Von Vorurteilen und Gemeinsamkeiten

Das Logo von die neue Norm auf lila Grund. Rechts davon steht: Die Neue Kolumne. Unten steht: Von Katja Lüke.
Lesezeit ca. 3 Minuten

Viele Menschen mit Behinderungen bringen in ihre eigene Behinderung ihre Vorurteile mit ein. Damit meine ich, wer schon immer dachte, dass z.B. Rollstuhlfahrer*innen kein gutes Leben führen können, hat es natürlich schwerer, plötzlich mit der eigenen „Karriere“ im Rollstuhl betroffen zu sein. Wie wir ja wissen, erwirbt man die meisten Behinderungen erst im Laufe des Lebens und hat somit in der Regel etwas Zeit, ein paar Vorurteile als nichtbehinderter Mensch aufzubauen. Woher soll man es auch besser wissen, solange unsere Gesellschaft immer noch nicht inklusiv ist? Kennt man niemanden mit Behinderung(en), bleiben ja nur die Meinungen und Vorurteile. Und auch Ängste, doch darum soll es heute nicht gehen. 

Als Mensch mit Behinderungen bleiben oft einige Vorurteile und auch Berührungsängste und zwar auch gegenüber Menschen mit anderen Behinderungen. 

Kennt ihr das? Sich zu überlegen, was wohl die schlimmste Behinderung ist, die man auf keinen Fall möchte? Nicht, dass man dies wirklich beeinflussen könnte. Ich hatte dieses Gespräch u.a. mit einem blinden Mann, der mir nach einiger Zeit anvertraute: „Sei mir nicht böse, aber nicht laufen zu können, stelle ich mir furchtbar vor“. Und ich konnte lachen und zugeben: „Ach, nicht laufen zu können ist für mich nicht das Schlimmste, aber nicht sehen, können stelle ich mir furchtbar vor.“ Damit war das Thema zwischen uns erledigt. 

Wir beide haben jeweils gelernt, mit der eigenen Behinderung umzugehen und klarzukommen. Die des Anderen war zu unbekannt. Das Andere ist schwerer vorstellbar, aber offensichtlich auch machbar. Wir haben uns wieder über Radfahren unterhalten. Er auf dem Tandem, ich im Handbike. Wie schön, dass wir uns begegnet sind, uns austauschen und unsere Vorurteile verringern konnten. 

Und dann sind da noch die unsichtbaren Behinderungen, zu denen ich noch weniger Zugang hatte und, wie ich dachte, keine Gemeinsamkeiten. Weit gefehlt! Im vertrauensvollen Gespräch mit einer Frau mit Diabetes stellten wir beide zu unserem beidseitigen Erstaunen fest, wie viel uns eint: Wie oft wir auf Grund unserer Behinderung Diskriminierung erfahren haben, wie sehr erwartet wird, dass wir unseren Körper kontrollieren und immer nach der Behinderung ausrichten. Wir sind aber alle mehr als unsere Behinderung. Da schlägt die Diabetikerin auch mal „über die Stränge“, weil eben eine Hochzeit gefeiert wird und die Rollstuhlfahrerin schreibt nicht jeden Tag auf, ob die Wasserbilanz stimmt. Das eint uns: Wir sind nicht immer Patient*innen, wir sind Menschen mit einem Leben und glücklicherweise mehr Verpflichtungen als die der guten Patient*innen. 

Im Laufe meiner Zeit als Frau mit Behinderungen habe ich beobachtet: Egal was Menschen mit den verschiedensten Behinderungen unterscheidet, was uns eint, ist die Diskriminierungserfahrung. 

Zur Zeit ist der Ruf nach „Allys“ und „Allyship“ zu hören. Ein*e Ally zeigt Solidarität mit einer Personengruppe, die auf Grund eines Merkmals diskriminiert wird und ist sozusagen Verbündete*r. Man macht sich stark auch ohne eigene Betroffenheit und macht auf Themen aufmerksam, die eine*n nicht selbst betreffen. Ich als heterosexuelle Rollstuhlfahrerin kann eine Ally sein für mehr Akzeptanz von homosexuellen Paaren, erfolgreiche blinde Menschen können Allyship für Menschen mit Einwanderungsgeschichte übernehmen und vieles mehr. Oft reicht es aber schon, nicht nur um die eigene Behinderung zu kreisen. 

Ich erlebe es oft, dass im Gerangel um finanzielle Ressourcen und Aufmerksamkeit die eine Behinderung gegen die andere verglichen oder auch ausgespielt wird. Großen Zusammenhalt der verschiedenen Menschen, Verbände, Organisationen und Behinderungen habe ich beim Widerspruch gegen das Bundesteilhabegesetz erlebt. Wir konnten damit einiges verhindern. Lasst uns weiter mehr zusammenhalten als trennen und vergleichen.

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