein guter Begriff ist, um über oder mit Behinderten zu reden, wird heutzutage wohl niemand ernsthaft bestreiten. Solche abwertenden Begriffe gehören für mich zum Glück der Vergangenheit an. Geblieben ist jedoch die Unsicherheit vieler. Die eine, richtige Lösung scheint es nicht zu geben. Dann scheint die Frage doch eher zu sein, wie man damit umgeht, wenn die falschen Worte benutzt oder mal ein schlechter Witz gemacht wurde. In vielen Fällen kann man sicherlich nur widersprechen, aber mindestens ebenso vieles ist Geschmacksache. Hier sollte man, denke ich, so viel dulden wie nur irgend möglich, denn nahezu kein Satz ist zu 100% korrekt. 

Was soll ich selbst tun?

Dass Inklusion keine Einbahnstraße sein sollte, ist allgemein bekannt. Das war nach meiner Wahrnehmung zwar von Anfang an klar, ist aber vielen heute deutlich bewusster als vor ein paar Jahren. Aber was genau ist mein Part als Betroffener? Schäuble erkennt die Situation des Journalisten und hilft ihm, indem er die Situation auflöst und die Frage selbst stellt. Ich bin davon überzeugt, dass das Erkennen von Schwierigkeiten oder unangenehmen Situationen des Gegenübers eine der wichtigsten und einfachsten Möglichkeiten ist, Berührungsängste abzubauen, und sei es nur durch ein „Wenn Sie Fragen haben: Nur raus damit!“. Aber viele fragen auch von sich aus, vielleicht sogar unangenehme, intime oder augenscheinlich offensichtliche Dinge. Wenn jemand ernsthaft eine Frage stellt, finde ich es richtig, entweder darauf zu antworten oder freundlich zu erklären, dass man darauf nicht antworten möchte. 

Ich halte es nicht für eine gute Idee, solche Fragen abzuweisen oder sie, wie es leider hin und wieder in sozialen Medien passiert, mit einem sarkastischen Kommentar versehen de facto der Lächerlichkeit preiszugeben. Denn jede dieser Fragen wurde von Personen gestellt, die davor wahrscheinlich mit sich gerungen haben, ob sie diese Frage überhaupt stellen sollen. Wenn man diesen Personen dann auf eine ablehnende Art und Weise antwortet, werden diese sich wahrscheinlich nie wieder trauen, Fragen zu stellen. Gelegentlich wird in Fragen, die man vor allem als körperlich behinderter Mensch gestellt bekommt, impliziert, das eigene Leben sei zwar bestimmt schön, aber doch irgendwie unvollendet, da einem so viele Möglichkeiten verwehrt bleiben. Schäuble wird auch öfter als „Der Unvollendete“ beschrieben, aber nicht durch seine Behinderung, sondern weil er nie Kanzler geworden ist. Wenn es allerdings schon ausreicht, nie Kanzler gewesen zu sein, um als unvollendet zu gelten, dann ist so ein unvollendetes Leben vielleicht doch gar nicht so schlecht. 

 

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